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Bundeskanzler Olaf Scholz ist beim Joggen gestürzt, hat sich verletzt und muss nun für ein paar Wochen eine Augenklappe tragen. Bevor andere über sein verändertes Äußeres spotten konnten, lud er auf Twitter selbst dazu ein.
Tatsächlich lief die Meme-Produktion sofort an. Auf Twitter wurden im Akkord Piratenbilder, -filme und -witze mit ihm produziert. Medien wie Funk und NDR2 füllten ihre Instagram-Accounts mit all dem, was ihnen an Sprüchen auf die Schnelle einfiel.
Die linke Wochenzeitung „Freitag“ bebilderte einen Artikel über den anscheinend auf Schweigen basierenden Regierungsstil des Kanzlers mit einem Artikel, bei dem Scholz eine weitere Klappe über dem Mund trug.
Der "Postillon" machte Meme-Meta-Witze, die Piratenpartei einen Piratenpartei-Witz, die Supermarktkette Rewe einen Tiefkühlerbsen-Witz, und das ZDF musste angesichts seines Slogans nur noch verwandeln.
Wie lustig ist das alles wirklich? Und ist es nicht eigentlich falsch, Witze auf Kommando zu machen? Holger Klein spricht darüber in unserem Podcast mit Humorprofi Tim Wolff. Der sieht in Scholz' Tweet den "verzweifelten Versuch" von Beratern des Bundeskanzlers, "dieser künstlichen Intelligenz Humor zu geben". Es habe etwas Mechanisches und Berechnendes. „Die ganze Situation ist einfach falsch. Wenn ein Kanzler so etwas in die sozialen Medien gibt und sagt: Hier, macht mal Witze, dann hat sich die ganze Öffentlichkeit in eine Art ‚Titanic'-Redaktionssitzung verwandelt. Und ich kann mit sehr viel Erfahrung sagen: Die Welt sollte keine ‚Titanic‘-Redaktionssitzung sein.“
Wolff, der früher „Titanic“-Chefredakteur war und heute „ZDF Magazin Royale“-Chefautor ist, spricht darüber, woran man einen guten Witz erkennt, und ob es vielleicht Leute oder Institutionen gibt, die todernst sein sollten. Und natürlich geht es auch um die Frage, warum das Satiremagazin „Titanic“ gerettet werden muss - und gerettet werden sollte. In der neuen Folge von „Holger ruft an“:
Als Hubert Aiwanger, Chef der Freien Wähler, in dieser Woche vor der Presse zu den Vorwürfen gegen ihn Stellung nahm, sagte sein Sprecher vorher: „Wir bitten um Verständnis, dass Fragen heute nicht zugelassen sind.“
Journalisten kennen das schon. Sie konnten keine Fragen stellen, als Bundeskanzler Olaf Scholz sich am Rande der Klausurtagung in Meseberg äußerte. Oder als der bayerische Ministerpräsident Markus Söder ein Statement zu Aiwanger abgab. Oder als Familienministerin Lisa Paus sich in der vorigen Woche zur Kindergrundsicherung äußerte.
Die ZDF-Journalistin Winnie Heescher kritisierte diese Praxis in dieser Woche auf Twitter. Und sie scheint mit ihrer Unzufriedenheit darüber nicht alleine zu sein. Der Deutsche Journalistenverband DJV gab eine Presseerklärung mit dem verzweifelt klingenden Ruf „Wir sind keine Mikrofonhalter“ heraus. „Wer glaubt, so mit den Medien umgehen zu können, hat die Rolle des Journalismus als kritische Institution in der Demokratie nicht verstanden“, sagte sein Vorsitzender Frank Überall.
Warum machen Politikerinnen und Politiker das? Und warum lassen Journalistinnen und Journalisten das mit sich machen? Holger Klein hat mit Winnie Heescher darüber gesprochen. Sie erzählt, warum sie es wichtig findet, auch in kurzen Nachrichtenbeiträgen die Umstände solcher vermeintlichen Pressekonferenzen zu erwähnen, und warum sie die Formulierung, Fragen seien „nicht zugelassen“ gewesen, eigentlich irreführend findet.
Der Versuch der Politiker, ihre Botschaft auf diese Weise genau zu kontrollieren, sei oft kontraproduktiv und könne zu noch kritischerer Berichterstattung führen, sagt sie.
Aber ist das nicht auch ein Theaterstück, das da aufgeführt wird? Könnten Reporter vor Ort in diesen Situationen wirklich Fragen stellen, die zu einem Mehrwert an Informationen führen? Und sind sie dazu vorbereitet genug? Wie sind die Abläufe und Möglichkeiten in der Praxis?
Vergangene Woche hat die Redaktion der "Frankfurter Rundschau" (FR) bekannt gegeben, dass sie den Begriff "Clan-Kriminalität" nur noch in Ausnahmefällen verwenden will. Er stigmatisiere Menschen und werde "politisch missbraucht", begründete die FR ihre Entscheidung.
Dass sich die Zeitung so positioniert, hat die FR-Volontärin Yağmur Ekim Çay maßgeblich mit angestoßen. Sie ist diese Woche Gast im Übermedien-Podcast.
