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Das Gericht unterbricht harsch. Der eigene Gedanke ist noch nicht zu Ende formuliert. Jetzt weiterreden, schneller werden, sich rechtfertigen – oder erst verstehen, worauf die Frage zielt? In diesem Moment entscheidet sich, ob die Vorbereitung auch dann trägt, wenn die Verhandlung aus dem Ruder zu laufen droht.
Duri Bonin führt in dieser Folge von «Matchball-Momente» vom Einüben einer Routine zu ihrem Einsatz am Prüfungstag und vor Gericht. Der Zürcher Strafverteidiger greift Trainingsideen von Jürgen Klopp und Pep Guardiola auf: Wer eine Leistung unter schwierigen Bedingungen abrufen will, muss diese Bedingungen in die Vorbereitung einbauen. Dazu gehören Unterbrechungen, ein verlorener Faden, eine notwendige Korrektur und ein unerwarteter Einwand.
Für Anwält:innen und Staatsanwält:innen wird daraus eine konkrete Aufgabe: den ersten Satz und die Rückkehr nach einer Störung vorbereiten. Im Gerichtssaal geht es um Menschen, deren Freiheit und Zukunft vom Verfahren berührt werden.
Darum geht es in dieser Folge
Am Entscheidungstag wird die Routine kürzer
Am Entscheidungstag braucht es einen vertrauten Ablauf, der auch ohne Musik funktioniert. Auf dem Weg kann der gewählte Song noch dazugehören. Im Prüfungsraum oder im Gerichtssaal bleiben die kleinen Schritte: die Füsse wahrnehmen, ausatmen, den eigenen Satz erinnern und mit dem Ordnen beginnen.
«Ich ordne zuerst» benennt eine unmittelbar ausführbare Handlung. Die Antwortstruktur folgt daraus. Vertraut wird dieser Einstieg durch die Wiederholung vor dem Entscheidungstag.
Klopp und Guardiola: Auch die Störung gehört ins Training
Ein Penalty nach dem Fehlschuss eines Mitspielers ist eine andere Drucksituation als ein ungestörter Trainingsversuch. Für Bonin müssen deshalb auch die Bedingungen geübt werden, unter denen eine Leistung gebraucht wird.
An Jürgen Klopp knüpft er die Vorbereitung auf belastende Spielsituationen, an Pep Guardiola die Verbindung zwischen Training und späterer Leistung. Eine entsprechende Vorbereitung auf das Plädoyer enthält deshalb auch Zwischenfragen.
Liverpool dokumentiert Übungen mit Behinderungen und engem Raum für Torhüter. Manchester City beschreibt unter Guardiola das Halten des Balls unter Druck und die genaue Arbeit an Spielsituationen. Bonins Übertragung lautet: trotz einer Störung zuhören, ordnen und sinnvoll fortfahren.
Der erste Satz muss tragen
Vor der ersten Hauptverhandlung lassen sich Einstieg, Gliederung, Vorfragen und die drei wichtigsten Punkte vorbereiten. Dazu gehört, wie eine Korrektur ausgesprochen und nach einer Unterbrechung an die Argumentation angeknüpft wird.
Duri beschreibt seine persönliche Routine, das Plädoyer drei Wochen vor der Gerichtsverhandlung auszuarbeiten. Er möchte den Fall und seine Argumentation so gut kennen, dass er nicht an jedem Wort des Manuskripts hängt.
Der erste Satz muss einen sachlich passenden Anfang ermöglichen. Das gilt ebenso für die Anwaltsprüfung. Er braucht keine besondere Genialität; die Antwort muss sich von ihm aus entwickeln lassen.
Wenn das Gericht unterbricht: Tempo herausnehmen, den Einwand verstehen
Der Gedanke soll unbedingt noch zu Ende gebracht werden; eine Nachfrage fühlt sich wie Kritik an der gesamten Vorbereitung an. Bonin empfiehlt, genau in diesem Moment nicht zu beschleunigen.
Ausatmen, zuhören und klären, worauf die Unterbrechung zielt: Fehlt eine Erklärung? Ist ein Begriff ungenau? Bleibt eine bestimmte Frage unbeantwortet?
Ein sachlicher Einwand kann eine Präzisierung oder Korrektur verlangen. Bleibt die eigene Auffassung bestehen, braucht sie eine klare Begründung. Ruhig zu reagieren bedeutet, den eigenen Standpunkt verständlich zu vertreten. Die Aufmerksamkeit soll bei der Sache bleiben.
Die beschuldigte Person braucht eine handlungsfähige Verteidigung
Die beschuldigte Person sitzt daneben. Sie muss dem Verfahren folgen können und wissen, was als Nächstes geschieht. Ihre Anspannung und die Verantwortung für ihre Interessen gehören zur Vorbereitung.
Duri Bonin fragt, wie die Klientschaft vorbereitet wurde und was geschieht, wenn ihr der Faden reisst. Der Vergleich mit einem Coach betrifft die Begleitung: Orientierung geben, den Ablauf erklären und auf Schwierigkeiten vorbereitet sein.
Wie bleibt er wirksam, obwohl ihn das Geschehen berührt? Vor einem Plädoyer sucht Duri einen ruhigen, bestimmten und präzisen Zustand. Ein persönlich gewählter Song kann auf dem Weg dorthin dazugehören. Im Saal zählen verständliche Worte und überlegte Handlungen.
Erst weiterarbeiten, danach auswerten
War die Darstellung zu ausführlich? Sollte das Plädoyer zu viel auf einmal leisten? Diese Fragen gehören in die Nachbereitung. Während der Verhandlung steht zunächst die aktuelle Aufgabe an.
Bonin möchte vermeiden, mitten in einer Antwort den gesamten eigenen Auftritt zu bewerten. Nachher wird geprüft, was fachlich fehlte und wo Klarheit oder angemessenes Tempo verloren gingen. Daraus entsteht die nächste Übungsaufgabe.
Von den Sportbeispielen zum eigenen Verhalten
In der Rückschau auf Roberto Baggio betont Bonin, dass selbst höchste Klasse nicht vor einem misslungenen entscheidenden Versuch schützt. Bei Mikaela Shiffrin greift er Musik und innere Bilder als Vorbereitung auf. Shiffrin beschreibt selbst, wie sie Musik vor Rennen für Fokus und Inspiration auswählt.
Malaika Mihambo und Max Verstappen verbindet Bonin mit der Ausrichtung auf den unmittelbar anstehenden Ablauf: den nächsten Versuch, den nächsten notwendigen Schritt. Marco Odermatt steht in seiner Übertragung für einen persönlichen inneren Satz; Cyprien Sarrazin für die Arbeit daran, einen hilfreichen Zustand verlässlich wiederzufinden.
Welche konkrete Handlung bringt zurück zur Aufgabe? Darin liegt der Massstab für die eigene Routine: Nach der Unterbrechung wieder zuhören, denken und sprechen können.
Praxis: Den Wiedereinstieg ausdrücklich proben
Aus der Folge lässt sich folgende Übung für eine Prüfungssimulation oder die Vorbereitung einer Gerichtsverhandlung ableiten:
Der Grundgedanke lässt sich auf die erste Einvernahme übertragen: Eine Staatsanwältin übt, nach einer unerwarteten Antwort die nächste Frage zu überdenken; ein Verteidiger, trotz Anspannung zuzuhören und einen notwendigen Einwand verständlich zu formulieren.
Die Reihe «Matchball-Momente»
Die Reihe fragt, wie sich vorbereitete Fähigkeiten unter Druck einsetzen lassen. Der Teil 6 führt in den Ernstfall: zum Prüfungstag, in die erste Gerichtsverhandlung und zum Wiedereinstieg nach einer Unterbrechung.
Das Buch zur Vertiefung
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Über Duri Bonin
Duri Bonin ist Rechtsanwalt und Strafverteidiger in Zürich. Er verteidigt beschuldigte Personen in Strafverfahren bei der Polizei, vor Staatsanwaltschaften und Gerichten – in Zürich und schweizweit. Strafverteidigung und Kontakt und www.blra.ch.
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Kapitel
00:00 Die Mikroroutine am Prüfungstag
Wer einen Menschen entlässt, muss ein Restrisiko verantworten. Wer ihn weiter festhält, muss den Freiheitsentzug rechtfertigen. Warum fühlt sich für die entscheidende Person oft nur der erste Entscheid gefährlich an?
Im fiktiven Ausgangsfall befindet sich eine wegen schwerer Körperverletzung verurteilte Person seit vier Jahren in einer stationären therapeutischen Massnahme nach Art. 59 StGB. Das Gutachten bezeichnet ihr Rückfallrisiko weiterhin als hoch. Reicht das, um die bedingte Entlassung abzulehnen?
Strafverteidiger Duri Bonin und Thierry Urwyler, Professor für Strafrecht und Strafprozessrecht an der Universität Zürich, untersuchen in Teil 7 von «Gefahr ist kein Gefühl», was einer Entlassung entgegensteht. Und wer soll dazu befragt werden, welches Restrisiko vertretbar ist: Richterinnen, Strafrechtsprofessorinnen oder ein Querschnitt der Bevölkerung? Urwyler hinterfragt dabei auch seine eigene gesellschaftliche Position.
Darum geht es in dieser Folge
Die frühere Gefährlichkeit ist keine Antwort auf jede spätere Prüfung
Art. 62 Abs. 1 StGB sieht die bedingte Entlassung vor, sobald der Zustand der betroffenen Person die Gelegenheit zur Bewährung in Freiheit rechtfertigt. Die zuständige Behörde muss mindestens einmal jährlich über Entlassung oder Aufhebung der Massnahme entscheiden (Art. 62d Abs. 1 StGB).
Urwyler wendet sich gegen eine fortwirkende Gefährlichkeitsvermutung. In seinem Modell muss der Staat bei jeder Prüfung das gegenwärtige rechtserhebliche Risiko hinreichend nachweisen. Die betroffene Person soll nicht erst ihre Ungefährlichkeit beweisen müssen.
Seine strengen Anforderungen an den Risikonachweis sind eine wissenschaftliche Position. Nach der bundesgerichtlichen Praxis richtet sich die Prognoseentscheidung als solche nicht nach «in dubio pro reo» (Urteil 6B_582/2017 vom 19. Juni 2018, E. 3.3.2).
Menschen verändern sich auch ausserhalb der Therapie
Eine wenig erfolgreiche Therapie beantwortet die Risikofrage nicht abschliessend. Auch Reifung, Älterwerden und veränderte Lebensumstände können das Risiko beeinflussen. Ob und wie stark, muss im Einzelfall geprüft werden.
Umgekehrt belegt angepasstes Verhalten noch keine geringe Rückfallgefahr. Bonin und Urwyler fragen, ob bisweilen diejenigen günstiger beurteilt werden, die Erwartungen überzeugender erfüllen. Entscheidend bleibt, welche Straftaten unter den Bedingungen einer Entlassung zu erwarten sind.
