ERF Plus - Bibel heute

Jesu Gefangennahme


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Nun ist es also so weit: Judas, einer aus dem Kreis der zwölf engsten Vertrauten von Jesus, hat seinen Entschluss in die Tat umgesetzt: Er hat Jesus verraten. Er hat Geld genommen von führenden Leuten in der Stadt Jerusalem, von den Gegnern von Jesus. Der Evangelist Markus benennt sie als die „Hohenpriester und Schriftgelehrten und Ältesten“. Sie bilden das oberste Entscheidungsgremium in Jerusalem, den Hohen Rat, sind aber angewiesen auf das Wohlwollen des obersten Vertreters der römischen Besatzungsmacht.

Warum Judas zum Verräter wurde

Die Berichte in den vier Evangelien im Neuen Testament machen deutlich: Aus verschiedenen Gründen wollen die Gegner von Jesus diesen bekannten und beliebten Mann beseitigen. Ein Grund lässt sich so umschreiben: Viele Anhänger von Jesus würden ihn gerne zum König der Juden ausrufen – in der Hoffnung, er werde die römischen Unterdrücker entmachten. Dies soll aber nach dem Willen des Hohen Rates unbedingt vermieden werden. Man befürchtet, die römischen Besatzer werden eine Aufstandsbewegung unter der Führung von Jesus blutig niederschlagen. Darum wird der Beschluss gefasst: Dieser Mann muss beseitigt werden.

Was hat Judas dazu bewogen, Jesus zu verraten? Es sind verschiedene Gründe denkbar. Möglicherweise will Judas durchaus nicht dazu beitragen, dass Jesus zum Tode verurteilt wird. Will er womöglich Jesus dazu herausfordern, sich seinen Gegnern entgegenzustellen und sie zu entmachten? Bezüglich Judas bleiben Bibellesern Fragen unbeantwortet.

Hitzige Auseinandersetzungen

Nun flackern also durch die Ölbäume im Kidrontal am Stadtrand von Jerusalem Fackeln und Laternen der Bewaffneten, die Jesus gefangen nehmen sollen. Allen voran geht Judas, dann eine Schar mit Schwertern und Prügeln. Um ihnen unmissverständlich zu zeigen, wer der Gesuchte ist, tritt Judas an Jesus heran und küsst ihn. Er ruft ihm einen Gruß zu: „Rabbi!“ Das ist eine Ehrenbezeugung: „Jesus, du bist ein Lehrer, einer, der Gott kennt, der weiß, was wir Menschen tun und lassen müssen, um unter dem Wohlgefallen Gottes zu leben.“ Es erscheint zwar möglich, aber nicht zwingend, dass Judas diese Ehrenbezeigung gar nicht ernst meint, sondern heuchlerisch.

Alle vier Evangelisten im Neuen Testament berichten von der Gefangennahme von Jesus. Alle berichten auch dies: Einer der Freunde von Jesus zieht das Schwert aus der Scheide und hackt einem der Bediensteten des Hohenpriesters ein Ohr ab. Was Markus nicht erwähnt, findet sich bei Johannes: Derjenige, der Gewalt anwendet, um Jesus zu verteidigen, kommt wie sein Verräter Judas aus seiner nächsten Umgebung: Es ist Simon Petrus. Ausgerechnet derjenige, der später zu feige sein wird, um sich als Nachfolger von Jesus zu bekennen, tut sich hier als hitziger Kämpfer hervor. Auch dies berichtet Johannes: Jesus verwahrt sich gegen diese ungebetene Hilfestellung. Er betont: Was jetzt mit ihm geschieht, dass er in die Hände seiner Gegner fällt, das ist ihm von Gott, seinem Vater, auferlegt.

Der wehrlose Jesus

Jesus gebraucht einen Vergleich: Sein Vater hat ihm einen gefüllten Kelch ausgehändigt, einen Kelch mit einem Trank, der alles andere als wohlschmeckend und gesund ist. Jesus weist Simon Petrus nicht nur mit Worten in die Schranken. Dass Gewaltanwendung gegen seine Gegner nicht in seinem Sinn ist, das zeigt Jesus mit einer eindrücklichen Tat. Er heilt den verletzten Bediensteten des Hohenpriesters. So berichtet es der Evangelist Lukas.

Nach Markus, Lukas und Matthäus wendet sich Jesus an alle, die ihn gefangen nehmen, und hält ihnen vor: Das Aufgebot an Bewaffneten ist maßlos überzogen, welches sie in dieser Nacht aufbieten. Es wäre doch ein Leichtes gewesen, ihn längst vorher schon zu verhaften. Ohne Leute, die man früher Leibwächter genannt hat – heute Bodyguards –, ist Jesus immer wieder im Tempel in Jerusalem aufgetreten. Nun nimmt ein Geschehen seinen Lauf, das eindrücklich bei den Propheten und in den Psalmen angekündigt wird. So heißt es in Psalm 94: „Sie rotten sich gegen die Seele des Gerechten zusammen, und unschuldiges Blut sprechen sie schuldig.“  (94,21)

Jesus begibt sich wehrlos in die Hände seiner Feinde, wird widerstandslos, ja hilflos abgeführt in die Gefangenschaft, hin zu einem Gerichtsverfahren, das für ihn tödlich enden wird.

Eine Liebe, stärker als der Tod

Alle Weggefährten von Jesus ergreifen die Flucht, auch die engsten Weggefährten, auch Simon Petrus. Von einer Ausnahme berichtet Markus. Immer wieder haben Ausleger darüber gerätselt, wer der junge Mann ist, der Jesus ein Stück weit folgt auf dem Weg in die Gefangenschaft, nur leicht bekleidet. Als man auch ihn ergreifen will, entzieht er sich den Bewaffneten. Ist er vielleicht Markus selber, der Berichterstatter? Ich muss diese Frage offenlassen.

Eindeutig ist aber dies: Genau mit solchen Menschen wie diesem jungen Mann, ehrlich Anteil nehmend zunächst, aber dann doch voller Todesangst, hat Jesus nach seiner Auferweckung von den Toten seine Gemeinde gegründet. Jesus hat solche Menschen mit dem Heiligen Geist erfüllt, der ein Geist der Kraft ist. So sind diese Menschen zu mutigen, ja todesmutigen Zeugen von Jesus geworden, dem Lebendigen. Sie haben ihn bezeugt als den, der stärker ist als der Tod. Er hält die Seinen bei sich fest – auch dann, wenn feindselige Menschen ihnen das Leben in dieser Welt rauben sollten.

Morgen in einer Woche, am Ostersonntag, wird an die Auferweckung von Jesus von den Toten erinnert werden. Sein Sieg über die Macht des Todes gilt auch seinen Nachfolgerinnen und Nachfolgern. Ihnen gilt seine Zusage: „…ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen.“ (Johannes 10,28)

Autor: Pfarrer Martin Rösch

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