ERF Plus - Bibel heute

Gnade trotz Versagen


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Mose steigt auf den Berg – sein letzter Weg

Mose steigt auf den Berg. Nicht zum ersten Mal in seinem Leben. Er ist auch schon auf den Berg Sinai gestiegen – einen 2000er Gipfel – sogar zweimal. Damals ging es um den Empfang der Gebotetafeln.

Diesmal stieg er auf einen nicht ganz so hohen Berg, den Berg Nebo. Der ist nur 800 m hoch. Fiel ihm der Weg möglicherweise schwerer? Nicht, weil er inzwischen deutlich älter war. Er hatte noch genug Kraft. Das steht ausdrücklich im Text. Sondern, weil er wusste, dass es sein letzter Weg sein würde. Auf diesem Berg würde er sterben.

Mose war darauf vorbereitet. Gott selbst hatte es ihm gesagt. Er würde dort sterben, weil er Schuld auf sich geladen hatte, und deshalb nicht das Volk in das gelobte Land führen durfte. Er hatte sich versündigt am Haderwasser. Das Murren und Zweifeln des Volkes Israel ist auch an dem Anführer Mose nicht spurlos vorübergegangen. Eigentlich war er ja immer derjenige gewesen, der für das Volk eingetreten ist, und der oft auch stellvertretend für das Volk geglaubt hat. Aber an einer Stelle war sie doch eben mal zu schwer, diese Last – und er hat auch mitgezweifelt, bzw. war ungehorsam.

 

Auch Glaubenshelden sind nicht perfekt

Auch für Mose – den größten Propheten und Führer des Volkes Israel gilt, was in einem Lied – „Besser sind wir nicht" – von Theo Lehmann steht, welches ich in meiner Jugendzeit gern gesungen habe:

„Auch der größte Glaubensheld manchmal in die Tiefe fällt,
und wer denkt, er ist perfekt, hat sich selbst noch nicht entdeckt" …

Mose, der Glaubensheld, hatte an einer wichtigen Stelle versagt. Deshalb darf er das Volk Israel nicht in das verheißene Land führen. Es wird deutlich: Die Bibel zeigt auch bei den größten Propheten, Anführern, Königen, Aposteln ihre Schwächen auf. Keiner ist ein Superheld. Alle sind – wie auch wir – abhängig von Gottes Gnade.

Aber trotz allem bleibt Mose Gottes Vertrauter. Und so steht auch sein Abschied unter Gottes Fürsorge und Segen.

Bevor Mose auf den Berg steigt, segnet er die Stämme Israels – jeden mit einem besonderen Segen.

Als er dann auf dem Berg ist, zeigt ihm Gott das verheißene Land. Mose darf es sehen. Er darf es mit seinen Augen aufnehmen. Das ist eine besondere Gnade:

Das heilige, verheißene Land sehen zu dürfen – in seiner Größe und Schönheit. Der Berg Nebo liegt heute in Jordanien. Und tatsächlich hat man dort einen phantastischen Ausblick über das Heilige Land, einschließlich der palästinensischen Gebiete.

Danach stirbt Mose und Gott selbst begräbt ihn. Niemand hat sein Grab gefunden.

Mose bleibt für Israel der größte Prophet, weil er eine so persönliche Beziehung zu Gott hatte. Er hat Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen; was sonst undenkbar war – und er wird nun auch persönlich von Gott begraben – einzigartig!

 

Von Mose zu Jesus – Gottes Weg mit den Menschen

Mose war ein ganz Großer; aber er war eben auch ein Sünder. Er hat Fehler gemacht. Das verschweigt die Bibel nicht. Und doch hat Gott ihn zum Freund genommen. Dies bereitet auch schon prophetisch vor, wie Gott Jahrtausende später dem Menschen begegnen wird: Als Bruder und Vermittler zwischen Gott und uns in Jesus.

Bei Mose wurde ein Mensch und ein Volk besonders erwählt. Bei Jesus sind alle Menschen besonders, und alle erwählt, wenn sie es denn für sich annehmen.

Mose stirbt. Das Volk Israel trauert. Es beweint ihn dreißig Tage. Da wird neben der Trauer an sich auch noch mitschwingen: Kann jemand unseren Anführer Mose ersetzen? Ist das überhaupt möglich? Sind wir jetzt nicht verloren? Wie soll es weitergehen? Diese Fragen beschäftigen auch heute viele Menschen angesichts kirchlicher, gesellschaftlicher und weltpolitischer Umbrüche. Doch Gott hat schon vorgesorgt. Es gibt keine lange Vakanz, wie das leider in unseren Kirchgemeinden heute oft der Fall ist. Nein, der Geist Gottes bleibt beim Volk. Mose hatte seine Hände auf Josua gelegt, und dieser wurde erfüllt mit dem Geist der Weisheit.

Sicher hatte Josua erstmal zu kämpfen, bei so einem berühmten Vorgänger. Ob er Selbstzweifel hatte, wissen wir nicht. Er wurde nicht zu so einer Berühmtheit wie Mose. Das muss nicht jeder werden. Aber er hatte den Geist der Weisheit bekommen, und das war wichtig. Und deshalb wird er das Werk vollenden können, Israel in das gelobte Land zu führen.

 

Israel heute – ein Segenszeichen für die Welt

Wenn ich diese altehrwürdigen Texte der Bibel lese, wird mir deutlich, wie wichtig für Israel das Land ist; auch heute. Welche Bedeutung es hat, dass Juden wieder in ihrem verheißenen Land wohnen und einen Staat bilden können. Bei allen Konflikten und auch bei allem Versagen ihrer politischen Führer (sie sind schließlich nicht vollkommener als Mose!) wird mir neu bewusst: Es ist ein Wunder, dass Israel heute wieder in diesem verheißenen Land wohnt und ein Segenszeichen bleibt für alle Welt – und eben auch für uns Christen.

Mose war dafür ein entscheidendes Werkzeug. Er war nicht vollkommen. Das wird ehrlich beschrieben; schon in Ägypten, als Mose fliehen musste, weil er im Zorn einen brutalen Aufseher umgebracht hat. Er war nicht von Haus aus zum Anführer geboren, er konnte nicht gut reden … Aber er hat Gottes Berufung angenommen. Er wuchs mit seinen Aufgaben, bekam die Gaben, die er brauchte, bzw. Menschen an die Seite, die ihn ergänzten und berieten.

Und er trat immer wieder für sein Volk ein, besonders dann, wenn sie murrten, verzagten, sich von Gott abwenden wollten. Er war Mittler zwischen seinem Volk und Gott.

Wie ist unser Stand im Volk Gottes, zu dem wir als Christen gehören dürfen? Murren und schimpfen wir mit? Rümpfen wir die Nase über vermeintliche Fehler und Schwachstellen? Oder treten wir ein für die Gemeinde, die Kirche, das Volk Gottes im Gebet; aber auch im aktiven treuen Einsatz.

Gott hat den treuen Dienst des Mose am Ende belohnt mit persönlicher Zuwendung und Fürsorge. Er wurde vorbereitet auf sein Sterben. Er durfte die Stämme seines Volkes zum Abschied segnen. Er durfte einen Blick in das verheißene Land tun und unter engster Begleitung seines Herrn und Gottes aus dem Leben abscheiden.

Dazu muss ich sagen, so einen letzten Weg wünsche ich mir auch für mich und meine Lieben, für jeden, der Gott sucht und ihm vertraut.

Autor: Pfarrer Martin Seltmann

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