Ein weiteres Jahr ist nicht einfach dasselbe Jahr noch einmal
Vier, fünf oder zehn Jahre Freiheitsentzug bedeuten unterschiedliche Belastungen. Urwyler entwickelt ein Modell, in dem die erforderliche Risikoschwelle mit zunehmender Dauer steigt: Dass ein Risiko den Eingriff anfangs rechtfertigte, soll nicht beliebig lange genügen.
Eine jährliche Prozentsteigerung schreibt das Gesetz nicht vor. Art. 56 Abs. 2 StGB verlangt eine Abwägung des Eingriffs mit Wahrscheinlichkeit und Schwere weiterer Straftaten. Die verstrichene Zeit ist dabei zu berücksichtigen; allein aus ihr folgt kein automatischer Entlassungsanspruch.
Warum der vorsichtige Entscheid die Entscheidungsperson schützt
Ein schwerer Rückfall kann für die Verantwortlichen mediale Kritik, administrative Untersuchungen, berufliche Konsequenzen oder ein Strafverfahren nach sich ziehen. Urwyler fragt, wie diese Aussicht die Bereitschaft beeinflusst, ein rechtlich vertretbares Risiko einzugehen.
Wird die Entlassung verweigert, bleibt unbeobachtbar, wie sich die Person unter den vorgesehenen Bedingungen in Freiheit verhalten hätte. Ob die Prognose dieses Leben zutreffend einschätzt, lässt sich dann gerade an diesem Fall nicht beobachten. Erfolgreiche Entlassungen erhalten zudem häufig weniger Aufmerksamkeit als schwere Rückfälle.
Bonins These: Ein vorsichtiger Entscheid kann die entscheidende Person schützen, ohne deshalb dem Recht besser zu entsprechen. Urwylers Kritik betrifft diese Anreize; sie unterstellt nicht allen Entscheidenden Angst oder Eigennutz.
Ein Rückfall beweist noch keinen falschen Entlassungsentscheid
Auch nach einem sorgfältigen Entscheid kann sich ein rechtlich vertretbares Restrisiko verwirklichen. Eine schwere neue Straftat ist für die Betroffenen eine Tragödie. Sie beweist für sich allein noch keinen Fehler beim früheren Entscheid.
Massgebend sind die damals verfügbaren Informationen, die Qualität der Prognose und die möglichen und angezeigten Schutzvorkehrungen. Urwyler warnt davor, einen Entscheid ausschliesslich von seinem späteren Ausgang her zu beurteilen.
Eine Entlassung braucht mehr als eine offene Tür
Fehlendes betreutes Wohnen oder ungeklärte Finanzierung können nach Urwylers Einschätzung dazu beitragen, Menschen länger im stationären Vollzug zu halten. Ihre Entlassungsperspektive hängt damit auch von der verfügbaren Unterstützung ab.
Art. 62 Abs. 3 StGB ermöglicht nach der bedingten Entlassung ambulante Behandlung, Bewährungshilfe und Weisungen. Urwyler verlangt mehr geeignete Angebote und die konkrete Prüfung, ob weniger einschneidende Lösungen das Risiko ausreichend begrenzen.
Die angesprochene Rechtsprechung zu ausserhalb der Anstalt nachzubildenden Verwahrungsstrukturen betrifft besondere Kontrollanforderungen bei einer Verwahrung. Sie ist vom therapeutischen Ausgangsfall zu unterscheiden (Urteil 7B_676/2024 vom 27. August 2024, E. 4.3.4).
Richter befragen – oder die Bevölkerung?
Urwyler schlägt eine Vignettenstudie vor: Menschen beurteilen anhand beschriebener Beispielsfälle, unter welchen Bedingungen sie weiteren Freiheitsentzug für gerechtfertigt halten.
Eine Richterbefragung könnte die innerhalb der Justiz vertretenen Risikoschwellen sichtbar machen. Eine Bevölkerungsstudie könnte unterschiedliche Lebenslagen breiter erfassen. Beides sind im Gespräch Forschungsvorschläge, keine bereits vorliegenden Ergebnisse.
Bonin vermutet, Richterinnen seien bereits aufgrund ihrer Berufswahl vorsichtiger als selbstständige Anwälte. Urwyler hält das für untersuchenswert, warnt aber vor einer vorschnellen Rangfolge. Auch innerhalb der Anwaltschaft könnten sich grosse Unterschiede zeigen.
Auch die liberale Expertenposition hat einen blinden Fleck
Urwyler fragt selbstkritisch, wer die Folgen einer höheren Risikotoleranz tragen würde. Er verweist auf die soziale Distanz zwischen privilegierten Fachpersonen und den Lebensverhältnissen vieler Entlassener und ihres Umfelds.
Sein Einwand: Wer selbst weniger von möglichen Rückfällen betroffen ist, kann leichter verlangen, mehr Risiko hinzunehmen. Auch eine liberale Expertenposition muss sich fragen lassen, ob sie anderen Menschen Belastungen zumutet, die sie selbst kaum trägt.
Das spricht für eine breitere Befragung. Deren Ergebnis wäre keine verbindliche Rechtsnorm und würde keinen Einzelfall entscheiden. Es könnte die Wertungen offenlegen, die heute häufig hinter Begriffen wie «vertretbar» stehen. Die rechtliche Prüfung bleibt notwendig.
Was sein Modell in der Praxis verändern würde
Müsste die Gesellschaft nach Urwylers Modell zunächst mehr Restrisiko hinnehmen? Er bejaht dies für bestimmte Konstellationen: Eine unzureichende Beweislage dürfe nach seinem Ansatz nicht durch fortgesetzten Freiheitsentzug ausgeglichen werden.
Er zieht die Parallele zum Tatnachweis, bei dem ein verbleibender Verdacht ebenfalls nicht genügt. Die Übertragung auf den Risikonachweis ist Teil seines Modells: Welche Gewissheit braucht der Staat, bevor er einem Menschen weitere Freiheit nimmt?
Fünf Fragen für die nächste Entlassungsprüfung
Eine Entlassungsperspektive wird konkret, wenn erkennbar ist, welche Voraussetzungen fehlen und wie sie erreicht werden können. Ein wiederholtes «noch nicht» beantwortet das nicht.
Die Reihe «Gefahr ist kein Gefühl»
Die Reihe untersucht, wie ein Rückfallrisiko bestimmt, belegt und rechtlich bewertet werden muss. Teil 7 fragt, wann eine Entlassung trotz verbleibenden Risikos geboten sein kann, welche Einflüsse die Entscheidung prägen und wessen Perspektive bei der Bestimmung vertretbarer Risiken berücksichtigt werden soll.
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Für diese Folge besonders einschlägig: die Ausführungen zu Entscheidungsanreizen ab Rz. 196, zu Anschlussstrukturen in Rz. 291–294, zur Perspektive von Strafrechtsexpert:innen in Rz. 342–345, zur Massnahmendauer in Rz. 358–359 und zum Beweismass ab Rz. 722.
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Duri Bonin ist Rechtsanwalt und Strafverteidiger in Zürich. Er verteidigt beschuldigte Personen in Strafverfahren bei der Polizei, vor Staatsanwaltschaften und Gerichten – in Zürich und schweizweit. Strafverteidigung und Kontakt und www.blra.ch.
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Kapitel
00:00 Freilassen trotz Restrisiko: Der Fall
36 Prozent Rückfallrisiko. Angenommen, für einen präventiven Freiheitsentzug wären mindestens 35 Prozent erforderlich: Wäre die Voraussetzung damit bewiesen? Thierry Urwyler widerspricht. Die Zahl ist eine Schätzung; ihre Unsicherheit verschwindet nicht, weil sie knapp über einer Grenze liegt. Beide Werte sind Beispiele; 35 Prozent sind keine geltende gesetzliche Schwelle.
Noch früher beginnt das Problem bei einem einzigen Wort: «hoch». Eine sachverständige Person kann damit ein im Vergleich zu anderen Fällen erhöhtes Risiko meinen. Die entscheidende Behörde hört möglicherweise bereits eine Aufforderung zum Eingreifen. Ob beide über dieselbe Grössenordnung sprechen, bleibt unklar.
Strafverteidiger Duri Bonin und Thierry Urwyler, Professor für Strafrecht und Strafprozessrecht an der Universität Zürich, untersuchen in Teil 6 von «Gefahr ist kein Gefühl», wie belastbar Rückfallprognosen sind. Grundlage ist Urwylers Buch «Gefahr und Risikonachweis im Präventionsstrafrecht». Im Zentrum stehen Entlassungsszenarien, die Unsicherheit von Prozentangaben und unentdeckte Straftaten.
Darum geht es in dieser Folge
«Hoch» beginnt nicht für alle am selben Ort
Bonin vergleicht die Situation mit einem ärztlichen Gespräch: Wer von einem hohen Risiko schwerer Nebenwirkungen hört, möchte wissen, ob ungefähr eine von zehn, eine von hundert oder eine von tausend Personen betroffen ist. Das Adjektiv allein beantwortet diese Frage nicht.
In der angesprochenen Studie von N. Zoe Hilton und Mitautor:innen lag die Grenze zwischen «mittel» und «hoch» je nach Fachperson zwischen 38 und 95 Prozent. Dieser Befund beruht auf 51 vollständigen Antworten von insgesamt 60 Teilnehmenden. Die Untersuchung betrifft das Verständnis von Risikobegriffen.
Urwyler verlangt eine gemeinsame Bedeutung der Begriffe. Wird «hoch» durch ein bestimmtes Instrument definiert, muss diese Definition im Gutachten verständlich werden: Ist eine relative Einordnung gemeint oder eine absolute Wahrscheinlichkeit?
Fünfmal höher heisst noch nicht: hoch genug für Freiheitsentzug
Ein hypothetisches Beispiel: Steigt das Risiko für dasselbe Ereignis im selben Zeitraum von zwei auf zehn von hundert Personen, ist es fünfmal so hoch. Ob zehn von hundert einen bestimmten Eingriff rechtfertigen, beantwortet dieser Vergleich nicht.
Art. 56 Abs. 2 StGB verlangt bei Massnahmen ein angemessenes Verhältnis zwischen dem Eingriff in die Persönlichkeitsrechte und der Wahrscheinlichkeit sowie Schwere weiterer Straftaten. Die Begutachtung muss sich zur Art und Wahrscheinlichkeit weiterer möglicher Straftaten äussern (Art. 56 Abs. 3 lit. b StGB).
Urwyler sieht in «hoch» eine versteckte Wertung: Das Wort kann vermitteln, nun müsse gehandelt werden. Die rechtliche Entscheidung darüber bleibt Aufgabe der zuständigen Instanz.
