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International episodes

  • Indien - gefangen in seinen Kasten
    Die «grösste Demokratie der Welt» bleibt durchdrungen vom Kastenwesen, das allen ihren festen Platz zuweist. Je mehr Indien diese starre Gesellschaftshierarchie mit Quoten aufzuweichen versucht, desto mehr wächst die Missgunst. Nationalistische Scharfmacher profitieren.
    Laut Verfassung sind in Indien alle gleich. Doch die indische Gesellschaft bleibt eine Kastengesellschaft. Zuoberst in der sozialen Hierarchie stehen die Geistlichen, die Bramanen, zuunterst die Dalits, so heissen die ehemals «Unberührbaren». Dazwischen ein Gewirr von über 25'000 Kasten und Subkasten. Die «Unberührbarkeit» wurde mit der modernen indischen Verfassung zwar abgeschafft. Das Kastensystem an sich aber blieb erhalten, ja wurde sogar noch ausgeweitet. Noch heute wird in der Regel innerhalb der gleichen Kaste geheiratet, noch heute verrichten die Dalits meist die schmutzigen Arbeiten. Der Dalit Bant Singh singt dagegen an, er hat seine Arme und Beine in diesem Kampf verloren, nicht aber seine Würde. Gleichzeitig versucht Indien mit Quoten den Benachteiligten den Zugang zu Studienplätzen und Jobs zu erleichtern. Einige Dalits haben den Aufstieg geschafft, auch dank der Quoten. Das aber provoziert Protest von jenen, die sich um ihre traditionellen Vorrechte betrogen sehen. Aufgestachelt werden sie von nationalistischen Gruppen, die für ein «Hindustan» kämpfen, in dem alle demütig den ihnen zugewiesenen Platz einnehmen.
    28 min
  • Lauschangriff – Made in Israel
    Israel vollbringt spitzentechnologische Höchstleistungen, das kleine Land gehört zu den führenden Nationen im Bereich Cybersoftware. Doch die ausgeklügelten Hacking-Tools gelangen auch in Länder, die keine Rechtsstaaten sind und Oppositionelle aushorchen.
    Kurz nach der Jahrtausendwende kamen die ersten richtigen Smartphones auf den Markt. Seither setzten Geheimdienste in aller Welt darauf, in diese einzudringen, sagt Yotam Gutman, der Vermarktungschef der israelischen Firma «Sentinel One». Sie ist eine von vielen Cyberfirmen der selbsternannten Start-up-Nation. «Sentinel One» arbeitet nicht am digitalen Angriff, sondern an der Verteidigung: Die Firma schützt Unternehmen auf der ganzen Welt vor Hackerangriffen. Es gibt andere, die stehen auf der offensiven Seite: Firmen, die Software programmieren oder Hardware herstellen, welche Cyberangriffe ermöglichen.
    Dass das kleine Israel in der Cyberbranche weltweit führt, sei nicht Zufall sondern Notwendigkeit, sagt Gutman: «In unserer Konfliktregion mussten wir schlicht solche Instrumente entwickeln, um die Oberhand zu gewinnen.» Das Land verfügt über exzellente Universitäten; eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung der Technologie spielt aber auch die israelische Armee, deren Cybereinheiten jungen Israelis hochspezialisierte Ausbildung vermitteln.
    Die Hacking-Tools helfen Ermittlungsbehörden weltweit im Kampf gegen die Kriminalität. Allerdings, sie stossen auf Interesse auch bei repressiven Regimes, die Oppositionelle verfolgen, kritische Journalistinnen und Menschenrechtsaktivisten zum Schweigen bringen wollen.
    27 min
  • Die Niederlande ringen mit ihrer Sklaverei-Vergangenheit
    Die Niederlande sind im 17. und 18. Jahrhundert reich geworden mit ihren Kolonien. Dass ein Teil dieses Vermögens mit Sklaverei erwirtschaftet wurde, war bisher kaum Thema im Land. Doch die karibische Gemeinschaft verschafft sich zunehmend Gehör und stösst damit langsam aber sicher ein Umdenken an.
    Sensationelle 160 Millionen Euro haben die beiden lebensgrossen Portraits eines Brautpaars aus der Mitte des 17. Jahrhunderts gekostet. Der Louvre und das Rijksmuseum haben sie gemeinsam gekauft. Schwarz gekleidet mit riesigen gestickten Kragen präsentieren sich die beiden Adeligen - Gold, Perlen und Seide zeugen von riesigem Reichtum: Es ist das Werk Rembrandts, des Nationalheiligen der Niederländerinnen und Niederländer. Die beiden Kunst-Ikonen kennen in den Niederlanden viele, als Ehrenleute blühender Zeiten, selbst als Playmobilfiguren gibt es sie zu kaufen. Aber nur wenige dürften beim Betrachten der Werke an Sklaverei denken. Valika Smeulders aber kann diese Gemälde nicht betrachten, ohne das menschenverachtende System der Unterdrückung mitzudenken, das den Niederländern in der Kolonialzeit einst dank Zuckerrohr- und Tabaksplantagen viel Reichtum brachte.
