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Viele Lehrkräfte werden sich schon gefragt haben, wie sie ihren Schülerinnen und Schülern Medienkompetenz und die Funktionsweise sozialer Netzwerke vermitteln können. Drei Wissenschaftlerinnen haben im Rahmen eines Projekts am TUM Think Tank an der Hochschule für Politik München nun ein digitales Tool entwickelt, mit dem Lehrkräfte junge Menschen dafür sensibilisieren können, wie Plattformen mit ihren Daten umgehen, wie Inhalte einzuordnen sind – und in welchem Maß ihnen die Nutzung sozialer Medien guttut.
Das Lerntool InstaClone ist – wie der Name schon sagt – ein Klon von Instagram, das sich für die Anwendung im Unterricht vollständig steuern lässt. Schülerinnen und Schüler können Algorithmen auswählen und einstellen und so die Mechanismen und die Datensammlung einer Social media-Plattform nachvollziehen.
Für die Entwicklung dieser lebensnahen Webumgebung haben die drei Wissenschaftlerinnen im September den Preis für digitale Didaktik der Prof. Balzert-Stiftung erhalten. Wir haben mit Dr. Anna Hartl, Elena Spörer und Dr. Angelina Voggenreiter von der Technischen Universität München über ihr Tool InstaClone gesprochen
(15 min)
Guten Tag und herzlich willkommen bei Bildung auf die Ohren, dem Podcast des Deutschen Bildungsservers. Mein Name ist Christine Schumann.
Doch wie kann man Jugendliche dazu befähigen, einen gesunden Umgang mit den Social Media-Plattformen zu finden? Indem sie sich nicht mehr nur als reine Nutzer sehen, sondern sich darüber klar werden, dass sie die zukünftige digitale Welt aktiv mitgestalten können? Ein erster Schritt ist, in der Schule einen reflektierten und verantwortungsbewussten Umgang mit Daten aller Art zu vermitteln.
Drei junge Wissenschaftlerinnen der TU München haben sich das zum Ziel gesetzt und eine Webumgebung geschaffen, in der Schülerinnen und Schüler diese „Data Literacy“ erwerben und ihre Medienkompetenz verbessern können: Das Social Media Tool Instaclone.
Instaclone imitiert Funktionalitäten und das Aussehen von Instagram und zeigt dabei, was im Hintergrund sozialer Medien passiert. Integrierte Dashboards und analytische Funktionen bieten einen Blick hinter die Kulissen von Social Media, und zeigen, welche Daten wie erfasst und verarbeitet werden.
Doch lassen wir das unseren Hörerinnen und Hörern lieber direkt von den drei Wissenschaftlerinnen erklären. Ich freue mich sehr, heute mit Anna Hartl, Elena Spörer und Angelina Voggenreiter von der Technischen Universität München über ihr Tool Instaclone sprechen zu können.
Anna Hartl: Vielen Dank für die Einladung. Wir sind drei Wissenschaftlerinnen aus unterschiedlichen Lehrstühlen: Elena Spörer ist Doktorandin in der Didaktik der Informatik, Angelina Foggenreiter Postdoc in Computational Social Science und ich Postdoc in der Psychologie des Lehrens und Lernens. Unser Projekt heißt InstaClone – ein Instagram-Klon für den Unterricht. Schülerinnen können posten, liken und sich vernetzen, während wir Daten sichtbar machen. Ziel ist, Kompetenzen in Data Literacy und Algorithmic Awareness zu fördern. Lehrkräfte haben ein Admin-Dashboard, um Inhalte zu moderieren. Alles findet in einer geschützten Lernumgebung statt.
Elena Spörer: Es entstand im Rahmen des Reboot Social Media Labs von TUM Think Tank. Wir wollten Social Media für die Gesellschaft besser machen und haben uns als drei Lehrstühle zusammengeschlossen. Hintergrund: Jugendliche gelten als „Digital Natives“, verstehen aber oft nicht, wie Plattformen funktionieren oder was mit ihren Daten passiert. Lehrkräfte können das Thema meist nur theoretisch behandeln, da echte Plattformen datenschutzrechtlich problematisch sind. InstaClone bietet eine sichere „Spielwiese“, um Social Media praktisch zu erleben.
Angelina Voggenreiter: Lehrkräfte melden sich bei uns und erhalten eine eigene InstaClone-Umgebung. Schülerinnen können posten und kommentieren – ähnlich wie bei Instagram –, aber nur innerhalb der Klasse. Daten liegen sicher auf Uni-Servern. Es gibt ein digitales Arbeitsheft mit Aufgaben zu Datenschutz, Algorithmen und Filterblasen. Für gelöste Aufgaben gibt es Punkte, mit denen neue Funktionen freigeschaltet werden. Lehrkräfte können Aufgaben anpassen. Zusätzlich gibt es ein Dashboard, das zeigt, welche Daten gespeichert werden, und Funktionen wie personalisierte Werbung, um die Mechanismen hinter Social Media zu verdeutlichen. Wir stellen Materialien bereit: Lehrerhandbuch, Musterlösungen, didaktische Kommentare und für Informatikunterricht auch Datamining-Übungen mit Orange. InstaClone ist flexibel, fächerübergreifend einsetzbar und auch für Lehrkräfte ohne Informatikkenntnisse geeignet.
Angelina Voggenreiter: Nein, das war uns wichtig: Die Daten gehören den Lehrkräften. Wir haben technisch sichergestellt, dass wir keinen Zugriff haben – außer wenn Lehrkraft und Klasse ausdrücklich zustimmen.
Angelina Voggenreiter: Den Prototypen gibt es seit 2021. Wir haben ihn in Schulen getestet und weiterentwickelt. Seit dem Gewinn des Preises der Gesellschaft für Informatik ist die Nachfrage stark gestiegen. Unser Ziel: breiter Einsatz an vielen Schulen.
Elena Spörer: Ja, sehr positiv. Lehrkräfte schätzen, dass sie Social Media sicher im Unterricht nutzen können. Aktuell sind wir mit rund 30 Schulen in Kontakt, einige arbeiten schon seit mehreren Jahren mit uns. Nach dem Preis kamen deutlich mehr Anfragen.
Angelina Voggenreiter: Wir denken groß und prüfen gerade, wie wir InstaClone für bis zu 100.000 Schülerinnen skalieren können. Der Ausbau läuft.
Anna Hartl: Wir haben InstaClone von Anfang an mit Lehrkräften entwickelt und viel gelernt – auch durch unerwartete Situationen, wie als ein Schüler das Tool in der ersten Stunde lahmlegte. Rückmeldungen aus der Praxis sind für uns extrem wertvoll und motivierend. Unser Ziel: ein Tool, das fächerübergreifend und einfach einsetzbar ist.
Anna Hartl: Ja, am Anfang brauchte es Überzeugungsarbeit. Mit Workshops haben wir den Einstieg geschafft, dann wuchs das Interesse stetig.
Angelina Voggenreiter: Lehrkräfte, die interessiert sind, finden Infos unter info.instaclone.de.
(Transkribiert und stark zusammengefasst mit dem AI Companion.)
Elena Spörer ist Doktorandin an der von Tilman Michaeli geleiteten Professur für Didaktik der Informatik. Dr. Angelina Voggenreiter ist Postdoc am Lehrstuhl für Computational Social Science unter der Leitung von Professor Jürgen Pfeffer und Dr. Anna Hartl, Postdoc an der von Doris Holzberger geleiteten Professur für Psychologie des Lehren und Lernens.
Dieser Podcast steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Christine Schumann für Deutscher Bildungsserver
Wie lassen sich Sprachförderung und emotionale Bildung im Unterricht verbinden? Prof. Dr. Miriam Langlotz von der Universität Kassel zeigt mit dem Verbundprojekt „Fühlen, Denken, Sprechen in der Grundschule“ (FDS-G), wie Lehrkräfte mit gezielten Gesprächsanlässen Kinder darin unterstützen können, Gefühle sprachlich auszudrücken – und so Bildungssprache ganz natürlich zu fördern.
Das Ziel dieses Projekts besteht darin, eine Fortbildung für Lehrkräfte und Betreuungspersonen zu konzipieren, die sie in der unterrichtlichen und alltagsintegrierten, inhaltsbezogenen Sprachförderung qualifiziert. Im Zentrum der Sprachförderung stehen Sprachlernstrategien und das dialogische Sprechen über Emotionen („Emotion Talk“) – ein für Kinder wichtiger und motivierender Anlass zum Gespräch, der Sprache und Emotionen auf natürliche Weise miteinander verknüpft.
(19 min)
(Transkribiert und stark zusammengefasst mit dem AI Companion.)
Miriam Langlotz: Vielen Dank, ich freue mich sehr über die Einladung. Ich bin Professorin für Deutschdidaktik für die Primarstufe an der Universität Kassel und damit für die Ausbildung von Grundschullehrkräften zuständig. Ich habe selbst Grundschullehramt studiert. In meiner Forschung beschäftige ich mich mit Schreibentwicklung und Schriftspracherwerb, auch über die Primarstufe hinaus, sowie frühem Spracherwerb, Sprachförderung und Grammatikdidaktik.
Vom Kita-Projekt zur Grundschule: Emotionen als Türöffner für Sprache
Miriam Langlotz: Das Grundschulprojekt knüpft direkt an das Kita-Projekt an und wurde im Rahmen der BMBF-Förderlinie „Sprachliche Bildung in der Einwanderungsgesellschaft“ weiterentwickelt. Unser Ziel war es, Lehrkräfte und pädagogisches Personal darin zu unterstützen, alltägliche Situationen – wie den Morgenkreis, Konfliktgespräche oder Pausensituationen – gezielt sprach-förderlich zu gestalten.
Sprachförderung in der Grundschule: Alltagssituationen gezielt nutzen
Miriam Langlotz: Das Projekt ist sehr praxisnah angelegt. Wir haben Lehrkräfte fortgebildet und gemeinsam mit ihnen die entwickelten Materialien diskutiert – zum Beispiel Gesprächsanlässe wie den „Wetterbericht der Gefühle“ oder Spiele wie „Emotionstabu“. Wichtig war uns, keine zusätzlichen Aufgaben zu schaffen, sondern Sprachförderung in bestehende Routinen zu integrieren.
Ein Kooperationsprojekt der Universitäten Braunschweig, Kassel und Lüneburg gefördert durch das BMBF
Kinder lernen Sprache nicht nur über Grammatikregeln, sondern insbesondere durch gute sprachliche Vorbilder. Deshalb regen wir Lehrkräfte an, modellhaft zu sprechen – also eigene Gedanken und Gefühle sprachlich auszudrücken.
Emotionen im Unterricht: Kinder erweitern ihren Wortschatz
Miriam Langlotz: Ein wichtiges Ergebnis ist das Fortbildungsmaterial selbst, das wir auf Basis von aktuellen Forschungserkenntnissen, wie wirksame Sprachförderung funktioniert, erstellt haben.
Ein Kooperationsprojekt der Universitäten Braunschweig, Kassel und Lüneburg gefördert durch das BMBF
In Erzählaufgaben können wir beobachten, dass viele Kinder schon in der 2. Klasse über ein situationsspezifisches Emotionsvokabular verfügen und mehrsprachig aufgewachsene Kinder im Emotionswortschatz keinen Nachteil haben.
Wissenstransfer: Wie Forschung Schulen erreicht
Miriam Langlotz: Wir nutzen verschiedene Wege: lokale Medien, den Bildungsklick-Newsletter, Fachtagungen und unseren YouTube-Kanal, auf dem wir kurze Erklärvideos bereitstellen. Außerdem bleiben wir über Netzwerktreffen und Kooperationen mit Schulen im Austausch.
