Matthias Zehnders Wochenkommentar

Matthias Zehnders Wochenkommentar

By Matthias ZehnderSociety & CulturePhilosophy
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Matthias Zehnders Wochenkommentar episodes

  • Lesen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz

    «Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.» So beginnt «Die Verwandlung» von Franz Kafka. Wenn wir die Erzählung lesen, folgen unsere Augen den Buchstaben. Zeichen für Zeichen, Wort für Wort, Zeile für Zeile. Und dann passiert es: das Wunder des Lesens. Zwar folgen unsere Augen weiter den Buchstaben, den Worten, den Zeilen, aber wir sehen sie nicht mehr. Die Zeichen verschwinden, wir tauchen ein in eine andere Welt: Obwohl wir warm und geborgen in unserem Lehnstuhl sitzen, liegen wir plötzlich auch auf einem panzerartig harten Rücken und sehen, wenn wir den Kopf ein wenig heben, unseren gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch, auf dessen Seite viele im Vergleich zum monströsen Körper kläglich dünne Beine hilflos vor unseren Augen flimmern. Wir erschrecken und fragen uns mit Gregor Samsa: «Was ist mit mir geschehen?» Nichts, das ist ja das Wunder: Wir folgen mit den Augen harmlosen Buchstaben und verwandeln uns in einen Käfer oder einen Ritter, in Old Shatterhand oder Stiller, in Heidi oder Molly Bloom, Frodo oder Harry Potter, Anna Karenina oder Pippi Langstrumpf. Wie ist das möglich, dass wir durch das blosse Entziffern von Buchstaben uns verwandeln, geistig in eine andere Welt eintauchen und komplett vergessen, dass wir lesen? Und was bedeutet das im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz? Heisst das, dass auch die KI uns mir nichts, dir nichts mit ein paar Buchstaben in einen Käfer verwandeln kann?

    Matthias Zehnder ist Autor und Medienwissenschaftler in Basel. Er ist bekannt für inspirierende Texte, Vorträge und Seminare über Medien, die Digitalisierung und KI.
    Website: https://www.matthiaszehnder.ch/
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    13 min
  • Schreiben im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz

    1859 war sich Charles Baudelaire sicher, dass die «Kunst nichts anderes ist und sein kann als die genaue Wiedergabe der Natur». Er betont das, weil zu dieser Zeit eine neue Technik aufkommt: Die Fotografie bildet die Natur einfacher und genauer ab als jeder Künstler. Baudelaire spottet, die fotografische Industrie sei zur «Zuflucht aller gescheiterten Maler» geworden, der «Unbegabten und der Faulen». Die industrielle Bilderproduktion habe eine «allgemeine Überfütterung», eine «Verblendung und Verdummung» zur Folge. Tatsächlich schlug die Fotografie der Malerei ihre Aufgabe, die Welt abzubilden, aus der Hand. Die Kunstmaler reagierten darauf, indem sie nicht mehr das malten, was ihre Augen sahen, sondern das, was sie spürten und empfanden. So entstanden Impressionismus, Expressionismus und schliesslich die moderne, abstrakte Malerei. Heute stehen wir an einem ähnlichen Punkt: Die textgenerierende Künstliche Intelligenz erledigt, was früher nur Menschen konnten: Sie beschreibt, erklärt, argumentiert, fasst zusammen und formuliert auf Knopfdruck und in industriellem Massstab Texte. Welche Folgen hat das für das Schreiben? Wird ChatGPT jetzt zur «Zuflucht aller gescheiterten Autoren»? Muss sich das künstlerische Schreiben vom Transportieren von Informationen abwenden wie vor 150 Jahren die Malerei von der Wiedergabe der Natur? Wenn Maschinen besser Texte produzieren, was bleibt dem Schreiben?

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    15 min
  • Psychotherapie durch KI? – Die eingebildete Heilung

    Psychotherapie bedeutet wörtlich «Behandlung der Seele». Das wichtigste Mittel ist das psychotherapeutische Gespräch von Mensch zu Mensch. Heute muss man sich dafür nicht mehr auf ein Sofa legen, sondern sitzt einer Therapeutin oder einem Therapeuten gegenüber und spricht über Ängste, traumatische Erlebnisse und Probleme. Wenigstens war das bisher so: Neue Studien zeigen, dass die Künstliche Intelligenz in vielen Fällen die Rolle eines Therapeuten übernehmen, ja die Psychotherapie revolutionieren könnte. Ein Computer als «Seelendoktor» – wie soll das gehen? Ich vermute, wir überschätzen dabei die Rolle des Computers (und des Therapeuten) und unterschätzen die Rolle des Menschen. Wir sind wahre Interpretationsmaschinen und sind sogar in der Lage, in eine Handvoll sich bewegende Dreiecke eine Geschichte hineinzulesen. Joseph Weizenbaum nennt es den «Eliza-Effekt»: Schon in den 60er Jahren reichten ein paar simple Textbausteine, um Menschen das Gefühl zu geben, verstanden zu werden. Erst recht gilt das im Umgang mit einer chattenden KI. Wir halten sie für klug, weil wir es selber sind.

