Matthias Zehnders Wochenkommentar

Matthias Zehnders Wochenkommentar

By Matthias ZehnderSociety & CulturePhilosophy
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Matthias Zehnders Wochenkommentar episodes

  • Eurovision Song Contest: Voyage ins Post-Ironische

    «Mes yeux candides découvrent le monde d’une façon naïve à faire confondre les démons de la nuit.» Also etwa: «Meine unschuldigen Augen entdecken die Welt auf eine so naive Weise, dass es die Dämonen der Nacht verwirrt.» Die «Dämonen der Nacht» sind ein klassisches Motiv für das Böse, das in der Phantastischen Literatur durch kindliche Reinheit herausgefordert wird. Die Zeile stammt aber nicht aus einem Märchen oder einem Roman der Phantastik: Mit diesen Worten beginnt das Lied «Voyage», mit dem die  Songwriterin Zoë Më aus Fribourg die Schweiz am Eurovision Song Contest vertritt. Kindliches Staunen gegen die Dämonen der Nacht – das ist zugleich eine gute Überschrift für einige Gedanken über den ESC. Hier in Basel kommt man dieser Tage schlicht nicht um den Eurovision Song Contest herum. Ich lade Sie deshalb dazu ein, mit mir ein bisschen über diesen seltsamen europäischen Musikwettbewerb nachzudenken. Es ist Freitag, der 16. Mai – die beiden Halbfinal-Shows sind vorbei, das grosse Finale findet aber erst morgen statt. Ich weiss also nicht, was da passiert und wer gewinnt. Das spielt für unsere Zwecke aber keine Rolle: Mir geht es darum, gemeinsam mit Ihnen mit «unschuldigen Augen» die Welt des ESC zu betrachten und darüber nachzudenken. Denken Sie mit?

    Matthias Zehnder ist Autor und Medienwissenschaftler in Basel. Er ist bekannt für inspirierende Texte, Vorträge und Seminare über Medien, die Digitalisierung und KI.
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    13 min
  • Sprache und Denken Vol 2: Warum Sprache so wichtig ist

    Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen Sprache und Denken - und das ist eine schlechte Nachricht, denn es steht nicht gut um die Sprachkompetenz. Darüber habe ich letzte Woche mit Ihnen nachgedacht. Hunderte von Kommentaren haben mich daraufhin erreicht - erst einmal vielen Dank dafür und bitte entschuldigen Sie, dass ich nicht alle persönlich beantworten kann. In vielen Kommentaren war so etwas wie Erleichterung zu spüren: Endlich sagt das mal jemand. Lehrerinnen und Lehrer aller Stufen haben sich gemeldet und berichtet, wie schlecht es um die Sprachkompetenz ihrer Schüler und Studenten bestellt ist. Wie schade und wie traurig $sie es finden, dass ihre Schülerinnen und Schüler kaum noch lesen und Studenten kaum noch in der Lage sind, ein komplizierteres Buch zu lesen. Ich habe aber auch kritische Rückmeldungen erhalten. Im Wesentlichen sind es drei Kritikpunkte, auf die ich näher eingehen möchte. Der erste Punkt betrifft Zweifel an der Kernaussage, dass Sprache und Denken eng zusammenhängen. Es geht auch ohne Sprache. Der zweite Punkt betrifft meine technologiekritischen Anmerkungen. Dagegen gibt es immer auch Widerstand. Motto: Alter, wach auf, die Eisenbahn war auch mal neu. Der dritte Punkt betrifft «die Jugend»: Schon Sokrates habe über die Jugend geklagt - alles halb so schlimm. Wirklich? Schauen wir es uns gemeinsam an – denken Sie mit?

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    18 min
  • Die Sprache beeinflusst das Denken – oha!

    Etwa 7000 Sprachen gibt es auf der Welt. Viele davon funktionieren ganz anders als Deutsch und Englisch. Sie haben nicht nur andere Grammatiken, ihre Sprecherinnen und Sprecher haben auch andere Vorstellungen von Zeit und Raum, von Farben oder Gerüchen als wir. Offensichtlich gibt es einen engen Zusammenhang zwischen Sprache und Denken. Das ist eine schlechte Nachricht, denn wir sind dabei, Sprache und Sprachkompetenz zu verlieren, und zwar aus mehreren Gründen. Erstens reduziert sich unsere Welt immer mehr auf die angloamerikanische Sichtweise. Zweitens verstärken die KI-Tools aus den USA diesen Trend - und machen uns zudem sprachfaul und bequem. Und drittens nimmt die Lesekompetenz und damit die Sprachkompetenz rapide ab. Wenn aber Sprache unser Denken beeinflusst, dann sägen wir gerade heftig an dem Stuhl, auf dem wir sitzen. Glücklicherweise ist das Gehirn ein sehr plastisches Organ. Das bedeutet, es kann sich schnell erholen. Vorausgesetzt, Sie tun das Richtige.  Was das ist, das sage ich Ihnen diese Woche – wenn Sie sich mit mir darauf einlassen, über den Zusammenhang von Sprache und Denken nachzudenken. 