Kooperation von Forschung und Schule: Zeit und Austausch sind entscheidend
Miriam Langlotz: Zeit und Ressourcen sind die entscheidenden Faktoren. Lehrkräfte leisten enorm viel und haben oft wenig Freiraum, sich fortzubilden. Dabei ist gerade der regelmäßige Austausch zwischen Forschung und Praxis so wertvoll.
Miriam Langlotz: Ich danke Ihnen – es hat mich sehr gefreut.
Dieser Podcast steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Caroline Hartmann für Deutscher Bildungsserver
Die Digitalisierung verändert die berufliche Bildung rasant: Lehrkräfte müssen digitale Kompetenzen vermitteln, heterogene Klassen begleiten und trotz knapper Ressourcen modernen Unterricht gestalten. Digitale Tools, rechtssichere Materialien und funktionierende Vernetzung werden dabei immer wichtiger.
In dieser Folge von „Bildung auf die Ohren“ spricht unsere Redakteurin Dr. Caroline Hartmann mit Dietmar Hefendehl, Projektleiter von HubbS – dem digitalen Hub für berufliche Schulen. Er erläutert, warum digitale Plattformen, OER, Datenschutz-Wissen und kollaborative Lernstrukturen heute unverzichtbar sind und wie HubbS Lehrkräfte bundesweit unterstützt.
Zudem zeigt er, welche Chancen digitale Lernortkooperationen bieten und welche Entwicklungen er sich für die Zukunft der beruflichen Bildung wünscht.
(10:11min)
Dietmar Hefendehl: Gerne! Mein Name ist Dietmar Hefendehl, ich bin Projektleiter von HubbS – dem „Hub für berufliche Schulen“ und arbeite seit knapp 4 Jahren beim FWU an und für dieses Portal. Seit etwa 25 Jahren bin ich mit dem Auf- und Ausbau von digitalen Lern- und Lehrplattformen beschäftigt, ein Bereich in dem sich enorm viel verändert hat – gerade auch im Moment.
Dietmar Hefendehl: Die Berufliche Bildung wurde bei der Finanzierung von Bildungsprojekten oft übersehen. Aber in der Berufsschule ist man pragmatisch und hat schon immer irgendwie Lösungen gefunden. Doch auch in diesem Bereich leiden die Lehrkräfte an Fachkräftemangel und Ressourcenknappheit. Viele Berufe entwickeln sich in einer digitalisierten Welt schnell, die Klassen werden immer heterogener und damit steigen die Anforderungen an die Lehrkräfte einerseits, mit der Entwicklung Schritt zu halten, aber andererseits auch, dem erhöhten individuellen Förderbedarf nachzukommen.
Das hat man in den Kultusministerien erkannt und 2020 den Grundstein für HubbS gelegt. Gefördert durch den Digitalpakt und unterstützt von allen 16 Bundesländern war es das Ziel, eine bundesweite digitale Infrastruktur für Berufsschullehrkräfte aufzubauen, um sie mit ganz praktischen Tools in Ihrer Arbeit zu unterstützen.
HubbS kurz erklärt: Digitale Plattform für Berufsschullehrkräfte
Dietmar Hefendehl: HubbS ist die bundesweite Community für Lehrkräfte der Berufsausbildung. Wir bieten alles, was man für modernen Unterricht braucht: eine Mediathek mit kostenfreien und rechtssicheren Materialien, praktische Tools wie einen Editor zum einfachen Erstellen von digitalen Unterrichtsmaterialien, eine Cloud-Ablage und Videokonferenzen – und vor allem die Möglichkeit, sich mit Kolleginnen und Kollegen aus ganz Deutschland zu vernetzen.
Digitale Kompetenzen für Lehrkräfte und Auszubildende
Dietmar Hefendehl: Bei Auszubildenden zählen heute vor allem digitale Kommunikationsfähigkeit, der sichere Umgang mit branchenspezifischer Software, Datenanalyse und ein grundsätzliches Verständnis von Automatisierung und KI. Lehrkräfte brauchen zusätzlich didaktische Kompetenzen im Umgang mit digitalen Tools und Lernplattformen, Kenntnisse zu Datenschutz und KI sowie die Fähigkeit, offene Bildungsressourcen (also sogenanntes OER-Material) gezielt zu nutzen.
Auch ohne KI hat sich in der Bildungslandschaft enorm viel verändert und es wird höchste Zeit, dass Urheberreicht, Lizenzen und OER fester Bestandteil der Lehrkräfteausbildung werden. In einer digitalisierten (Lern-)Welt spielt der Datenschutz und das Urheberrecht eine große Rolle und stiftet Verunsicherung unter LK. Das führt bei vielen dazu, die eigene Arbeit nicht mit anderen zu teilen, und damit zum Gegenteil dessen, was die OER-Kultur verspricht: Offenheit, gegenseitige Unterstützung und optimierte Lehrmaterialien durch die Community.
Bedeutung der digitalen Vernetzung in der beruflichen Ausbildung
Dietmar Hefendehl: Die Landesinstitute stellen den Lehrkräften der beruflichen Bildung in den meisten Bundesländern bereits eine sehr gute Infrastruktur zur Verfügung, die sich aber in engen Grenzen bewegt. Neben einer stabilen digitalen Infrastruktur braucht es außerdem Vernetzungsstrukturen, die über Schulen und Landesgrenzen hinausreichen. Gerade für die kleinen oder sogenannten Splitterberufe, die nur an wenigen Standorten unterrichtet werden, ist das ein großer Mehrwert.
Dietmar Hefendehl: Im Schulalltag möchten Lehrkräfte schnell passende Materialien finden, diese mit den richtigen Tools für den Einsatz in der eigenen Klasse anpassen und im Idealfall auch KollegInnen kontaktieren können, die sie fachlich oder auch didaktisch unterstützen. Da geht es eben nicht darum, schnell ein paar Seiten aus einem Fachbuch zu kopieren, sondern in Kollaboration mit anderen Best Practices zu erfahren und für die eigene Arbeit einzusetzen. Da sind wir wieder beim Thema OER, das in einer digitalisierten Lernumgebung ein riesiger Vorteil sein kann.
Digitale Vernetzung in der beruflichen Bildung
Dietmar Hefendehl: Absolut. Warum soll man immer wieder das Rad neu erfinden, wenn es doch schon da ist? Ich bin davon überzeugt, dass jede Lehrkraft echte Schätze an Unterrichtsmaterialien auf ihrem Rechner hat. Und wenn jede auch nur einen Teil davon für andere Lehrkräfte zur Verfügung stellt, können alle davon profitieren. Der Austausch in HubbS funktioniert in kleinen Gruppen mit vertrauten Kolleginnen und Kollegen sowie im großen Stil in der frei zugänglichen Mediathek. Dagegen hakt es aber noch im Austausch zwischen den verschiedenen Lernorten.
Digitale Lernortkooperation in der Praxis
Dietmar Hefendehl: Die Digitalisierung kann ein zentraler Schlüssel für erfolgreiche Lernortkooperation werden – aktuell sehe ich hier einen großen Bedarf auf allen beteiligten Seiten. Die meisten Tools beschränken sich aber bislang auf einzelne Lernorte, etwa Betriebe oder Schulen und gehen nicht über Landesgrenzen hinweg. Was fehlt, ist der verbindende, datenschutzkonforme digitale Raum für die gemeinsame Arbeit an Inhalten und die Durchführung von Projekten. Wie können die Ausbildungsbetriebe, die Schulen, die außerschulischen Lernorte in besseren Austausch kommen, Ausbildungsinhalte abstimmen und eine individualisierte Betreuung gewährleisten?
Es gibt einzelne Pilotprojekte, die zeigen, dass digitale Zusammenarbeit über Standorte hinweg funktioniert – vorausgesetzt, die technischen und organisatorischen Rahmenbedingungen stimmen. Hier heißt es, die Bedürfnisse der Zielgruppen in Erfahrung zu bringen, von Best Practices zu lernen und schnell zu handeln. Denn wir stehen noch ganz am Anfang und die technologische Entwicklung lässt sich durch bürokratische Hindernisse nicht aufhalten.
Dietmar Hefendehl: Ich wünsche mir, dass die Berufsschullehrkräfte die Unterstützung erhalten, die Ihnen ihre wichtige Arbeit erleichtert. Dazu gehört für mich ein zentraler digitaler Treffpunkt für alle Lehrkräfte, in dem ein geschützter Austausch möglich ist und der im Bedarfsfall auf alle außerschulischen Lernorte und vor allem die Betriebe ausgeweitet werden kann. Für mich sind Austausch und Vernetzung die wichtigsten Treiber für hohe Qualität und Innovation in der Bildung, nicht nur im beruflichen Bereich.
(Transkribiert und stark zusammengefasst mit dem AI Companion.)
Dieser Podcast steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Caroline Hartmann für Deutscher Bildungsserver
In dieser Podcast-Folge stellt Christine Schumann interessante Linktipps zum Thema Future Skills aus den Bildungsbereichen des Deutschen Bildungsservers vor. Die Empfehlungen umfassen Begriffserklärungen sowie grundsätzliche Überlegungen und Konzepte. Inhaltlich fokussieren sie Berufliche Bildung und Weiterbildung, Schule und Leseförderung und Inklusion.
(7:42 min)
Guten Tag und herzlich willkommen bei Bildung auf die Ohren, dem Podcast des Deutschen Bildungsservers. Mein Name ist Christine Schumann.
In Zeiten des Umbruchs stellt sich immer wieder aufs Neue die Frage, wie wir Menschen mit gesellschaftlichen und technologischen Entwicklungen umgehen können und sollen.
Sie merken es schon: In diesen Audio-Linkempfehlungen geht es um „Future Skills“ – um zukunftsrelevante Kompetenzen also, die es uns Menschen ermöglichen, in einer sich wandelnden und zunehmend komplexen Welt handlungsfähig zu bleiben. Und diese Kompetenzen zu identifizieren und herauszuarbeiten, ist – zumal in der Welt der Bildung und der Arbeit – ein wirklich weites Feld. Da werden Kompetenzen in Kategorien systematisiert, Kompetenzrahmen und Frameworks mit unterschiedlichen Schwerpunkten entwickelt und – je nach Blickwinkel – verschiedene Aspekte einer zukunftsrelevanten Kompetenzentwicklung adressiert.
Was „Future Skills“ also alles sind – da komme ich auch gleich zu meiner ersten Empfehlung – lesen Sie am besten beim wb-web nach. Dort gibt es einen ausgesprochen guten Überblick, in dem erklärt wird, was Future Skills ausmacht, wie sie entstanden sind, welche Modelle sie beschreiben und warum sie für Bildung, Arbeit und gesellschaftliche Teilhabe immer relevanter werden.
Ist die Tatsache, dass es so viele verschiedene Modelle gibt, ein Beweis für die Beliebigkeit des Begriffs? Oder zeigt die Vielfalt einfach, wie notwendig es ist, unterschiedliche Perspektiven und Anforderungen zu berücksichtigen?
In seinem Gastbeitrag – übrigens auch beim wb-web – beleuchtet Burkhard Lehmann kritisch die Herkunft des Begriffs – er hinterfragt, ob Future Skills dem an sie gelegten Anspruch gerecht werden können. Für ihn geht es bei „Future Skills“ im Kern um Employability, also um den Erhalt der Ware Arbeitskraft als zentrale Komponente des Wertschöpfungsprozesses unter den Bedingungen gesellschaftlicher Transformation. Der Beitrag heißt übrigens „Die Zukunft kommt von vorn“.