Mit Holger Klein spricht sie unter anderem darüber, wie die Diskussion bei der FR ablief, welche Reaktionen es intern und extern gab und wie man über Kriminalität berichtet, ohne zu diskriminieren, aber dabei trotzdem konkret benennt, um welche Kriminalität es geht.
Links:
Außenministerin Annalena Baerbock war in Abu Dhabi und kam da irgendwie nicht weg. Weil der Regierungsflieger muckte. Patrick Diekmann von "t-online.de" war dabei. Im Übermedien-Podcast berichtet er von der Pannen-Reise und erzählt, wie das eigentlich so ist, mit Politikern unterwegs zu sein.
Patrick Diekmann ist seit knapp vier Jahren Korrespondent für Außenpolitik bei "t-online.de" und betreut dort die Berichterstattung über internationale Gipfel und das Auswärtige Amt. Zuvor war er bei "t-online" und beim Berliner Verlag als Politikredakteur tätig. Er hat Politikwissenschaften, Soziologie und Internationale Beziehungen in Göttingen, Berlin und Istanbul studiert. Seine journalistischen Schwerpunkte sind Außen- und Sicherheitspolitik.
Diekmann ist regelmäßig mit Außenmnisterin Baerbock unterwegs. Auch ihren Vorgänger Heiko Maas begleitete er auf Reisen.
Diese Woche ist sie wieder erschienen: die halbjährliche Media Analyse Audio, kurz: ma Audio. Mit ihr wird ermittelt, wie viele Hörerinnen und Hörer Radiosender haben.
Vor allem für private Radiosender sind die Zahlen von Bedeutung – schließlich basieren auf ihnen die Werbepreise, die sie verlangen können. Aber auch öffentlich-rechtliche Sender schmücken sich gerne mit den Ergebnissen der Umfrage. Das Kuriose: Nach der Veröffentlichung der Zahlen gibt es meist nur jubelnde Gewinner, die sich über ihre Top-Reichweite freuen.
Aber wie verlässlich sind diese Zahlen, wenn es scheinbar keine Verlierer gibt? Und wie zeitgemäß und aussagekräftig ist die Befragung eigentlich? Und was wird da so gefragt?
Darüber spricht Holger Klein diese Woche mit Anna Schnauber-Stockmann, die an der Uni Mainz zu Medienwirkung und Mediennutzung forscht.
Links:
Zwei Musikjournalisten sind enttäuscht: vom öffentlich-rechtlichen Musikradio in Deutschland. Zu glatt, zu gleichförmig, zu viel Mainstream. Aber warum? Die beiden sprechen für ihr Projekt "Wo ist hier der Krach?" mit Hörfunkern in Europa und Australien darüber, wie gutes Musikradio klingt. Und welche Voraussetzungen es dafür braucht. Was er und seine Kollegin Melanie Gollin dabei gelernt haben, erzählt Martin Hommel im Übermedien-Podcast mit Holger Klein.
Martin Hommel ist Musikjournalist in Leipzig. Er ist fasziniert von Musikradios und produziert unter anderem seine eigene Sendung "Miserable Monday". Sein Lieblingsthema ist britischer Post-Punk. Außerdem denkt er (zu) viel über Paul McCartney nach. Mit Melanie Gollin hat er das Projekt "Wo ist hier der Krach?" gegründet. Gollin ist Musikjournalistin für Text und Audio in Berlin und gibt den musikjournalistischen Newsletter "Zwischen Zwei Und Vier" heraus. Ihr Schwerpunkt: Geld in der Musikindustrie – wer es hat, wer nicht und warum. Außerdem kennt sie sich gut mit Liedern aus, in denen es nicht um Liebe geht.
Über Rechtsaußen berichten: Warum tut man sich das überhaupt an? Ann-Katrin Müller ist Politik-Redakteurin beim „Spiegel“ mit dem Schwerpunkt AfD. Sie sagt: „Ich mache das trotz allem, was dazugehört – also den ganzen Bedrohungen und dem Hass und der ganzen anstrengenden Gespräche – ganz gerne.“ Aber wie berichtet man über eine Partei, die man für gefährlich für die Demokratie hält? Müller sehe sich dabei nicht als Aktivistin, die sagt "Hier! Wählt die bloß nicht". Aber: "Ich hätte gerne, dass die Menschen wissen, was da abgeht, um zu entscheiden, ob sie die wählen wollen.“
Nicht über die AfD zu berichten sei der falsche Weg. Ein aktuelles „Stern“-Interview mit Alice Weidel, Co-Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion, habe Müller aber irritiert. Etwa, weil der "Stern" Weidel fragt, was das erste Projekt der AfD wäre, käme sie an die Regierung. Und weil Weidel prominent auf dem Cover des Magazins zu sehen ist. Müller kritisiert das: „Alice Weidel liegt am Kiosk, sie ist sehr präsent und wird auch noch gefragt, was sie als Kanzlerin machen würde - und das ist dann bei einer Partei, die so gar keine Regierungsoptionen gerade auf Bundesebene hat, dann doch einfach schräg.“
Mit dem Aufschwung der AfD in den Umfragen stellt sich erneut die Frage: Welche Mitschuld haben Medien? Müller wolle nicht klingen "wie der erhobene Zeigefinger des Journalismus", aber bei der Berichterstattung über die AfD sei es wirklich wichtig, "dass wir uns unsere Standards gut überlegen“.