    «Wenn du ein solches Gemälde siehst, dann bist du dir immer dessen bewusst, dass dies jene Menschen waren, die ins karibische Gebiet kamen, um es zu erobern», sagt die Niederländerin mit karibischen Wurzeln. Und so kamen die beiden Portraits in eine Ausstellung im Rijksmuseum mit dem Titel «Sklaverei». Das allein ist schon ein grosser Schritt für die Niederlande und er zeigt, dass sich in Sachen Aufarbeitung der Kolonialzeit gerade Einiges tut.
    Aber das reiche nicht, sagt Haydie. Sie ist die Ur-Ur-Enkelin einer Leibeigenen aus Surinam. Jedes Jahr nimmt Haydie am 1. Juli an «Keti Koti» teil, dem Gedenktag, der an die Abschaffung der Sklaverei erinnert. Es wäre an der Zeit, dass sich die Niederlande entschuldigten: Für das grosse Unrecht und Leid, das sie in den fernen Kolonien, aber auch zu Hause in Amsterdam an Leibeigenen begangen haben.
    29 min
  • Ghana will die Hilfe hinter sich lassen
    Viele afrikanische Länder sind von Hilfe von aussen abhängig. Ghana will das ändern. Die Entwicklung soll künftig von innen kommen und selbstbestimmt sein. Kann das funktionieren?
    In der Provinz verstauben Computer, nachdem ein ausländisches Projekt zu Ende gegangen und die Helfer und Helferinnen abgezogen sind. Gespendete Medikamente und Pandemie-Sets liegen unbenutzt herum. Sie haben das Ablaufdatum überschritten. Die Beispiele aus Ghana zeigen: Ausländische Hilfe ist oft nicht nachhaltig. Man habe sich zu sehr an die Hilfe gewöhnt, sagt Samuel Adams, Professor für öffentliche Verwaltung in Ghanas Hauptstadt Accra. Doch Entwicklung müsse von innen kommen, damit sie längerfristig wirke.
    Ghanas Präsident hat deshalb das Programm «Ghana beyond aid» gestartet. Er will ein Ghana, das nicht mehr auf Wohltätigkeit angewiesen ist, sondern das vollkommen eigenständig funktioniert und das gesamte Staatsbudget aus eigenen Mitteln bestreitet. Erreicht werden soll das mit mehr Steuereinnahmen, mehr Agrarproduktion und verstärkter Industrialisierung. So soll Ghana nicht mehr nur Rohmaterial wie zum Beispiel Kakao exportieren, sondern die Rohstoffe selbst verarbeiten. Erste Schritte in die Richtung sind gemacht, und Ghanas Idee wird bereits von anderen Ländern kopiert. Die Sendung zeigt das Potential des Vorhabens «Ghana beyond aid», aber auch die Schwierigkeiten auf dem Weg dorthin.
    26 min
  • Inselgruppe unter Druck: Die Kanaren und die Bootsmigranten
    Allein letztes Jahr sind etwa 23'000 auf den Kanarischen Inseln angekommen: Menschen in Booten, mit der Hoffnung auf ein besseres Leben. Es ist schwierig, sie auf den Inseln unterzubringen. Und Berichte von Übergriffen gegen Migranten zeigen: Die Stimmung auf den Kanaren könnte kippen.
    Die Migranten kommen unter anderem aus Marokko, Mali oder Senegal. Auf den Kanaren angekommen erzählen sie von einer lebensgefährlichen Überfahrt. Erwartet werden sie von den spanischen Behörden und von Helfern. Auf der kleinen Insel El Hierro etwa, die sich einem grossen Migrationsdruck ausgesetzt sieht.
    Der Tourismus ist derweil zum Erliegen gekommen. Am «Playa del Inglés» auf Gran Canaria leben nun die Migranten in den Hotels. Gedacht war dies als Übergangslösung. Doch die Camps und Unterkünfte für die Migranten werden nur langsam fertig.
    Mehrere Unterkünfte hat der Staat in Las Palmas errichtet – ausgerechnet in den Stadtvierteln mit den grössten sozialen Problemen. Die Stimmung dort droht zu kippen: Es gibt Berichte von Zusammenstössen und von Übergriffen auf die Migranten, angeheizt durch die Botschaften von populistischen Parteien.