Aber unabhängig von einer theoretischen Auseinandersetzung mit dem Begriff „Future Skills“ – welche Kompetenzen stecken nun konkret dahinter? Oder anders gefragt: Wie kann man die Arbeitskraft als Wertschöpfungsprozess erhalten?
Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hatte eine Idee und entwickelte den „Job Futuromat“. Er richtet sich an Schüler*innen, Absolvent*innen, Beschäftigte und Arbeitsuchende und zeigt, wie stark automatisierbar der jeweils gewünschte beziehungsweise ausgeübte Beruf sein könnte – und kann so auf eventuelle Strukturveränderungen vorbereiten. Zum Beispiel mit entsprechenden Weiterbildungen. Allerdings ist eine hohe Automatisierbarkeit kein Anzeichen dafür, dass der Beruf bald nicht mehr existiert. Sie zeigt nur, dass im Beruf eine Reihe digitaler Technologien zum Einsatz kommen könnte, die berufstypische Tätigkeiten verändern können.
Noch viel mehr interessante Hinweise finden Sie auf der Seite „Future Skills in der beruflichen Bildung“.
Auch Schülerinnen und Schüler können auf künftige Strukturveränderungen vorbereitet werden. Die Future Skills Initiative bietet Schulen, Berufsberatern und Lehrkräften eine „Future Skills Box“, um die Beschäftigungsfähigkeit junger Menschen zu fördern und für deren bessere berufliche Orientierung im Kontext der Digitalisierung zu sorgen. Die Box beinhaltet:
Einen etwas anderen Zugang bietet die Bildungsplattform „Zukünfte gestalten“ des Futuriums in Berlin. Lehrkräfte und Schüler finden hier kostenfreie, multimediale Lernangebote, um mit digitalen Werkzeugen Ideen für die Zukunft zu entwickeln. Die modular aufgebauten Angebote drehen sich um Themen wie Städte, Ernährung, Gesundheit, Mobilität, Energie, Arbeit und Demokratie. Sie können im Schulunterricht eingesetzt werden, sind aber auch zum Selbstlernen geeignet.
Noch mehr Infos gibt es auf der Seite Future Skills in der Schule – Methoden und Materialien zur Förderung von Zukunftskompetenzen im Unterricht unseres Dossiers.
Und wie sieht es mit Grundkompetenzen wie Lesen und Schreiben aus? Sind das auch Future Skills? In insgesamt vier Beiträgen geht unsere Kollegin Magdalena Hagemann bei „Lesen in Deutschland“, unserem Portal zur Leseförderung diesen Fragen nach. Einer davon ist das Interview mit Petra Anders, Professorin am Institut für Erziehungswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin.
Für Anders ist Lesen eine wichtige Zukunftskompetenz – auch, weil wir alle sehr viel digital lesen: In kurzen Häppchen, beim Scrollen durch soziale Medien, in Chats oder auch hypertextfähigen Online-Artikeln. Und weil digitale Texte neben der Schrift auch mit (bewegten) Bildern, Geräuschen und Musik sowie verschiedenen (Körper-)Sprachen angereichert sind, spricht man auch davon, dass digitales Lesen zunehmend multimodal ist. Und multimodale Lesen – gekoppelt an Austausch mit anderen Menschen führt zu einem erweiterten Selbst- und Weltwissen, das uns hilft, uns auf Veränderungen vorzubereiten und angesichts des Wandels Neues zu erfinden, erläutert die Deutsch-Didakterin Anders.
Wer also wissen will, was Lesen in unserer digitalisierten Welt bedeuten kann, und welche Kompetenzen Kinder und Jugendliche im Umgang mit multimodalen Texten heute und in Zukunft benötigen, dem sei das Interview bei „Lesen in Deutschland“ wärmstens empfohlen:
Eine letzte Empfehlung möchte ich zum Thema „Future Skills“ und Inklusion geben. Hier geht es vor allem um digitale Kompetenzen, die die Inklusion benachteiligter Menschen befördern kann. Man kann in dem Zusammenhang auch von „Diklusion“ sprechen. Die Sonderschullehrerin Dr. Lea Schulz stellt Lehrkräften und pädagogischen Fachkräften vielversprechende Möglichkeiten zum Thema Digitale Medien und Inklusion für den Unterricht vor. Sie erläutert die Rolle digitaler Medien für die schulische Inklusion von Kindern mit besonderem Förderbedarf und zeigt auf wie u.a. behinderte und kranke Schülerinnen und Schüler über den Einsatz von digitalen Medien, direktes Feedback, unterstützte Kommunikation und Vernetzung besser am Leben und an der Gesellschaft teilhaben können.
Auch von Sonderschullehrerinnen und -lehrer stammt das Visual Book „Diklusive Lernwelten“, in dem vor allem Erfahrungen mit Apps für unterschiedliche Fächer und Zielgruppen geschildert werden. Im Zuge der Schulschließungen 2020 stellten die insgesamt 51 Lehrkräfte fest, dass es im Netz kaum Materialien zur Gestaltung von digitalem Unterricht für Schüler mit Förderbedarf gibt. Einem Aufruf zur Vernetzung folgte dieses Buchprojekt. Die Online-Version ist kostenlos und barrierefrei als pdf-Datei verfügbar.
Alle empfohlenen Webseiten finden Sie auch im Dossier „Future Skills“ des Deutschen Bildungsservers.
Dieser Podcast steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Christine Schumann für Deutscher Bildungsserver
Der Zukunftsraum ist ein digitales Angebot für Lehrkräfte und Bildungsakteurinnen und – akteure. Er ermöglicht einen Blick in die Zukunft von Schule in der digitalen Welt und bietet Nutzerinnen aus Praxis und Wissenschaft vielfältige Möglichkeiten zum aktiven Mitgestalten.
(15:21min)
Michaela Achenbach: Hallo und herzlich willkommen bei Bildung auf die Ohren – dem Podcast des Deutschen Bildungsservers. Heute wollen wir uns hier im Podcast mit dem Thema „Zukunft der Schule“ beschäftigen. Vor welchen Herausforderungen stehen Lehrkräfte in den kommenden Jahren? Wie wird der Unterricht von morgen oder übermorgen aussehen und was braucht es dazu? Wie kommen Wissenschaft und Praxis besser in den Austausch?
Gabriele Irle: Hallo.
Maren Gebhardt: Danke für die Einladung!
Irina Brich: Schön, dass wir hier sein können.
Irina Brich: Ja, gerne! Mein Name ist Irina Brich. Maren, Gabriele und ich sind zusammen das Redaktionsteam des Zukunftsraums. Der Zukunftsraum ist eine Website, die sich an Lehrkräfte richtet und ihnen einen Blick in die Zukunft von Schule in der digitalen Welt ermöglicht. Sie finden den Zukunftsraum auf der lernen.digital – Webseite unter lernen.digital-slash-zukunftsraum. Als Redaktionsteam machen wir uns auf die Suche nach Praktiker:innen und Forschenden mit spannenden und passenden Themen und fragen sie, ob sie einen Inhalt für den Zukunftsraum erstellen möchten. Das kann ein Text sein, ein Interview, ein Video, wie haben hier viele verschiedene Formate. Wenn sie zusagen, begleiten wir die Autor:innen bei der Produktion der Inhalte für den Zukunftsraum. Neben den Formaten organisieren wir außerdem Online-Events, die sogenannten Community Calls.
lernen:digital: „Wissenschaft und Praxis im Dialog“
Maren Gebhardt: Und Ich bin Maren Gebhardt. Der Zukunftsraum ist im Bereich Wissenschaftskommunikation im Kompetenzverbund lernen:digital 2023 im damaligen Bildungsministerium für Bildung und Forschung (BMBF) entstanden und gefördert von der EU. Im Kompetenzverbund geht es darum, evidenzbasiert Fortbildungen für Lehrkräfte zu entwickeln, um Lehrkräfte für eine Kultur der Digitalität vorzubereiten.
Gabriele Irle: Ich bin Gabriele Irle. Der Claim des Kompetenzverbund lernen:digital heißt „Wissenschaft und Praxis im Dialog“. Wir als Redaktionsteam möchten Wissenschaft und Praxis im Zukunftsraum in Dialog bringen. Wenn wir Autor:innen bei der Erstellung der Inhalte begleiten, wie Irina es eben beschrieben hat, nehmen wir nämlich die Mittlerrolle zwischen Praxis und Wissenschaft ein, damit der Dialog eben klappt. Wir helfen den Autor:innen, eine gute Sprache und Form für die Zielgruppe der Lehrkräfte zu finden. Also zum Beispiel: Praxisnah statt abstrakt; kurz statt ausschweifend; schulisches statt wissenschaftliches Wording.
Maren Gebhardt: Wir befinden uns in einer gesellschaftlichen Umbruchsituation, angetrieben auch durch die Digitalisierung. Lehrkräfte bekommen sie im Alltag zu spüren: Schüler:innen nutzen KI selbstverständlich und machen zum Beispiel das Thema Hausaufgaben oder Prüfungsformate in der bisherigen Form obsolet.
Gabriele Irle: Als wir den Zukunftsraum konzipiert haben, haben wir uns das natürlich auch gefragt. Zwei Eigenschaften von Zukunft sind uns wichtig: Sie ist offen und sie ist gestaltbar.
Irina Brich: Zunächst muss man sich so einer ungewissen Zukunft erstmal nähern. Dazu muss man auch immer Vorstellungskraft entwickeln. Uns ist es wichtig, die Zukunft greifbar zu machen, deshalb stehen für uns die Menschen im Vordergrund. Mit unseren Beiträgen und Formaten tragen wir dazu bei, dass man sich mögliche Zukünfte besser vorstellen kann. Dazu lassen wir beispielsweise in unseren schriftlichen und Audio Interviews Vordenker:innen aus der Schule und aus der Forschung zu Wort kommen, die schon Zukunftsvorstellungen entwickelt haben und auch schon ausprobiert haben, wie ihre Ideen funktionieren können. Dann können sie diese Best-Practice Beispiele in Videos oder multimedialen Text-Bild Beiträgen bei uns zeigen.
Gabriele Irle: Wir haben uns zu Beginn drei große Themenbereiche ausgewählt, in die wir die Beiträge zuordnen: Lernen motivierend gestalten, Schule & Fächer weiterentwickeln, Wachsender Heterogenität begegnen.
Maren Gebhardt: Das Fragenformat im Zukunftsraum ist eine Einladung, mit einem kleinen Beitrag, nämlich einer Frage zur Zukunft der digitalen Bildung, Zukunft selbst zu gestalten. Diese Frage können Sie online stellen: Auf der Webseite lernen.digital/zukunftsraum scrollen Sie nach unten bis zum großen Fragezeichen, dort auf „Frage einreichen“ drücken und dann kommt man auf das Formular, in das Sie Ihre Frage platzieren können und auch noch erläutern können.
Gabriele Irle: Vielleicht steht es nicht immer direkt im Titel, aber man trifft in fast allen unserer Inhalte auf Future Skills. Wir greifen nun einmal ein paar Inhalte heraus und stellen sie kurz vor.