Eine gute Risikozahl braucht ein konkretes Leben
Bonin entwirft eine mögliche Gutachtenaussage: Bei einer Entlassung in betreutes Wohnen, mit wöchentlicher Therapie, verlässlicher Medikamenteneinnahme und regelmässigen Substanzkontrollen würden innerhalb von fünf Jahren ungefähr 25 von 100 vergleichbaren Personen wegen einer schweren Gewalttat angeklagt. Wegen begrenzter Daten könnte der geschätzte Wert auch zwischen 15 und 30 Prozent liegen.
Entscheidend ist auch das gewählte Ereignis: Eine Anklage ist keine Verurteilung und kein Nachweis einer tatsächlich begangenen Tat. Was eine Studie als Rückfall erfasst, muss bei der Verwendung ihrer Ergebnisse offengelegt werden.
Urwyler möchte Risiken für unterschiedliche Lebens- und Betreuungssituationen begründet vergleichen können. Die behauptete Wirkung einer Unterstützung braucht geeignete Daten. Fehlen sie, muss diese Grenze der Einschätzung sichtbar bleiben.
40 Prozent können unterschiedlich gut abgesichert sein
Eine einzelne Prozentzahl wird als Punktschätzung bezeichnet. Für ihre Einordnung macht es einen Unterschied, ob ein begründeter Unsicherheitsbereich beispielsweise eng zwischen 37 und 43 Prozent oder breit zwischen 20 und 60 Prozent liegt.
Zu erklären ist, wie ein solcher Bereich ermittelt wurde und worauf er sich bezieht. Ein Intervall für die durchschnittliche Rückfallrate einer Gruppe beschreibt nicht ohne Weiteres die Unsicherheit der Prognose für einen bestimmten Menschen. Modellannahmen und die Übertragbarkeit auf den Einzelfall bleiben zu prüfen.
Im Beispiel mit 36 Prozent gegenüber einer angenommenen Schwelle von 35 Prozent kann die Unsicherheit nach Urwylers Auffassung dazu führen, dass der erforderliche Risikonachweis nicht erbracht ist.
Die Streitfrage: Wie wirkt sich Unsicherheit rechtlich aus?
Urwyler bezieht seine Forderung auf den Grundsatz «in dubio pro reo». Seine Position ist von der bundesgerichtlichen Rechtsprechung zu unterscheiden: Nach dem Urteil 6B_582/2017 vom 19. Juni 2018 richtet sich die Prognoseentscheidung als solche nicht nach diesem Grundsatz. Eine blosse Möglichkeit weiterer Straftaten reicht allerdings ebenfalls nicht aus. Fortbestehende Unsicherheiten muss die sachverständige Person deutlich machen; die rechtlichen Folgerungen zieht die zuständige Instanz (E. 3.3.2–3.3.3).
Eine allgemein geltende Prozentgrenze oder die automatische Regel, stets den unteren Intervallrand einzusetzen, lässt sich daraus nicht ableiten.
Das Dunkelfeld ist keine Zahl, die man einfach dazuzählt
Rückfallstudien erfassen häufig neue Anklagen oder Verurteilungen. Dieses behördlich bekannte Hellfeld umfasst nicht alle tatsächlich begangenen Straftaten. Unterschätzen die Prognosen deshalb die Gefahr?
Urwyler verlangt für eine Korrektur Daten, die bekannte und unentdeckte Taten in einer passenden Personengruppe vergleichen. Eine allgemeine Dunkelfeldschätzung genügt nicht. Auch lässt sich die Zahl zusätzlicher Taten nicht einfach in die Zahl zusätzlich rückfälliger Personen übersetzen: Mehrere Taten können von derselben Person stammen.
Für den Schweizer Massnahmenkontext sieht Urwyler mangels einschlägiger Selbstberichtsstudien derzeit keinen rational begründbaren Korrekturfaktor. Die Ungewissheit bleibt bestehen; sie liefert selbst noch keine bestimmte höhere Rückfallwahrscheinlichkeit.
Kann man den Berichten über unentdeckte Taten trauen?
Bonin wendet ein, dass Menschen Taten übertreiben oder sich in Szene setzen können. Urwyler hält Selbstberichte trotz solcher Fehlerquellen für einen möglichen Forschungszugang. Zu prüfen wäre, welche Ereignisse erhoben werden, wie zuverlässig die Angaben sind und ob ein belastbarer Abgleich mit behördlichen Daten gelingt. Das Dunkelfeld zu benennen ersetzt diese Untersuchung nicht.
Für die betroffene Person geht es um eine mögliche Zukunft
Betreutes Wohnen und Behandlung beschreiben ein mögliches Leben ausserhalb der Institution. Ob die Prognose dieses Leben berücksichtigt, kann für die Entlassungsperspektive entscheidend sein. Für potenziell gefährdete Menschen kommt es darauf an, ob angenommene Schutzvorkehrungen tatsächlich tragen.
Urwyler kritisiert, dass vereinfachende Risikostufen die juristische Verantwortung verdecken können. Ein Gutachten bereitet den Freiheitsentscheid vor. Die Verantwortung dafür bleibt bei der entscheidenden Instanz.
Sechs Rückfragen an ein Rückfallgutachten
Fehlende Definition, unpassende Daten oder eine zu weitreichende Schlussfolgerung: Je genauer der Einwand, desto gezielter lässt sich eine fachliche Ergänzung verlangen.
Die Reihe «Gefahr ist kein Gefühl»
Die Reihe untersucht, welches Risiko einen präventiven Freiheitsentzug rechtfertigen kann und wie es nachgewiesen werden muss. Teil 6 vertieft die Frage, wie klar und belastbar die Aussagen sein müssen, auf die sich der Entscheid stützt.
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Kapitel
00:00 Hohes Rückfallrisiko: Wie hoch genau?
35 Prozent Rückfallrisiko: Ist diese Zahl genau genug, um über Freiheit zu entscheiden? Und wenn sie zutrifft, wären dann tatsächlich 65 von 100 Menschen zu Unrecht inhaftiert?
Ein Hörer hat Duri Bonin nach den Folgen vom 27. und 28. August 2026 geschrieben. Sein Einwand trifft den Kern der Reihe «Gefahr ist kein Gefühl»: Bevor über eine vertretbare Risikoschwelle diskutiert wird, müsse geklärt sein, wie verlässlich eine solche Wahrscheinlichkeit bestimmt werden kann. Zudem liege bereits ein Risiko von wenigen Prozent weit über dem Bevölkerungsdurchschnitt. Müsste dieser Abstand nicht ausschlaggebend sein?
Bonin legt die Frage Thierry Urwyler vor, Professor für Strafrecht und Strafprozessrecht an der Universität Zürich. Urwyler erklärt, weshalb das Risiko eines Menschen nicht auf einen scheinbar exakten Punktwert reduziert werden sollte – und warum der Bevölkerungsvergleich die Abwägung zwischen Sicherheit und Freiheit nicht ersetzt.
Darum geht es in dieser Folge
Der erste Einwand: Woher soll die genaue Zahl kommen?
Der Hörer fragt nach dem Weg von Statistik und psychiatrischem Gutachten zu einer konkreten Prozentangabe. Eine Diskussion über Schwellen kann eine Genauigkeit voraussetzen, die das Gutachten gar nicht bietet.
Urwyler verweist auf die Person, ihr Störungsbild, die Konstellation und das angenommene Zukunftsszenario. Die Schätzung hängt von diesen Voraussetzungen ab. Auch ein geeignetes Verfahren liefert keine Gewissheit über das spätere Verhalten.
Dabei sind zwei Fragen zu trennen: Wie wahrscheinlich ist die bezeichnete Straftat? Und wie sicher ist die Schätzung dieser Wahrscheinlichkeit? 35 Prozent beschreiben bereits einen ungewissen Ausgang. Zusätzlich kann unsicher sein, ob das Risiko tatsächlich nahe bei 35 Prozent liegt.
Was eine Spanne aussagt – und was sie voraussetzt
Urwyler nennt das Kredibilitätsintervall: einen Bereich, in dem der geschätzte Risikowert unter den Annahmen eines statistischen Modells mit einer festgelegten Wahrscheinlichkeit liegt. Es zeigt, welche Unsicherheit die Berechnung lässt.
Seine Habilitation präzisiert die Voraussetzungen: Daten und Modell müssen zum beurteilten Menschen passen. Das Intervall erfasst Unsicherheit innerhalb dieses Modells. Ein ungeeignetes Instrument oder unpassende Vergleichsdaten werden durch die Angabe einer Spanne nicht verlässlich.
Urwylers Beispiele – 0 bis 10, 20 bis 40 oder über 50 Prozent – zeigen, weshalb unterschiedliche Risikogrössen für die Abwägung bedeutsam sein können. Es sind Veranschaulichungen, keine Studienbefunde und keine gesetzlichen Kategorien. Ob ein bestimmtes Gutachten solche Bereiche zuverlässig ausweisen kann, muss gesondert geprüft werden.
Der zweite Einwand: Viel gefährlicher als der Durchschnitt?
Der Hörer stellt der Rückfallwahrscheinlichkeit die Seltenheit von Tötungsdelikten in der Gesamtbevölkerung gegenüber. Er beschreibt den Unterschied mit dem Bild einer kürzeren «Zündschnur».
Urwyler kann nachvollziehen, dass das Risiko einer vorbelasteten Person deutlich erhöht sein kann. Seine Gegenfrage betrifft die Konsequenz: Genügte bereits der Abstand zum Bevölkerungsdurchschnitt für weiteren Freiheitsentzug, wäre die Rückkehr in Freiheit für viele vorbelastete Menschen erheblich erschwert.
Das relative Risiko beschreibt diesen Abstand. Das absolute Risiko beantwortet eine andere Frage: Wie wahrscheinlich ist das bezeichnete Ereignis im festgelegten Zeitraum? Für die rechtliche Abwägung muss seine Grössenordnung bekannt sein.
Auch müssen Straftat und Zeitraum vergleichbar sein. Registrierte Tötungsdelikte geteilt durch die Bevölkerungszahl ergeben keine unmittelbar passende Schätzung dafür, ob eine bestimmte Person in den nächsten fünf Jahren selbst ein Tötungsdelikt begeht. Gezählt werden Ereignisse; gefragt ist nach Personen und ihrem Verhalten über einen bestimmten Zeitraum. Das behauptete Vielfache einer persönlichen «Zündschnur» lässt sich daraus nicht ohne Weiteres ableiten.
35 von 100: Drei notwendige Präzisierungen
Die Hörerfrage verlangt auch eine begriffliche Klärung des Beispiels aus der Reihe.