    Die Migranten wollen weiterreisen aufs europäische Festland. Doch jetzt werden sie von den Behörden daran gehindert. Sie bleiben auf den Inseln. Die Kanaren sind zum europäischen Migrations-Hotspot geworden.
    29 min
  • «Das ist nicht Europa»: Samos und die Flüchtlingskrise
    Vor den Ägäis-Inseln patrouilliert die griechische Küstenwache - entschlossen, die Grenze zur Türkei zu sichern. Auf Samos sitzt Sera aus Syrien mit ihrer Familie fest im Elend einer überfüllten Flüchtlingsunterkunft. Fünf Jahre EU-Migrationsabkommen mit der Türkei. Was haben sie wem gebracht?
    Im Bretterverschlag unter Plastikplanen – so sieht das prekäre Zuhause der 29jährigen Sera und ihrer vierköpfigen kurdischen Familie aus dem syrischen Kobane aus, seit mehr als einem Jahr. Ohne Strom, fliessendes Wasser, umgeben von Ratten und Schlangen am Rand des offiziellen Flüchtlingscamps auf der griechischen Insel Samos. Noch immer leben fünfmal so viele Menschen im Camp und wild um das Camp herum wie ursprünglich vorgesehen. «Wir begegnen Menschen, die grosse Hoffnung hatten, als sie ankamen», sagt Andrea Contenta von der Hilfsorganisation «Ärzte ohne Grenzen». Doch die unwürdigen Lebensbedingungen, das lange Warten, das Asylverfahren, dessen Regeln sich immer wieder ändern, all das verwirre die Menschen und nach einem oder zwei Jahren seien sie nur noch verzweifelt.
    Giorgos Stantzos, der Bürgermeister von Samos, sagt, er habe zu Beginn der Krise selbst Bootsflüchtlinge in Not aus dem Wasser gezogen. Heute hätte er am liebsten keine Migrantinnen und Migranten mehr auf der Insel. Die lokale Bevölkerung fühlt sich im Stich gelassen, fordert europäische Solidarität.
    Vor fünf Jahren beschloss die Europäische Union mit der Türkei ein Flüchtlingsabkommen, um die Situation zu verbessern. Doch für wen? Auf Samos zeigen sich einige der grossen Probleme der europäischen Migrationspolitik wie im Brennglas. Die Reportage.
    27 min
  • Frauen in Jordanien: «Früher hatten wir mehr Selbstvertrauen».
    Vor 100 Jahren wurde das heutige Jordanien gegründet. Die Frauen im Land haben allerdings – auf den ersten Blick – wenig zu feiern. Zwar setzten sich Jordanierinnen schon früh für ihre Rechte ein. Aber heute stecken sie fest. Was ist passiert?
    1956 war für viele Frauen in Jordanien ein Jahr des Aufbruchs. Sie kämpften öffentlich für Frauenrechte. Und heute? «Heute sind sie verhüllt und rufen «Gott ist der Grösste» – ohne Inhalt», sagt die Historikerin Suhair al Tal. Sie hat ein Buch über die Frauenbewegungen in Jordanien geschrieben.
    Frauen in Jordanien haben heute das Wahlrecht, sie sind in der Verfassung den Männern gleichgestellt. An den Universitäten schliessen mehr Frauen ein Studium ab als Männer. Und doch: von wirklicher Gleichberechtigung sind die Frauen in Jordanien weit weg.
    «Als Frau im politischen Kontext des Nahen Ostens kann man sich nicht wirklich frei für oder gegen das Kopftuch entscheiden», sagt die Aktivistin Sara Abaza. Als Teenager legte sie das Kopftuch ab.
    «Frauen sorgen für die Kinder, putzen. Ich komme nicht viel raus. Das ist unsere Tradition», sagt die Beduinin Alia Amamre. Für Frauenrechte zu demonstrieren – davon hält sie nichts.
    «Ich will nicht nach den Männern essen», sagt die Politikerin Zainab Salameh al-Moussa. Sie kämpft gegen die Marginalisierung der Frauen.
    Was ist passiert? Da sind Traditionen. Sie sind stark. Aber da ist auch der Einfluss von aussen. Auch von westlichen Ländern.
    29 min
  • Griechenland: Der hohe Preis der grünen Energie
    Nachhaltige Energie dank Sonne und Windkraft: Grundsätzlich klinge das gut, finden viele Bewohnerinnen und Bewohner der Inseln in der griechischen Ägäis. Doch es zeigt sich immer mehr, welche schwerwiegenden Folgen die Strategie der Regierung für die Menschen und die Natur hat.
