ERF Plus - Bibel heute

Der Tod der Erstgeburt


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Der Auszug aus Ägypten ist das Urereignis des Volkes Israel. Diese Befreiung aus der Sklaverei, der sogenannte „Exodus“ stiftet die Identität der freien Hebräer. Das Passafest zeugt von dieser Nacht des Auszugs. Immer, wenn jüdische Familien im Frühjahr Passa feiern und um den Tisch sitzen wie damals in Ägypten, darf der Jüngste in der Runde fragen:

מַה נִּשְׁתַּנָּה, הַלַּיְלָה הַזֶּה מִכָּל הַלֵּילוֹת

„Was unterscheidet diese Nacht von allen anderen Nächten? (Ma nischtana haLajla hase mikol haLejlot?)“ Und der Älteste erzählt fast singend und zusammengefasst die Geschichte von Mose und dem verstockten Pharao, von den zehn Plagen, von dem geschlachteten Lamm und vom Durchzug des Volkes durch das Rote Meer. Von all dem, was wir im 2. Buch Mose lesen, das auch den Namen „Exodus“ trägt.

 

Jesus, der Jude

Aber warum sollten Menschen mit christlichem Hintergrund diese Geschichten lesen und warum sind sie für Interessierte wichtig, um den christlichen Glauben zu verstehen? Weil Jesus ein Jude war und in einer jüdischen Familie aufgewachsen ist. Weil er wahrscheinlich auch einmal als Jüngster die Frage nach der besonderen Nacht gestellt hat. Weil es ihn kurz vor seinem Tod am Passafest „danach verlangt“ hat, mit seinen Jüngern jenes Fest zu feiern (Lukas 22,15).

Aber vor allem, weil er im Prozess des Feierns sich selbst zum Lamm erklärt, das geschlachtet wird. Und weil sein Blut, das er am Kreuz vergießen wird, wie das Blut an den Türpfosten in Ägypten, retten wird. Das Blut des Lammes verschont auch uns vor der Vernichtung.

 

Jesus, das Lamm Gottes

„Passover“ heißt „Passa“ in den englischen Bibel-Übersetzungen zurecht: „Vorüber gehen“. Der Engel des Herrn geht vorüber an den mit Blut gekennzeichneten israelitischen Häusern. In jener Nacht in Ägypten, die für die ja oft unschuldigen ägyptischen Familien so viel Herzeleid und Tränen brachte. So geht auch an uns die Strafe vorbei, wenn wir uns an das Blut Christi halten. Wir sind durch dieses Blut gerettet.

„Siehe, das ist das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt!“, so hat schon Johannes der Täufer auf Jesus gezeigt (Johannes 1,29b). Matthias Grünewald hat ihm auf seinem Isenheimer Altar in Colmar im 16. Jahrhundert dazu eindrucksvoll einen besonders langen Finger gemalt. Johannes verweist auf Christus am Kreuz, der das Lamm ist.

Im letzten Jahr war ich mit meiner Frau in Gent in Belgien und wir haben uns den Genter Altar von den Brüdern van Eyck angeschaut. Auf diesem großartigen farbigen Panorama von 1432 steht jenes Lamm noch mehr im Mittelpunkt. Es steht auf einem Thron, wie es in der Offenbarung des Johannes, Kapitel 7 beschrieben wird. Und die Engel und Apostel, die Märtyrer und die Frauen in weißen Kleidern beten dieses Lamm an. Warum? Weil es geschlachtet wurde und sein Blut vergossen hat – für uns Menschen.

 

Der „Kelch des Heils“

Wenn man genau hinschaut, sieht man an der Brust des Lammes eine Wunde, aus der Blut fließt. Wo fließt es hin? In einen Kelch. In den Kelch, der uns zum Abendmahl gereicht wird. Auch wenn wir nach Corona vielerorts nicht mehr gemeinsam aus einem Kelch trinken werden, sondern sich der Brauch der kleinen Einzelkelche in den meisten Kirchen und Gemeinden durchgesetzt haben wird, so leben Christen doch im übertragenen Sinne von diesem „Kelch des Heils“. Und bekommen Menschen beim Abendmahl oder der Kommunion, der Eucharistie oder dem Brotbrechen – ganz gleich wie das bei Ihnen heißt – zugesagt: „Nimm hin und trink! Christi Blut, für dich vergossen. Das stärke und bewahre dich im rechten Glauben zum ewigen Leben.“

Ums ewige Leben geht es auch auf dem Genter Altar, dort ist das Paradies gemalt. Mit denen, die aus der großen Trübsal kommen und ihre Kleider gewaschen und hell gemacht bekommen im Blut des Lammes (Offenbarung 7,14). Und weiter heißt es dort: „Das Lamm mitten auf dem Thron wird sie weiden und leiten zu den Quellen des lebendigen Wassers. Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.“ (V.17) Was für eine tröstliche, paradiesische Hoffnung, die wir alle brauchen! Zudem steht auf dem Genter Altar im Paradies vor dem Lamm ein achteckiger Brunnen, aus dem unablässig das Wasser fließt. Die Quelle des lebendigen Wassers, die uns an die Taufe erinnern kann, aber auch an die Erfrischungen und Erquickungen für unseren Alltag am Übergang vom Februar zum März, in der Passionszeit 2024.

 

Frei von dem, was uns gefangen hält

Jüdischer Glaube geht nicht ohne die Erinnerung an jenes rettende Blutvergießen. Vegetarisch oder vegan war die Religion nie in ihren Ursprüngen. Immer geht es, auch in außerbiblischen Religionen, um Opfer von Tieren und um Blutvergießen. Ob uns das passt oder nicht. Vielleicht hätten wir es gerne etwas sanfter und steriler und weniger blutig. Wiewohl ja auch sonst das Leben von Blut trieft, in Realität und Fiktionen und Filmen. Wenn das nicht so wäre, dann gäbe es nicht so viele Krimis.

Auch christlicher Glaube geht nicht ohne die Erinnerung an jene doppelt blutige Nacht in Jerusalem, als Jesus das Passalamm mit seinen Leuten aß und selbst zum menschlichen Opferlamm wurde. Aber er hat damit auch ein für allemal Schluss gemacht mit den tierischen und menschlichen Opfern. Es muss kein Opferblut mehr fließen, weil Jesus sein Blut für uns vergossen hat (Hebräer 9,12 u.ö.).

Wir trinken eben kein Blut aus dem Kelch, sondern Wein oder Traubensaft in Erinnerung an jenes Blut. Das Abendmahl kann man getrost vegan nennen und passt damit doch ganz in unsere Zeit und zu unserem modernen Lebensgefühl. Eigentlich sollten wir es wieder viel öfter feiern. Denn es ist vor allem ein Mahl der Befreiung.

Nach „Befreiung“ schreit doch die Welt. Befreiung von dem, was uns knechtet und zerstört, was uns einengt und die Luft zum Atmen raubt. Befreiung von Unterdrückung und moderner Sklaverei. – Das berühmte Spiritual „Go down Moses“, erzählt den Exodus auf seine Weise. Dort heißt es in der letzten Strophe:

Oh let us all from bondage flee …

and let us all in Christ be free!

In Deutsch: „So lasst uns alle fliehen, weg von allem, was uns gefangen hält, und lasst uns in Christus frei sein!“ (EG+91) – Nicht nur in den genau vier Wochen bis Karfreitag, sondern alle Tage unseres Lebens.

Autor: Dr. Friedhelm Ackva

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