Kein Volk bezeichnete sich als "Germanen"
Das Bild von den "alten Germanen" als den Ur-Deutschen ist aus mehreren Gründen schief. Erstmal gab es nie ein Volk, das sich selbst als "die Germanen" bezeichnet hat. Das Wort war eine Fremdbezeichnung der Römer für verschiedene Stämme in dem Gebiet nördlich der Alpen und östlich des Rheins, erklärt der Frankfurter Historiker Andreas Fahrmeir:
Die Germanen waren es aus der Wahrnehmung der Römer, die sich allerdings auch bewusst sind, dass es ganz viele verschiedene Gruppen gibt, die in dem, was sie Germanien nennen, siedelten. Es gibt aber nicht eine einheitliche Volksgruppe, die sich als Germanen verstehen würde.
Quelle: Andreas Fahrmeir, Historiker
Mit den "Germanen" verhält es sich also ein wenig wie mit den "Indianern" – beides sind kollektive Fremdbezeichnungen, die von außen auf Völker übergestülpt werden, die sich selbst nicht gar als eine gemeinsame Einheit betrachtet haben.
Gründungsmythos Varusschlacht
Das, was die Römer Germanien nannte, hätte Kaiser Augustus sich gerne einverleibt, doch seine Legionen wurden im Jahr 9 n. Chr. in der berühmten Varusschlacht von dem Cherusker Arminius und seinen Verbündeten geschlagen.
Sehr viel später wurde dieses Ereignis zu einer Art deutschem Gründungsmythos verklärt. Auch das zu Unrecht, denn das war kein gesamtgermanischer Befreiungsschlag gegen die Römer, sondern ein regional begrenzter Aufstand.
Arminius, im Deutschen auch Hermann genannt, kämpfte nicht für die Germanen, die es in ihrer Gesamtheit ja gar nicht gab, sondern nur als Cherusker; das war einer von vielen Stämmen.
"Germania" – Schrift des römischen Geschichtsschreibers Tacitus
Es war der römische Historiker Tacitus, der dieses Ereignis festgehalten und auch ein Buch mit dem Titel "Germania" geschrieben hat. – Dieses Buch ist, allerdings erst Jahrhunderte später, der Anlass, die Germanen als die ursprünglichen Deutschen zu betrachten.
"Die Vorstellung kommt im 15. Jahrhundert auf", sagt Fahrmeir – also fast anderthalb tausend Jahre nach der der Varusschlacht – "als Tacitus' Text wiederentdeckt wird und in der Diskussion über den Wert von Kulturen in Europa die Germanen als Stellvertreter für die Deutschen aufkommen und in der Konkurrenz zu Italien und Frankreich diskutiert werden."
Völkerwanderung: Teil der Stämme sucht sich neue Heimat
Die Gleichsetzung der alten germanischen Stämme mit den späteren Deutschen scheitert noch aus einem anderen Grund: Denn nach dem Zerfall des römischen Reichs gab es noch die sogenannte Völkerwanderung. Und mindestens ein Teil der Stämme, die zwischen Alpen und Nord- und Ostsee lebten, haben sich eine neue Heimat gesucht. Franken zogen nach Westen, Angeln und Sachsen auf die britischen Inseln, Westgoten nach Spanien, Ostgoten Richtung Schwarzes Meer. Wobei es heute eher als fraglich gilt, dass wirklich ganze Völker gewandert sind:
Wie groß diese Gruppen sind, ist in der Forschung nicht so klar. Das heißt, es kann sein, dass nur ganz wenige Personen wirklich wandern, aber dass das zur Veränderung von Ortsnamen, zur Veränderung von Sprachen, zur Veränderung von kulturellen Gewohnheiten führt, die dann in der rückblickenden Erklärung als Wanderung eines ganz großen Bevölkerungszuges gedeutet werden.
Quelle: Andreas Fahrmeir, Historiker
Wort "deutsch" kommt in der Zeit des Heiligen Römischen Reichs auf
Das Wort "deutsch" kommt erst Jahrhunderte später auf, in der Zeit des Heiligen Römischen Reichs. Ursprünglich hieß es "theodiscus", was so viel bedeutete wie "volkstümlich" oder "zum Volk gehörig". Der Begriff tauchte zur Zeit Karls des Großen auf, also um das Jahr 800, ohne schon konkret eine deutsche Sprache zu meinen.
Er bedeutet aber einfach nur: Eine Sprache des Volks, nicht: Die Sprache deutsch, sondern einfach eine Sprache, die nicht Latein ist.
Quelle: Andreas Fahrmeir, Historiker
Erst nachdem das Reich Karls des Großen zerfiel, wurde "deutsch" zur Bezeichnung für die Art von Sprache, die das Volk eben im Ostfränkischen Reich vor allem sprach – und das war ja nur eine von vielen germanischen Sprachen, eben eine westgermanische Sprache im Unterschied etwa zu den nordgermanischen, wie sie in Skandinavien gesprochen werden. Doch das Reich hieß noch immer "Heiliges Römisches Reich". Die Bewohner lebten noch lange nicht im Bewusstsein, dass sie "Deutsche" wären.
Bis überhaupt das Heilige Römische Reich den Zusatz "Deutscher Nation" bekam, dauert es bis Ende des 15. Jahrhunderts. Es bedeutet nicht, dass das Reich auf Deutsch verwaltet würde, die Verwaltungssprache bleibt lange Latein. Große Teile des östlichen Frankreichs gehören damals auch zu diesem Reich – Burgund etwa, Norditalien. – Insofern ist das Reich von der Konzeption her alles andere als deutsch.
Quelle: Andreas Fahrmeir, Historiker
Ab dem 19. Jahrhundert: Nation und Identität
Bis zum Selbstverständnis einer gemeinsamen deutschen Identität vergingen noch Jahrhunderte. Erst im 19. Jahrhundert mit dem "Deutschen Bund" und der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 wurde Deutsch-Sein wirklich zu einem prägenden Teil des Identitätsgefühls seiner Bewohner.