    Berge, die abgetragen werden. Vögel, die verstummen. Bewohnerinnen und Bewohner, die unter dem Lärm der Windräder leiden. Für die Bevölkerung der Ägäischen Inseln gibt es immer mehr Gründe, sich gegen die Energiepolitik der griechischen Regierung zu wehren. Das gilt selbst für jene, die ihr eigentlich offen gegenüberstehen: etwa für Michalis Koveos, der auf der Insel Amorgos lebt und früher Direktor des griechischen Stromversorgungsnetzwerks war. «Obwohl ich ein Technikfreund bin und einem solchen Projekt eigentlich zustimmen sollte, sind die Ausmasse dieses Vorhabens so riesig, so extrem, so gigantisch, dass ich absolut dagegen bin», sagt der pensionierte Ingenieur. Zwei Windräder würden reichen, um den gesamten Energiebedarf der Insel zu decken. Doch gebaut werden 73.
    Diese Politik stösst auch bei Elena Beis auf Unverständnis. Sie ist Mitglied einer Bürgerbewegung und berichtet von Inseln, die komplett zerstört wurden, die heute aus ihrer Sicht einem Industriepark oder einer Müllhalde gleichen. Diese Entwicklung bedrohe auch die lokale Wirtschaft, insbesondere den alternativen, nachhaltigen Tourismus: Denn gebaut wird auf kleineren Inseln, die von Wanderern und Naturfreundinnen besucht werden, und nicht auf den bekannteren Inseln wie Santorini oder Mykonos mit ihren Luxushotels. Elena Beis befürchtet: Wenn die Regierung ihre Pläne umsetze, werde es die Ägäis, diese über Jahrtausende entstandene Insellandschaft, bald nicht mehr geben.
    27 min
  • Polen – Ein Land driftet auseinander
    Polen ist ein homogenes Land. Praktisch alle sprechen Polnisch. Praktisch alle sind katholisch. Ausländer sind rar. Und trotzdem ist Polen ein zerrissenes Land. Die Gesellschaft zerfällt in zwei politische und weltanschauliche Lager, die sich kaum mehr zuhören.
    Ula Grymula, Bio-Informatik-Studentin, liebt die katholische Kirche. Sie liebt die prächtigen Liturgien und die Spiritualität so sehr, dass sie mit Freude eine Jugendgruppe leitet und mit jungen Mädchen betet und die Bibel liest. Doch dies sei eine «toxische Beziehung» sagt die junge Frau mit dem knallroten Lippenstift: Denn die Kirche liebe sie nicht zurück. Ula nämlich liebt Frauen. Lesben und Schwule aber haben in der polnischen katholischen Kirche keinen Platz. Und nicht nur das: Die gleiche Kirche, in der die 21jährige aufgeht, predigt in der Frühmesse davon, dass Leute wie Ula, Homosexuelle, die christlichen Werte verraten hätten und intellektuell krank seien. Der Erzbischof von Krakau etwa warnt vor der «Regenbogenplage», Polens Staatspräsident hält die sogenannte «LGBT-Ideologie» für schlimmer als den verhassten Kommunismus.
    Der Umgang mit Homosexuellen ist ein Beispiel dafür, wie zerrissen die polnische Gesellschaft ist und wie die Politik versucht, aus emotionalen Themen Kapital zu schlagen. Kommt dazu: Die rechtsnationale Regierungspartei von Jaroslaw Kaczynski hat den Freiraum der polnischen Gesellschaft Stück für Stück eingeengt und versucht Gerichte zu kontrollieren. Gleichzeitig verspricht sie, das Wohlstandsgefälle mit einem grosszügigen Kindergeld und anderen Sozialleistungen zu verringern.
    So geht denn ein Spalt quer durch alle Schichten: Hier die konservativen, katholischen Polinnen und Polen, die glauben, die Europäische Union wolle ihnen ein bestimmtes Gesellschaftsmodell aufzwingen, dort jene Menschen, die sich von der Kirche abwenden, sich gesellschaftlich öffnen und die Werte Westeuropas teilen.
    Ula Grymula, Demonstrantin Karolina Lange, die fünfköpfige Familie Olejniczak und einige andere erzählen von dem Polen, in dem sie leben und von den Werten, die sie verteidigen. Sie reden mit uns - immer weniger aber miteinander.