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    18 min
  • Digitale Souveränität: Ist der Zug schon abgefahren?

    Letzte Woche habe ich an dieser Stelle zu mehr digitaler Souveränität in Europa aufgerufen und dafür viel Zustimmung erhalten. «Absolut korrekt», schreibt zum Beispiel MikeEnough auf YouTube. «Ich kann das Gesagte nur unterstützen. Wer es jetzt noch nicht verstanden hat, der liegt im Tiefschlaf.» Allerdings haben mich auch viele Fragen erreicht. Sie lassen sich zu drei Themen zusammenfassen: 1. Was kann ich schon ausrichten? 2. Ist der Zug für Europa nicht schon längst abgefahren? 3. Und was ist mit den digitalen Medien? Die Antworten lauten: 1. viel, 2. nein und 3. das ist nicht ganz einfach, aber ich gebe Ihnen gerne einen Hinweis. Das Wichtigste ist, dass wir alle unser digitales Schicksal selbst in die Hand nehmen. Das ist weder teuer, noch braucht man dafür besondere Technik. Digitale Souveränität bedeutet vor allem, dass wir digital kompetent werden und uns nicht mehr so leicht von grossen Konzernen verführen lassen. Man könnte auch sagen: Ziel muss es sein, dass wir alle digital mündig werden und aus eigener Kraft über unser digitales Leben entscheiden können. Anlass dazu gibt es genug.

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    13 min
  • Warum es Zeit ist für (etwas) digitale Souveränität in Europa

    Was war das für eine Woche! Zuerst lancierte Präsident Donald Trump ein unausgegorenes Paket mit gigantischen Zöllen. Das war so unüberlegt, dass er zum Beispiel eine Inselgruppe besteuern wollte, die hauptsächlich von Pinguinen bewohnt wird. Das liess die Aktienkurse auf der ganzen Welt abstürzen und vernichtete «Trillions of Dollars». Donald Trump zuckte nur mit den Schultern – bis der Markt für US-Treasuries ins Wanken geriet. Diese amerikanischen Staatsanleihen sind so etwas wie das Fundament des globalen Finanzsystems. Das niederzureissen, davor schreckt sogar Donald Trump zurück. Also nahm er die Zölle einen Tag nach Inkrafttreten wieder zurück: Ups. Nur mit China ist Trump noch am Armdrücken. Aktueller Stand heute Freitag, 11. April, 17 Uhr mitteleuropäischer Zeit: Die USA verlangen 145 Prozent Zoll auf chinesische Güter, China verlangt 125 Prozent Zoll auf amerikanische Waren. Das ist crazy und wird nicht gut ausgehen. Aber auch hierzulande applaudieren viele Politiker Trump und feuern ihn im Kampf gegen China an. Sie sollten mal einen Blick auf ihr Smartphone werfen, auf die Herkunft der Elektronik in ihrem Auto oder die Innenseite ihrer Baseball-Kappe. Wenn das Ziel ist, sich von China abzukoppeln, dann haben wir einen sehr langen und sehr steinigen Weg vor uns. Doch wir sind in Europa nicht nur abhängig von asiatischer Produktion, sondern auch von Software und Services aus den USA. Die gute Nachricht: Die digitale Entkoppelung ist wesentlich einfacher als das Zurückholen von Fabriken. Die schlechte Nachricht: Das Hindernis sind die Gewohnheiten der Menschen.