Erstens: Eine Schwelle von 35 Prozent ist kein Risiko von genau 35 Prozent bei allen Betroffenen. Wer die Schwelle überschreitet, kann ein deutlich höheres Risiko aufweisen. Die Schwelle allein ergibt deshalb keine Verteilung von 35 Rückfällen und 65 rückfallfreien Verläufen für sämtliche Inhaftierten.
Zweitens: Bei vielen vergleichbaren Personen mit einem zutreffend kalibrierten Risiko von jeweils 35 Prozent wären im Durchschnitt ungefähr 35 Rückfälle je 100 Personen zu erwarten. Rund 65 würden die bezeichnete Tat nicht begehen. Das setzt dieselbe Straftat, denselben Zeitraum und dasselbe Freiheitsszenario voraus. Welche Personen zu welcher Gruppe gehören, sagt die Zahl nicht.
Drittens: «Nicht rückfällig geworden» bedeutet nicht automatisch «rechtswidrig inhaftiert». Eine Wahrscheinlichkeitsangabe behauptet keinen sicheren Rückfall. Ob ein präventiver Freiheitsentzug gerechtfertigt ist, richtet sich nach den gesetzlichen Voraussetzungen und der tragfähigen Beurteilung zum Entscheidungszeitpunkt. «65 zu Unrecht Inhaftierte» greift ohne diese Unterscheidung zu weit.
Die Freiheitsfrage bleibt: Welchen Eingriff darf der Staat auch jenen Menschen zumuten, die in Freiheit keine entsprechende Straftat begangen hätten? Wer inhaftiert bleibt, lebt dieses Freiheitsszenario nicht. Das Ausbleiben einer Tat im Vollzug belegt deshalb nicht, wie sich die Person nach einer Entlassung verhalten hätte.
Was das Schweizer Recht verlangt
Art. 56 Abs. 3 lit. b StGB verlangt von einer sachverständigen Begutachtung Angaben zur Art und Wahrscheinlichkeit weiterer möglicher Straftaten. Die rechtliche Bewertung geht darüber hinaus: Nach Art. 56 Abs. 2 StGB muss der Eingriff in die Persönlichkeitsrechte zur Wahrscheinlichkeit und Schwere weiterer Straftaten verhältnismässig sein. Eine feste Grenze von 35 Prozent steht nicht im Gesetz.
Auch das Bundesgericht stellt auf die gesetzlichen Voraussetzungen und die Verhältnismässigkeit im konkreten Fall ab. Eine blosse Möglichkeit weiterer Straftaten genügt nicht. Die Prognose muss nachvollziehbar hergeleitet werden; eine statistische Zahl ersetzt die erforderliche Einzelfallanalyse nicht (Urteil 6B_582/2017 vom 19. Juni 2018, E. 2.2.3 und 3.3.2).
Die sachverständige Person muss die Tragfähigkeit ihrer Einschätzung erklären. Die zuständige Instanz muss begründen, weshalb das nachgewiesene Risiko unter Berücksichtigung der Eingriffsfolgen und geeigneter milderer Mittel einen Freiheitsentzug rechtfertigt.
Zwei mögliche Betroffenheiten
Für mögliche Opfer kann eine schwere Straftat das weitere Leben verändern. Für die festgehaltene Person bedeutet ein weiteres Jahr im Massnahmenvollzug ein weiteres Jahr ohne Freiheit. Eine begründete Entscheidung muss beide Belastungen berücksichtigen.
Der Hinweis auf rückfallfreie Verläufe macht die Freiheitskosten einer Sicherheitsentscheidung sichtbar. Er beweist für sich allein keine Rechtswidrigkeit. Umgekehrt rechtfertigt ein erhöhtes Risiko nicht jeden Eingriff. Zwischen diesen Aussagen liegt die notwendige Abwägung.
Fünf Fragen an eine Risikozahl
Diese Fragen helfen, eine präzise aussehende Zahl in eine überprüfbare Aussage zu übersetzen. Sie lassen sich ebenso an eine Prozentangabe wie an die Bezeichnung «hohes Risiko» stellen.
Die Reihe «Gefahr ist kein Gefühl»
Die Reihe untersucht, wie ein Rückfallrisiko bestimmt, belegt und rechtlich bewertet werden muss. Diese Hörerfrage führt zu den Grundlagen zurück: Was können Zahlen über eine ungewisse Zukunft aussagen – und welche Entscheidung können sie dem Recht nicht abnehmen?
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Duri Bonin ist Rechtsanwalt und Strafverteidiger in Zürich. Er verteidigt beschuldigte Personen in Strafverfahren bei der Polizei, vor Staatsanwaltschaften und Gerichten – in Zürich und schweizweit.
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100 Seiten, eine schlüssige Begründung, ein hohes Rückfallrisiko: Darf ein solches Gutachten den weiteren Freiheitsentzug tragen, wenn sich seine einzelnen Bewertungen kaum überprüfen lassen?
Im fiktiven Ausgangsfall sitzt eine wegen schwerer Körperverletzung verurteilte Person seit vier Jahren in einer stationären therapeutischen Massnahme nach Art. 59 StGB. Nun steht ihre bedingte Entlassung zur Diskussion. Das Gutachten bezeichnet das Rückfallrisiko als hoch. Die entscheidende Frage lautet: Wie ist diese Einschätzung zustande gekommen?
Strafverteidiger Duri Bonin und Thierry Urwyler, Professor für Strafrecht und Strafprozessrecht an der Universität Zürich, gehen in Teil 4 von «Gefahr ist kein Gefühl» der Anwendung von Risikoinstrumenten nach. Ein wissenschaftlich untersuchtes Instrument muss im konkreten Fall richtig eingesetzt werden. Dafür braucht es nachvollziehbare Bewertungen und Auskunft darüber, wie stark die Ergebnisse unter Praxisbedingungen schwanken können.
Darum geht es in dieser Folge
Woher kommt jeder einzelne Punkt?
Ein Instrument kann beispielsweise frühere Gewalttaten oder Substanzkonsum berücksichtigen. Solche Merkmale werden als «Items» bezeichnet. Welche Angaben dafür zählen und wie sie zu bewerten sind, bestimmt das zugehörige Manual: das Regelwerk des Instruments.
Die Angabe «18 Punkte» beantwortet noch nicht, welche Tatsachen bewertet wurden. Dafür muss erkennbar sein, wie das betreffende Merkmal definiert ist, welche Information aus den Akten oder dem Gespräch zugrunde liegt und weshalb diese Information die vergebene Bewertung trägt. Ebenso wichtig ist der Umgang mit Angaben, die gegen diese Bewertung sprechen.
Das Bundesgericht verlangt eine nachvollziehbare Herleitung: Die sachverständige Person muss die verwendeten Begriffe erklären und darlegen, von welchen konkreten Sachverhalten sie ausgeht und weshalb sie die einzelnen Merkmale wie bewertet. Die Instrumente unterstützen eine differenzierte Einzelfallanalyse; sie ersetzen diese nicht. Das Gericht bleibt für die eigenständige Prüfung verantwortlich (Urteil 6B_582/2017 vom 19. Juni 2018, E. 2.2.3).
Wenn nur eine Seite das Regelwerk kennt
Wer eine Bewertung kontrollieren soll, braucht Zugang zu den dafür massgebenden Regeln. Urwyler schildert eine praktische Hürde: Testmanuale sind nicht durchwegs frei zugänglich. Der Verlag verlangt für den Bezug der PCL-R einen Nachweis der Bezugsberechtigung.
Eine knappe Zusammenfassung im Gutachten kann die Kontrolle erschweren, wenn sie entscheidende Voraussetzungen des Merkmals auslässt. Dann lässt sich zwar lesen, was die sachverständige Person angenommen hat. Ob diese Annahme den Regeln des verwendeten Instruments entspricht, bleibt offen.
Urwyler fordert deshalb, die prüfungsrelevanten Definitionen und Bewertungsregeln offenzulegen. Welche Regel wurde verwendet? Welche Tatsache erfüllt sie? Welche abweichende Information wurde berücksichtigt? An diesen Fragen wird aus allgemeinem Unbehagen ein überprüfbarer Einwand.
Derselbe Fall, ein anderes Ergebnis?
Bonin veranschaulicht das Problem mit einer Frage: Was bedeutet es, wenn eine Fachperson ein mittleres und eine andere ein hohes Risiko erkennt, obwohl beide denselben Fall beurteilen? Zu klären wäre, ob unterschiedliche Informationen, andere Regeln oder die Bewertung derselben Informationen zur Abweichung geführt haben.
Mit «Reliabilität» ist hier die Zuverlässigkeit beziehungsweise Übereinstimmung solcher Beurteilungen gemeint. Ein Instrument kann gut erforscht sein und im Alltag uneinheitlich angewendet werden. Wie gross diese Unterschiede unter tatsächlichen Arbeitsbedingungen sind, untersuchen Studien zur Feldreliabilität.
Die im Gespräch angesprochene schwedische Forschung zeigt, weshalb diese Unterscheidung wichtig ist. Eine 2026 veröffentlichte Folgestudie untersuchte 217 Begutachtungen von 76 zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilten Personen. Die Autor:innen fanden über das untersuchte Jahrzehnt keine wesentliche Verbesserung der Übereinstimmung der PCL-R-Bewertungen. Es handelt sich um wiederholte Begutachtungen in Schweden; daraus lässt sich keine bestimmte Fehlergrösse für ein Schweizer Gutachten ablesen.
Für die Schweiz verlangt Urwyler ein besseres eigenes Studienfundament. Fehlende lokale Daten lassen die Unsicherheit bestehen. Sie belegen weder fehlerfreie Beurteilungen noch die Unbrauchbarkeit sämtlicher Gutachten.
Die PCL-R misst keine Prozentzahl künftiger Straftaten
Die Psychopathie-Checkliste PCL-R erfasst psychopathische Persönlichkeitseigenschaften anhand von 20 Merkmalen. Diese werden mit null, einem oder zwei Punkten bewertet; der Gesamtwert reicht von 0 bis 40. Das Instrument wird auch im Zusammenhang mit Kriminalprognosen verwendet.
Ein Wert von 19 Punkten bedeutet deshalb nicht 19 Prozent Rückfallrisiko. Ebenso wenig lässt sich aus einem Unterschied von mehreren Punkten unmittelbar eine bestimmte Veränderung der Rückfallwahrscheinlichkeit ableiten. Dazu braucht es weitere fachliche Begründungen und passende empirische Grundlagen.
Urwylers Forderung betrifft auch die Unsicherheit des ausgewiesenen Werts: Wie stark können Bewertungen schwanken? Auf welchen Untersuchungen beruhen Angaben zum Messfehler? Entsprechen diese Untersuchungsbedingungen der praktischen Anwendung? Gerade bei Werten nahe einer entscheidungsrelevanten Grenze kann eine unbenannte Unsicherheit erheblich sein.