    27 min
  • Im Nachtzug nach Brüssel: EU-Verkehrspolitik ohne Fahrplan
    Der Verkehr muss 90 Prozent seiner Co2-Emissionen einsparen bis in 30 Jahren. Eine massive Verkehrsverlagerung von der Strasse auf die Schiene ist nötig, um die Klimaziele zu erreichen. Der EU fehlt allerdings ein überzeugender Fahrplan.
    2021 ist das europäische Jahr der Schiene. Europa will Werbung machen für die Bahn als nachhaltiges Verkehrsmittel. Will die EU ihre Klimaschutz-Ziele bis in 30 Jahren erreichen, muss eine Mehrheit der Güter und Reisenden rasch auf den Zug umsteigen.
    Libor Lochmann, ehemaliger Direktor des Dachverbands privater und staatlicher Bahnen, ist trotzdem wenig erfreut: «Die aktuellen Reise-Einschränkungen passen nicht zum Jahr der Schiene. Niemand will mit dem Zug reisen, wenn die Regierungen den Bürgerinnen und Bürgern vorschreiben, zu Hause zu bleiben.» Vom ersten Tag des Jahres an müssten Reisende sich an Bord eines Zuges eigentlich wohlfühlen, so Lochmann.
    Im europäischen Jahr der Schiene fürchten Menschen aber, sich im Zug mit dem Corona-Virus anzustecken. Berufs-Pendlerinnen in ganz Europa steigen wieder vermehrt vom Zug aufs Auto um. Mit Blick auf die ambitionierten Klimaziele der EU kommt das Jahr der Bahn aber ohnehin nicht früh genug. Der Verkehr gehört zu den wenigen Industrie-Sektoren, die ihren CO2-Ausstoss nicht senkten in den letzten Jahren. Der Strassenverkehr ist schuld. Im Güterverkehr werden drei von vier Waren auf der Strasse transportiert. 80% beträgt der Anteil der Strasse beim Personenverkehr. Nicht einmal 8% beträgt der Marktanteil der Bahn.
    Die Zeit zum Umdenken wird knapp. Darum will die EU noch einmal viel mehr in den Ausbau des europäischen Schienennetzes investieren. Die EU steckt sich ehrgeizige Ziele: Touristen in Europa sollen künftig Strecken bis 800 km im Zug reisen, nicht mehr im Flugzeug. Bis in zehn Jahren soll hierfür in Europa ein ausgebautes Netz von Hochgeschwindigkeitszügen bereitstehen. Dieses Ziel sei wichtig, meint die für Verkehr zuständige EU-Kommissarin Adina Valean. Das Ziel sei in Absprache mit den Mitgliedsstaaten definiert worden, die das Schienen-Netz bauen und mehrheitlich auch finanzieren müssen.
    Allen sei nun klar, worin die Hausaufgaben bestünden. Am Geld sollte es nicht fehlen. Viele Milliarden Euro aus dem Corona-Wiederaufbau-Fonds können die EU-Staaten günstig abrufen. Niemand sollte in zehn Jahren aber überrascht sein, wenn das Ziel verfehlt würde.
    Das war schon immer so beim Planen des trans-europäischen Bahnnetzes: Die EU-Milliarden-Zuschüsse flossen bisher nämlich fast ausschliesslich in den Ausbau des nationalen Schienennetzes. Top sind die TGV Verbindungen von Bordeaux nach Paris und weiter bis nach Strasbourg. Den Anschluss an das deutsche Netz für die Weiterfahrt nach München ging vergessen.
    Auch die Schweiz ist betroffen, die versprochenen Neat-Anschlüsse in Deutschland und Italien sind immer noch nicht gebaut.
    Die Bilanz des europäischen Rechnungshofs ist vernichtend: Dem europäischen Schienennetz fehlt es an grenz-überschreitenden Anschlüssen, das Tempo der Züge auf diesen Verbindungen ist alles andere als Highspeed und der Ausbau der versprochenen Verbindungen erfolgt mit einer durchschnittlichen Verzögerung von 11 Jahren, bei gleichzeitig explodierenden Kosten. Die Folgen dieser Fehlplanung fasst Libor Lochmann, Direktor des Dachverbandes der europäischen Bahnen, in einem Satz zusammen:
    «Den Markt für Reisen über 400, 500 Kilometer hat die Bahn fast vollständig verloren; Weil sie nicht mehr wettbewerbsfähig ist.»
    Eine Kehrtwende wäre dringend nötig. Diese ist aber noch nicht absehbar.
    28 min

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Die Welt ist unübersichtlich geworden – «International» hilft, sie zu verstehen. Mit den SRF-Auslandkorrespondentinnen und -korrespondenten reisen wir dorthin, wo Geschichten entstehen: Krisengebiete, Wirtschaftsmächte, vergessene Regionen.

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