ERF Plus - Bibel heute

Freiheit, die sich bindet


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Das irritierende Bild und die Frage dahinter

Was ist das Letzte, woran Sie sich aus dem gerade gehörten Bibeltext erinnern? Ich vermute: Es geht Ihnen wie mir: Mir klingt vor allem dieses eine Bild nach. Ein Mensch. Ein Türpfosten. Ein durchstochenes Ohr.

Es ist ein merkwürdiges Bild, ein fremdes Bild. Es irritiert den einen, und einen anderen stößt es sogar ab. Außerdem passt dieses Bild nicht so recht zu den anderen Versen. Und genau deshalb bleibt es mir im Kopf.

Wenn eine Aussage aus der Bibel eine solche Spannung in mir auslöst, lohnt es sich für mich, innezuhalten und nachzufragen: Was soll das Bild bedeuten? Warum wird einem Menschen das Ohr durchbohrt? Und was hat das mit einem guten und liebenden Gott zu tun?

Vielleicht das Wichtigste vorweg: Das Bild ist nicht das, was man sich in der damaligen Zeit darunter vorstellte. Nein, hier wird niemand an einen Türpfosten genagelt. Niemand wird fertiggemacht, festgehalten oder gequält. Es geht um ein kurzes Durchstechen des Ohrläppchens – vergleichbar mit dem Ohrlochstechen, wie wir es heute kennen. Ein ganz kurzer Moment, der nur wenige Sekunden dauerte. Das ist kein Gewaltakt, sondern ein Zeichen.

Texte wie diese, die bereits mehrere tausend Jahre alt sind, führen uns in eine Welt, die uns fremd ist. Diese Welt funktioniert ganz anders als unsere heutige Welt. Es gab damals andere Alltagsprobleme und Herausforderungen. Und Gott wollte mit diesen Aussagen bei den Menschen damals etwas anderes bewirken, als was mir heute durch den Kopf geht.

Armut, Schuldsklaverei und Gottes Schutzgrenzen

Nun, auch damals war es so, dass Menschen in Armut geraten konnten. Allerdings gab es damals noch keinen Sozialstaat, wie wir ihn in Deutschland kennen. Wer verarmte, der musste im wahrsten Sinne des Wortes um seine Existenz fürchten. Es ging um Leben und Tod. Es ist als eine Art Schutz zu sehen, dass sich damals Menschen in Armut selbst als Sklaven verkaufen konnten, um so die Schulden zu begleichen und die Familie zu retten. So war es auch in Israel.

Was Gott nun sehr deutlich machen möchte, ist Folgendes: Wenn es schon so ist, dass sich ein Mensch als Sklave verkaufen muss, dann ist er keine rechtlose Ware, sondern es geht um eine Schutzmaßnahme zum Überleben und um Würde. Ein Mensch, der sich als Sklave verkauft, wird kein Besitz eines anderen. Er wird nicht zu einer Sache, er bleibt immer noch ein Mensch.

Darum setzt Gott hier klare Grenzen: Nach sechs Jahren ist Schluss. Im siebten Jahr soll der Knecht wieder frei werden. Aber nicht still und heimlich. Auch nicht mit leeren Händen, sondern versorgt, gestärkt, mit einer neuen Perspektive.

Der Herr des Knechtes soll ihn ohne Groll und mit Dankbarkeit für seine Arbeit und der gemeinsamen Zeit gehen lassen.

Die Sklavenschaft eines Israeliten soll also nur ein Zwischenstand sein. Das Ziel ist für Gott die Freiheit. Von Anfang an. Und selbst in dieser Zwischenzeit soll ein Sklave gut behandelt werden. Am Ende dieser sechs Jahre hat der Sklave zwei Möglichkeiten: Er kann gehen, gut versorgt, bereit für einen Neustart, wieder selbst für sich Verantwortung zu übernehmen und ohne Schulden. Doch er kann auch sagen: „Ich liebe meinen Herrn und sein Haus. Es geht mir gut hier. Ich will nicht frei werden. Ich will hierbleiben.“

Dahinter steht kein religiöser Druck oder eine Pflicht. Es ist seine freiwillige Entscheidung. Und genau diese Entscheidung soll sichtbar gemacht werden – durch das durchbohrte Ohr, bzw. Ohrläppchen.

 

Sichtbare Entscheidung

In der Bibel steht das Ohr für mehr als Hören von Geräuschen. Es steht für ein Hinhören, für Beziehung und für Zugehörigkeit. Wer hört, ist verbunden. Wer hört, richtet sich aus.

