ERF Plus - Bibel heute

Die syrophönizische Frau


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„Saug mal die Krümel mit dem Staubsauger weg!“, fordert mich meine Frau auf. Krümel! „Wo kommen die denn schon wieder her? Hatten wir Gäste? Oder waren die Enkel da? Oder sind das die Reste von meinem Müsli?“ Diese Fragen gehen mir durch den Kopf. Unter dem Tisch liegen sie. Und zwischen den Sofaritzen finde ich sie. Schwupp, der Staubsauger saugt sie ein. Meine Mutter hätte gesagt: „Hol die Hühner rein, damit sie die Krümel fressen.“ Stimmt. Für die Hühner wären sie noch geeignet gewesen, die Krümel. Ansonsten sind sie aber Abfall und gehören in den Mülleimer.

Um Krümel geht es auch in dieser biblischen Geschichte. Jesus ist in Tyrus unterwegs, ein Gebiet, das überwiegend von Nichtjuden besiedelt ist. Eine verzweifelte Mutter sucht Jesus auf. Sie braucht dringend Hilfe für ihre kranke Tochter. Auf den Knien bittet sie Jesus um Hilfe – und Jesus weist sie zurück!

Zunächst irritiert mich die abweisende Haltung. Ist das der Jesus, den ich kenne? Der für alle und jeden da ist? Der für jeden Menschen ein offenes Ohr, ein gutes Wort und eine helfende Hand hat? Ich spüre, wie sich Enttäuschung in mir breit macht. Sortiert Jesus Menschen etwa nach ihrer ethnischen Herkunft oder Zugehörigkeit ein und aus?

In der Antwort Jesu ist von „Brot“ und „satt werden“ die Rede. Von „Hunden“ und „Kindern Israels“.

Mir stellen sich noch mehr Fragen: Beschimpft Jesus die Frau etwa als „Hund“? „Hund“ war damals ein gängiger Begriff, mit dem Israeliten gottlose Menschen bezeichneten. (Ps 22,17, 21; Ps.59,7, 15f) In der antiken jüdischen Welt galten Hunde als unrein. Daher war der Kontakt mit ihnen zu meiden.

Für die Heiden allerdings hatte die Bezeichnung „Hund“ nicht dieselbe Wortbedeutung, wie für gläubige Juden. Der Hund konnte im Denken der heidnischen Völker einen hohen Stellenwert einnehmen. Man findet Hunde dargestellt auf zeitgenössischen Wandmalereien oder Mosaiken, auf Münzen, in Gedichten, Sprichwörtern oder Fabeln, der Astronomie und in der griechischen und römischen Mythologie. Nicht selten wurden die Götter von einem Hund begleitet, allen voran Diana, die Göttin der Jagd.

Die Antwort, die Jesus dieser Frau gibt, kann somit weder als Herabwürdigung noch als Beschimpfung verstanden werden. Eine Beschimpfung und Herabwürdigung eines Menschen würde dem Charakter von Jesus nicht entsprechen.

Im Glauben hartnäckig sein

Die hilfesuchende Frau allerdings lässt sich von Jesu Antwort nicht abwimmeln. Sie bezeichnet sich nun selbst als Hündin. Sie räumt damit ein, dass sie bisher ohne Gott unterwegs war. Das soll sich ändern. Krümel sind für sie ausreichend, um dazuzugehören.

Sie möchte von den Krümeln unter dem Tisch etwas abhaben. Die Krümel, die die Hunde bekommen. Eine clevere Frau. Sie akzeptiert die Sendung Jesu zu den Juden und sie nimmt die Ansage Jesu wörtlich. Und so bleibt sie hartnäckig und klopft noch einmal an. Bringt ihre Argumentation vor und ist gespannt auf die Antwort. Ich bin es auch.

Und Jesus sagt ihr seine Hilfe für die Tochter zu!

Jesus hatte ihre Bitte aus meiner Sicht schon bei der ersten Anfrage nicht abgelehnt. Er wollte vermutlich ihren Glauben prüfen. Ich lerne: Manchmal ist Hartnäckigkeit in der Nachfolge gefragt. Und manchmal will Jesus wissen, wie ernst es mir mit dem Glauben und meinen Anliegen ist.

Ein Krümel reicht

Was mir besonders an der Begegnung dieser Frau mit Jesus gefällt, ist: Ein Krümel reicht!

Wer das glaubt und Jesus alles zutraut, hat alles, war er oder sie braucht. Es muss nicht die große Torte sein oder das größte Stück Brot. Ein Krümel reicht!

Vielleicht gehören Sie in Ihrem Glaubensleben zu den Menschen mit der Torte auf dem Tisch: Vielleicht haben Sie Wunder erlebt im Leben mit Gott. Große Dinge! Dann sagen Sie Gott „DANKE“! Zeigen Sie ihm, dass Sie dankbar sind!

Vielleicht erleben Sie Ihr Christsein momentan aber eher so, dass Sie dankbar sind, wenn Sie wenigstens ein paar „Krümel“ abbekommen. Ein kleines Zeichen des Trostes, dass Gott da ist. Für Sie da ist. Dass Gott sich bemerkbar macht. Etwas von sich hören oder sehen lässt. Dass Zweifel sich in Klarheit wandelt.

Ich lerne für mich: Auf gar keinen Fall lautet das Motto: „Sich verkrümeln“, also weggehen, sich still und heimlich verdrücken, sondern dranbleiben und salopp formuliert: Jesus suchen - in den Krümeln! In den Krümeln des alltäglichen Lebens. Er lässt sich finden und er weist Sie nicht ab – Sie dürfen satt werden! 

Greifen Sie nach dem Gesangbuch und lesen ein paar Strophen, die geistliche Krümel der Ermutigung sein können. Oder lesen Sie Ihren Lieblingspsalm!

Niemanden ausgrenzen

Der biblische Text stellt mir aber auch die Frage, wer zur Gemeinde Jesu gehört und wer nicht. Menschen sind schnell dabei „rote Linien“ zu ziehen. Ab- und auszugrenzen. Wie lebt ein Christ und wie lebt ein Christ auf gar keinen Fall! Und schon ist die Linie gezogen. Manchen Menschen gestehen Christen noch nicht einmal ein paar geistliche „Krümel“ zu.

Jesus dagegen überwindet Grenzen. Er sieht den Glauben dieser Frau. Das Vertrauen. Das Verlangen, in seiner Nähe zu sein - und sie weiß um ihre Bedürftigkeit und Hilflosigkeit.

Die Begegnung Jesu mit der hilfesuchenden Frau zeigt: Für alle ist Platz an Gottes Tisch! Jeder ist willkommen! Ein Krümel Gnade reicht aus, um dabei zu sein. Und seine Hilfe ist seit seiner Auferstehung grundsätzlich nicht mehr begrenzt für einen bestimmten Personenkreis. Sie und ich und alle sind willkommen!

Menschen wollen satt werden: Wer Jesus findet, der findet das Brot des Lebens!

Ich ermutige Sie daher im Glauben hartnäckig zu sein, wenn er auf die Probe gestellt wird. In geistlichen Durststrecken, jeden Krümel geistlicher Nahrung zu genießen. Und sich über alle und jeden zu freuen, die an Gottes Tisch sitzen wollen.

Zurück zu den Krümeln im Wohnzimmer. Für mich sind sie nervig. Hühner wären von ihnen satt geworden. Die Krümel erteilen mir eine geistliche Lektion

Autor: Burkhard Heupel

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