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Jeden Morgen um sechs Uhr halte ich auf meiner Joggingrunde über Basel kurz inne und mache ein Foto. Ich befinde mich auf dem Bruderholz, dem Hügel südlich der Stadt – mein Blick geht nach Norden. Dort öffnet sich die Landschaft in einer ungewohnten Weite: über Strassburg und Karlsruhe bis nach Frankfurt. Das sind 300 Kilometer – eine Weite, wie wir sie in der Schweiz nicht kennen. Es entspricht etwa der Distanz Genf-Romanshorn.
Wenn ich auf «meinem» Hügel stehe und nach Norden blicke, habe ich ein ähnliches Gefühl wie am Meer: Der Horizont ist offen. Die Luft ist klar. Die Gedanken auch.
Matthias Zehnder ist Autor und Medienwissenschaftler in Basel. Er ist bekannt für inspirierende Texte, Vorträge und Seminare über Medien, die Digitalisierung und KI.
Website: https://www.matthiaszehnder.ch/
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Biografie und Publikationen: https://www.matthiaszehnder.ch/about/
Im Sommer verwandelt sich die Sonne am Mittag in jenen Feuerball, der sie tatsächlich ist: Um 13 Uhr Sommerzeit steht sie genau im Süden. Es ist der Zenit ihrer täglichen Reise über das Firmament. Die Schatten sind kurz, die Luft flirrt vor Hitze, selbst die Mücken machen eine Pause. Der Süden – das ist die glühende Mitte des Tages, der Moment voller Kraft. Seit jeher steht er deshalb für Reife, Stärke und Fruchtbarkeit – aber auch für Erschöpfung.
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Wenn am Abend im Westen die untergehende Sonne den Himmel entzündet und in allen Rottönen zum Leuchten bringt, entflammen auch unsere Herzen: Es gibt nichts Schöneres. Ich erinnere mich, wie ich als Teenager die ersten Ferien am Atlantik verbrachte und mit Liedern von Jean-Jacques Goldmann im Ohr zum ersten Mal die Sonne im Atlantik versinken sah. Nie war die Sehnsucht grösser als in diesem Moment: die Sehnsucht, der Sonne nachzureisen, nach Westen, wohin das Licht geht.
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Jeden Morgen um sechs Uhr halte ich auf meiner Joggingrunde über Basel kurz inne und mache ein Foto. Im Winter ist es tiefschwarze Nacht auf dem Bild. Im Frühling färbt sich der Himmel von Woche zu Woche heller, bis im Frühsommer zum ersten Mal so früh am Morgen die Sonne zu sehen ist. Oft versteckt sie sich hinter Wolken – aber manchmal erscheint sie wie aus einem Kinderbuch: als lachende Kugel, die ihre Strahlen über die Stadt schickt.
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Letzte Woche habe ich Ihnen Sebastian Haffner in Erinnerung gerufen. Anhand von fünf Punkten aus seiner Autobiografie habe ich gezeigt, wie sich der Nationalsozialismus durchsetzen konnte – und warum diese Mechanismen auch unsere Gegenwart prägen, besonders im Medienbereich. Das hat bei vielen Leserinnen und Lesern Fragen aufgeworfen. Unsere Gegenwart und die 1930er-Jahre – die sind doch grundverschieden – gerade die Welt der Medien! Sind Sie sicher?
Denken Sie daran, wie geschickt die Nationalsozialisten mit ihrer Propaganda die Gefühle der Bevölkerung manipulierten – und wie gezielt sie die damals modernste Medientechnologie einsetzten: das Radio. In jeder guten Stube stand ein Volksempfänger – und Hitlers Stimme plärrte aus dem Lautsprecher.
Der Volksempfänger der Gegenwart ist das Smartphone. Eine alles steuernde Partei gibt es nicht mehr. Aber alles steuernde Algorithmen.
Das hat Folgen für die Medien – und führt zu einer Situation, die derjenigen der 1930er-Jahre auf verblüffende Weise ähnelt.
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Diese Woche habe ich «Abschied» vorgestellt, einen frühen Roman von Sebastian Haffner – ein zartes, melancholisches Buch. Beim Lesen habe ich auch wieder zu seiner Autobiografie gegriffen: «Geschichte eines Deutschen – die Erinnerungen 1914 – 1933». Und sie hat mich umgehauen. Haffner beschreibt darin mit schneidender Klarheit, wie aus anständigen Menschen Mitläufer und aus Mitläufern Täter wurden. Warum ganz normale Deutsche plötzlich «Heil» schrien, Schaufenster zerschlugen, Juden jagten. Und wie er selbst, Sohn eines preussischen Beamten, dazu kam, eine Hakenkreuzbinde anzulegen. Er analysiert diesen Prozess wie ein Forensiker – am eigenen Leib, in erschütternder Klarheit. Was er dabei freilegt, lässt sich heute wieder beobachten: in Deutschland, in den USA, in Österreich – und ja, auch bei uns in der Schweiz. Ich habe deshalb fünf Aspekte herausgegriffen, die Haffner beschreibt – und zeige Ihnen, warum sie uns heute aufrütteln sollten. Am Ende sage ich Ihnen, was das alles mit den Medien zu tun hat.