Wer bestimmt die sachverständige Person?
Wenn Bewertungen vom Vorgehen der Fachperson beeinflusst werden, bekommt deren Auswahl besonderes Gewicht. Bonin kritisiert aus seiner Verteidigungspraxis die Einflussmöglichkeiten der Staatsanwaltschaft. Urwyler beschreibt unterschiedliche Erfahrungen: Es gebe auch Staatsanwaltschaften, die Vorschläge der Verteidigung aufnähmen.
Im Strafverfahren ernennt die Verfahrensleitung die sachverständige Person. Die Parteien erhalten grundsätzlich vorher Gelegenheit, sich zur Person und zu den Fragen zu äussern sowie eigene Anträge zu stellen (Art. 184 Abs. 1 und 3 StPO). Daraus folgt kein Anspruch, selbst die begutachtende Person zu bestimmen. Es eröffnet aber eine konkrete Möglichkeit, Fachkenntnisse, Erfahrung mit dem Instrument und den Untersuchungsauftrag früh zum Thema zu machen.
Ein Privatgutachten muss inhaltlich ernst genommen werden
Bonin und Urwyler kritisieren die schwächere Stellung privat eingeholter fachlicher Stellungnahmen. Urwyler spricht sich dafür aus, ihnen Beweismittelqualität zuzuerkennen. Das ist seine rechtspolitische Position.
Nach der bundesgerichtlichen Praxis gelten Privatgutachten im Strafprozess als Parteivorbringen und sind einem amtlichen Gutachten nicht gleichgestellt. Ihre konkreten Einwände können jedoch dessen Schlüssigkeit erschüttern oder zusätzliche Abklärungen erforderlich machen. Das Etikett «Privatgutachten» erledigt eine begründete methodische Kritik nicht (BGE 141 IV 369, E. 6.2; bestätigt im Urteil 6B_917/2024 vom 19. August 2026, E. 2.3.6).
Art. 189 StPO sieht eine Ergänzung, Verbesserung oder den Beizug weiterer Sachverständiger vor, wenn ein Gutachten unvollständig oder unklar ist, erhebliche Abweichungen zwischen Sachverständigen bestehen oder Zweifel an seiner Richtigkeit aufkommen. Für die Verteidigung kommt es darauf an, den Mangel und seine mögliche Bedeutung für das Ergebnis konkret darzulegen.
Warum Urwyler den Hexenprozess-Vergleich zurückweist
Gegen Ende des Gesprächs spitzt Bonin seine Kritik zu: Bewege sich die Gutachterpraxis auf dem Niveau von Hexenprozessen? Urwyler widerspricht. Die Verwendung empirisch gestützter Instrumente sei ein Fortschritt gegenüber einer rein unstrukturierten fachlichen Einschätzung.
Sein Einwand richtet sich gegen unzureichende Kontrolle und verdeckte Unsicherheit. Besonders anspruchsvoll seien die Fälle zwischen den eindeutigeren Extremen. Gerade dort müsse sichtbar werden, wie sicher eine Einschätzung ist und welche rechtliche Bedeutung die verbleibende Unsicherheit hat.
Die im Gespräch angesprochene Anwendung von «in dubio pro reo» auf den Risikonachweis ist rechtlich umstritten. Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung gilt der Grundsatz nicht unmittelbar für die Prognoseentscheidung als solche (Urteil 6B_582/2017, E. 3.3.2). Urwylers Anforderungen an ein strengeres Risiko-Beweisrecht sind davon zu unterscheiden.
Hinter dem Punktwert steht ein Mensch
Im Ausgangsfall geht es darum, ob eine Person nach vier Jahren eine Chance auf Bewährung in Freiheit erhält. Art. 62 Abs. 1 StGB knüpft die bedingte Entlassung daran, ob ihr Zustand diese Bewährung rechtfertigt. Über die Entlassung entscheidet die zuständige Behörde nach Art. 62d StGB; das Gutachten liefert eine fachliche Grundlage, keinen eigenen Freiheitsentscheid.
Ein überschätztes Risiko kann zu einem ungerechtfertigten weiteren Freiheitsentzug beitragen. Ein unterschätztes Risiko kann den Schutz anderer Menschen gefährden. Methodische Sorgfalt dient beiden Seiten.
Zur öffentlichen Debatte gehört eine wichtige Präzisierung: Ein methodisch mangelhaftes Gutachten bedeutet nicht automatisch, dass sein Ergebnis falsch oder der Freiheitsentzug ungerechtfertigt ist. Urwyler hat dies auch zu seinem Interview in der «NZZ am Sonntag» vom 13. September 2026 klargestellt.
Sechs Fragen für die Prüfung eines Rückfallgutachtens
Im Strafverfahren können diese Fragen eine Stellungnahme nach Art. 188 StPO und begründete Anträge nach Art. 189 StPO strukturieren. Die Begründung muss bis zu den tragenden Tatsachen und Bewertungsregeln zurückverfolgt werden können.
Die Reihe «Gefahr ist kein Gefühl»
Die Reihe untersucht, welches Risiko einen präventiven Freiheitsentzug rechtfertigen kann, wie dieses Risiko nachgewiesen wird und wer die Verantwortung für den Entscheid trägt. Nach den Grundlagen der Instrumente steht hier ihre überprüfbare Anwendung im Mittelpunkt. Als nächsten Schwerpunkt kündigt das Gespräch die Sicherheit der ausgewiesenen Zahlen an.
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Über Duri Bonin
Duri Bonin ist Rechtsanwalt und Strafverteidiger in Zürich. Er verteidigt beschuldigte Personen in Strafverfahren bei der Polizei, vor Staatsanwaltschaften und Gerichten – in Zürich und schweizweit.
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Kapitel
Monatelang gelernt oder die Hauptverhandlung akribisch vorbereitet. Dann kommt die erste Frage, der erste Stolperstein – und der Kopf beschäftigt sich mit dem Scheitern.
Das Thema ist bekannt. Am Schreibtisch wäre ein Einstieg möglich gewesen. Jetzt sitzt die Prüfungskommission oder das Obergericht gegenüber, der Mund wird trocken, und zwischen Frage und Antwort schiebt sich ein anderer Gedanke: Was, wenn ich das nicht kann?
Duri Bonin nimmt diesen Moment zum Ausgangspunkt. Der Zürcher Strafverteidiger überträgt die Routinen aus der Reihe «Matchball-Momente» auf die mündliche Anwaltsprüfung und die anwaltliche Praxis. Die Aufgabe ist konkret: einen Anfang finden, während der Druck bereits da ist. Dafür braucht es neben Fachwissen einen Ablauf, der schon vor dem Prüfungstag und der Gerichtsverhandlung geübt wurde.
Sein Vorschlag verbindet einen vertrauten Song, Atem und Körperhaltung mit einem kurzen inneren Satz und der Vorstellung des ersten Arbeitsschritts. Die eigentliche Bewährungsprobe kommt an den schlechten Tagen: Lässt sich auch dann anfangen, wenn Ruhe, Motivation und Selbstvertrauen gerade fehlen?
Darum geht es in dieser Folge
Die Vorbereitung muss den Moment der Antwort enthalten
Wer für die Anwaltsprüfung lernt, arbeitet an Begriffen, Voraussetzungen, Zusammenhängen und Falllösungen. Im Prüfungsraum kommt eine weitere Aufgabe hinzu: Dieses Wissen muss unter Druck verfügbar werden. Eine Frage wird gestellt, der Sachverhalt muss geordnet und eine Antwort laut entwickelt werden. Zeitdruck, Bewertung und Nachfragen gehören zur Situation.
Genau hier setzt Duri an. Eine Wissenslücke verlangt fachliche Arbeit. Aber Leistung unter Druck braucht auch Übung. Die Routine erhält dabei einen festen Platz vor der Aufgabe. Sie soll mit dem Arbeiten vertraut werden, für das sie später gebraucht wird.
Ein Ziel, das sich ausführen lässt
«Ich will nicht nervös sein» beschreibt einen ersehnten Zustand. Was soll eine Kandidatin tun, wenn sie am Prüfungstag dennoch nervös ist?
Duri schlägt Ziele vor, die näher am eigenen Verhalten liegen: klar anfangen, strukturiert antworten, langsam genug sprechen, zuerst ordnen. Daraus lässt sich ein konkreter Ablauf machen: die Frage vollständig hören, ausatmen, den Gegenstand bestimmen und beim ersten passenden Punkt beginnen.
Ein innerer Satz kann diese Absicht bündeln. «Ich ordne zuerst» ist kurz genug, um im Moment der Anspannung verfügbar zu sein. «Ich muss jetzt nicht alles auf einmal lösen» begrenzt die Aufgabe auf das, was gerade ansteht.
Diese Sätze haben eine praktische Funktion. Sie sollen zum Zuhören und Denken zurückführen. Erst die anschliessende Handlung zeigt, ob das gelingt.
Was ein Song leisten soll
Mikaela Shiffrin beschreibt Musik als Hilfe, um sich vor Rennen zu fokussieren und inspirieren zu lassen. U.S. Ski & Snowboard schildert zudem, wie sie Rennbewegungen gedanklich durchgeht. Für Duri ist daran die Verbindung mit einem vertrauten Ablauf interessant.
Sein Vorschlag für die Prüfungsvorbereitung oder Gerichtsverhandlung: ein bewusst gewähltes Musikstück wiederholt mit dem Ankommen und dem anschliessenden Arbeitsbeginn verbinden. Dabei muss der Song zum gewünschten Zustand passen. Wer sich bereits innerlich gehetzt fühlt, sucht möglicherweise etwas anderes als eine Person, der gerade Energie fehlt.
Die Auswahl bleibt persönlich. Im Zentrum steht die Frage, ob das Stück den Übergang unterstützt: vom Grübeln über die Prüfung zur nächsten bearbeitbaren Aufgabe.
Drei bis fünf Minuten: Die Routine bekommt einen Ablauf
Duri beschreibt eine kurze Vorbereitung, die vor einer Lerneinheit, einer Simulation oder im Hinblick auf eine Gerichtsverhandlung eingeübt werden kann:
Das innere Bild muss bis zur ersten Antwort reichen
Das Bild vom bestandenen Examen kann motivieren. Es sagt noch wenig darüber aus, was nach einer schwierigen ersten Frage zu tun ist. Duri richtet die Vorstellung deshalb auf den Ablauf unmittelbar vor der Antwort.
Die Kandidatin hört zu. Sie lässt die Frage zu Ende kommen. Sie atmet aus. Sie ordnet den Sachverhalt und setzt einen ersten Satz. Mögliche Einstiege aus der Folge sind:
Eine solche Formulierung muss natürlich fachlich tragen. Wer drei Schritte ankündigt, sollte eine zur Frage passende Gliederung vor Augen haben. Ein vorbereiteter Einstieg ersetzt das Verstehen der Frage nicht. Er kann helfen, das verstandene Problem geordnet auszusprechen.