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    17 min
  • Elon Musk, Donald Trump und der Staat als Firma

    In der vergangenen Woche haben wir an dieser Stelle gemeinsam über die Rolle von Elon Musk im amerikanischen Staat nachgedacht: Der reichste Mann der Welt fuhrwerkt ohne demokratisches Mandat mit der Kettensäge durch die Bundesverwaltung und fördert dabei ganz ungeniert seine eigenen Interessen. Seitdem haben sich die Ereignisse überschlagen. Donald Trump will im Stile eines Diktators der Welt völlig abstruse Zölle aufzwingen. Sein Gesundheitsminister entlässt Tausende von Mitarbeitern, die im Seuchenschutz und in der Gesundheitsprävention tätig sind. Aussenminister Marco Rubio entzieht ausländischen Studierenden die Aufenthaltserlaubnis. Trump bringt mit harter Hand Spitzenuniversitäten auf seine Linie. Und Elon Musk hat versucht, mit Millionen aus seinem Privatvermögen eine Richterwahl in Wisconsin zu kaufen. Zumindest das ist gescheitert. Wir schauen uns alle nur noch kopfschüttelnd an: Es ist der nackte Wahnsinn. Aber ist es das wirklich? Ich glaube, hinter dem Handeln von Trump und Musk steht eine simple Logik: Die beiden sind dabei, den amerikanischen Staat in ein Unternehmen zu verwandeln. Für sie ist der Kapitalismus nicht ein Funktionsprinzip des Staates, sie wollen es umdrehen und den Staat zu einer Erscheinungsform des Kapitalismus machen. Ihr simples Werkzeug: Macht und Moneten. Kalt, brutal und effizient. 

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    14 min
  • Elon Musk, der Staat und das grosse Missverständnis

    Ich verfolge Elon Musk seit Jahren als Tech-Journalist und als Weltraum-Enthusiast. Als er 2022 Twitter übernahm, war ich gespannt darauf, ob er der Medienbranche neue Impulse verleihen könnte. Als er politisch immer weiter nach rechts abdriftete, war ich enttäuscht. Dass er Verschwörungstheorien verbreitet, hat mich entsetzt. Als Person hat er sich für mich von einem schrägen Daniel Düsentrieb zu einer bedrohlichen Lex-Luthor-Figur entwickelt. In den letzten Wochen hat Elon Musk nicht mehr als Erfinder und Manager Schlagzeilen gemacht, sondern als Chef von Doge, dem Department of Government Efficiency in den USA. Auch bei uns werden Stimmen laut, die sich einen Elon Musk in der Regierung wünschen, einen genialen Manager, der den Staat auf Effizienz trimmt, den Bürokratiedschungel lichtet und die Verwaltung zurückschneidet wie einen lästigen Strauch im Garten. Bloss: Kann das funktionieren? Lassen sich die Managementmethoden von Elon Musk auf den Staat übertragen? Sind seine Führungsprinzipien auch für die Verwaltung geeignet? Ich habe mir noch einmal die verfügbaren Bücher über Elon Musk und seine Arbeitsweise vorgenommen, die Berichterstattung analysiert und daraus den Algorithmus des Elon Musk destilliert. Und dann habe ich diesen Algorithmus mit den Aufgaben des Staates verglichen. Das Resultat: Die Sehnsucht nach Elon Musk ist ein gigantisches Missverständnis.

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    22 min
  • Politiker, Wahrheit und Lügen Vol 2 – Reaktionen

    Was hat Politik mit Wahrheit zu tun? Über diese Frage haben wir hier letzte Woche nachgedacht. Die vorläufige Antwort: Wenig, denn Politik handelt von der Zukunft, von einer möglichen, wünschbaren oder drohenden künftigen Welt. Und über die Zukunft können Politiker sagen, was sie wollen. Solche Aussagen können nicht wahr sein, sondern allenfalls wahrscheinlich. Allerdings verwandelt sich die Zukunft irgendwann in Gegenwart und dann kommt es zum grossen Test: Beugen sich die Politiker der Realität oder versuchen sie, die Realität ihrer Politik anzupassen? An diesem Punkt befinden sich die USA. Das habe ich letzte Woche anhand der amerikanischen Wirtschaftsdaten zu zeigen versucht. Darauf haben mich viele Reaktionen erreicht. Auf fünf Aspekte möchte ich näher eingehen. Der erste Punkt betrifft Friedrich Merz. Auch in Deutschland kollidierten in der Politik gerade Wunschvorstellungen und Realität. «Merz hat gelogen», lautet das Verdikt. Schauen wir uns die Sache genauer an. Der zweite Punkt betrifft den «Sumpf der Bürokratie», den Elon Musk gerade mit seiner Kettensäge umpflügt – was als Bild so schlecht funktioniert wie das, was er in der Realität anstellt. Die dritte Frage, auf die ich kurz antworten möchte: Wer bezahlt und beeinflusst mich? Der vierte Punkt betrifft die Zahlenbasis: Was haben Arbeitslosenquoten oder Aktienindizes mit der Realität der kleinen Leute zu tun? Und schliesslich der fünfte Punkt: Die Wahrheit wird sich durchsetzen. Die Frage ist bloss: wann? 

