ERF Plus - Bibel heute

Paulus in der Rolle des Narren


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Wann hatten Sie zuletzt die Nase gestrichen voll? Vielleicht, weil Ihnen jemand querkam? Oder etwas hat Sie massiv gestört, und Sie dachten: „Jetzt muss ich aber mal was dazu sagen, es reicht mir“? Wenn Sie das schon mal erlebt haben, dann sitzen Sie hier mit dem Apostel Paulus in einem Boot.

Ich weiß natürlich nicht, welchen Anlass Sie persönlich hatten.

Bei Paulus hat man den Eindruck, dass ihm der berühmte Kragen geplatzt ist.
Ihm reicht es jetzt. Deshalb sagt er: „Ich rede jetzt mal nicht dem Herrn gemäß“.
Und spätestens an der Stelle, finde ich, wird es interessant.

Denn Paulus kommt so richtig ins Rollen. Und wir, die das heute lesen und versuchen nachzuvollziehen, wir kommen aus dem Staunen, aus der Irritation, aus dem Zählen nicht mehr heraus. Wie viele Peitschenhiebe waren das jetzt? Und Steinigungen?

Und wie oft steht da das Wort „Gefahren“?

Am Ende berichtet Paulus: Er wurde in einem Korb aus dem Fenster gelassen, um zu fliehen. Und wir dürfen uns auch erst mal hinsetzen und gewahr werden, was das jetzt für ein Gewitter war.

Der Reihe nach.

Das Leben von Paulus war nicht geradlinig und störungsfrei. Er war Apostel Jesu Christi und als solcher unterwegs. Schutz vor Kritik und Anfeindungen bot ihm das aber nicht. Auch aus den eigenen Reihen gab es Widerstand. Und so kam es, wie es unter uns Menschen manchmal kommen muss: Ein Machtkampf war entbrannt. In der Gemeinde in Korinth hatte Paulus Gegenspieler.

Es ging um seine Person, seine Theologie und seine Rhetorik. Denn es gab welche, die sich an ihm störten. Daher ist das ganze Kapitel 11 dieses 2. Korintherbriefes von dieser Auseinandersetzung geprägt. Manche Bibelausgaben haben daher die Überschrift „Paulus und die falschen Apostel“ darüber gesetzt.

Ein Machtkampf also. In einer christlichen Gemeinde. Solch ein Streit an der Spitze, der sich bis in die Breite der Gemeinde auswirkt, hat nichts Schönes. Wenn Menschen um Einfluss und Anerkennung buhlen, wird es oft sehr kompliziert. Mit einfachen Mitteln ist dem oft nicht beizukommen. Auch fromme Argumente oder Gebet helfen da erst mal nicht viel. Denn bei Paulus ging es auch um die Deutungshoheit. Und damit am Ende um die Frage: die oder ich?

Ich denke mir, dass Paulus von diesen Störungen sicher total genervt war. Aber er nahm es wahrscheinlich als Herausforderung, an seiner Person, an seiner Theologie und seinem Dienst zu feilen. Sprich: sein Profil zu schärfen und Position zu beziehen. Das macht er also hier. Und wie.

Er ruft uns und sich in Erinnerung, aus welchem Stall er kommt. Ein Hebräer, ein Israelit, ein Nachkomme Abrahams ist er. Und dazu ein Diener und Apostel Christi.

Aber dann greift er doch zu einem ungewöhnlichen Mittel der Verteidigung, auch wenn es dem ersten Anschein nach um Erfolge geht, wenn er sagt: „Ich habe mehr gearbeitet als sie alle“.

Geht es hier plötzlich um Zahlen? Zählt das Leistungsprinzip?

Die Anzahl der Taufen? Das Gemeindewachstum? Die Bücher und Briefe, die er geschrieben hat? An seinen großen Leserkreis?

Von wegen.

Paulus schlägt eine andere Richtung ein und macht seinen Erfolg an etwas anderem fest: am Widerstand, der ihm im wahrsten Sinne des Wortes entgegenschlägt.

Er berichtet: „Ich bin dreimal mit der Rute und vierzigmal weniger einen Hieb geschlagen worden“. Dazu die Gefängnisaufenthalte und die Entbehrungen und Strapazen wie Hunger, Durst und Gefahren auf den Reisen, sei es zu Fuß oder mit dem Schiff.

Paulus wirft das alles in die Waagschale, um zu zeigen, dass er den ihm ins Gesicht blasenden Gegenwind als Auszeichnung betrachtet. Er, Paulus, ist kein Weichei, er ist voll belastbar, konfliktfähig und leidensfähig.

Gerade das Letztere, die Leiden und die Strapazen, hat Paulus auch mit geistlichen Augen betrachtet. War er nicht Knecht Christi? Ist Widerstand nicht der Normalfall? Gerade für einen Missionar wie ihn?

War nicht Jesus selbst auch Bedrängnissen, Not und Leid ausgesetzt?

Und hat Jesus nicht auch seine Kämpfe führen müssen?
Warum soll es einem Nachfolger, insbesondere einem Apostel und Diener Christi wie Paulus wesentlich anders gehen?

Paulus rühmt sich dieser Leiden und Schwierigkeiten. Weil er auf der anderen Seite weiß: Die ganze Welt und das ganze Leben sind am Ende doch in Gottes Hand. Und so kann er das Visier hochklappen und seinen Kritikern und Widersachern ins Angesicht gucken und Klartext reden.

Man könnte auch sagen: Paulus nahm sich wichtig genug, um sich nicht kleiner zu machen als er ist. Ihm ging es dabei natürlich auch um die Sache an sich, das Evangelium, die Gemeinde, um die man streiten kann und manchmal kämpfen muss.

Manche Kämpfe müssen also angenommen und geführt werden.

Ich persönlich neige dazu, eher behutsam und dosiert in solchen Sachen vorzugehen. Denn nicht jede Meinungsverschiedenheit ist gleich ein Machtkampf. Und man muss nicht gleich alles sagen, was einem durch den Kopf geht.

Es ist vielleicht auch eine Frage des eigenen Naturells und des Temperaments, wie man sich äußert, auftritt und agiert. Ich merke: Paulus und ich ticken da etwas unterschiedlich.

Aber wenn uns eine Sache richtig nervt, dann überlegen wir doch mal, wie wir unsere Gedanken und Gefühle, unser Gewicht und unsere Opfer, die wir gebracht haben, in die berühmte Waagschale einbringen können..

Denn dieser Text von Paulus kann auch ein Appell an Sie und mich sein:
Lass dich nicht unterkriegen. Weder von Menschen noch von Mächten.

Autor: Dirk Cehak

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