ERF Plus - Bibel heute

Die Berufung zum Prophetenamt (1)


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Als Pastor habe ich in meinem Leben oft zu Menschen gesprochen. In der Regel waren meine Zuhörer aufmerksam und erwartungsvoll. Sie fragten sich, was wird er wohl heute zu diesem Text oder zu jenem Thema sagen? Selten kam es zu einem Widerspruch oder gar zu einem Affront.

Eher geschah es, dass Zuhörer mal gähnen mussten, besonders dann, wenn sich die Predigt in die Länge zog. Und einmal kam es sogar vor, dass ein älterer Zuhörer – wie peinlich – laut zu schnarchen begann. Kein Wunder, denn der Gottesdienst fand zu bester Mittagsschlafzeit statt, um 14 Uhr.

Ganz anders erlebte es der Prophet Hesekiel in seiner Zeit. Er hatte es mit Zuhörern zu tun, die sich ihm gegenüber geradezu feindselig verhielten. Ein langweiliges Gähnen wäre noch ein Kompliment gewesen. In unserem heutigen Bibeltext werden sie als ein „Haus des Widerspruchs“ bezeichnet. Ich verstehe das so, dass jedes Wort von Hesekiel mit einer beißenden Kritik oder einem verletzenden Spott quittiert wurde.

Hesekiel wuchs in einer Priesterfamilie in Jerusalem auf und folgte dem Beruf seines Vaters, er wurde auch Priester. Damit gehörte er zu den oberen Zehntausend, die um das Jahr 597 v. Chr. von Nebukadnezarv als Gefangene nach Babel deportiert wurden. Er lebte dort in Tel Abib an einem Seitenarm des Euphrat, wo er in einer jüdischen Community in relativer Freiheit leben konnte. Das war schon ein besonderes Vorrecht. Von einem Wermutstropfen lesen wir allerdings in Psalm 137, wo der Psalmbeter uns am Schmerz seines Volkes teilhaben lässt, wenn er schreibt:

„An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion dachten …“
Der Schmerz über die Vertreibung; der Verlust der Heimat und keine Möglichkeit, im Tempel von Jerusalem einen Gottesdient feiern zu können, das lag wie eine stille Melancholie über den Verschleppten.

Mit 30 Jahren erlebte Hesekiel einen entscheidenden Einschnitt in sein Leben. In einer überwältigenden Vision sieht er den Thron Gottes und hört den lebendigen Gott zu ihm reden. Er soll als Prophet seinem Volk wichtige Botschaften weitersagen.

Eigentlich müsste das Volk Israel in dieser existenziell schwierigen Zeit ein offenes Ohr für Gottes Reden haben. So wie ja bis heute Menschen, die sich mit Sorgen und Nöten abplagen müssen, manchmal besonders empfänglich für das Wort Gottes sind. Die Zukunftsangst der Verbannten war allgegenwärtig: Wie wird es in dieser Zeit der weltpolitischen Umbrüche mit uns weitergehen? Ist unser Gott ein lebendiger Gott, oder hat Marduk, der Gott der Babylonier, mehr Macht als der Gott Israels?

In diesen Zeiten der aufgewühlten Seelen und der angefochtenen Herzen will und kann Israel nicht auf seinen Gott hören. Und gerade in diese Situation hinein hat Gott Hesekiel berufen. Er ist einer von ihnen, er spricht ihre Sprache, er leidet mit ihnen und teilt ihr Schicksal. Er kommt nicht wie ein Missionar von außen, von einer ganz anderen Kultur. Er spricht ihre Sprache, versteht ihre Seele. Gott hat ihn dazu mit einer besonderen Widerstandskraft ausgerüstet, die aller Ablehnung die Stirn bieten kann.

Wir lesen, dass Gott seine Stirn hart wie einen Diamanten gemacht hat. Entschieden ruft Hesekiel das Volk im Auftrag Gottes zur Umkehr: „Lasst den Flirt mit anderen Gottheiten. Hört auf das Wort unseres Gottes. Vertraut euer Leben Gott an. Wenn ihr nicht gehorsam seid, müsst ihr sterben!“ Klare Worte! Hesekiel wird für sein Volk wie ein Wächter, der sie vor dem Weg ins Verderben warnt. Doch das ist nur die eine Seite der Botschaft Hesekiels. Er verkündigt nicht nur Strafe und Gericht. Gott gibt ihm auch Worte des Trostes und der Hoffnung. So verheißt er dem Volk, dass sich Gott selbst um Israel kümmern wird. Gott selber will ihnen rechte Leiter und Führer geben.

In einem gewaltigen Bild sieht Hesekiel, wie Tote wieder zum Leben erweckt werden. Das Volk Gottes wird nicht untergehen. Es hat Zukunft. Israel ist zum Leben, ja zum Überleben bestimmt. Und das trotz aller Feinde, damals wie auch heute.

Dies erinnert mich in Teilen an die Verkündigung Jesu. Jesus rief seine Zuhörer zur Umkehr, zu einem Leben mit Gott, zu einem Leben mit ihm, dem Sohn des lebendigen Gottes. Wer an Jesus glaubt, ist zu einem Leben mit ihm berufen. Christen erfahren, dass Jesus eine erlebbare Realität ist. Er steht ihnen bei und gibt ihnen Mut zum Leben. Und wer an Jesus glaubt, ist von Jesus beauftragt, von ihm weiterzusagen. Das ist nicht immer leicht, wie wir das bei Hesekiel sehen. Doch jeder kann die Gelegenheiten nützen, die sich in seinem Alltag ergeben. Man muss dazu kein Pastor oder Missionar sein.

Ein Missionar verabschiedete sich einmal von seiner Gemeinde mit folgenden Worten: „Es ist leichter in die Mission zu gehen und in Afrika von Jesus zu erzählen, als seinem Nachbarn von Jesus zu sagen.“

So wie Gott Hesekiel Widerstandskraft gegeben hat, seinem Volk Gottes Wort zu sagen, macht uns Jesus Mut, unsere Zeitgenossen zum Glauben einzuladen. Der Glaube an Jesus ist doch das Beste, was einem Menschen passieren kann. Erzählen wir davon!

Autor: Helmut Geggus

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