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    14 min
  • Versteht KI die Sprache doch? – Meine Antworten auf Ihre Einwände

    Kann eine KI Sprache je wirklich verstehen? Was ist, wenn man simuliertes Sprachverständnis nicht mehr von richtigem Verständnis unterscheiden kann? Steckt in unseren Köpfen nicht auch irgendwie ein Large Language Model? Letzte Woche habe ich mit den Gedanken des Sprachphilosophen Gottlob Frege gezeigt, warum eine KI zwar verblüffend gute Texte produzieren, Sprache aber nicht verstehen kann. Darauf habe ich sehr viele Rückmeldungen erhalten. Vielen Dank dafür. Zustimmung und Ablehnung haben sich dabei etwa die Waage gehalten. Ich habe die fünf wichtigsten Einwände herausgesucht und versuche hier, darauf einzugehen. Es geht um den Unterschied zwischen korrekten Ergebnissen und Verstehen, Beispiele für das Nichtverstehen der KI und die ganz grundsätzliche Frage, was unser Gehirn von einem solchen Sprachmodell unterscheidet – abgesehen davon natürlich, dass wir mehr Rechtschreibfehler machen und deutlich langsamer sind. 

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    15 min
  • Warum KI unsere Sprache nie verstehen wird

    Es gibt Wörter, die sehen gleich aus, haben aber einen unterschiedlichen Sinn. «Bank» zum Beispiel kann das Geldhaus meinen, aber auch die Sitzgelegenheit. Und es gibt unterschiedliche Wörter, die dasselbe bezeichnen. Dasselbe Zweirad bezeichnen Deutsche als «Fahrrad» und Schweizer als «Velo». Und dann gibt es Wörter, die einen unterschiedlichen Sinn haben, aber dieselbe Bedeutung. Das berühmteste Beispiel dafür ist «Morgenstern» und «Abendstern». Beide Wörter meinen denselben Planeten, die Venus, unterscheiden sich aber dennoch im Sinn. Dieses Beispiel stammt vom deutschen Mathematiker und Philosophen Gottlob Frege. Ich vermute einmal, dass dieser Name Ihnen nichts sagt. Frege gilt als Begründer der modernen Logik und der analytischen Philosophie – und damit auch als einer der Väter der modernen Sprachverarbeitung. Ich habe Frege vor vielen Jahren im Studium entdeckt. Seine Gedanken haben mir zu einer völlig neue Sichtweise auf die Sprache verholfen. Heute, genau 100 Jahre nach seinem Tod, ist Frege wieder hochaktuell. Wer seine Texte liest, begreift sofort, warum die KI zwar erstaunliche Texte zu produzieren vermag, die Sprache aber nie verstehen kann. Ich lade sie deshalb heute ein zu einer kleinen Zeitreise in die Geschichte der Sprachphilosophie. Einer Zeitreise zu Gottlob Frege.

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    13 min
  • Und führe uns nicht in digitale Versuchung

    Letzte Woche habe ich das Glück des Zufalls beschworen: Serendipity – das Finden von etwas, das man nicht gesucht hat. Alexander Fleming entdeckte so das Penicillin, weil eine Petrischale offen stehen blieb und Schimmel seine Bakterien tötete – ein glücklicher Zufall. Das dunkle Gegenstück zur Serendipity ist die Versuchung: eine Begegnung, die uns vom Weg abbringen will. Die Versuchung zieht oder lockt, meist wider besseres Wissen, in eine andere Richtung. Oft steckt in der Versuchung der Gegensatz zwischen Verstand und Gefühlen oder Trieben. Das Glück des Zufalls können wir nur nutzen, wenn wir der Serendipity offen und neugierig begegnen. Bei der Versuchung ist es gerade umgekehrt: Wir bestehen die Versuchung nur, wenn wir stark und stur auf unserem Weg bleiben. Serendipity testet unsere Flexibilität, Versuchung unsere Selbstkontrolle. Das Problem dabei: In der digitalen Welt ist die Versuchung millionenfacher Alltag. Soziale Netze leben davon – auf Kosten unserer Aufmerksamkeit und unserer Freiheit. Was tun?

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    12 min
  • Serendipity oder das Glück des Zufalls

    Letzte Woche habe ich unseren Gartentisch neu gestrichen. Er hatte es nötig. Als Unterlage habe ich eine alte Ausgabe der «Zeit» verwendet. Beim Streichen ist mir ein Artikel über Reichsbürger aufgefallen – bald legte ich den Pinsel aus der Hand und begann zu lesen. Das ist Serendipity: das glückliche Finden von etwas, das man nicht gesucht hat. Dem Zufall verdanken wir Penicillin, Teflon und Post-it-Zettel. Wir sollten ihn also pflegen. Doch das Gegenteil geschieht: Algorithmen und künstliche Intelligenz filtern beim Surfen, beim Einkaufen, ja sogar bei der Partnersuche das Unerwartete heraus. Wir begegnen fast nur noch dem Erwartbaren und Nützlichen. Dabei verlieren wir nicht nur den Blick über den Rand, sondern auch Inspiration, Anregung – und Glück. Im doppelten Sinn.

