ERF Plus - Bibel heute

Der Maßstab für die Beurteilung des Apostels


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Das erste Mal kam Paulus etwa um 50 n.Chr. im Verlauf seiner zweiten Missionsreise nach Korinth. Diese südgriechische Stadt lag westlich von Ephesus auf der gegenüberliegenden Küste des Ägäischen Meeres. Durch diese Lage war sie Treffpunkt von Schifffahrtslinien zwischen Ost und West. Als Handels- und Kommunikationszentrum war die Stadt sehr kosmopolitisch oder um es neudeutsch zu sagen: “ziemlich multikulti”. So lebten dort etwa eine halbe Millionen Griechen, Römer, Juden und Angehörige anderer Nationen. Darüber hinaus hatte Korinth den zweifelhaften Ruf sexueller Freizügigkeit, um nicht zu sagen, ausgesprochener Verdorbenheit - selbst nach den Maßstäben der antiken Welt! Der nahe gelegene Tempel der Liebesgöttin Aphrodite, lieferte den Korinthern hierfür eine religiös getarnte Entschuldigung. Kein einfaches Umfeld also für eine junge Gemeinde, die in vielen Bereichen genau so bunt war wie Korinth selbst, mit all den Spannungen und Konflikten, die dabei entstehen können und die an vielen Stellen zu Spaltungen führten. Hinzu kam, dass der Glaube der meisten Christen in Korinth nicht auf alttestamentliches Vorwissen aufbaute - einfach schon aus dem Grund, dass sie eben keine Judenchristen waren. Der erste Brief von Paulus an die Gemeinde enthält daher viel theologisches Grundwissen, Belehrendes über die Nachfolge Christi - sowohl für den oder die Einzelne als auch für das Zusammenleben als Gemeinde. So finden wir im 1. Brief an die Christen in Korinth unter anderem Ausführungen zum Umgang mit “Parteiungen bzw. Rivalisierenden Gruppierungen in der Gemeinde", zu “Sittlichem Versagen” wie Blutschande oder Hurerei, zu “Ehefragen”, “den Grenzen christlicher Freiheit” oder “Würdigem Verhalten im Gottesdienst”. Allein diese Stichpunkte geben einen Eindruck davon, wie chaotisch und wenig “christlich” es an vielen Stellen in der Gemeinde in Korinth zugegangen sein muss! Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb lag es Paulus sehr am Herzen, dass die Gemeinde und ihre Mitglieder im Glauben wachsen sollten. Der heutige Abschnitt steht jedoch nicht im ersten, sondern im zweiten Brief an die Gemeinde in Korinth. Er wurde etwa 12 Monate nach dem 1. Brief geschrieben und auch, wenn er an einigen Stellen Fragen der Lehre beinhaltet, ist er als Ganzes deutlich persönlicher gehalten. Paulus schüttet darin quasi sein Herz aus. So liefert uns der Brief Einblicke in die Gefühle und den Glauben des Paulus. Darüber, wie er trotz Gefahr und Enttäuschung, trotz Verleumdung und Treulosigkeit seinen apostolischen Auftrag bestmöglich erfüllte. Einige der Anspielungen von Paulus auf Personen und Ereignisse, die die Leser damals vermutlich direkt verstanden, bleiben uns fremd. Unterm Strich ist dieser Brief eine Zurückweisung gewisser “Apostel”, die in der Gemeinde in Korinth auftraten und dabei Paulus und sein Evangelium schlecht machen wollten. Wenn ich den Brief und ganz konkret den heutigen Abschnitt lese, stellt sich mir vor allem die Frage: Und was hat das mit mir zu tun? Ist da überhaupt ein Lebensbezug zu uns heute? Ich bin mal mutig und sage: ja. Es gab Griechen in der Korinther Gemeinde, die die rhetorischen Fähigkeiten von Paulus kritisierten. So schwer verständlich, wie ich den heutigen Text finde, möchte ich seinen Kritikern gern zustimmen: Paulus: Was willst du mir sagen? Aber ich vermute, dass ihre Kritik anders gemeint war, und sie durchaus verstanden, worauf er hinauswollte! Gleichzeitig gab es Vorwürfe, Paulus sei eine Art Scheinriese: in seinen Briefen würde er große Worte machen, aber wenn er da wäre, sei er “so klein mit Hut”. Für mich klingt das ein bisschen widersprüchlich, sodass ich fragen möchte: Liebe Christen in Korinth, ja was denn nun? Redet bzw. schreibt er “schlecht” oder blendet er mit Worten? Mich an Paulus Stelle würde das ja fertig machen! Da riskiert Paulus Leib und Leben, um den Auftrag Gottes zu erfüllen und den Korinthern von Jesus zu erzählen und dann sowas! Leute, die als Apostel auftreten und ihn schlechtmachen. Und überdies wird sich über seine Art zu reden oder zu schreiben aufgeregt. Als käme es nicht auf Wesentliches an!

