ERF Plus - Bibel heute

Das neue Gebot


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Der heutige Abschnitt ist in manchen Ausgaben der Luther-Bibel überschrieben mit den Worten: „Das neue Gebot“. Damit ist natürlich nicht gemeint, dass Jesus zu den zehn Geboten ein elftes hinzugefügt hat. Jesus wollte niemals das Gesetz auflösen, sondern es erfüllen.  Was also ist stattdessen gemeint? Was ist „neu“ am „neuen Gebot“? Und in welchem Zusammenhang spricht Jesus von diesem neuen Gebot?

Wenn wir das Johannes-Evangelium insgesamt ansehen, dann befinden wir uns am Abend des Gründonnerstags, unmittelbar bevor Jesus verhaftet wird. Der Text beginnt mit Judas, der zum Verrat aufgebrochen ist. Und er endet damit, dass Jesus seinem engsten Weggefährten Petrus den krähenden Hahn ankündigt. Inmitten von Verrat und kommender Verleugnung präsentiert Jesus das Gebot, untereinander Liebe zu üben. Mitten in diesem Abschnitt stehen auch die zentralen Worte von Jesus: „Liebt einander, wie ich euch geliebt habe“. Dieser Vers 34 ist ein wesentlicher Schlüssel zum Verständnis des Textes. Er wird dabei helfen, dem „neuen“ Gebot der Liebe in drei Schritten näher zu kommen.

Erstens: Was ist eigentlich Liebe? Wie sich Liebe im praktischen Leben zeigt, das hat der Apostel Paulus einige Jahrzehnte nach dieser Episode in einem seiner Briefe auf den Punkt gebracht – im so genannten „Hohelied der Liebe“: „Liebe lässt sich nicht erbittern und rechnet das Böse nicht zu. Sie bläht sich nicht auf und sucht nicht das Ihre. Liebe erträgt alles, glaubt alles, hofft alles und duldet alles. Sie ist langmütig und freundlich. Liebe freut sich an der Wahrheit.“

Wenn ich das so höre, denke ich schnell an Momente, wo ich anderen eine solche Liebe schuldig geblieben bin. Und das ist der Ausgangspunkt, wo Jesus mich abholt. Sein Appell, einander zu lieben, ist keine Aufforderung, bestimmte Leistungen zu erbringen. Gemeint ist, dass Jesu Liebe zu mir eine neue Grundlage für mein Leben ist. Josef Ratzinger hat dazu geschrieben: „Das ,neue Gebot‘ ist nicht einfach eine neue, höhere Forderung; es ist an die Neuheit Jesu Christi – an das wachsende Eingetauchtsein in ihn – gebunden.“

Was bedeutet das? Jesus hat uns geliebt, als wir noch Sünder waren. Seine Liebe geht allen menschlichen Möglichkeiten voraus. Und erst im Geliebt-Sein von Jesus liegt die Kraft zum eigenen Lieben-Können. Andere erkennen es, wo so geliebt wird, und das öffnet den Blick für die Botschaft Jesu.

Zweitens: Welche Botschaft von der Liebe gibt Jesus nun selber? Wie übt er ganz praktisch die Liebe zu seinen Jüngern, die ihn doch verraten und verleugnen? An Judas und Petrus zeigt sich, dass Jesu vorausgehende Liebe zugleich eine Liebe ist, die dem anderen nachgeht.

Als Judas zum Verrat aufgebrochen war, sprach Jesus nicht bangend von seinem schweren Schicksal. Im Gegenteil. Jesus sagt: „Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht“ und kündigt seinen Abschied an. Jesus behält also die Kontrolle. Er bleibt der Herr über seinen Verräter. „Was du tust, das tue bald!“ sagt Jesus und gebraucht das Ansinnen von Judas für seinen eigenen Heilsplan. Jesus lässt Judas die Freiheit für eigene Pläne und bleibt doch selbst der Souveräne. Und dabei wendet sich Jesus immer noch Judas zu. Er spricht ihn noch beim Judas-Kuss als „Freund“ an. Seine Hand ist ausgestreckt.

Und wie sieht es bei Petrus aus? Petrus ist der Jünger, der Jesus so oft hinterfragt hat: „Wo gehst du hin?“ „Warum kann ich dir nicht folgen?“ will er hier schon wieder wissen. Dass Jesus von der Liebe spricht, überhört Petrus völlig. Ihn beschäftigt nur der Einsatz für Jesus nach eigenen Maßstäben. Und Jesus erkennt das und deckt hinter der an sich ehrlichen Bereitschaft von Petrus seinen wahren, noch nicht ganz gereiften Zustand auf. Er beendet jede Selbsttäuschung. Und das tut er in Liebe: Jesus benennt als erstes die kommende Verleugnung ganz nüchtern. Und zweitens tut er dies ohne Vorwurf oder Verurteilung. Er sieht schon die bitteren Tränen von Petrus voraus. Später wird er Petrus auf seine dreimalige Verleugnung dreimal ansprechen und ihm Gelegenheit geben, dass Petrus ihm seine Liebe erklärt. Jesus gibt neue Chancen. Er schenkt Neuanfänge.

Damit komme ich – drittens – zur Ausgangsfrage zurück, was denn das „Neue“ am neuen Gebot ist. Das neue Gebot der Liebe ist zuallererst ein Angebot der Liebe Gottes an den Menschen. Diese vorausgehende und zugleich allem Verlorenen nachgehende Liebe ist eine vollkommen selbstlose Liebe. In dieser Liebe steckt das Angebot einer bis in die tiefsten Persönlichkeitsschichten hinein umgestalteten und damit grundsätzlich neuen menschlichen Identität in Gott. Sie befähigt mich dazu, dass ich auch den anderen oder die andere als bei Gott kostbar erkenne. So lieben können, das ist keine rein menschliche Möglichkeit, sondern ein Geschenk Gottes.

Was folgt nun schließlich aus einer solchen Liebe für mein Leben? Wenn ich mich wirklich von Gott geliebt weiß, dann kann ich loskommen von den Forderungen des eigenen Ichs und bekomme Weite und Offenheit. Insoweit ist der heutige Bibeltext auch eine Einladung zur Selbstreflexion:

Folge ich den liebevollen Plänen Gottes für mein Leben oder bin ich im Kern doch einer eigenen Agenda verpflichtet?

Muss ich alles hinterfragen oder kann ich Gott still vertrauen?

Wo täusche oder belüge ich mich selbst?

Habe ich in meinem Leben schon den Knall gehört wie Petrus den krähenden Hahn? Und gibt es vielleicht auch bei mir die bitteren Tränen, wie Petrus sie geweint hat? Rechne ich dann eigentlich noch mit Vergebung? Oder umgekehrt: Bin ich ein Mensch, der aus seinen Verletzungen herauskommen will? – Der anderen vergeben können will?

Der heutige Text hilft, auf solche Fragen Antworten zu finden. Die Stelle vom neuen Gebot ist eingerahmt von zwei Reaktionsmöglichkeiten: Judas ging in die Nacht. Aber für Petrus bricht der neue Morgen an. Und Jesus hat schon auf ihn gewartet. Ja, die Arme Jesu sind ausgestreckt und er stellt mich vor die Entscheidung: Lehne ich ab oder nehme ich das Angebot von Jesu Liebe an? Seine Liebe lässt Freiheit, sie kann mich überführen und will mit mir neu anfangen. Die Einladung hierzu spricht Jesus immer wieder neu aus – auch heute.

Autor: Tim Philipp Holler

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