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    19 min
  • Warum Politiker es nicht mit der Wahrheit haben.

    US-Vizepräsident J.D. Vance sagt, Joe Biden habe die amerikanische Wirtschaft ins Verderben geführt. Das ist eine gewagte Behauptung, denn sie lässt sich rasch überprüfen: Das Gegenteil ist der Fall. Noch nie in den letzten 50 Jahren ging es beim Amtsantritt eines neuen US-Präsidenten der Wirtschaft besser. Das ändert sich zwar grad rapide, weil die USA unter Donald Trump ökonomisches Harakiri machen. Bei Amtsantritt hat die Wirtschaft aber gebrummt. J.D. Vance lügt. Die Frage ist: Warum? Wie kommt ein Politiker dazu, in einem so einfach überprüfbaren Fall zu lügen? Das Problem ist: Politik hat wenig bis nichts mit Wahrheit zu tun. Wahrheit bedeutet, dass eine Aussage mit der Realität übereinstimmt. Politik aber handelt von der Zukunft, von einer möglichen, wünschbaren oder drohenden künftigen Welt. Über diese künftige Welt lassen sich keine wahren Aussagen machen, weil sie noch nicht Realität ist. Also können Politiker über die Zukunft sagen, was sie wollen. Die Probleme beginnen spätestens dann, wenn die Gegenwart diese beschworene Zukunft einholt. Dann kommt es zum Lackmustest: beugt sich die Politik der Wahrheit oder versucht sie umgekehrt, die Wahrheit ihrer Politik zu beugen? An genau diesem Punkt stehen die USA heute. In diese Gefahr begeben sich aber auch Politiker hierzulande. Denn Politiker haben es nicht mit der Wahrheit.

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    22 min
  • Bullshit Vol. 2: Fragen, Reaktionen und die Sache mit der Wahrheit

    Letzte Woche habe ich Ihnen an dieser Stelle erklärt, warum der amerikanische Präsident Donald Trump ein «Bullshitter» ist. Das Wort «Bullshit» als Bezeichnung für Aussagen, die sich nicht um Wahrheit, sondern nur um Wirkung kümmern, hat der amerikanische Philosoph Harry G. Frankfurt schon 2006 definiert. Ein Bullshitter ist kein Lügner. Wer lügt, verändert die Wahrheit gezielt – und muss sich deshalb gut mit der Wahrheit auskennen. Ein Bullshitter kümmert sich nicht um die Wahrheit, deshalb nützt es auch nichts, Donald Trump mit Faktenchecks der Lüge zu überführen. Es interessiert ihn schlicht nicht. Das also war mein Thema letzte Woche. Ich habe auf den Kommentar hin viele positive Reaktionen erhalten, herzlichen Dank für den Zuspruch. Das tut gut. Natürlich waren auch kritische Rückmeldungen darunter. Auf fünf Aspekte möchte ich näher eingehen. Der erste Punkt: Warum geht es immer nur gegen rechts? Die «Woken» sind auch Bullshitter. Jemand schrieb, ich sei halt ein linker Ideologe. Interessante Bemerkung, aber falsch. Warum, das sage ich Ihnen gern. Der zweite Punkt dreht sich um die Person von Donald Trump: Warum geht es immer gegen den amerikanischen Präsidenten? Das ist einfach zu beantworten. Und: Nein, Mitleid ist fehl am Platz. Auch der dritte Punkt dreht sich um den Mann im Weissen Haus: Aber Donald Trump hat manchmal auch recht und sagt die Wahrheit. Ist er also doch kein «Bulshitter»? Der vierte Punkt ist spannend. Es geht um die Frage, ob Gefühle auch Fakten sind. Die Rückmeldung lautete: Gefühle können auch wahr sein. Können sie das wirklich? Und was bedeutet das? Und schliesslich der fünfte Punkt: In der Auseinandersetzung mit einem «Bullshitter» haben wir keinen Stich! Was sollen wir also tun?

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    20 min

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