In aller Ruhe

"Unbequeme Meinungen hören" – Miriam Rürup bei Carolin Emcke über Deutschlands Umgang mit Antisemitismus


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Es ist der 29. Januar. Am Vormittag findet im Bundestag eine Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus statt. Am selben Tag bringt die CDU einen Entschließungsantrag zur Verschärfung der Migrationspolitik in den Bundestag ein, der mithilfe von Stimmen der AfD beschlossen wird. Die Aufregung über diesen Tabubruch ist groß. So groß, dass fast untergeht, dass in derselben Bundestagssitzung später auch noch eine Resolution gegen Antisemitismus beschlossen wird.

Über die Symbolik dieser Bundestagssitzung und über Deutschlands Umgang mit Antisemitismus spricht Carolin Emcke in dieser Folge des Podcasts mit der Leiterin des Moses Mendelssohn Zentrums in Potsdam, Miriam Rürup.

Transparenzhinweis: Carolin Emcke ist Mitglied im Verein des Moses Mendelsohn Zentrums.

Miriam Rürup, geboren 1973 in Karlsruhe, ist Professorin für Geschichte. Sie wuchs in einer jüdischen, säkular lebenden Familie auf und forscht als Historikerin unter anderem zur deutsch-jüdischen Geschichte sowie zur Geschichte und Nachgeschichte des Nationalsozialismus. Seit 2020 leitet Rürup das Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien.

Die Universitäten sollen sich zu einer umstrittenen Definition bekennen

Im Gespräch mit Carolin Emcke erzählt Rürup, wie sehr die Bundestagssitzung des 29. Januar 2025 ihr Vertrauen in die Demokratie erschüttert hat. Die Historikerin kritisiert dabei nicht nur den Antragsbeschluss mit Stimmen der AfD. Sondern auch, dass die Resolution gegen Antisemitismus ausgerechnet am Gedenktag für die Opfer der Nationalsozialismus beschlossen wurde. Sie sieht darin „eine Instrumentalisierung jener vermeintlich historischen Verantwortung, aus der heraus man zu handeln vorgibt.“
Doch nicht nur deshalb kritisiert die Leiterin des Moses Mendelssohn Zentrums die Resolution. Sie baue auf der Grundannahme auf, dass Universitäten nicht in der Lage seien, eigenständig gegen Antisemitismus vorzugehen. Gleichzeitig zwinge sie die Bildungseinrichtungen dazu, sich zu einer sehr spezifischen Definition von Antisemitismus zu bekennen. „Es ist eine politische Definition, die wissenschaftlich umstritten ist, die dennoch ihre Berechtigung haben kann, aber die man nicht in Form eines Bekenntnisses von einer Institution verlangen kann.“

Es braucht breite gesellschaftliche Bündnisse gegen Antisemitismus, keine eng gefassten Resolutionen

Rürup befürchtet, dass die eng gefasste Resolution den freien wissenschaftlichen Diskurs gefährden könnte. Bei der Organisation von Tagungen oder Vorträgen könnten wissenschaftliche Einrichtungen davor zurückschrecken, bestimmte Rednerinnen und Redner sprechen zu lassen. Das passiere schon jetzt und betreffe „überproportional Jüdinnen und Juden“, etwa Politikerinnen und Autoren, die für eine harsche Kritik an der israelischen Politik bekannt sind.
Diese „Selbstzensur“ werde im gesellschaftlichen Diskurs zurzeit auch durch rechte Akteure vorangetrieben, die den Kampf gegen Antisemitismus für ihre Zwecke instrumentalisieren. Deshalb macht sich Miriam Rürup im Podcast für breite Bündnisse gegen Antisemitismus stark sowie für einen Diskurs, in dem unterschiedlichste Stimmen zu Wort kommen dürfen. „Wir müssen frei sprechen können, und wir müssen Meinungen zulassen, auch wenn wir mit ihnen nicht übereinstimmen.“

Empfehlung von Miriam Rürup

Als Kulturtipp empfiehlt Miriam Rürup das Buch „Im Namen der Würde“ von dem kürzlich verstorbenen Historiker Habbo Knoch. Dieser untersucht darin die Genese des berühmten ersten Satzes des Grundgesetzes „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Rürup koppelt ihre Empfehlung mit einem Zitat, dass Knoch seinem Buch vorangestellt hat, „Weil es eigentlich alles aussagt, was wir in den letzten anderthalb Stunden besprochen haben: Man lässt keine Menschen ertrinken. Punkt.“ Knoch hat diesen Satz von dem Verein „United for Rescue“ übernommen, der sich für Seenotrettung einsetzt.

Moderation, Redaktion: Carolin Emcke

Redaktionelle Betreuung: Ann-Marlen Hoolt
Produktion: Imanuel Pedersen
Bildrechte Cover: Thomas Roese/Bearbeitung SZ

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In aller RuheBy Süddeutsche Zeitung & Carolin Emcke

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