Irina Brich: Digitaler Wandel erfordert beispielsweise auch ein neues Rollenverständnis von Lehrkräften: Vom Wissensvermittler werden sie zum Lernbegleiter. Und das geht natürlich auch mit einer Veränderung des nötigen Skillsets einher. Dazu haben wir eine Frage veröffentlicht, die uns Dr. Anne Martin vom Landesinstitut für Schulqualität und Lehrerbildung in Halle beantwortet hat. In dieser Frage werden als zukünftige Kompetenzen von Lehrkräften vor allem digitale Kompetenzen genannt: also technische Fähigkeiten, Datenschutz, Informations- und Kommunikationskompetenz und kritisches Denken, genannt.
Maren Gebhardt: Ein anderer Beitrag geht explizit auf Kompetenzen ein, die Schüler:innen zukünftig in einer unbeständigen Welt brauchen. Prof. Annekatrin Bock und Julia Schneider-Kehrhahn erläutern das Konzept von Lernbüros. Gegenwärtig liege der Fokus in Schulen eher auf der Vermittlung von Faktenwissen. Das Konzept der Lernbüros trägt dazu bei, dass Schüler:innen eigenständig, problemlösungsorientiert und flexibel in Lern- und Berufssettings agieren können. In diesem Beitrag kommen auch ein Schulleiter, Schüler:innen und Eltern zu Wort, die bestätigen, dass das Konzept aufgeht.
Irina Brich: Wenn wir jetzt in die unmittelbare Zukunft blicken: Wir haben vor, einen weiteren Blickwinkel auf die digitale Zukunft von Schule zu eröffnen und uns dem Thema „Entlastung“ zu widmen.
Maren Gebhardt: Sie sind herzlich eingeladen, Ihre Frage zu formulieren und sie im Zukunftsraum einzureichen. Wir machen uns dann auf die Suche nach passenden Expert:innen, die eine Antwort geben können.
Gabriele Irle: Im Frühjahr planen wir außerdem noch Community Calls. Wenn Sie das nicht verpassen möchten, melden Sie sich am besten beim lernen:digital Newsletter an.
Dieser Podcast steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Michaela Achenbach für Deutscher Bildungsserver
Wie können Schulen und Hochschulen junge Menschen auf die Arbeitswelt von morgen vorbereiten? Im Rahmen der Aktionswochen des Deutschen Bildungsservers zum Thema „Future Skills“ spricht Dr. Caroline Hartmann für Bildung auf die Ohren mit Dr. Henning Koch vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft. Im Interview erklärt Dr. Koch, was Future Skills wirklich sind, welche Kompetenzen in den nächsten Jahren entscheidend werden – von KI-Kompetenz über kritisches Denken bis Nachhaltigkeit – und wie Bildungseinrichtungen und Unternehmen gemeinsam an einer zukunftsfähigen Lernkultur arbeiten können.
(16:22min)
Willkommen bei einer neuen Folge von Bildung auf die Ohren, dem Podcast des Deutschen Bildungsservers. Heute sprechen wir mit Dr. Henning Koch vom Stifterverband über die Bedeutung von Zukunftskompetenzen in der Bildung. Schön, dass Sie da sind, Herr Dr. Koch.
Koch: Sehr gerne. Ich habe an der Universität Bremen studiert und im Bereich Bildungswissenschaften promoviert, mit einem Schwerpunkt auf Organisationskultur. Seit 2020 arbeite ich beim Stifterverband – zunächst als Programmmanager, heute leite ich das Team Future Skills und KI-Community. Unser Ziel ist es, Hochschulen und Unternehmen zu vernetzen und gemeinsam Wege zu finden, Zukunftskompetenzen besser in Studium und Lehre zu verankern.
Future Skills: Welche Kompetenzen wir morgen brauchen
Koch: Wir definieren Future Skills als Handlungskompetenzen, die Menschen befähigen, in einer sich wandelnden Welt handlungsfähig zu bleiben – sowohl beruflich als auch gesellschaftlich. Es geht also um Fähigkeiten, die in den nächsten Jahren an Bedeutung gewinnen werden.
Der Stifterverband arbeitet seit 2018 an diesem Thema. Damals haben wir gemeinsam mit McKinsey 500 Personalverantwortliche gefragt, welche Kompetenzen sie künftig für entscheidend halten. Daraus entstand das erste Future Skills Framework. 2021 wurde dieses überarbeitet – und aktuell entwickeln wir das Future Skills Framework 2030, das im Dezember erscheint. Wir haben eine Taskforce gebildet, die alle Kompetenzen mit klaren Definitionen versehen hat, sodass sie direkt in der Bildungsarbeit genutzt werden können.
Megatrends als Grundlage für Kompetenzbereiche
Koch: Wir sind zunächst von den großen gesellschaftlichen Megatrends ausgegangen: Klimawandel, Digitalisierung, künstliche Intelligenz, demokratische Kultur, Desinformation und lebenslanges Lernen. Diese Themen prägen alle Lebensbereiche.
KI und Bildung: Eine Schlüsselrolle für die Zukunft
Koch: Eine zentrale. Ich sage oft: Mit KI haben die Geisteswissenschaften ihren Taschenrechner bekommen. Sie verändert Arbeitsweisen in nahezu allen Bereichen. Hochschulen und Unternehmen müssen daher KI-Kompetenzen gezielt fördern.
Hochschulen, Wirtschaft und Future Skills
Koch: Viele Unternehmen sehen Mitarbeitende und Hochschulabsolventinnen und -absolventen nicht ausreichend vorbereitet auf Themen wie KI, Digitalisierung oder nachhaltiges Wirtschaften.
Dazu werden wir einen Leitfaden veröffentlichen, der zeigt, wie Hochschulen Future Skills in Lehrleitbildern, Governance-Prozessen und Curricula fest verankern können – sowohl fachspezifisch als auch übergreifend.
Unternehmen im Wandel: Neue Kompetenzen, neue Verantwortung
Koch: Zunächst müssen sie selbst herausfinden, welche Kompetenzen ihnen wirklich fehlen. In unseren Gesprächen zeigt sich: Themen wie Künstliche Intelligenz, Nachhaltigkeit, Energieeffizienz und Cyber Security werden immer wichtiger – und sie beeinflussen zunehmend strategische Entscheidungen. Viele Unternehmen nutzen unser „Future Skills Framework“ auch als Orientierung für interne Weiterbildungsprogramme.
Koch: Ich danke Ihnen, Frau Hartmann.
(Transkribiert und stark zusammengefasst mit dem AI Companion.)
Dieser Podcast steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Caroline Hartmann für Deutscher Bildungsserver
Digitale Kompetenzen, technologische Fähigkeiten und überfachliche Skills gewinnen an Bedeutung – auch im Handwerk. Im Gespräch mit Christine Schumann erklärt Florian Schöll von der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main, wie Future Skills Eingang in die duale Ausbildung finden. Im Interview geht es um Ausbildungsqualität, das gute Zusammenspiel von Betrieben, Berufsschulen und überbetriebliche Bildungszentren – und um das Verhältnis von Future Skills zu klassischer Grundfertigkeiten.
(20min)
Der Begriff Future Skills hat derzeit Hochkonjunktur. Seit 2012 arbeitet die EU-Kommission mit dem digitalen Kompetenzrahmen „DigComp“ daran, ein gemeinsames Verständnis für digitale Fähigkeiten zu schaffen. Mit über 250 Beispielen für Kenntnisse, Fertigkeiten und Einstellungen hilft dieser Rahmen Bürgerinnen und Bürgern, sicher und kritisch mit digitalen Technologien und KI-Systemen umzugehen. Doch Future Skills gehen weit über digitale Kompetenzen hinaus.
Der Stifterverband und McKinsey haben 2021 ein umfassendes Future Skills Framework entwickelt, das 21 Kompetenzen in vier Kategorien unterscheidet: klassische Kompetenzen, digitale Schlüsselkompetenzen, technologische und transformative Kompetenzen. Auch die Bertelsmann Stiftung betont in ihrem Projekt „Kompetenzen für die Arbeit von morgen“ die wachsende Bedeutung überfachlicher und berufsfachlicher Fähigkeiten.
Doch wie relevant sind diese Future Skills für das Handwerk? Welche Kompetenzen brauchen junge Menschen, um in handwerklichen Berufen erfolgreich zu sein – heute und in Zukunft? Darüber spreche ich heute mit Florian Schöll, Geschäftsführer für den Bereich Bildung bei der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main, einer der größten Handwerkskammern Deutschlands.
Florian Schöll: Das ist gar nicht so leicht zu beantworten, denn die Anforderungen unterscheiden sich stark je nach Gewerk. Im Metallbereich etwa sind Programmierung und CNC-Technik zentral, während solche digitalen Kompetenzen bei Malern und Lackierern weniger relevant sind. Dennoch nimmt die Digitalisierung insgesamt zu, und damit auch die Bedeutung neuer Fähigkeiten – gerade bei jungen Menschen, die in die Ausbildung starten.
Florian Schöll: Da geht es um Computeranwendungen, Netzwerktechnik und auch Softwareentwicklung. Im Metallbereich ist CNC-Programmierung ein großes Thema. Natürlich gibt es auch Skills, die weniger relevant sind – etwa Quanten-Computing. Unsere Erfahrung zeigt: Die Anforderungen unterscheiden sich stark je nach Beruf.
Florian Schöll: Absolut wichtig! Problemlöse-Kompetenz ist im Handwerk Alltag. Unsere Leute stehen ständig vor neuen Herausforderungen – sei es auf Baustellen oder im Kundenkontakt. Transformative Kompetenzen sind ebenfalls entscheidend, etwa wenn sich Technologien verändern, wie im SHK-Bereich mit der Entwicklung von Wärmepumpen. Wichtig ist aber auch: Die klassischen Kompetenzen wie Sprachfähigkeit und Mathematik dürfen nicht vergessen werden. Sie sind nach wie vor essenziell – und hier sehen wir auch weiterhin Defizite.
Florian Schöll: Die duale Ausbildung ist da sehr gut aufgestellt. Betriebe übernehmen den praktischen Teil, Berufsschulen den theoretischen. Zusätzlich gibt es überbetriebliche Bildungszentren, die ergänzende Kurse anbieten – besonders wichtig für kleinere Betriebe. Das System ist flexibel und passt sich den Marktanforderungen an. Wenn etwa Wärmepumpen stärker nachgefragt werden, reagieren die Betriebe und integrieren entsprechende Schulungen. Auch die Lehrpläne in den Bildungszentren werden regelmäßig überarbeitet.
„Die duale Ausbildung war schon immer ein atmendes System.“
Florian Schöll: Die findet auf vielen Ebenen statt – durch Veranstaltungen, direkte Gespräche, über Innungen und Fachverbände sowie über die Prüfungsausschüsse, in denen Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Lehrkräfte gemeinsam vertreten sind. Das sorgt für einen ständigen Austausch zwischen Wirtschaft und Bildung. Auch wenn gesetzliche Änderungen manchmal länger dauern, funktioniert das System in sich sehr gut.
Florian Schöll: Das ist tatsächlich ein häufiges Thema. Es gibt belegbare Rückgänge bei Lesefähigkeit und sprachlichem Ausdruck, ebenso bei mathematischen Grundlagen. Berufsschulen versuchen viel, um das auszugleichen, aber sie übernehmen heute auch mehr Aufgaben als früher. Es gibt zwar Unterstützung durch Jobcenter und Arbeitsagenturen, aber diese Angebote werden leider nicht immer ausreichend genutzt. Für Betriebe hat das praktische Folgen – etwa wenn sich jemand beim Zuschneiden ständig verrechnet oder die Farbkalkulation nicht stimmt. Fehler gehören zur Ausbildung, aber sie dürfen nicht zur Regel werden.