Das durchbohrte Ohr sagt also nicht: „Ich bin gefangen.“, sondern: „Ich habe gehört. Ich habe erlebt. Und ich entscheide mich bewusst zu bleiben.“

Der Türpfosten spielt dabei eine wichtige Rolle. Er ist der Übergang des Hauses von der Privatsphäre hin zum öffentlichen Raum. Was hier geschieht, geschieht nicht im Verborgenen. Jeder der Nachbarn und wer immer an dieser Tür vorbeiläuft, kann es sehen und bezeugen: „Was hier geschieht, passiert nicht aus einem Moment der Schwäche heraus, sondern klar sichtbar und mit Bedacht.“

Und darum geht es bei diesem Akt, um Liebe, die jemanden bindet.

Und das ist vielleicht der Punkt, der uns heute am meisten herausfordert. Denn wir leben in einer Zeit, in der Freiheit oft heißt: „Ich halte mir alle Optionen offen. Ich binde mich nicht zu früh. Ich lege mich nicht fest.“

Die Bibel kennt diese Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmung und Ungebundenheit. Aber sie kennt auch eine andere Wahrheit: Es gibt Bindungen, die Leben schenken. Denn dieser Knecht bleibt nicht, weil er Angst vor der Welt draußen hat. Er bleibt, weil er Güte erlebt hat. Weil er fair behandelt wurde. Weil Beziehung gewachsen ist. Weil das Leben hier tragfähig geworden ist. Weil diese Menschen nun zusammengehören.

Und plötzlich ist dieser alte Text mit seinem irritierenden Ritual gar nicht mehr so weit weg. Denn es geht nicht darum, was ich von diesem Ritual halte. Die eigentliche Frage lautet: „Wo entscheide ich mich heute freiwillig zu bleiben – obwohl ich gehen könnte?“

Wo bleibe ich in Beziehungen, obwohl es einfacher wäre, Abstand zu nehmen? Wo halte ich Treue, obwohl mich niemand zwingt? Wo sage ich bewusst: Hier gehöre ich hin? In Freundschaften. In Ehe und Familie. In Gemeinde. Und auch im Glauben.

So arbeitet Gott: nicht mit Zwang. Er befreit zuerst. Und dann lädt er ein. So war es beim Volk Israel. Und so ist es bis heute. Der Glaube beginnt nicht mit Forderungen, sondern mit der Erfahrung von Güte, von Annahme, von Rettung und dem Dazugehören.

Gott stellt dann diese leise, aber ehrliche Frage: Willst du bei mir bleiben? Nicht aus Angst. Nicht aus Pflichtgefühl. Sondern weil Du mir vertraust und weil Du zu mir gehörst und ich zu Dir.

Vielleicht ist das die Bedeutung dieses Textes und Gottes Anweisung an Israel vor über 4000 Jahren: Freiheit bedeutet nicht immer weiterzuziehen, wenn sich die nächstbeste Chance ergibt. Sondern Freiheit bedeutet, sich aus Liebe bewusst zu binden. An Beziehungen, an Menschen, an eine Gemeinde und an den Glauben.

 

 
Bindung an Jesus und ein Gebet

Ich weiß nicht, ob Sie gerade vor einer Entscheidung stehen, sich an jemanden zu binden. Wenn ja, dann tun Sie es bewusst und aus Liebe.

Wer sich an Sie bereits gebunden hat, ist Jesus Christus, der Sohn Gottes. Er wollte nicht an Ihnen vorbeigehen und auch nicht von Ihnen weg. Er bleibt. Er bleibt bei Ihnen aus Liebe und weil Sie zu ihm gehören und er zu Ihnen. Das war seine bewusste Entscheidung.

Nun ist auch Ihre bewusste Entscheidung gefragt: Haben Sie die Güte Gottes erlebt? Erleben Sie seine Liebe jeden Tag neu? Dann dürfen auch Sie die Freiheit haben, sich an ihn zu binden. Das passiert heute zuerst in einem Gebet, in dem Sie Jesus Ihr Vertrauen aussprechen und ihn bitten, Ihr Leben zu führen. Falls Sie es noch nie gesprochen haben, sagen Sie dieses Gebet heute. Falls es länger her ist und Sie dieses Versprechen erneuern wollen, wiederholen Sie es heute gern noch einmal.

Autor: Pastor Stefan Schmidt

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