ERF Plus - Bibel heute

Die Frage des Täufers


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Johannes klingt enttäuscht und ich kann ihn gut verstehen. Zeit seines Lebens kämpft er sich ab, damit der erwartete Messias einen geraden Weg hat, um die erwünsche Gerechtigkeit zu bringen. Johannes‘ Lebensaufgabe war genau diese: den Menschen zu predigen, damit sie vorbereitet sind, wenn Gottes großer Gesandter endlich kommt. Jetzt ist Jesus da. Johannes hat ihn kennengelernt, hat auf ihn hingewiesen und ist unbeirrt seinen Weg weitergegangen.

Aber irgendwie hat sich nichts geändert, seit Jesus gekommen ist. Die Ungerechten üben weiter Ungerechtigkeit, die damalige Besatzungsmacht der Römer ist immer noch im Land, weiterhin leiden Menschen, ohne Schuld daran zu haben. Und er selbst? Johannes ist im Gefängnis gelandet, als Spielball eines launischen Provinzkönigs, dessen größte Stärke vor allem der eigene Genuss ist. Anstatt Prinzipien zu folgen, wie es einem König gebührt, folgt er nur seinen Lüsten.

Glaubenszweifel

Und vielleicht dämmerte es Johannes dem Täufer, dass genau dies ihn wortwörtlich den Kopf kosten soll. Also keine besonders gute Lage, in der sich Johannes nun befindet. Wenn Jesus der Messias ist, der große Gesandte Gottes, sollte er dann nicht handeln und der Ungerechtigkeit ein Ende bereiten, der Gewaltmacht einen Schlusspunkt setzen und eine neue Zeit einläuten? Johannes versteht das nicht, denn es war doch so klar, als er sah, wie der Heilige Geist auf Jesus herabfuhr und auf ihm blieb. Was bleibt ihm?

Johannes schickt treue, ergebene Freunde, vielleicht sogar Verehrer, zu Jesus, damit sie ihn fragen: „Ist es jetzt soweit? Bist du es? Denn irgendwie sieht es nicht danach aus.“ Für mich klingt hier eine gehörige Portion Frust mit, wenn Johannes fragt: „Sollen wir auf einen anderen warten?“ Die Optionen gehen ihm aus. Dass Gott seine Verheißung erfüllen wird – daran scheint er keinen Zweifel zu haben. Nur daran, dass Jesus tatsächlich der Richtige ist.

Bestätigung

Jesus antwortet und er macht keine ausschweifenden Erklärungen. Stattdessen zitiert er ein Lied, vielleicht wie ein Schlager, vielleicht wie ein Liebeslied, wie es Verliebte miteinander teilen. Sie wissen schon, ein Ton reicht aus, und beide verstehen sich ohne große Umschweife. Dieses Lied ist ein Liebeslied auf das Reich Gottes, das das Volk Israel seit dem Propheten Jesaja über 700 Jahre vor Jesus schon singt. Es ist ein Lied von Gerechtigkeit, von Freude und von Erlösung.

Dort – im Buch des Propheten Jesaja, Kapitel 35 – heißt es: „Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. Dann werden die Lahmen springen wie ein Hirsch, und die Zunge der Stummen wird frohlocken. Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Lande.“

Es ist ein Lied von der vollkommenen Gerechtigkeit Gottes. Sie ist vollkommen, denn sie ist mehr als unser menschliches Vergeltungsdenken. Gottes Gerechtigkeit ist mehr, als das angemessene Straf- und Vergeltungsmaß zu bestimmen. Gottes Gerechtigkeit ist Heil. Hier schon schreibt Jesaja ein Lied davon, dass das Kaputte wieder heil werden soll, dass der Stumme sprechen wird und dass Blinde sehen sollen. Zu so einem Heil können wir Menschen nur wenig beitragen, es kann nur da geschehen, wo Gott eingreift. Jesus zitiert diesen alten Text als einen Hinweis auf die Wunder, die da geschehen, wo er einzelnen Menschen begegnet. Und ich bin mir sicher, dass Johannes bei Jesu Antwort Tränen der Freude, des Vertrauens und der tiefen Gottesfurcht in die Augen steigen. Ich stelle mir auch vor, dass er in diesem Moment etwas mehr von Gott versteht. Jesus beendet das angestimmte Lied nämlich mit einer Zeile, die nicht so im Jesaja-Text steht: „Selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.“

Enttäuschte Erwartungen

Werden unsere Erwartungen enttäuscht, können wir uns ärgern. Manchmal tun wir das aus vollem Herzen und sehen uns selbst im Recht. Schließlich war doch klar, was zu erwarten war. Das gilt in Bezug auf unsere Mitmenschen, es gilt auch in Bezug auf Gott. Es gilt auch im Hinblick darauf, welche Gerechtigkeit wir Menschen von Gott erwarten, wo wir uns wünschen, dass er handelt. Wo wir uns wünschen, dass er etwas macht, was wir sofort tun würden, wenn wir könnten. So wie die Römer aus Israel werfen, denken sich die Zeitgenossen von Jesus und Johannes. Und heute sehen wir sicher genügend andere Baustellen in dieser Welt, wo wir Erwartungen hätten, wenn wir nicht schon enttäuscht wären.

Viele dieser Baustellen veranlassen Menschen sogar dazu zu sagen: „Ich kann oder will nicht an Gott glauben, denn wenn es einen Gott geben würde, er würde eingreifen.“ Wie gesagt, sogar Johannes klingt zunächst enttäuscht und ich kann es gut verstehen. Und dann sehe ich auf Jesus, der in die Welt kommt und nicht den Erwartungen entspricht. Der nicht einen groben Rundumschlag macht, sondern den Menschen Vis à Vis begegnet. Der in vielen einzelnen Fällen Wunder tut, von denen noch heute die Rede ist.

Und wenn ich diesen menschgewordenen Gott sehe, der unerwarteterweise sein Leben einsetzt, um mich aus der Not zu retten, dann lerne ich immer wieder neu, darauf zu vertrauen, dass es wahr ist. Wenn er die Blinden sehend macht, dann wird er auch Gerechtigkeit schaffen, wenn er die Lahmen gehen lässt, dann wird er auch Frieden schaffen. Und wenn er die Erwartungen enttäuscht, um sie mit seiner besseren Gerechtigkeit weit zu übertrumpfen, dann wird er auch meinen Ärger in Freude, Vertrauen und Gottesfurcht verwandeln. In diesem Sinne wünsche ich uns allen, dass wir das Liebeslied auf das Reich Gottes immer wieder klingen hören und auf unseren Lippen führen, bis es alle hören

Autor: Christian Oelke

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