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Diese Woche hat der Nationalrat, also die grosse Kammer des eidgenössischen Parlaments, die Halbierungsinitiative beraten. Das Volksbegehren verlangt eine starke Reduktion der Empfangsgebühren für das öffentlich-rechtliche Radio und Fernsehen in der Schweiz. Fast 80 Räte meldeten sich zu Wort. Es ist wie bei Bildungsthemen: So wie jeder einmal zur Schule gegangen ist, hat jeder schon einmal eine Fernsehsendung gesehen – und deshalb eine politische Meinung. Die Befürworter der Halbierungsinitiative reden von Zwangsgebühren und einem linksgrünen Staatsfunk, die Gegner vom Untergang der Demokratie. Beides ist so plakativ wie falsch. In der Theorie lebt die Demokratie vom Wettbewerb der Ideen. In der Praxis aber hauen sich die Volksvertreter im Parlament Glaubenssätze um die Ohren, verteidigen Interessen und dröhnen Meinungen in den Saal, die mit der Sache kaum etwas zu tun haben. Selbstverständlich darf jeder Politiker meinen, was er will. Was mich an der Debatte stört, ist die Weltfremdheit der Behauptungen. Deshalb konzentriere ich mich heute auf die Sache – und das heisst: auf das Geld. Ich zeige Ihnen, wie gross der Medienmarkt in der Schweiz ist und was passiert, wenn die Halbierungsinitiative angenommen wird. Danach dürfen Sie weiterhin meinen, was Sie wollen. Aber bitte auf der Basis dieser Zahlen.
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Vor zweieinhalb Jahren habe ich hier zum ersten Mal darüber geschrieben, warum und wie die Künstliche Intelligenz das Internet, wie wir es kennen, zerstören könnte. Gemeint ist damit natürlich nicht das technische Netzwerk, sondern das mediale Internet – jenes Netz aus Inhalten, Angeboten und Interaktionen. Inzwischen sind wir diesem Abgrund einen grossen Schritt näher gekommen: Google hat jetzt auch auf Deutsch die KI-Zusammenfassungen auf den Suchresultateseiten eingeführt. Suchende müssen keinen Link mehr anklicken – sie erhalten die Antwort immer häufiger direkt bei Google. Das Ergebnis ist das, was man als «Zero Click Web» bezeichnet: Suchvorgänge, die keinen Klick mehr zur Folge haben.
Für Medienhäuser, Unternehmen, Kulturanbieter und Institutionen ist das verheerend. Google holt sich zwar ihre Informationen, leitet aber kaum noch Nutzerinnen und Nutzer weiter. Willkommen im Zero-Click-Web. Für die Nutzerinnen und Nutzer mögen diese KI-Zusammenfassungen kurzfristig bequem sein. Für die Gesellschaft, für die Medien und für viele Unternehmen sind sie auf lange Sicht fatal. Denn die KI führt auf diesem Weg zu nichts Geringerem als dem Tod des Internets, wie wir es kennen.
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Letzte Woche habe ich an dieser Stelle erklärt, wie die KI die Demokratie gefährdet – weit über Fake News hinaus. Ich habe darauf einige interessante Rückmeldungen erhalten, vielen Dank dafür. Dabei ist mir klar geworden, dass sich die meisten Politikerinnen und Politiker um das Thema KI nicht kümmern. Sie glauben erstens, dass sie die KI-Entwicklung nicht betreffe, zweitens, dass sie nicht für die Regulierung von KI zuständig seien, und drittens, dass das Ganze ohnehin ein Hype sei. Mit dem dritten Punkt haben sie nicht unrecht. Trotzdem irren sie sich gewaltig.
Liebe Politikerinnen und Politiker: Möglich, dass die KI Sie persönlich kaum betrifft. Aber die KI wird all das radikal verändern, wofür Sie zuständig sind: Schulen und Universitäten, den öffentlichen Raum, die Arbeitswelt, die Medien – und damit auch die Demokratie. Sie werden keine Zeit haben, sich langsam an die Veränderungen zu gewöhnen. Das Tempo ist schon jetzt atemberaubend, und es wird weiter zunehmen. Viele der Veränderungen sind wie Eisberge: An der Oberfläche sieht man wenig – die eigentlichen Umwälzungen geschehen darunter. Wenn Sie nicht zur politischen Titanic werden wollen, sollten Sie sich dringend mit KI beschäftigen. Sie müssen keine KI-Expertin und kein KI-Experte werden, aber die Grundzüge verstehen. Ich richte mich deshalb diese Woche direkt an Sie, liebe Politikerinnen und Politiker.
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Letzte Woche habe ich in Schwerin an der Konferenz der Deutschen Landtagsdirektoren eine Keynote über KI und die Demokratie gehalten. Während der Vorbereitung und bei den Gesprächen mit den Vertretern der Landtage und des Bundestags ist mir aufgefallen, wie schlecht unsere demokratische Gesellschaft auf die Künstliche Intelligenz vorbereitet ist. Viele Politikerinnen und Politiker sind sich nicht bewusst, dass der Einfluss der KI weit über Fake News hinausgeht – die Programme greifen viel subtiler in die sensiblen Schnittstellen der Demokratie ein. Die KI ist deshalb so gefährlich, weil sie in zwei Punkten ganz anders funktioniert: Ihre Entwicklung verläuft rasend schnell – viel schneller, als wir uns anpassen können. Und sie geschieht verborgen im Maschinenraum der digitalen Welt: Sie ist nicht transparent. Das macht die Künstliche Intelligenz zu einer enormen Herausforderung für unsere Demokratie. Ich erzähle Ihnen deshalb diese Woche von den Bedenken, die ich an der Landtagsdirektorenkonferenz im Schweriner Schloss geäussert habe.
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