„Es geht darum das eine zu tun, ohne das andere zu lassen“
Florian Schöll: Eine systematische Messung ist mir nicht bekannt. Rückmeldungen erhalten wir aber über die Gesellenprüfungen. Dort zeigt sich, ob junge Menschen mit neuen Technologien umgehen können. Ein Beispiel: In der Zahntechnik dürfen Prüflinge mittlerweile selbst entscheiden, ob sie ein Werkstück klassisch fertigen, fräsen oder im 3D-Druck herstellen. Das Verfahren ist frei wählbar – bewertet wird das Ergebnis. Daraus lassen sich Rückschlüsse auf die vermittelten Kompetenzen ziehen.
Florian Schöll: Ich würde das zweiteilen: Die klassischen Kompetenzen wie Lesen, Schreiben, Rechnen bleiben grundlegend – auch für gesellschaftliche Teilhabe. Bei den Future Skills wünsche ich mir eine stärkere Integration in die Rahmenlehrpläne und Ausbildungsstrukturen. Nicht jeder muss programmieren können, aber über Aufstiegsfortbildungen wie den Meisterbrief können solche Kompetenzen gezielt vermittelt werden. Die duale Ausbildung ist ein lebenslanges System. KNX-Programmierung ist etwa fest im Elektromeisterkurs verankert – und das wird weiter ausgebaut. Das System ist atmend und bietet viele Möglichkeiten, Inhalte weiterzuentwickeln – auch über Prüfungen und Zusatzqualifikationen.
Florian Schöll: Vielen Dank, dass ich dabei sein durfte – gerne wieder!
(Transkribiert und stark zusammengefasst mit dem AI Companion.)
Dieser Podcast steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Christine Schumann für Deutscher Bildungsserver
Was brauchen Kinder, um sich wohlzufühlen – und wie beeinflusst das ihr Lernen? In dieser Podcast-Folge sprechen Prof. Dr. Susann Fegter und Prof. Dr. Angela Million, beide TU Berlin, mit Christine Schumann über ihr Forschungsprojekt zum Wohlergehen von Kindern in außerschulischen Lernorten. Im Fokus stehen digitale Teilhabe, Raumgestaltung und stabile Beziehungen – zentrale Faktoren für kindliches Wohlbefinden und erfolgreiche Bildungsprozesse.
(31min)
Interview-Zusammenfassung: „Wohlergehen in sozialräumlichen Kontexten“
Guten Tag und herzlich willkommen bei Bildung auf die Ohren, dem Podcast des Deutschen Bildungsservers. In der neuen Podcast-Folge unserer Reihe „Bildungsforschung für die Bildungspraxis“ geht es um Kinder und Jugendliche und darum, wie wohl oder unwohl sie sich in außerschulischen Lernorten fühlen. Und weil es um reale und nicht um digitale Räume geht, haben für dieses Verbundprojekt zwei Wissenschaftlerinnen aus verschiedenen Instituten der Technischen Universität Berlin zusammengearbeitet.
Professor Dr. Susann Fegter vom Institut für Erziehungswissenschaft und Professor Dr. Angela Million vom Institut für Stadt- und Regionalplanung. Gemeinsam mit der Universität Vechta haben sie aus der Sicht von Kindern rekonstruiert, wie, wo und mit wem die Kinder und Jugendlichen in ihrem Umfeld gute Erfahrungen gemacht haben. Es geht um Partizipation, das Gefühl von Schutz und Sicherheit und auch von Wertschätzung gegenüber der eigenen Person und wo die Kinder Verbesserungsbedarf sehen.
Das Forschungsprojekt, über das wir heute sprechen werden, heißt „Wohlergehen in sozialräumlichen Kontexten. Intersektionale Perspektiven auf die Erfahrungen von Kindern an nicht-schulischen Lernorten“ und stellt konsequent den Blickwinkel der Kinder ins Zentrum der Forschung. Eine für die Bildungswissenschaften doch eher ungewöhnliche Perspektive. Frau Fegter, Frau Million, ich freue mich sehr, dass Sie hier sind.
Susann Fegter: Unser Projekt „Wohlergehen in sozialräumlichen Kontexten“ untersucht, wie Kinder und Jugendliche außerschulische Lernorte erleben – aus ihrer eigenen Perspektive. Es geht nicht um Wellness, sondern um zentrale Aspekte wie Partizipation, Schutz, Sicherheit und Wertschätzung. Diese Faktoren beeinflussen, wie offen Kinder sich auf Lernprozesse einlassen – besonders in herausfordernden Lebenslagen.
Angela Million: Wir wollten bewusst Räume außerhalb der Schule betrachten – etwa Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe oder das Stadtviertel. Dort machen Kinder wichtige Erfahrungen, die in der Bildungsforschung bisher wenig berücksichtigt wurden.
Angela Million: Wir haben über drei Jahre hinweg Kinder in zwei offenen Freizeiteinrichtungen begleitet – in zwei verschiedenen Städten. Dabei haben wir sie nicht nur in den Einrichtungen beobachtet, sondern auch im umliegenden Stadtviertel. Spaziergänge, Interviews und digitale Karten halfen uns, ihre Wohlfühlräume zu erfassen – auch solche, die digital verortet sind.
Susann Fegter: Uns war wichtig, Kinder als Expertinnen ihrer Lebenswelt ernst zu nehmen. Die Kategorien, die wir verwendet haben – Partizipation, Schutz, Sicherheit und Wertschätzung – stammen direkt aus kindlichen Perspektiven und wurden auf den außerschulischen Raum übertragen.
Das Spiel als Forschungsinstrument und Beteiligungstool
Angela Million: Das Spiel entstand aus den Beobachtungen heraus – es war kein zweistufiger Prozess, sondern ein ineinander verschränkter. Wir haben festgestellt, dass das Spiel viel mehr leisten kann als nur ein wissenschaftliches Instrument zu sein. Es eignet sich hervorragend für Beteiligungsprozesse und kann unabhängig von uns in verschiedenen Institutionen eingesetzt werden.
Susann Fegter: Es hilft, mit Kindern ins Gespräch zu kommen und ihre Perspektiven ernsthaft zu reflektieren. Auch Erwachsene, die glauben, kindorientiert zu denken, profitieren davon, ihre Annahmen regelmäßig zu überprüfen.
Angela Million: Das Spiel ist frei verfügbar, leicht auszudrucken und kann direkt genutzt werden. Bei einer Veranstaltung in Berlin haben wir Erwachsene gefragt, was sie glauben, was Kindern wichtig ist – und da wurde deutlich, wie wertvoll es ist, die Kinder selbst zu Wort kommen zu lassen.
Zentrale Erkenntnisse aus der Forschung
Susann Fegter: Die Qualität von Beziehungen ist entscheidend. Kinder fühlen sich in Einrichtungen wohl, weil sie dort über Jahre hinweg stabile Beziehungen zu den Pädagoginnen und Pädagogen aufbauen. Diese Kontinuität ist essenziell für ihr Wohlbefinden und ihre Entwicklung.
Ein weiteres zentrales Thema ist die digitale Lebenswelt der Kinder. Digitale Medien sind fest in ihren Alltag integriert – sie spielen, kommunizieren und pflegen Freundschaften darüber. Es ist wichtig, diese digitalen Räume als Teil ihrer Wohlfühlwelt anzuerkennen.
Digitale Teilhabe und soziale Ungleichheit
Susann Fegter: Kinder wünschen sich freies WLAN – nicht nur aus Bequemlichkeit, sondern weil es soziale Ungleichheiten sichtbar macht. Nicht alle haben mobile Daten, was ihre Teilhabe einschränkt. Manche verlassen Einrichtungen, um an öffentlichen Orten Spiele herunterzuladen. Das kann zu Stigmatisierung führen.
Angela Million: Pädagoginnen und Pädagogen stehen hier vor einem Dilemma. Sie möchten unterstützen, stoßen aber auf rechtliche Hürden wie Datenschutz und Jugendschutz. Dabei ist digitale Teilhabe essenziell – für Bildung, soziale Integration und den Aufbau digitaler Kompetenzen. Wir haben Hinweise gegeben, wo sich Fachkräfte fortbilden und rechtliche Rahmenbedingungen klären können.
Stadtplanung und Gestaltung von Räumen
Angela Million: Kinder bewegen sich aktiv durch die Stadt auf der Suche nach digitaler Infrastruktur. Die Verteilung öffentlicher WLAN-Zugänge berücksichtigt ihre Bedürfnisse kaum. Stadtplanung sollte ein „digitales Alltagswohlfühlkonzept“ entwickeln, das Kinder mitdenkt – auch über die Grenzen von Einrichtungen hinaus.
Angela Million: Sehr differenziert. Sie benennen gezielt kleine Orte in Einrichtungen, die sie als Wohlfühlorte erleben – oft wegen durchdachter Gestaltung. Auch im Außenraum sind es einzelne Elemente wie ein Baum, ein Busch oder eine Straßenkreuzung mit WLAN, die Bedeutung haben. Das zeigt, wie wichtig die Mikroebene in der Gestaltung kindgerechter Städte ist.
Transnationale Raumbezüge
Angela Million: Viele Kinder mit Migrationshintergrund erleben mehrere Heimaten. Orte wie Moscheen, Kirchen oder Marktplätze mit Bazar-ähnlicher Atmosphäre tragen zu ihrem Wohlbefinden bei. Diese transnationalen Raumbezüge könnten auch gestalterisch stärker berücksichtigt werden.
Forschung und Praxis im Dialog
Susann Fegter: Sehr positiv. Die Einrichtungen und Netzwerke waren offen und interessiert. Der Austausch war dialogisch und respektvoll. Wir als Wissenschaftlerinnen haben das Privileg, handlungsentlastet zu arbeiten, während Pädagoginnen und Pädagogen täglich Entscheidungen treffen müssen. Diese gegenseitige Offenheit war sehr bereichernd.
(Transkribiert und stark zusammengefasst mit dem AI Companion.)
Dieser Podcast steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Christine Schumann für Deutscher Bildungsserver
In dieser Episode unserer Podcast-Reihe „Bildungsforschung für die Bildungspraxis“ spricht Dr. Caroline Hartmann mit Prof. Dr. Vera Busse von der Universität Münster über das Grundschul-Interventionsprojekt „KommSchreib!“ zur Förderung von Schreibkompetenz, Schreibmotivation und sozialer Partizipation. Die Interventionsmaßnahmen wurden im Unterricht und ergänzend in Arbeitsgemeinschaften im Ganztag in den Jahrgängen 3 und 4 durchgeführt. Zentrale Bausteine sind dabei die evidenzbasierte Schreibförderung und die Stärkung kooperativen Lernens.
(18 min)
Sehr gerne. Mein Name ist Vera Busse, ich bin Professorin für Bildung und Mehrsprachigkeit an der Universität Münster. Mich beschäftigt vor allem, wie Unterricht so gestaltet werden kann, dass alle Kinder die Chance haben, ihr Potenzial zu entfalten. Mehrsprachigkeit spielt im Schulsystem eine doppelte Rolle: Einerseits sollen Kinder Bildungssprache erwerben, andererseits auch Fremdsprachen lernen. Gleichzeitig wachsen viele Kinder bereits mehrsprachig auf.
Deshalb untersuche ich, unter welchen Bedingungen Kinder erfolgreich mehrere Sprachen lernen können und wie Lehrkräfte sie dabei bestmöglich unterstützen. Besonders spannend finde ich die Förderung des Schreibens, weil gerade das Schreiben für viele Kinder schwierig ist, aber auch ein enormes Potenzial bietet.
