ERF Plus - Bibel heute

Gebet eines unschuldig Verfolgten


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„Ach ja, eine Frage hätte ich noch“, sagt der Fernseh-Kommissar zur Witwe des Mordopfers, „hatte Ihr Mann eigentlich Feinde?“ Die Witwe zögert, schüttelt dann energisch den Kopf und sagt: „Nein. Nein, das kann nicht sein. Er war ein sehr umgänglicher Mensch. Er hat doch allen Gutes getan. Nein, er hatte bestimmt keine Feinde!“

So ähnlich läuft es oft in Fernseh-Krimis. Feinde? Das kann nicht sein. Nein, Feinde hatte der Ermordete nicht.

Ich halte inne: Habe ich eigentlich Feinde? Nicht, dass ich wüsste. Klar, es gibt Menschen, die mich nicht mögen. Das ist ja normal. Nicht jeder muss mich toll finden. Aber Feinde?

Das führt mich zur nächsten Frage: Darf ich als Christ überhaupt Feinde haben? Eigentlich müsste ich doch so leben, dass ich mit allen gut auskomme. Da stimmt doch was mit meinem Christsein nicht, wenn ich Feinde habe, oder?

Die Bibel sieht das nüchterner – und realistischer. Selbstverständlich kann jemand, der mit Gott lebt, Feinde haben. Besonders deutlich wird das in den Psalmen. Immer wieder wird in den Psalmen über Feinde geklagt.

So auch in Psalm 7. Ein Mann namens Kusch verhält sich feindselig gegenüber David. Wer ist dieser Kusch? Ein Namensvetter des Kusch, der im 1. Chronikbuch (Kapitel 1, Vers 8) erwähnt wird? Aus Psalm 7 weiß ich nur, dass er aus dem Stamm Benjamin stammt. Aus demselben Stamm kommt auch König Saul. Und König Saul, das ist der, der David über lange Zeit erbittert verfolgte.

Dieser Kusch wirft David vor, treulos zu sein. David habe anderen hinterhältig geschadet und ihnen Böses angetan.

Für David sind diese Vorwürfe ungeheuerlich. Er fühlt sich zu Unrecht verleumdet, sieht seine Ehre in den Schmutz gezogen.

Da verbreitet einer am Arbeitsplatz grundlose Lügen über einen Kollegen. Die anderen schauen diesen Kollegen seither nur noch komisch von der Seite an. Keiner will mehr etwas mit ihm zu tun haben. Wem so etwas schon einmal passiert ist, weiß, wie weh das tut.

Es ist nicht so, dass ein Christ keine Feinde haben könnte. Christen leben in der Welt, die wir mit anderen Menschen teilen. In der Welt gibt es Gemeinheit, Falschheit, Bosheit. Als Christen sollen wir so leben, dass wir anderen keinen Grund zur Feindschaft geben. Und trotzdem kann es passieren, dass ich angefeindet werde.

Auch David hatte Feinde. Je länger ich über Psalm 7 nachdenke, desto beeindruckter bin ich davon, wie David mit dieser Situation umgeht.

Das Erste ist: David flieht zu Gott. Auf dich, HERR, mein Gott, traue ich, lautet sein erster Satz. Wenn jemand grundlose Vorwürfe gegen mich erheben würde, wäre ich erst mal im Gedanken-Karussell. An alles Mögliche würde ich denken, mir die Situation wieder und wieder durch den Kopf gehen lassen. Nicht so David. Er lässt sich von seiner Wut und Verzweiflung nicht gefangen nehmen. David tut das einzig Wahre: Er geht damit zuallererst zu Gott.

Ich lerne: Wenn es zwischen mir und meinen Mitmenschen kracht, ist es das Beste, gleich zu meinem Gott und Herrn zu gehen und die Sache mit ihm zu besprechen.

Das Zweite ist: David ist sich keiner Schuld bewusst. Er leistet vor Gott eine Art Reinheitseid und ruft Gott als Richter an. Sollte David doch schuldig sein, ist er bereit, die Konsequenzen zu tragen. Dann soll der Feind ihn überwältigen. Ja, sogar die Ehre dürfe ihm sein Feind in diesem Falle rauben.

David nimmt sich ganz schön was raus. Darf ich von der eigenen Unschuld so überzeugt sein wie David? Wir haben doch alle unsere Fehler! Keiner ist ohne Sünde!

Das stimmt schon. Aber darum geht es hier nicht. Es geht hier um einen ganz konkreten Vorfall. David werden Dinge vorgeworfen, die er nicht getan hat. Deswegen ruft er Gott als Richter an. Er ist sich sicher: Gott wird ihn freisprechen, denn die Anschuldigungen gegen ihn sind nichts weiter als haltlose, gemeine Lügen.

Ich lerne: Als Christ muss ich nicht immer mit gesenktem Kopf und schlechtem Gewissen herumlaufen, weil ich ja immer und grundsätzlich schuldbeladen bin. Es gibt Situationen, in denen ich unschuldig bin. Das darf ich dann auch so benennen.

Das Dritte ist: David bittet Gott um Hilfe. Er verlässt sich nicht auf sich selbst, seine guten Ideen, seine Wortgewandtheit. Auch nicht auf seine Waffen, seine ausgefeilte Kampftechnik. Auch nicht auf seine Freunde, seine Gefolgsleute. David breitet seine Not vor Gott aus und ruft ihn um Hilfe an. Er bittet, Gott möge sich schützend vor ihn stellen. Wie ein Kriegsmann damals durch seinen Schild gedeckt war, so möge Gott sich jetzt wie ein Kriegsschild vor David stellen und ihn vor den Angriffen der Feinde schützen. So bittet David. Mehr noch: Gott möge doch der Bosheit ungerechter Menschen ein Ende machen.

David rächt sich nicht selbst. Er überlässt es Gott, für Gerechtigkeit zu sorgen. Ich erinnere mich an die Bibelstelle aus dem Römerbrief, Kapitel 12, Vers 19. Da schreibt Paulus: Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.«

Ich lerne: Ich muss mich nicht selbst zur Wehr setzen. Ich darf die Sache Gott überlassen. Er ist ein gerechter Richter. Er wird mich schützen.

Auch als Christ kann ich Feinde haben. Auch als Christ kann es mir passieren, dass Menschen mich verleumden und Lügen über mich erzählen. Sollte das passieren, ist es das Beste, zuallererst zu meinem Gott zu fliehen. Vor Gott kann ich meine Unschuld beteuern und ihn um Hilfe anflehen. Das ist besser als kopfloses Reagieren – und um vieles besser als blindwütige Rache.

Autor: Ingrid Braun

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