In einer Übung lässt sich genau dieser Anfang wiederholen. Die Frage darf wechseln. Vertraut werden soll der Weg zur Antwort: zuhören, ordnen, beginnen.
Warum schlechte Tage dazugehören
Die Routine nur dann einzusetzen, wenn ohnehin alles leichtfällt, lässt einen wichtigen Teil der Vorbereitung offen. Am Prüfungstag ist nicht vorhersehbar, wie sich die eigene Anspannung anfühlen wird. Vor der Gerichtsverhandlung hat man vielleicht schlecht geschlafen. Auch die erste Frage lässt sich nicht auswählen.
Duri nimmt deshalb die schwierigen Lerntage ernst: den lauten Kopf, die Ungeduld, die Zweifel, die fehlende Lust. Wer an solchen Tagen eine kurze Routine und anschliessend einen überschaubaren Arbeitsschritt übt, beschäftigt sich mit der Frage, um die es im Ernstfall geht: Wie beginne ich unter diesen Bedingungen?
Damit verändert sich auch der Blick auf Nervosität. Sie muss nicht erst verschwunden sein, bevor die Arbeit beginnen darf.
Vom Prüfungsraum in den Gerichtssaal
Duri nennt neben der Anwaltsprüfung das Plädoyer vor Obergericht, die erste Einvernahme als Staatsanwalt und die schwierige Besprechung mit einer Klientin in der Zelle. Die Aufgaben unterscheiden sich. Gemeinsam ist ihnen, dass fachliches Können in einer belastenden Situation gebraucht wird.
Für die Verteidigung richtet sich die Aufmerksamkeit dabei auf einen anderen Menschen. Die beschuldigte Person braucht jemanden, der zuhört, die Situation ordnet und verständlich erklärt, was als Nächstes ansteht. Wenn die eigene Anspannung das Gespräch beschleunigt, kann gerade diese Klarheit verloren gehen.
Die übertragbare Vorbereitung liegt im Anfang: ankommen, zuhören, die konkrete Aufgabe bestimmen und den ersten passenden Satz sagen. Eine eingeübte Routine soll den Zugang zu dieser Arbeit erleichtern.
Die Reihe «Matchball-Momente»
Die Reihe fragt, wie sich vorbereitete Fähigkeiten unter Druck einsetzen lassen. Der Spitzensport liefert Beispiele; für Anwaltsprüfung und Strafverteidigung werden daraus eigene Arbeitsabläufe entwickelt.
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Duri Bonin ist Rechtsanwalt und Strafverteidiger in Zürich. Er verteidigt beschuldigte Personen in Strafverfahren bei der Polizei, vor Staatsanwaltschaften und Gerichten – in Zürich und schweizweit.
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Auch Erpresser nutzen vertrauliche E-Mail-Dienste. Nora Markwalder, Strafrechtsprofessorin an der Universität St. Gallen, konfrontiert Proton-Gründer Andy Yen mit diesem Einwand: Was tut sein Unternehmen gegen den Missbrauch? Das Gespräch fand am 4. September 2026 an der Tagung «Digitalisierung des Straf- und Strafprozessrechts» in Zürich statt.
Duri Bonin nimmt das Gespräch zum Ausgangspunkt seines Audioessays. Ihn beschäftigt auch die andere Seite der Frage: Was gewinnen Schweizer Ermittlungsbehörden durch zusätzliche Überwachungspflichten, wenn betroffene Anbieter deshalb ins Ausland ausweichen? Er liest seinen auf duribonin.ch veröffentlichten Essay – eine eigene Auseinandersetzung mit Yens Argumenten.
Darum geht es in dieser Folge
Wenn der Anbieter die Schweiz verlässt
Yen beschreibt Proton als Unternehmen im internationalen Wettbewerb mit Google und Microsoft. Zusätzliche Schweizer Pflichten könnten nach seiner Einschätzung einen Wettbewerbsnachteil schaffen, wenn die ausländische Konkurrenz nicht in gleicher Weise betroffen ist. Neue Infrastruktur baut Proton laut Yen bereits im Ausland auf; auf einen möglichen Unternehmenswegzug bereitet es sich vor.
Duri Bonin unterscheidet diese beiden Schritte. Server im Ausland bedeuten nicht schon, dass das Unternehmen die Schweiz verlassen hat. Bei einem tatsächlichen Wegzug stellt sich hingegen die Frage, ob Schweizer Ermittler häufiger auf ausländische Behörden und internationale Rechtshilfe angewiesen wären. Der Essay behandelt das als mögliche Folge der Regulierung, nicht als bereits eingetretenes Ergebnis.
Eine Nachricht muss nicht gelesen werden, um etwas zu verraten
Eine Verwaltungsmitarbeiterin schreibt einer Journalistin. Vielleicht genügt die Kenntnis dieses Kontakts, um die Quelle einer Enthüllung zu vermuten. Mit diesem Beispiel erklärt Bonin die Bedeutung von Metadaten: Angaben darüber, wer wann mit wem kommuniziert hat. Der Inhalt kann vertraulich bleiben, während die Verbindung zwischen zwei Menschen sichtbar wird.
Der Essay nimmt auch das Ermittlungsinteresse ernst. Wird eine Erpressung erst Monate später entdeckt, kann eine inzwischen gelöschte Spur fehlen. Duri Bonin stellt diesem Nutzen die Frage gegenüber, welche Daten über Menschen ohne individuellen Tatverdacht vorsorglich aufbewahrt werden sollen. Die Speicherung beim Anbieter und ein späterer behördlicher Zugriff sind dabei zwei unterschiedliche Schritte.
Behördlicher Zugriff und Schutz vor Angreifern
Yen warnt davor, dass zusätzliche Zugangswege auch unbefugt genutzt werden könnten. Duri Bonin greift die Unterscheidung zwischen rechtlicher Erlaubnis und technischer Sicherheit auf: Die Regel, wer Daten abrufen darf, beantwortet noch nicht die Frage, wie andere vom Zugriff ausgeschlossen werden.
Dabei bleibt die Abgrenzung wichtig: Die Vorlage sieht bestimmte automatisierte Auskünfte vor, kein freies Mitlesen sämtlicher Nachrichten. Die Erläuterungen zu Art. 50a des Entwurfs nehmen Ende-zu-Ende-Verschlüsselung von der Entfernungspflicht aus, soweit die Anbieterin nicht selbst entschlüsseln kann. Der Streit über gespeicherte Kommunikationsspuren und die Sicherheit von Zugängen ist damit nicht erledigt.
Was fehlt für eine erfolgreiche Ermittlung?
Proton sperrt nach Yens Darstellung missbräuchlich verwendete Konten, um den Dienst für Erpresser weniger attraktiv zu machen. Bonin lässt diese Antwort nicht für sich stehen: Ein gesperrtes Konto ist noch keine aufgeklärte Erpressung. Für Betroffene bleibt entscheidend, ob die Tat untersucht und die verantwortliche Person ermittelt werden kann.
Daraus entwickelt der Essay seine praktische Frage: Scheitert eine Untersuchung an fehlenden Daten, an fehlendem Personal oder an fehlendem technischem Wissen? Yen setzt auf mehr Fachkenntnisse und Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Strafjustiz. Duri Bonin fragt, welchen konkreten Engpass zusätzliche Befugnisse tatsächlich beseitigen würden.
Rechtlicher Hintergrund des Essays
Gegenstand ist die 2025 vorgelegte Revision der VÜPF und der VD-ÜPF, zweier Ausführungsverordnungen zur Schweizer Fernmeldeüberwachung. Die Vorlage betrifft unter anderem die Einteilung der Anbieter und ihre Mitwirkungspflichten. Das EJPD begründet sie mit klareren Kategorien und der Standardisierung von Auskünften und Überwachungen.
Die Vorlage sieht bestimmte automatisierte Auskünfte vor, keinen unbeschränkten Zugriff auf sämtliche Nachrichten. Die Erläuterungen zu Art. 50a des Entwurfs nehmen Ende-zu-Ende-Verschlüsselung von der Entfernungspflicht aus, soweit die Anbieterin nicht selbst entschlüsseln kann.
Am 11. Februar 2026 kündigte der Bundesrat eine weitere Überarbeitung unter Einbezug einer Regulierungsfolgenabschätzung und eine zweite Vernehmlassung an. Der Essay behandelt die diskutierte Vorlage und mögliche Folgen; diese sind von geltenden Pflichten zu unterscheiden.
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Duri Bonin ist Rechtsanwalt und Strafverteidiger in Zürich. Er verteidigt beschuldigte Personen in Strafverfahren bei der Polizei, vor Staatsanwaltschaften und Gerichten – in Zürich und schweizweit.
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Mehr Sicherheit durch mehr Überwachung? Andy Yen befürchtet das Gegenteil: Zusätzliche Zugänge für Behörden könnten digitale Dienste angreifbarer machen. Und die Schweiz könnte mit neuen Überwachungspflichten Unternehmen ins Ausland treiben, deren Geschäft auf dem Schutz vertraulicher Daten beruht.
Für den Gründer und CEO von Proton hat dieser Konflikt bereits Folgen: Neue Infrastruktur baut das Unternehmen nach seiner Darstellung im Ausland auf. Die Frage nach den Grenzen staatlicher Überwachung wird damit zur Frage nach der Zukunft von Proton in der Schweiz.
Prof. Nora Markwalder befragt Yen zu seinen Warnungen und zur Verantwortung von Proton. Denn vertrauliche Kommunikation schützt auch Menschen, die Straftaten begehen. Was tut das Unternehmen dagegen? Im englischsprachigen Livegespräch an der Tagung «Digitalisierung des Straf- und Strafprozessrechts» in Zürich treffen diese Fragen aufeinander.
Darum geht es in dieser Folge
Die erste Grenze: Ermitteln im konkreten Fall oder Daten aller Menschen sammeln?
Yen erklärt sich bereit, Polizei und Staatsanwaltschaft bei konkreten Ermittlungen zu unterstützen. Seine erste rote Linie ist die vorsorgliche Speicherung von Kommunikationsdaten sämtlicher Nutzer:innen. Im Gespräch kritisiert er eine sechsmonatige Aufbewahrung, die auch Menschen erfasst, gegen die kein Verdacht besteht.
Dabei geht es um Metadaten: Angaben über eine Kommunikation, etwa darüber, wer wann mit wem in Verbindung stand. Der Inhalt einer Nachricht kann geschützt bleiben, während sich aus solchen Spuren persönliche Beziehungen und Gewohnheiten erschliessen lassen.
Für Yen liegt der entscheidende Eingriff bereits beim Sammeln. Dass die Speicherung technisch machbar ist, beantwortet für ihn noch nicht die Frage, ob sie gerechtfertigt ist.
