ERF Plus - Bibel heute

Hilfe erbeten, Gott vergessen


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Wenn die Krise vorbei ist – Was bleibt nach der Rettung?

Gebet in der Not – ein bekanntes Muster

Viele kennen das aus der Schulzeit oder dem Studium: Die Prüfungen kommen näher, plötzlich werde ich ernst. Ich bete mehr. Ich sage vielleicht: „Herr, bitte hilf mir. Wenn ich das schaffe, dann nehme ich dich wirklich ernst.“

Und dann kommt die Rettung: Die Prüfung ist bestanden. Die Erleichterung ist riesig. Aber schon nach kurzer Zeit ist das Gebet von damals vergessen. Nicht aus Bosheit — einfach, weil das Leben weiterläuft.

Psalm 81 hält mir genau diesen Spiegel vor: Israel hat gerufen, als sie bedrängt waren, und Gott hat geantwortet. Aber nach der Rettung ist die Nähe zu Gott nicht gewachsen — sie ist wieder verblasst.

 

Gottes Handeln in der Geschichte Israels

In diesem Psalm ruft Asaf Israel zum Lob Gottes auf. Grund für dieses Lob ist die historische Wende der Geschichte, als aus Sklaven ein freies Volk wurde. Aber dann geschieht in diesem Psalm ein überraschender Wechsel: Aus dem Lob des Volkes wird plötzlich das Reden Gottes selbst.

Und Gott erinnert sein Volk an seine Rettung:

- Ich habe euch aus Ägypten geführt.
- Ich habe eure Last von euren Schultern genommen.
- In der Not habt ihr zu mir gerufen.
- Ich habe euch geantwortet.

Das ist auch unsere Geschichte als Christen:

- Nicht wir haben uns selbst gerettet.
- Nicht wir haben uns selbst zu Gott hochgearbeitet.
- Gott hat gehandelt.
- Gott hat gerufen.
- Gott hat befreit.

Jetzt aber wendet sich der Psalm mit ernster Mahnung und Korrektur an die Hörer. Gott hatte Israel gerettet und ihm eine Zukunft versprochen. Deshalb sollte Israel Gott allein verbunden sein, wie in einer Ehe. Untreue durfte hier nicht vorkommen. Weil niemand anderes Israel befreit hat. Andere Götter durften deshalb auch nicht angebetet werden.

Deshalb klagt Gott über sein Volk. Er sagt in Vers 12 und 13: „Aber mein Volk gehorcht nicht meiner Stimme, und Israel will mich nicht. So hab ich sie dahingegeben in die Verstocktheit ihres Herzens, dass sie wandeln nach eigenem Rat.“

Offensichtlich geht es Israel wie uns heute auch. Sie sind im alten Trott gelandet, folgen alten Gewohnheiten und haben dieses einmalige Ereignis aus den Augen verloren. Dabei ist die Befreiung Israels vielmehr als eine einmalige Hilfe Gottes. Sie ist identitätsstiftend. In dieser Befreiung stellt sich Gott zu Israel als seinem Volk, er wird umgekehrt als Gott Israels bezeichnet. In dieser Verbindung und mit seiner Hilfe sollte es immer und ewig weitergehen.

Wie schade, dass Israel aus dem befreienden Handeln Gottes nicht den Schluss gezogen hat, dass sich Gehorsam für sie immer auszahlen wird. Die Israeliten hatten sich von ihrem Befreier abgewendet und hörten nicht auf ihn. Die Reaktion Gottes ist, sie ihrem eigenen Denken zu überlassen.

Der Begriff „verstockt“ bedeutet, dass Menschen in einen selbstgewählten Tunnelblick geraten und die Fähigkeit zur Korrektur langsam und zunehmend verlieren. Gott wäre aber bereit, ihnen zu helfen. Israel müsste sich nur nach ihm ausrichten und seine Gebote halten. Dann würde er ihre Feinde zurückdrängen und Israel mit Weizen und Honig speisen. Aber Gott ist eben ein Gentleman. Liebe, auch Gegenliebe, kann keiner erzwingen.

 

Das eigentliche Problem: Gott als Retter, aber nicht als Herr

Der zentrale Schmerz in Psalm 81 ist nicht, dass Israel Gott gar nicht kannte. Das Problem ist: Sie kannten ihn als einmaligen Retter, aber sie wollten ihn nicht als langfristigen Herrn. Sie riefen in der Not. Aber nach der Rettung hörten sie nicht auf ihn.

Das ist ein sehr aktuelles Problem. Denn ich kann genau so leben:

- Ich bete, wenn ich Angst habe.

- Ich suche Gott, wenn ich überfordert bin.
- Ich flehe um Hilfe, wenn ich nicht weiterweiß.

Und das ist gut! Das soll ich sogar tun. Die Bibel lädt mich ja ein, in jeder Not zu Gott zu kommen. Aber Psalm 81 stellt die ehrliche Frage: Was passiert nach der Hilfe? Wenn die Krise vorbei ist:

- Höre ich dann noch?

- Vertraue ich dann noch?
- Stelle ich mein Leben nach seinen Maßstäben um?
- Bleibe ich dann noch in seiner Nähe?

Oft passiert etwas ganz Menschliches: Sobald es wieder läuft, übernehme ich wieder selbst das Steuer. Dann denke ich nicht bewusst gegen Gott — ich denke einfach ohne ihn. Und genau das nennt der Psalm beim Namen.

Gott steht hier als abgewiesener Helfer an der Seite. Er sieht, wie Israel mit Feinden zu kämpfen hat, ohne seine Hilfe. Er sieht, dass der Fortbestand des Volkes ohne ihn nicht mehr gesichert ist. Er würde so gerne wie damals in Ägypten zu ihrer Hilfe eilen, um Israels Zukunft zu sichern. Im Psalm ist sogar davon die Rede, dass Israels Zeit „ewiglich“ währt. Aber die Entfernung von Gott hat eine große Gefahr für Israel mit sich gebracht. Dies wird leider im späteren Verlauf der Geschichte zum Exil führen.

Gott hofft, dass Israel trotz seiner aktuellen Probleme auf die Vergangenheit blickt, sich bewusst macht, mit welchem Gott es verbunden ist, sich auf den Weg zu ihm macht und auf seine Hilfe hofft.

Gott zwingt sich seinem Volk nicht auf. Er wartet geduldig und lässt sie ihre eigenen Lektionen aus den Folgen ihrer Entscheidungen lernen.

 

Gottes werbendes Herz – Ernst und Einladung zugleich

Was Psalm 81 so stark macht: Gott spricht hier nicht kalt oder distanziert. Er spricht mit Schmerz — aber auch mit werbender Liebe. Sinngemäß sagt Gott: „Wenn mein Volk doch auf mich hören würde!“ So spricht kein harter Richter, der nur aburteilt.

So redet ein Vater, der sein Volk zurückruft. „Warum lauft ihr an mir vorbei, wo ich es doch gut mit euch meine?“

Das ist wichtig für mich: Wenn Psalm 81 mich überführt, dann nicht, um mich zu zerstören, sondern um mich zurückzuholen zu Gott. Gott deckt mein Vergessen auf, weil er Gemeinschaft mit mir will.

Er sagt nicht nur: „Du hast mich vergessen.“

Er sagt auch: „Komm zurück. Hör doch auf mich. Ich will dich segnen.“

Das ist der Ton dieses Psalms: Ernst — aber eine Einladung.

Autor: Eduard Friesen

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