Nun bin ich kein Apostel und baue keine Gemeinden auf, weder einfache noch solche wie die in Korinth, aber mich würde das sehr treffen… ja, geradezu wütend machen und verletzen. Da würd ich doch am liebsten mit der Faust auf den Tisch hauen oder schwungvoll die Tür ins Schloss schmeißen! Und an anderer Stelle tue ich das vielleicht sogar - mich aufregen: Wenn ich auf Arbeit Tage und Wochen in ein Projekt investiere, und dann kommt jemand und macht es absichtlich oder aus Unkenntnis einfach so zunichte und lässt mich dadurch am Ende dumm dastehen. Furchtbar sowas. Oder zu Hause: ich putz und wiener, damit es nicht nur ein Haus, sondern ein Zuhause ist und dann kommt jemand, meist die Kinder, und schwupps: Chaos! Grrrr!!! Da frag ich mich: wozu das alles bitte! Und genau an dieser Stelle liegt, wie ich finde, der Lebensweltbezug zu mir und - sollten Sie solche grrr-Momente kennen - vielleicht auch zu Ihnen. Wie bereits gesagt, gibt uns der 2. Brief von Paulus an die Christen in Korinth Einblicke in die Gefühle und den Glauben von Paulus. Und interessanter Weise, lese ich da nichts von “Grrrr!- Gefühlen".

In meiner Bibel ist der Abschnitt mit “Paulus verteidigt sich gegen persönliche Angriffe “ überschrieben. Die Angriffe mögen in der Tat persönlich gemeint gewesen sein. Paulus scheint sie jedoch nicht persönlich genommen zu haben. Für ihn zählte allein der Maßstab Gottes: Nicht was andere über ihn sagen und denken, sondern was Gott sagt und denkt, zählt. “Letztlich gibt es nur einen Grund, sich zu rühmen: Wenn jemand auf etwas stolz sein will, soll er auf den Herrn stolz sein. Denn wenn sich jemand selbst empfiehlt, heißt das noch lange nicht, dass er sich bewährt hat. Bewährt ist der, den der Herr empfiehlt”, damit bezieht sich Paulus auf eine Stelle im Alten Testament. Dort heißt es im Jeremiabuch, Kapitel 9, in den Versen 22 und 23.: So spricht der Herr: "Der Weise rühme sich nicht seiner Weisheit, der Starke sei nicht stolz auf seine Stärke, und der Reiche gebe nicht an mit seinem Geld. Grund zum Rühmen hat nur, wer mich erkennt und begreift, was ich will; wer einsieht, dass ich der Herr bin, der auf der Erde Gnade, Recht und Gerechtigkeit schafft! Denn das gefällt mir" Und weil das so ist, bleibt Paulus im Konflikt mit den Christen in Korinth auch ruhig. Hat er im ersten Brief noch darüber gesprochen, wie Christen sich verhalten sollen - auch und gerade in Konflikten - verhält er sich nun entsprechend als Vorbild. Ich fürchte, dass ich selbst da noch viel zu lernen habe, bis ich wie Paulus meinen Wert nicht von Menschen, sondern nur von Gott abhängig mache und solche Grrr-Momente gelassener meistern kann.

Autor: Mignon Junghänel

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