Der Grundkonflikt: Ermittlungsbehörden können rückblickend auf Spuren angewiesen sein, deren Bedeutung beim Entstehen noch niemand kennt. Eine vorsorgliche Speicherung hält solche Spuren verfügbar und erfasst dabei auch Unbeteiligte. Diese Erfassung aller Nutzer:innen lehnt Yen ab.
Die zweite Grenze: Wer schützt den Zugang der Behörden?
Yens zweiter Einwand betrifft die Sicherheit der Systeme. Er befürchtet, dass automatisierte behördliche Zugänge zusätzliche Angriffsmöglichkeiten schaffen. Im Gespräch nennt er das eine «Backdoor», eine Hintertür, und formuliert:
«There's no such thing as a backdoor that only lets a good guy in.»
Sein Argument: Ein Zugang lässt sich rechtlich auf bestimmte Zwecke beschränken. Technisch muss er auch gegen unbefugte Nutzung geschützt werden. Was geschieht, wenn Angreifer Zugangsdaten erbeuten oder eine Schwachstelle ausnutzen? Yen warnt davor, dass sich eine Sicherheitslücke bei einer staatlichen Stelle auf angeschlossene Unternehmen auswirken könnte.
Proton müsste seinen Kund:innen erklären, weshalb ihre Daten trotz eines zusätzlichen Zugangswegs weiterhin sicher sind. Genau diese Zusicherung hält Yen für problematisch.
Die Vorlage sieht automatisierte Auskünfte in gesetzlich bestimmten Bereichen vor, keinen unbeschränkten Zugriff auf sämtliche Nachrichten. Yen hinterfragt die Sicherheit der technischen Umsetzung: Welche Angriffsmöglichkeiten entstehen, und wer trägt die Folgen, wenn der Schutz versagt?
Warum die Schweiz für Proton mehr als eine Adresse ist
Yen verbindet die Entstehung von Proton mit seiner Zeit als Physiker am CERN und den Snowden-Enthüllungen von 2013. Die Frage, wer digitale Kommunikation beobachten kann, führt ihn zur staatlichen Überwachung und zur Datensammlung grosser Technologiekonzerne. Menschen sollen digitale Dienste nutzen können, ohne dafür jeden privaten Raum aufzugeben.
Proton bietet inzwischen neben E-Mail auch Kalender, Dateispeicherung und Passwortverwaltung an. Yen positioniert das Unternehmen als Alternative zu Google und Microsoft. Vertraulichkeit ist sein Grundanliegen und das Merkmal, mit dem sich Proton im Wettbewerb behaupten will.
Yen sieht im Vertrauen in den Schutz privater Daten eine Stärke der Schweiz. Wenn das Land dieses Vertrauen beschädige, gefährde es einen Vorteil seiner eigenen Technologieunternehmen. Für deren Kund:innen betrifft das persönliche Nachrichten, berufliche Unterlagen und sensible Gespräche: Sie haben sich gerade wegen der Vertraulichkeit für diesen Dienst entschieden.
Die Investitionsentscheidung fällt, bevor die Verordnung fertig ist
Yen hält den Vergleich zwischen einem Schweizer Telekomunternehmen und Proton für wirtschaftlich verkürzt. Proton konkurriere weltweit mit grossen ausländischen Anbietern. Zusätzliche Schweizer Pflichten könnten nach seiner Einschätzung einen Nachteil schaffen, wenn die Konkurrenz diesen Pflichten nicht in gleicher Weise unterliegt.
Welchen Anreiz hat ein Unternehmen dann noch, ausgerechnet von der Schweiz aus zu arbeiten?
Yen will bleiben. Er sagt ausdrücklich, dass Proton seine Mitarbeitenden noch nicht verlagert habe und dass er diesen Schritt vermeiden möchte. Bei Servern, Rechenzentren und neuer Infrastruktur handle das Unternehmen bereits anders: Diese Investitionen erfolgten nach seiner Darstellung im Ausland.
Ein Unternehmen muss über den Bau eines Rechenzentrums entscheiden, während die Politik noch über dessen künftige Pflichten verhandelt. Yen anerkennt, dass demokratische Verfahren Zeit benötigen. Doch Investitionen, die währenddessen ins Ausland fliessen, fehlen der Schweiz bereits heute.
Schützt Proton auch Kriminelle?
Nora Markwalder bringt den Einwand aus Sicht der Strafverfolgung auf den Punkt: Wer Kommunikation besonders gut abschirmt, erleichtert möglicherweise auch das Verbergen von Straftaten. Warum sollte der Staat ausgerechnet solchen Diensten entgegenkommen?
Yen weist den Vorwurf zurück, Proton habe ein Geschäftsinteresse an krimineller Nutzung. Sie beschädige den Ruf des Unternehmens. Es liege im eigenen Interesse, Missbrauch zu erkennen und zu unterbinden.
Als Beispiel nennt er Ransomware: Erpresser verwenden E-Mail-Adressen, über die Betroffene mit ihnen Kontakt aufnehmen sollen. Proton versuche, entsprechende Konten frühzeitig zu erkennen und zu sperren. Wenn dieser Kommunikationsweg immer wieder ausfalle, werde der Dienst für die Täter weniger attraktiv.
Das Sperren eines Kontos kann den Missbrauch erschweren. Offen bleibt, ob eine Straftat verhindert wird oder sich die Kommunikation zu einem anderen Anbieter verlagert. Wer hinter der Erpressung steht, ist mit einer Sperrung noch nicht geklärt. Für die Betroffenen bleibt die Aufklärung entscheidend.
Was Andy Yen von der Strafjustiz erwartet
Auf Markwalders Frage nach einer besseren Bekämpfung der Cyberkriminalität fordert Yen mehr technisches Verständnis. Wer digitale Beweise verlangt oder über Überwachungsmassnahmen entscheidet, sollte verstehen, welche Daten vorhanden sind, was sie aussagen und welche technischen Grenzen bestehen.
In Teilen der Strafjustiz habe das Wissen mit der Technologie nicht Schritt gehalten, kritisiert er. Bei jüngeren Jurist:innen sehe er Fortschritte. Unternehmen könnten Fachwissen beitragen, das Behörden bei Ermittlungen hilft.
Für die Praxis ergeben sich daraus drei Fragen:
Yens Schlusswarnung verbindet Strafverfolgung und Standortpolitik: Wenn die Schweiz kooperationsbereite Anbieter ins Ausland verdrängt, könnten Ermittlungen schwieriger werden. Behörden müssten sich dann häufiger an ausländische Stellen wenden. Sein Angebot ist deshalb die Zusammenarbeit unter Bedingungen, die den Schutz vertraulicher Kommunikation erhalten.
Worum es bei der Verordnungsrevision geht
Gegenstand des Streits sind die VÜPF und die VD-ÜPF, zwei Ausführungsverordnungen zur Schweizer Fernmeldeüberwachung. Die 2025 vorgelegte Revision betrifft insbesondere die Einteilung der Anbieter und die daran geknüpften Mitwirkungspflichten. Der Bundesrat kündigte am 11. Februar 2026 eine Überarbeitung, eine Prüfung der wirtschaftlichen Auswirkungen und eine zweite Vernehmlassung an.
Yens Warnungen beziehen sich auf die von ihm befürchteten Folgen dieser Revision. Die amtlichen Erläuterungen sehen kein allgemeines Verbot der Ende-zu-Ende-Verschlüsselung vor: Art. 50a des Entwurfs nimmt die durchgehende Verschlüsselung zwischen Endkund:innen von der Entfernungspflicht aus, sofern die Anbieterin nicht selbst entschlüsseln kann. Der Streit über gespeicherte Kommunikationsspuren und technische Behördenzugänge bleibt davon unberührt.
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Kapitel
00:00 Livegespräch mit Andy Yen in Zürich
Vier Jahre in einer stationären therapeutischen Massnahme. Nun steht die bedingte Entlassung zur Diskussion. Im Gutachten steht: «Das Rückfallrisiko ist hoch.» Auf welchem Instrument beruht diese Einschätzung – und was ist über dessen Verlässlichkeit bekannt?
Duri Bonin und Thierry Urwyler untersuchen in Teil 3 der Reihe «Gefahr ist kein Gefühl» die Grundlagen der Rückfallprognose. Ausgangspunkt ist der fiktive Fall einer wegen schwerer Körperverletzung verurteilten Person in einer Massnahme nach Art. 59 StGB. Für ihre bedingte Entlassung ist nach Art. 62 Abs. 1 StGB massgebend, ob ihr Zustand eine Bewährung in Freiheit rechtfertigt.
Thierry Urwyler ist Professor für Strafrecht und Strafprozessrecht an der Universität Zürich. Seine Habilitationsschrift «Gefahr und Risikonachweis im Präventionsstrafrecht» entwickelt Anforderungen an den Nachweis solcher Risiken.
Darum geht es in dieser Folge
Welchen Rückfall soll das Instrument vorhersagen?
Ein Risikoinstrument ordnet Informationen über eine Person anhand festgelegter Kriterien. Seine Aussagekraft hängt davon ab, für welche Personen und welche späteren Ereignisse das Verfahren untersucht wurde.
Wertet eine Studie jeden neuen Strafregistereintrag als Rückfall, untersucht sie etwas anderes als eine Studie erneuter schwerer Körperverletzungen. Allgemeine Rückfälligkeit lässt sich nicht ohne zusätzliche Begründung als Wahrscheinlichkeit einer schweren Gewalttat lesen. Duri Bonins Vergleich: Ein Thermometer kann ausgezeichnet funktionieren und für die Frage nach dem Blutdruck dennoch ungeeignet sein.
Urwyler vertritt für den rein präventiven Freiheitsentzug eine Ausrichtung an Risiken schwerer Straftaten im Sinne des Katalogs von Art. 64 Abs. 1 StGB. Das ist seine rechtswissenschaftliche These, keine unbestrittene Voraussetzung jeder Massnahme nach Art. 59 StGB.
Beweiseignung: Was das Recht bereits verlangt
Art. 139 Abs. 1 StPO verlangt für die Beweiserhebung im Strafverfahren wissenschaftlich und erfahrungsbezogen geeignete sowie rechtlich zulässige Beweismittel. Urwylers Einwand: Die Formel «wissenschaftlich anerkannt» lässt offen, wer welche Leistungsfähigkeit nachgewiesen hat und wie viel Unsicherheit rechtlich hinnehmbar ist.
Das Bundesgericht verlangt bereits eine eigenständige gerichtliche Prüfung, die auch die Qualität der Prognoseinstrumente erfasst. Methodenwahl und Schlussfolgerungen müssen nachvollziehbar sein. Instrumente bleiben Hilfsmittel einer differenzierten Einzelfallanalyse (BGE 149 IV 325, E. 4.2 und 4.4.1).