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    10 min
  • Brain Building: Denken bis es weh tut.

    Letzte Woche habe ich an dieser Stelle gesagt: Seien Sie nicht naiv im Umgang mit KI – die KI ist schon naiv genug. Die Frage ist natürlich: Was heisst das? Sie und ich, wir sind alt genug, dass wir uns einen Reim darauf machen können. Aber was heisst das für die Schule? Welche Konsequenzen hat eine zwar naive, aber scheinbar allwissende KI für den Unterricht und für die Bildung insgesamt? Schüler und Studenten nutzen die KI mit Handkuss als «Cheat Machine»: als willkommene Abkürzung. Motto: Hausarbeit auf Knopfdruck. Oder: Shakespeare rein, Lernkarten raus. Ganz ohne Lektüre. Easy, schnell – und manchmal gar nicht so schlecht. Bloss ohne jegliche Wirkung. Das Problem: Unser Bildungswesen ist darauf ausgerichtet, Ergebnisse zu überprüfen. Schule und Universität prüfen also, ob die Eleven ein Ziel erreicht, eine Arbeit vollendet oder ein Buch verarbeitet haben. Die Verfügbarkeit von KI stellt das auf den Kopf: Künftig wird nicht mehr das Ergebnis zählen, sondern der Weg dahin. Also das beharrliche Bemühen, etwas selber zu schreiben, selber zu rechnen, selber zu zeichnen – kurz: selber zu denken. Es wird also künftig in Schule und Unterricht weniger darauf ankommen, was man erreicht, als dass man darum kämpft, es zu erreichen. Die Frage ist: Wie schaffen wir das?

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    12 min
  • Wie naiv sind Sie – und wie naiv ist die KI?

    «In der ersten Halbzeit spielten wir naiv.» Das sagte kürzlich der Trainer des FC Luzern. Seine Defensive wurde vom frischen Angriff des Gegners «richtiggehend vorgeführt». Ähnlich erging es diese Woche dem Schweizerischen Bundesrat: Er wurde von Donald Trump vorgeführt. Der Bundesrat verhandelte mit ihm wie mit einem seriösen Staatsmann. Das war naiv: Die Schweizer hätten wissen müssen, dass man den Mann im Weissen Haus ernst nehmen muss, aber nicht wörtlich. Naivität auf dem Fussballplatz oder im Bundeshaus ist gefährlich: Wer zu naiv ist, lässt sich leicht abzocken, weil er Erwartungen, Machtverhältnisse oder Hintergedanken nicht durchschaut. Der naive Tor ist deshalb eine beliebte Figur in Märchen: Er nimmt alles wörtlich und glaubt, was man ihm sagt. Genau so funktioniert auch die Künstliche Intelligenz: Sie kann nur alles wörtlich nehmen. KI hat keinen Zugang zu Gefühlen und Erwartungen, Machtverhältnissen oder Hintergedanken. Und doch: Naivität hat auch gute Seiten. «Es war eine Mischung aus Tatendrang und Naivität», sagte diese Woche Thierry Kneissler in der «Schweizer Familie» rückblickend über die Erfindung von Twint. Wie ihm geht es vielen Erfindern: Ohne Enthusiasmus und Naivität entsteht nie etwas Neues. Ist es also doch gut, manchmal naiv zu sein? 

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    11 min
  • Die Schweiz als Missverständnis. Anmerkungen zum Nationalstaat

    2025 feiert die Schweiz offiziell ihren 734. Geburtstag – seit 1291, heisst es, besteht die Eidgenossenschaft. Das ist natürlich Mumpitz. Die Schweiz, wie wir sie heute kennen, gibt es erst seit 1848. Nach dem Sonderbundskrieg verwandelte die erste Bundesverfassung den losen Staatenbund in einen modernen Bundesstaat – mit Föderalismus, demokratischer Grundordnung, Rechtsstaatlichkeit und Grundrechten. Eigentlich müssten wir den Nationalfeiertag also am 12. September begehen, dem Tag, an dem die Tagsatzung 1848 die Bundesverfassung annahm. Doch das wird kein Politiker vorschlagen: Die heutige Schweiz ist, wie alle Nationalstaaten, nicht auf Vernunft gegründet, sondern eine Vermischung von Heimat, Nationalität, persönlicher Perspektive, Identifikation und ein bisschen Selbsttäuschung. Anders gesagt: Die Schweiz ist ein Missverständnis.

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    13 min

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Matthias Zehnder gibt Ihnen hier jede Woche zu denken. Das Thema: Medien und die Digitalisierung. Das Angebot: Konstruktive Kritik.

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