Schreiben ist eine komplexe Aufgabe, die viele Grundschulkinder überfordert. Mit „KommSchreib“, gefördert vom BMBF, wollten wir gezielt Dritt- und Viertklässler stärken. Der Name steht für kooperativ, kompetent, motiviert schreiben.
Wir verfolgen drei Ziele: Schreibkompetenz aufbauen, Motivation fördern und soziale Teilhabe ermöglichen.
Wir haben Lehrkräfte umfassend geschult und ihnen Methoden an die Hand gegeben, die im Unterricht eingesetzt wurden: etwa das Planen, Verfassen und Überarbeiten von Texten mit Unterstützung durch Modelltexte, Feedback und Peer-Learning.
Schreibförderung im Ganztag: Multimediales Kochbuch als Schreibanlass
Im Ganztag haben wir die Schreibförderung weitergeführt, aber mit einem sehr authentischen Anlass. Die Kinder erstellten ein mehrsprachiges, multimediales Kochbuch am Tablet. Sie schrieben Rezepte, probierten sie praktisch aus und aßen gemeinsam. Auf diese Weise verbanden wir das Schreiben mit echten Erlebnissen – die Texte hatten einen Sinn, sie führten zu etwas Greifbarem.
Besonders motivierend war für die Kinder der Einsatz digitaler Medien. Das Arbeiten am Tablet machte ihnen Freude und sie konnten Texte multimedial gestalten. Das unterschied die AGs vom Regelunterricht und zeigte, wie Schreiben auch als soziale und kreative Praxis verstanden werden kann.
Ergebnisse: Schreibkompetenz und Motivation steigern
Die Auswertung war sehr spannend. Schon zu Beginn zeigten sich große Unterschiede: Einige Kinder konnten bereits längere, strukturierte Texte schreiben, andere hatten Mühe, überhaupt einen vollständigen Satz zu formulieren. Über den Projektverlauf wurde zudem deutlich, wie stark der Einfluss der Lehrkräfte ist. Dort, wo Lehrkräfte die erlernten Methoden konsequent anwendeten, verbesserten sich die Schreibfähigkeiten der Kinder deutlich mehr als in der Kontrollgruppe.
Besonders erfreulich war, dass auch Kinder, die sich sonst beim Schreiben schwer taten, Fortschritte machten. Im Ganztag zeigte sich zudem, dass Motivation eine entscheidende Rolle spielt: Selbst Kinder, die ungern schreiben, arbeiteten begeistert an den Kochbuch-Rezepten. Sie berichteten, dass das Schreiben am Tablet mehr Spaß mache als mit der Hand, und die authentische Aufgabe verstärkte dieses positive Erlebnis.
Herausforderungen: Schreibförderung im Schulalltag
Viele Grundschulen setzen auf Leseförderung und empfinden daher Projekte zur Schreibförderung als zusätzlichen Aufwand. Auch die wissenschaftlich notwendige Dokumentation wurde teilweise als Belastung empfunden, obwohl sie uns wertvolle Einblicke in die Wirksamkeit der Maßnahmen gegeben hat.
Hinzu kommt der Umgang mit digitalen Medien. Tablets haben großes Potenzial, können aber auch ablenken. Es braucht klare Strukturen und gut geschulte Lehrkräfte oder AG-Leitungen, um die Chancen voll auszuschöpfen und gleichzeitig Grenzen zu setzen.
Schreibförderung erfolgreich umsetzen: Drei Kernbotschaften
Erstens: Strategiegeleitete Schreibförderung wirkt deutlich besser als herkömmlicher Unterricht. Wenn Kinder lernen, Texte Schritt für Schritt zu planen und zu überarbeiten, profitieren sie nachhaltig.
Zweitens: Lehrkräfte, die in diesen Methoden geschult werden, erzielen die besten Ergebnisse. Viele berichteten uns, dass sie zunächst zögerten, etwa beim Modellieren von Schreibprozessen, dann aber schnell merkten, wie gut die Kinder darauf ansprechen.
Und drittens: Manche Kinder brauchen einfach mehr Zeit. Hier bietet der Ganztag eine große Chance. Dort können kreative Projekte wie das Kochbuch umgesetzt werden, die im Unterricht oft keinen Platz finden, aber sehr wirksam sind.
Wissenstransfer: Wie Lehrkräfte von Forschung profitieren
Natürlich veröffentlichen wir in Fachzeitschriften, aber uns ist wichtig, die Erkenntnisse auch für Lehrkräfte zugänglich zu machen. Deshalb schreiben wir zusätzlich praxisorientierte Beiträge, bieten Fortbildungen an und arbeiten an kurzen Filmen, die zentrale Inhalte anschaulich zusammenfassen.
Ich finde, wir sollten in der Bildungsdebatte nicht nur Defizite wie die Pisa-Ergebnisse betonen, sondern auch gerade positive Projekte sichtbarer machen. „KommSchreib!“ ist ein Beispiel dafür, wie wir Kinder gezielt fördern können – und solche Ansätze sollten stärker in den Fokus rücken.
Fazit: Schreibförderung in Grundschule und Ganztag lohnt sich
Für mich zeigt sich ganz deutlich: Investitionen in Schreibförderung zahlen sich aus. Wenn Lehrkräfte geschult werden, wenn authentische Schreibanlässe geschaffen und digitale Medien sinnvoll genutzt werden, dann verbessert sich nicht nur die Schreibkompetenz, sondern auch die Motivation der Kinder.
Und noch wichtiger: Schreiben wird so zu einem Werkzeug der Teilhabe. Kinder erfahren, dass ihre Texte Bedeutung haben und etwas bewirken können – im Unterricht genauso wie im Ganztag.
(Transcribed by Voice AI. Wir haben das Interview für eine bessere Lesbarkeit gekürzt und geglättet.)
Dieser Podcast steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Dr. Caroline Hartmann für Deutscher Bildungsserver
(29 min)
Guten Tag und herzlich willkommen bei Bildung auf die Ohren, dem Podcast des Deutschen Bildungsservers. Mein Name ist Christine Schumann. Heute sind Prof. Maria von Salisch von der Leuphana Universität Lüneburg und Dr. Oliver Hormann von der TU Braunschweig zu Gast in unserer Podcast-Reihe „Bildungsforschung für die Bildungspraxis“.
Gemeinsam mit anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern erforschen Frau von Salisch und Herr Hormann, wie man alltagsintegrierte Sprachlehrstrategien in der sozialen Interaktion zwischen Erzieherinnen und Erziehern und Vorschulkindern verbessern kann. Dabei verknüpfen die beiden Sprachförderungen mit anderen wichtigen Entwicklungsbereichen wie dem naturwissenschaftlichen Denken und dem Emotionswissen.
Daraus ist das Fortbildungskonzept „Fühlen, Denken, Sprechen“ entstanden. Es vermittelt pädagogischen Fachkräften in Kindertageseinrichtungen Wissen und Kompetenzen, um ihr Gesprächsverhalten an den Interessen und Sprachniveaus der Kinder auszurichten und so deren sprachliche, emotionale und wissenschaftliche Kompetenzen zu verbessern.
Maria von Salisch: Guten Morgen, mein Name ist Maria von Salisch. Ich bin Professorin für Entwicklungspsychologie an der Leuphana Universität Lüneburg, und ich bin hier zusammen mit meinem Kollegen Dr. Oliver Hormann von der TU Braunschweig. Wir sind eine Gruppe von Forschenden, dazu gehören noch Claudia Mähler, Peter Cloos und Katja Koch, die sich mit dem „Fühlen, Denken, Sprechen“-Projekt der BMBF-Initiative „Bildung in Sprache und Schrift“ gefunden haben. Es geht, wie gesagt, um dieses Projekt „Fühlen, Denken, Sprechen“ – eine Fortbildungsreihe für Fachkräfte in der Kita, das wir gemeinsam entwickelt und erprobt haben.
Oliver Hormann: Ja, guten Tag erstmal. Ich bin Oliver Hormann, komme von der TU Braunschweig und wie Frau von Salisch schon gesagt hat, haben wir zusammen mit unseren Kolleginnen ein Projekt entwickelt, das als ein Entwicklungsprojekt angelegt ist. Das heißt, wir haben eine Maßnahme zur altersintegrierten Sprachbildung, eine Fortbildung für Fachkräfte entwickelt, konzipiert und dann ins Feld geführt. Das heißt, so wie man das in der Forschung macht und darauf kommen wir wahrscheinlich später noch zu sprechen, haben wir uns das nicht nur einfach ausgedacht, sondern wir haben auch geprüft, wie tauglich unsere Ideen dann am Ende waren für die Praxis.
Maria von Salisch: Der Name ist Programm. Oliver erklärt gleich, was das Programm ist. Genau, also im Grunde genommen macht den Charme dieses Programm natürlich dieser Dreiklang aus Fühlen, Denken, Sprechen aus. Man muss, um das ein bisschen verständlicher zu machen, vielleicht einfach noch mal dieses Projekt verorten in dieser Landschaft der Sprachförderung. Denn wie Sie schon angedeutet haben, handelt es sich um eine alltagsintegrierte Form der Sprachförderung.
Oliver Hormann: In Deutschland ist es so, dass wir auf dem Sprachfördermarkt, so nenne ich das jetzt mal, verschiedene Arten von Fortbildungen und Programmen haben, die miteinander teilweise auch konkurrieren im besten Sinne, aber jeweils unterschiedliche Schwerpunkte setzen. In der Folge von PISA 2000 bis 2010, da gab es ja mehrere Untersuchungen zu den Leistungen von Schülern in Deutschland, hat sich diese Schockwelle nicht nur in das Schulsystem ergossen, sondern im Prinzip auch in die frühkindliche Bildung, weil man gesehen hat, dass die Kompetenzen, die den Schülerinnen und Schülern fehlen, insbesondere solcher Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund, am besten schon vorher gefördert werden können. Wie es damals eben so war, hat man relativ viel Geld in die Hand genommen und noch nicht sehr viele ausgearbeitete und für die Anwendung geeignete Konzepte gehabt, sodass es erst mal so etwas wie eine additive Sprachförderung gab. Das waren so Sprachfördermaßnahmen, die abseits des normalen Kita-Alltags angewendet wurden – in kleinen Gruppen mit ausgefeilten Materialien, die sehr spezifische sprachstrukturelle Elemente herausgegriffen haben, die man dann gezielt und in einer bestimmten Abfolge mit den Kindern geübt hat, die aber, da fängt jetzt sozusagen unsere Geschichte an, nicht besonders positiv evaluiert wurden.
Also es war die erste Erkenntnis in der Forschung, dass das, was diese additiven Programme anbieten, für sich genommen noch nicht ausreicht. Und da haben sich dann Initiativen gebildet, unter anderem unsere, die sich mit der Frage beschäftigt haben: Kann man das, was wir über Sprachförderung wissen, nicht vielleicht auch in den gesamten Kita-Alltag bringen? Und das bringt bestimmte Herausforderungen mit sich, die wir in dem Projekt auf eine bestimmte Art und Weise angegangen sind. Und zu diesen Herausforderungen gehört, dass – Sie haben es vorhin schon gesagt-, dass wir diese Sprachlernstrategien eben so in den Alltag einbringen, dass sie nicht stören. Vor allen Dingen, dass sie mit den Alltagsaktivitäten und mit normalen Gesprächen vereinbar sind.