Ann-Katrin Müller ist Politikredakteurin beim „Spiegel“. Sie studierte Politikwissenschaften und European Studies und volontierte beim ARD-Polittalk „hart aber fair“. Nach Stationen bei Phoenix, der „Financial Times Deutschland“ und dem WDR ist sie seit 2013 beim „Spiegel“. Zu ihren Schwerpunkten zählen die Themen sexualisierte Gewalt, Innere Sicherheit sowie die AfD. Mit ihrem Kollegen Maik Baumgärtner hat sie das Buch „Die Unsichtbaren – Wie Geheimagentinnen die deutsche Geschichte geprägt haben“ geschrieben.
Axel Springer hat in dieser Woche angekündigt, eine große Zahl von Stellen abzubauen - und das unter anderem mit dem verstärkten Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) begründet. Ist das ein erstes Zeichen eines dramatischen Umbruchs im Journalismus? Werden journalistische Inhalte in Zukunft nicht mehr von Menschen, sondern von Maschinen produziert?
Holger Klein spricht darüber mit Christina Elmer. Er fragt sie unter anderem: Wie viel von der aktuellen Aufregung ist bloß ein vorübergehender Hype? Wie sehr verändern verschiedene Formen von Künstlicher Intelligenz tatsächlich die Arbeit von Journalisten? Welche ethischen Grundsätze gelten in Zukunft?
Christina Elmer ist Professorin für Digitalen Journalismus und Datenjournalismus an der TU Dortmund. Zuvor arbeitete sie in unterschiedlichen Positionen in der Redaktion des "Spiegel", zuletzt als stellvertretende Entwicklungschefin. Sie engagiert sich im Vorstand des Vereins Netzwerk Recherche, ist Gesellschafterin bei "AlgorithmWatch" und wurde vom "Medium Magazin" als „Wissenschaftsjournalistin des Jahres 2016“ ausgezeichnet.
Sobald Donald Trump zuckt, gehen Fernsehsender live. Berichten über jede kleinste Regung. Schicken sogar Helikopter, um ihn zu verfolgen. Ist das nicht irre? Und spielt das Trump nicht in die Karten?
Natürlich ist es ein historisches Ereignis, wenn erstmals ein amerikanischer Ex-Präsident angeklagt wird. Aber ist die riesige mediale Aufmerksamkeit angemessen – und so klug? Auch in Deutschland berichten Medien live, im Fernsehen oder in Tickern, wenn ein neuer Gerichtstermin ansteht. Dabei ist den Reportern meistens bewusst, dass Trump jeden Medien-Auftritt für sich nutzen könnte, für seinen Wahlkampf. Ein Dilemma.
Über den medialen Umgang mit dem manipulativen Ex-Präsidenten spricht Holger Klein mit "Tagesthemen"-Moderator Ingo Zamperoni.
Ingo Zamperoni moderiert, im Wechsel mit Caren Miosga, die "Tagesthemen" im Ersten. Von 2014 bis 2016 war er Korrespondent im ARD-Studio in Washington. 2020 erschien seine ARD-Dokumentation "Trump, meine amerikanische Familie und ich", 2022 folgte "Trump, Biden, meine US-Familie und ich". Gemeinsam mit seiner Frau, der US-Amerikanerin Jiffer Bourguignon, ist er außerdem im Podcast "Amerika, wir müssen reden!" zu hören.
Schwere Vorwürfe gegen Till Lindemann: Der Sänger der Band Rammstein soll jungen Frauen gegenüber seine Macht missbraucht und sexuell übergriff gewesen sein. Der Eindruck, dass weibliche Fans systematisch für Sex während und nach Konzerten rekrutiert wurden, verfestigt sich aufgrund zahlreicher sich ähnelnder Berichte von Besucherinnen.
Aber ab welchem Zeitpunkt dürfen Journalist:innen so schwere Anschuldigungen überhaupt veröffentlichten? Was müssen sie dabei beachten? Es gibt ja bisher weder eine Anklage noch einen Gerichtsprozess. Diese Fragen werden – auch in anderen mutmaßlichen #MeToo-Fällen – immer wieder gestellt.
Holger Klein ruft diese Woche bei Lena Kampf an. Sie ist stellvertretende Leitern des Investigativressorts der „Süddeutschen Zeitung“, die am vergangenen Wochenende als erstes ausführlich über den Fall Lindemann berichtet hat. Im Übermedien-Podcast spricht sie über die Regeln der Verdachtsberichterstattug und was die besonderen Hürden bei Recherchen zu #MeToo sind.
Wie ist das SZ-Team bei der Recherche vorgegangen? Warum wurde das angebliche „System Lindemann“ nicht schon früher aufgedeckt, hat der Musikjournalismus versagt? Und auf welche PR-Spins von Rammstein sollten wir jetzt nicht hereinfallen?
Links:
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