Urwylers Modell konkretisiert und verschärft die Anforderungen an den empirischen Nachweis. Seine Kritik bedeutet kein bereits geltendes pauschales Verbot der besprochenen Instrumente.
Dittmann-Liste: Was wurde tatsächlich untersucht?
Die Dittmann-Liste strukturiert die fachliche Beurteilung von Risiko- und Schutzfaktoren. Der veröffentlichte Katalog nennt selbst Anforderungen an Fachwissen, Erfahrung und die Grenzen seiner Anwendung.
Urwyler verlangt veröffentlichte Untersuchungen zur prognostischen Leistung. Zu unterscheiden sind die Beschreibung eines Instruments, die Forschung zu einzelnen Risikofaktoren und die Prüfung des gesamten Beurteilungsverfahrens.
Zur Einordnung der scharfen Kritik gehört: Dietiker, Dittmann und Graf berichteten bereits 2007 über eine Untersuchung von 64 Sexualstraftätern, die auch auf dem Basler Kriterienkatalog beruhende Gutachterurteile einbezog. Das ist keine umfassende Validierung jeder späteren Version. Entscheidend bleibt, welche Leistung der tatsächlich verwendeten Fassung für die konkrete Frage belegt ist.
FOTRES: Die Versionsnummer gehört zur Prüfung
Urwyler unterscheidet FOTRES 2.0, 3.0 und 4.0. Eine Untersuchung von Rossegger und Mitautor:innen aus dem Jahr 2011 bezog 109 in der Schweiz aus der Haft entlassene Gewalt- und Sexualstraftäter ein. Tim Räz ordnet diese Untersuchung der Version 2.0 zu und problematisiert in seiner wissenschaftlichen Analyse die Übertragung auf die veränderte Version 3.0.
Der Anbieter führt heute FOTRES 4.0. Im Gutachten genügt deshalb der Instrumentenname allein nicht. Welche Version wurde eingesetzt? Welche Studien beziehen sich darauf? Was wurde an Kriterien, Gewichtungen oder Berechnungen verändert? Urwyler fordert Leistungsnachweise auch für weiterentwickelte Fassungen. Ein Handbuch dokumentiert die Methode; eine Untersuchung der Vorhersageleistung beantwortet eine zusätzliche Frage.
Drei Leistungsfragen – verständlich erklärt
Was rote Socken mit der Prognose zu tun haben
Urwyler verwendet bewusst ein überzeichnetes Beispiel: In einer untersuchten Gruppe könnten Menschen mit roten Socken zufällig häufiger rückfällig werden. Das erklärt noch nicht, weshalb die Socken mit einer erneuten Straftat zusammenhängen sollten.
Sein Modell verlangt zusätzlich eine fachlich begründbare Verbindung zwischen den erfassten Merkmalen und dem Rückfallgeschehen. Die plausible Erklärung ersetzt ihrerseits die empirische Prüfung nicht: Was trägt das Merkmal nachweislich zur Prognose bei?
Für wen gelten die Ergebnisse?
Eine Studie mit jungen Männern beantwortet nicht automatisch die Prognosefrage bei einer 75-jährigen Frau. Alter, Geschlecht, Delikt, Beobachtungszeit und Lebensbedingungen können die Übertragbarkeit begrenzen. Auch ausländische Daten müssen auf ihre Aussagekraft für den Schweizer Anwendungskontext geprüft werden.
Urwyler wirbt für aktuelle Schweizer Daten und gemeinsame Untersuchungen mehrerer Einrichtungen. Einheitlich dokumentierte Fälle könnten über die Jahre grössere Vergleichsgruppen ermöglichen. Dafür braucht es eine Zusammenarbeit, die über einzelne Institutionen hinausreicht.
Was für den Menschen in der Massnahme auf dem Spiel steht
Die Prognose beeinflusst die Aussicht auf ein Leben ausserhalb der Einrichtung. Eine systematische Überschätzung kann die Grundlage für weiteren Freiheitsentzug verzerren. Eine Unterschätzung kann den Schutz möglicher Betroffener verfehlen.
Nach Art. 56 Abs. 2 StGB muss der Eingriff in die Persönlichkeitsrechte zur Wahrscheinlichkeit und Schwere weiterer Straftaten verhältnismässig sein. Dafür muss erkennbar sein, was die Prognose aussagt und wo ihre Grenzen liegen.
Sechs Fragen für die Prüfung eines Gutachtens
Für die Verteidigung werden methodische Einwände überprüfbar, wenn sie die Version, das untersuchte Ereignis oder die Übertragbarkeit konkret benennen. Ein Verweis auf den Ruf eines Instruments beantwortet diese Fragen nicht.
Die Reihe «Gefahr ist kein Gefühl»
Die Reihe fragt, wie ein Rückfallrisiko bestimmt, wissenschaftlich belegt und rechtlich bewertet werden muss. Diese Folge untersucht das Instrument. Als nächsten Schwerpunkt kündigt das Gespräch dessen richtige Anwendung im Einzelfall an.
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Über Duri Bonin
Duri Bonin ist Rechtsanwalt und Strafverteidiger in Zürich. Er verteidigt beschuldigte Personen in Strafverfahren bei der Polizei, vor Staatsanwaltschaften und Gerichten – in Zürich und schweizweit.
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Kapitel
00:00 Bücherhinweis und Ausgangsfall
«Spinnst du eigentlich, dass du das dem Duri erzählt hast?»
Bei zwei oder drei Passagen in «Auf unebenem Gelände» stellte sich Beni Rambert nach eigener Aussage genau diese Frage. Im Buch stehen sie trotzdem. Darin liegt ein wesentlicher Reiz des Interviewbuchs: Es zeigt nicht nur den bekannten Strafverteidiger, sondern auch einen Menschen, der auf mehr als fünfzig Jahre Berufserfahrung, Auseinandersetzungen, Zweifel und Niederlagen zurückblickt.
Das Buch erscheint anlässlich des 80. Geburtstags von Bernard «Beni» Rambert im November 2026. Es ist aus den über mehrere Jahre geführten Podcastgesprächen mit Duri Bonin hervorgegangen, wurde erweitert und durch ausgewählte Aktenstücke ergänzt. Im Zentrum steht eine Frage, die Nina Langner in ihrem Nachwort aufnimmt: Was erwarten wir vom Recht, wenn der Staat einen Menschen beschuldigt?
In dieser kurzen Buchankündigung sprechen Beni Rambert, Duri Bonin und Nina Langner über das Manuskript, den Unterschied zwischen Film und Buch, die Leser:innen und die Idee hinter der limitierten «80 für 80»-Vorzugsausgabe.
Darum geht es in dieser Folge
Was das Buch anders macht als der Film
Der Dokumentarfilm «SUSPEKT» von Christian Labhart zeichnet Beni Ramberts Leben und Arbeit als Strafverteidiger nach. Ein Film muss auswählen, kürzen und Bilder in eine dramaturgische Ordnung bringen. Beni Rambert erklärt im Gespräch, dass dabei zwangsläufig Inhalte wegfielen, die ihm für das Verständnis von Strafverteidigung wichtig sind.
Das Buch arbeitet mit einem anderen Rhythmus. Fragen können weitergeführt, Antworten stehen gelassen und Widersprüche ausgehalten werden. Es geht um Strafprozesse und Haft, staatliche Macht und Überwachung, berufliche Verbote, Niederlagen, Zweifel und die Verantwortung der Verteidigung. Die ausgewählten Aktenstücke stellen den Gesprächen Dokumente aus der Praxis zur Seite.
So entsteht weder ein Lehrbuch noch eine klassische Festschrift. «Auf unebenem Gelände» ist ein persönliches Interviewbuch über Strafverteidigung, Macht und Menschenwürde – und über die Frage, was von einem langen Anwaltsleben weitergegeben werden soll.
Nina Langner als Erstleserin
Nina Langner hat das Manuskript als Erste gelesen und das Nachwort verfasst. Ihre Perspektive führt über eine Empfehlung hinaus. Sie benennt den praktischen Wert des Buches: Es bringt Leser:innen dazu, über den eigenen Beruf und die eigenen Erwartungen an das Recht nachzudenken.
Das gilt für verschiedene Generationen. Junge Jurist:innen erhalten Einblick in eine Form der Strafverteidigung, die sich über Jahrzehnte gegen Widerstände entwickeln musste. Erfahrene Praktiker:innen können die eigene Haltung an Ramberts Erfahrungen, Entscheidungen und Selbstzweifeln spiegeln. Menschen ausserhalb der Justiz begegnen der grundlegenden Frage, was ein rechtsstaatliches Verfahren von der Verteidigung verlangt.
80 Jahre Beni Rambert – 80 besondere Exemplare
Die «80 für 80»-Vorzugsausgabe ist auf 80 Exemplare limitiert. Jedes Exemplar wird von Hand nummeriert und von Beni Rambert und Duri Bonin persönlich signiert. Der Preis beträgt CHF 80 inklusive Versand innerhalb der Schweiz. Erscheinung und Versand sind für November 2026 vorgesehen.
Mit der Vorbestellung wird zugleich die Produktion des Buches mitgetragen. Die reguläre, nicht nummerierte Ausgabe kostet CHF 44 inklusive Versand innerhalb der Schweiz.
Das Buch möglichst breit zugänglich machen
Die Editionsidee hat auch eine soziale Seite. Beni formuliert im Gespräch den Wunsch, das Buch möglichst breit zu verbreiten und nach Möglichkeit auch Gefangenen zugänglich zu machen. Das ist noch kein fest zugesagtes Verteilprogramm. Der Gedanke passt aber zum Gegenstand des Buches: Strafverteidigung darf nicht nur über Menschen sprechen, die vom Strafrecht betroffen sind. Sie muss deren Perspektive ernst nehmen.
Für wen eignet sich welche Ausgabe?
Die Vorzugsausgabe richtet sich an Leser:innen, die ein nummeriertes und von Beni Rambert sowie Duri Bonin signiertes Exemplar möchten und die Herstellung der Hommage besonders unterstützen wollen. Weitere Überraschungen sind geplant. Die reguläre Ausgabe enthält dasselbe Interviewbuch ohne Nummerierung und ohne Signatur. Beide Ausgaben erscheinen voraussichtlich im November 2026.
Frühere Gespräche mit Beni Rambert
Links und Quellen zu dieser Folge
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Über Duri Bonin
Duri Bonin ist Rechtsanwalt und Strafverteidiger in Zürich. Er verteidigt beschuldigte Personen in Strafverfahren bei der Polizei, vor Staatsanwaltschaften und Gerichten – in Zürich und schweizweit.
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Kapitel
00:00 Ein Buch zum 80. Geburtstag
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