Also man kann sich vorstellen, dass, wenn man das Ziel hat, Kinder sprachlich gezielt zu fördern, dass man in so einen Duktus des Sprechens reinkommt, das eine richtige Therapie werden kann. Und das merken die Kinder. Und das ist keine günstige Haltung, um Sprache zu erlernen, sondern das, was Kinder in dem Alter können, ist, implizit Sprache zu erwerben. Wir können das nicht mehr. Ab einem gewissen Alter hört das dann auf. Meistens so mit Beginn der Schulzeit setzen diese impliziten Erwerbsmechanismen aus. Aber vorher kann man das noch so machen. Wir alle wissen nicht, wie wir Sprache gelernt haben. Das ist kein bewusster Akt gewesen. Und das können wir auch nutzen. Dafür müssen aber die Gespräche so natürlich wie möglich sein.
So, das ist ein wichtiger Aspekt bei uns in dem Projekt gewesen – die Techniken, die man ansonsten in so Fördersituationen, expliziten Fördersituationen angewendet hat, alltagstauglich zu machen. Und das bedeutet, wir haben im Schwerpunkt der Fortbildung die Fachkräfte dazu befähigt, Dialoge zu nutzen. Und da kommt dann auch das Emotionswissen zum Beispiel ins Spiel. Dialoge, die für die Kinder interessant sind und die Sprachlehrstrategien damit zu verflechten. Und ich glaube, dass das eines der wesentlichen Kernmerkmale dieser Fortbildung ist – die Dialogorientierung. Wir haben alles sozusagen an dem Ziel ausgerichtet, echte, alltagsintegrierte Sprachbildung zu inszenieren. Das ist etwas, was die Kinder brauchen, denn sie können sich vorstellen, die sprachlichen Regeln für sich genommen bringen uns noch nicht viel weiter im Gespräch.
Was wichtig ist für Kinder, ist, dass sie zu diesen Strukturen, zu den Formen der Sprache auch die Funktionen kennenlernen. Und das kann man nur in länger anhaltenden Dialogen. Dann lernen die Kinder, wozu brauchen wir die Sprache. Und das Schöne ist, Dialoge für sich genommen haben noch ein Mehrwert für den Spracherwerb, denn das merken sie, wenn sie mit Personen länger im Gespräch sind. Je länger sie mit ihnen kommunizieren über ein und dasselbe Thema, desto stärker nehmen sie im Gespräch, in dem was sie sagen, auf das Sprachliche, das was die andere Person gesagt hat, Bezug. Das heißt, Sprache hat eine gewisse Selbstreferenzialität, so nennen wir das in der Forschung. Und wir können das auch als eine Art von repräsentativer Sprache bezeichnen. Das heißt, die Kinder konzentrieren sich auf die Sprache, nicht auf das, was mit der Sprache bezeichnet wird. Nicht auf den Ball, die Tür, sondern auf das Wort, die Grammatik.
Oliver Hormann: Also, da geht es natürlich um diese Verknüpfung. Und Frau von Salisch wird gleich noch mehr, vor allem zum Thema Emotionen, sagen und welche Rolle Emotionen spielen. Das ist nämlich ganz wichtig für unsere Fortbildung in beiden Bereichen gewesen, dass Emotionen, das wissen wir, besonders interessant für Kinder sind. Aber diese Verknüpfung aus Sprache und Gefühlen hat sich in der Fortbildung im Elementarbereich so bewährt aus unserer Sicht, dass wir versucht haben, das auch in die Schule mit rüber zu tragen – als Institution völlig andere Rahmenbedingungen, aber für Kinder, die gerade im Übergangsbereich sich befinden.
Das heißt, wir adressieren mit der Fortbildung jetzt nicht die vierte, fünfte, sechste Klasse. Im Sekundarbereich sind wir überhaupt nicht unterwegs, sondern in der Schuleingangsphase. Da sind für die Kinder einfach so viele Umstellungen wichtig. Die lernen neue Freunde kennen und so weiter und so fort. Wissen Sie, mit Unterrichtssituationen und Stress, dass Emotionen und deren Ausdrucksmöglichkeiten besonders zentral sind für das Gelingen der Schulkarriere.
Nur der Unterschied zur Sprachförderung im Elementarbereich ist, dass wir noch weitere Ziele haben. Im Elementarbereich ist es so: Wir bringen ja die Kinder im Grunde genommen dazu, den normalen Spracherwerb bis zum Schulbeginn möglichst schnell und gelingend zu absolvieren. Jedes Kind soll bis zu einem bestimmten Zeitpunkt zum Beispiel die Verblättstellung im Nebensatz gelernt haben. Das ist ein Meilenstein, den wir alle irgendwann durchlaufen müssen, um kommunizieren zu können. In der Schule kommt aber hinzu: Die Sprache erfüllt nicht nur den Selbstzweck, sich mitzuteilen, sondern soll die Teilhabe am Unterricht sichern. Und, zweite Herausforderung, die Sprache, die wir in der Schule sprechen, ist eine andere als die, die wir in der Kita beispielsweise oder außerhalb der Schule sprechen. Das ist eine Form von Sprache, wir bezeichnen das als ein Register der Bildungssprache oder ich nenne es lieber Schulsprache. Also genau die Sprache, die man für den Unterricht braucht.
Frühe sprachliche Bildung – das Dossier des Deutschen Bildungsservers
Maria von Salisch: Unser Fortbildungsangebot ist modular aufgebaut. Es sind Module, die aufeinander aufbauen. Es fängt an mit den Sprachlehrstrategien. Da wird eine überschaubare Anzahl von Sprachlehrstrategien vorgestellt, erprobt im Gespräch mit den Kindern und deren Anwendung im dialogischen Lesen von Bilderbüchern, bei Mahlzeiten, anderen Gruppensituationen, Morgenkreis, beim Spielen und auch in Routinesituationen, also auch in Einzelsettings wie Toilettengängen oder Anziehen der Schneeanzüge.
Das wird verknüpft mit Emotionen. Sie wissen ja, so ein Reißverschluss kann ziemlich klemmen von so einem Schneeanzug und da wird beispielsweise die Strategie des parallelen Sprechens gebraucht: „Oh, verflixt dieser klemmende Reißverschluss. Jetzt kannst du ja gar nicht so schnell rausgehen, wie du möchtest.“ So etwas in der Art. Ein Sprachangebot zu bieten, was implizit sofort erfassbar ist für die Kinder, denn sie wissen, ein Reißverschluss ist ganz konkret in der Hand und die Situation ist auch klar. Damit erweitert man die Möglichkeiten der Sprachförderung, weil das Motto ist, jede Gelegenheit nutzen. Geplante wie auch ungeplante Gelegenheiten. Geplante Gelegenheiten, wie Bilderbuchlesen, sind vielen vertraut, dialogisches Lesen von Bilderbüchern. Aber es geht darüber hinaus, eben auch darum ungeplante Situationen zu nutzen – während Mahlzeiten, in Wartesituationen, im öffentlichen Nahverkehr, wenn man da längere Zeit unterwegs ist zu irgendeinem Ziel.
Das Besondere an unserem Angebot ist eben die Kombination von Sprachförderung und Emotionswissen der Kinder. Für beides haben wir einen Nachweis der Wirksamkeit. Wir wissen, dass das, was wir den Erziehern nahebringen, dass das auch wirkt. „Je mehr, desto besser“ ist das Wirkprinzip hier. Es geht darum, viele Gelegenheiten zu schaffen der Sprachförderung.
Genauer untersucht in der Forschung ist beziehungsweise wir sind gerade dabei, das Papier heißt „It Takes Two to Tango“ – also man braucht beide, sowohl die Kinder als auch die Fachkräfte. Es geht um die Veränderung des Interaktionsverhaltens der Fachkräfte, also deren Nutzung von Sprachlehrstrategien, bei Gelegenheiten, die die Kinder einbetten.
Maria von Salisch: Natürlich machen sie es eh schon, genau wie Eltern. Aber vielleicht kann man es noch häufiger machen und noch optimieren. Wichtig ist eben auch die Beiläufigkeit, dass man das nicht mit erhobenem Zeigefinger macht, sondern es darum geht, Fehler der Kinder beiläufig zu korrigieren, ohne ihren Redefluss zu behindern. Schon Emotionen als Thema aufzugreifen ist wichtig, weil es den Kindern signalisiert, dass sie darüber sprechen können. In manchen Elternhäusern ist das ja nicht der Fall. Viele Gespräche über Gefühle und anderes verbessert sowohl die Sprachfähigkeiten als auch das Emotionswissen der Kinder.
Wir haben festgestellt, dass die Interaktionsqualität der Fachkräfte entscheidend ist. Und zwar – das ist besonders an unserer Fortbildung, dass wir den Nachweis bringen, dass es entscheidend ist für den Fortschritt der Kinder in diesen Bereichen.
Oliver Hormann: Wir haben das über mehrere Punkte im Grunde genommen in unser Fortbildungskonzept mit aufgenommen. Das Interesse der Praxis war für uns von Anfang an sichtbar. Wir haben natürlich im Vorfeld Gespräche geführt mit potenziellen Kandidaten, damit meine ich jetzt Einrichtungen, Kindertageseinrichtungen, die Interesse daran hatten, an unserem Projekt teilzunehmen. In allen Einrichtungen wurde sofort sichtbar, dass es für beide Themenbereiche und die Verknüpfung, also Sprechen, Fühlen, Denken sicherlich auch, Interesse gibt, einen Bedarf gibt an Fortbildung, also ein wahrgenommenes Bedürfnis auch seitens der Kinder, diese Bereiche zu fördern. Das haben wir auch später noch einmal evaluiert und konkret gefragt, ob sich die Erzieherinnen jetzt auch rückblickend – das wurde also relativ zum Ende dieser Fortbildungsreihe erfragt – rückblickend noch einmal daran erinnern wollen, wie die Ausgangssituation damals eigentlich war. Und die haben die Notwendigkeit der Fortbildung allesamt als hoch eingeschätzt. Also es gab ganz wenige Personen, die gesagt haben, das sei eigentlich kein relevantes Thema für ihren Arbeitsbereich.
Und wir sind dann darüber hinausgegangen, nachdem wir also im Grunde genommen die grundlegende Bereitschaft der Fachkräfte, sich mit diesem Thema auch wirklich produktiv auseinanderzusetzen, das ist nämlich ganz wichtig, dass man es denen nicht nur in der Praxis überstülpt, was wir uns so vorstellen, was sie gut machen könnten, sondern dass sie das auch annehmen. Danach haben wir uns auch im Rahmen von ersten Videoaufnahmen, die wir in den Einrichtungen gemacht haben – diese Videoaufnahmen haben wir vor und nach der Fortbildung gemacht -, haben wir uns angesehen und eben festgestellt: Woran könnte es denn hapern, dass die Techniken der Sprachförderung oder der Förderung des Emotionswissens bisher noch nicht so umgesetzt haben, wie wir uns das vorgestellt haben.
Denn man muss sich das so vorstellen: In der Kindertageseinrichtung befinden sich Leute, die dieses Geschäft schon seit mehreren Jahren betreiben. Und auch Kinder, die schon mehrere Jahre in dieser Kita sind. Und da mit dem Anspruch reinzugehen, jetzt mal hoppla hopp, die Praxis zu verändern, ist nicht sehr aussichtsreich. Man muss also die Fachkräfte da mitnehmen, wo sie selbst das Empfinden haben, nicht mehr weiterzukommen. Und da waren solche Aufnahmen und Eindrücke in der ersten Zeit sehr wichtig; die konnten wir sozusagen in die spätere Module mit einbauen, wo es ganz konkret darum ging, wie bringen wir eigentlich unsere Techniken in den Alltag, in verschiedene Bereiche. Wir wollten ja in alle Ecken der Kita.Wir hatten so zwei zentrale, wir nennen das Settings, das sind so Kontexte, auf die wir unsere Inhalte bezogen haben, das war immer das gemeinsame Essen und eine Buchbetrachtung. Das sind auch relativ klassische Kontexte, in denen man Sprachförderung gut durchführen kann.
Aber wir wollten ja, wie Frau von Salisch schon vorhin gesagt hat, auch die Fachkräfte in die Lage versetzen, beim Zähneputzen, Anziehen, Spielen, also Freispiele sind ein großer Bereich in der Kita und verfügen über eine Menge Zeit; diese Zeit besser zu nutzen für Sprachförderung und Förderung des Emotionswissens. Und diese Barrieren, die wir entdeckt haben, die konnten wir tatsächlich produktiv nutzen. Also zu den Barrieren zählen jetzt nicht nur physische Barrieren, wenn man daran denkt, auch die sind natürlich vorhanden, man kann nicht alles an jedem Ort machen, weil zum Beispiel für ein Buchlesen eine gewisse Stimmung da sein muss, es muss Ruhe herrschen, man muss sich bequem hinsetzen können, all solche Dinge, sondern viele Barrieren sind im Kopf und das haben wir Orientierungsrahmen genannt.
Also wir gehen in eine pädagogische Situation, das machen Eltern im übrigen genauso, aber Erzieher natürlich auch, die machen das mit einem professionellen Rahmen und dieser Rahmen wird dadurch ausgezeichnet, dass er bestimmte Erwartungen beinhaltet, wie man in der Situation agieren kann. Ich mache mal ein Beispiel, es gibt, das ist uns aufgefallen, in Kitas ganz unterschiedliche Regeln, was das Essen angeht. Es gibt zum Beispiel Kitas, da darf die Fachkraft oder soll die Fachkraft mit am Tisch sitzen, ganz normal, so wie beim Abendessen oder Mittagessen mit den Kindern plaudern. Es gibt aber auch Einrichtungen, da sind die Fachkräfte mit ganz anderen Dingen beschäftigt und haben auch die Aufgabe sich zum Beispiel das Essen auf den Tisch stellen, dafür Sorge zu tragen, dass jedes Kind einen vollen Teller hat, ein volles Glas. Es gibt auch Personen, die denken, naja, vielleicht sollte man beim Essen essen und nicht reden. Also das, was wir eigentlich wollten, eine Vereinbarkeit zwischen Alltagsverrichtung und Förderung, einfach erstmal für sich, nicht gerade bewusst, mussten wir irgendwie ausschließen.
Und da sind wir auch mit der Fortbildung reingegangen und haben diese Orientierungsrahmen verändert und gleichzeitig gemerkt, das prägt was. Und die hatten zuletzt auch die Möglichkeit in sogenannten Coachings auf uns und unsere Vorstellung wieder einzugehen. Wir haben umgekehrt erfahren von denen, woran es noch hapert. Die konnten uns also in der Zwischenzeit nach bestimmten Moduleinheiten und der Aufgabe, die mal in die Praxis umzusetzen, eine Rückmeldung geben, wie es nun gelungen ist. Das war für uns auch ganz wichtig, um nochmal individuell nachzusteuern. Wenn die das Gefühl hatten, so richtig hat das noch nicht geklappt.
Maria von Salisch: Das ist für uns als Hochschullehrende natürlich ein ungewohntes Terrain. Das ist nicht Teil unserer Lehre. Wir können es natürlich auch an die Studierenden des Lehramts oder weiterführende Berufschulen für Sozialpädagogik vermitteln. Da geht es über die in die Ausbildungsstätten für Fachkräfte hinein. Wir haben aber auch unser Open Access Buch Fühlen, Denken, Sprechen. Einfach googeln und dann kriegen Sie den Open Access Code genannt. Aber wir würden das gerne auch weiterentwickeln. Es gibt keinen Ort im Moment, wo man es erwerben kann. Man kann sich orientieren in dem Buch und wir würden es gerne weiterentwickeln mit einem Kita-Träger oder mit einer kommunalen Bildungsverwaltung.
Maria von Salisch: Genau.
Maria von Salisch: Genau, und dann sehen wir weiter und überlegen, wie man das Fortbildungsprogramm jetzt noch mal verbessern und ob die Bedürfnisse Ihrer genauen Klientel anpassen kann.
Oliver Hormann: Also, wir haben im Grunde genommen versucht, dieses Feedback, das wir nach der Fortbildung ganz gerne erhalten wollten von den Fachkräften, versucht ganz systematisch zu erheben und zwar auf zwei Weisen: Das eine war, dass wir die Fachkräfte konkret befragt haben, danach, wie gut ihnen die Fortbildung gefallen hat und zwar auch ganz konkret nach einzelnen Bausteinen und Förderelementen. Zum einen fanden sie das umsetzbar, nützlich, relevant. Das waren so wichtige Aspekte. Hatten sie den Eindruck, dass sie mit Hilfe unserer Techniken ihren Alltag wirksam verändern konnten? Und da haben wir auch eine breite Zustimmung erfahren.
Also, ich habe mir das nochmal jetzt im Vorbereitungs-Podcast angesehen in unserem Buch, das Frau von Salisch gerade erwähnt hat, und bin auch nach wie vor ganz angetan von der hohen Zustimmung, die wir zu fast allen Elementen bekommen haben. Das ist nicht selbstverständlich, dass Fachkräfte, nachdem sie so eine Fortbildung gemacht haben, viel Zeit investiert haben, Nerven gelassen haben auf dem Weg, sich anschließend so positiv äußern. Es ist nicht selbstverständlich, dass Fachkräfte, die schon 20, 30 Jahre im Job sind, dann nochmal anfangen und ihre ganzen Routinen verändern. Das ist aber natürlich mit ein bisschen Bias verbunden; so nennen wir eine Verzerrung, wenn Leute sagen, es hat ihnen gefallen, dann kann man als Wissenschaftler in sich nicht ganz sicher sein, ob da nicht eventuell auch der Wunsch, dass die Erfahrung tatsächlich positiv war, die Ergebnisse positiv verzerrt hat.
Maria von Salisch: Wichtig war, dass die Fachkräfte Spaß hatten, längere Unterhaltungen mit den Kindern zu führen. Auch etwas schüchterne Kinder ins Gespräch zu führen. Mehr sich über Gefühle auszutauschen. Also, dass das ihre Arbeit bereichert hat und angenehmer gemacht hat. Diese Gespräche haben ihnen einfach Spaß gemacht. Das ist ja eigentlich die beste Motivation, sowas auch auf Dauer beizubehalten.
Oliver Hormann: Ich wollte noch einen Punkt vielleicht gerade ergänzen, der ist hintenüber gefallen. Das ist mir ganz wichtig. Das war der eine Weg, den wir gewählt haben, um die Fachkräfte daraufhin zu interviewen, wie sie selbst den Erfolg bewerten, der Fortbildung. Das war positiv.
Aber wir haben noch zusätzlich natürlich die Videoaufnahmen zu dem Zeitpunkt nach der Fortbildung genommen, um zu schauen, im Vorher-Nachher-Vergleich, haben wir tatsächlich das, was uns wichtig war, auch verändern können. Das, was die Leute in der Praxis zeigen, ist nämlich nicht so sehr unter Kontrolle, wie das, was wir auf dem Fragebogen beantworten. Da können sie sozusagen nicht schummeln. Tatsächlich hat sich gezeigt, dass die Fachkräfte sich in ganz wesentlichem Maße in der Praxis, in dem, was sie tun, wie sie es umsetzen, verändert haben. In dem Sinne, wie wir das mit der Fortbildung auch intendiert haben.
Ich habe vorhin von Orientierungsrahmen gesprochen. Das waren im Grunde genommen drei unterschiedliche Orientierungsrahmen, die wir unterschieden haben. Ich erwähne das nur kurz, damit man sich das ein bisschen besser vorstellen kann. „Ablauforientierung“ war der erste. Dann gab es eine sogenannte „Lernorientierung“ und „Bildungsorientierung“. Das letzte war uns sozusagen das Wichtigste, dass Fachkräfte lernen, sich bildungswirksam mit den Kindern auseinanderzusetzen, sie in die Interaktion mit einzubeziehen als gleichwertige Gesprächspartner. Das ist zum zweiten Messzeitpunkt angestiegen. Der Anteil der Situationen, in denen das gelungen ist und die ungünstigen Situationen, das, was wir unter Ablauforientierung besprechen, das hat deutlich abgenommen. Das ist praktisch auf Null gegangen in den Interventionseinrichtungen. Das ist aus meiner Sicht ein ganz verblüffend deutlicher Nachweis dafür, dass wir in diese entscheidende Schnittstelle Interaktion reingekommen sind mit der Fortbildung.
Oliver Hormann: Also im Grunde genommen, die einfache Antwort ist Geld. Wir brauchen tatsächlich Geld, um Arbeitszeit, um Mittel zu haben, die Praxis, die wir jetzt als gelingend identifiziert haben, zu skalieren – das heißt tatsächlich auszurollen auf ein Feld.
Denn natürlich haben wir hier bestimmte Einrichtungen gehabt, die wir auch ganz besonders gut versorgt haben. Und für uns ist natürlich auch interessant zu sehen, würde so etwas auch im großen Maßstab funktionieren. Und wo können wir noch besser werden? Und das ist aber etwas, was wir nicht alleine in der Hand haben. Es scheitert nicht an unserem Wunsch, das so zu tun, sondern meistens an der Zeit und an Mitteln. Das heißt, da fehlen dann Stellen und schlicht und ergreifend der Einsatz von finanziellen Mitteln, um Material zu erstellen, das nochmal unter verschiedenen anderen Bedingungen zu testen, was bisher gut evaluiert wurde. Solche Sachen finde ich ganz wichtig.
Und natürlich auf der Seite der Abnehmer ein starkes Interesse, wobei ich mich in deren Lage auch hineinversetze. Der Markt, das haben wir ja festgestellt, ist sehr bunt. Und es ist auch nicht unbedingt leicht, für Einrichtungen festzustellen, welches Programm ist denn besonders geeignet. Also auch da ein stärkerer Kontakt, vielleicht so etwas wie eine Kontaktbörse herzustellen. Ich weiß, dass es schwierig ist, aber es gibt ja so verschiedene Foren, die man dafür nutzen könnte. Die, was weiß ich, so etwas wie seinerzeit der Bildungsgipfel. Da haben wir Leute kennengelernt aus der Praxis, die sich einfach für unsere Arbeit damals, für das Folgeprojekt interessiert haben. Das wünsche ich mir mehr.
Maria von Salisch: Eine der Ideen dabei ist beispielsweise, die Fortbildung zu einem Webinar zu machen, sodass Fachkräfte das zu den Zeiten, zu denen sie können, absolvieren können. Und dann sich das stärker zu digitalisieren, damit man nicht überall selber hinfahren muss, was immer extrem kostenmäßig ungünstig ist.
Maria von Salisch: Auf jeden Fall, da bin ich ganz bei Ihnen. Die Frage ist, wie man die Elemente kombinieren kann, wie man Informationselemente mit eher interaktiven Elementen kombinieren kann. Und Video-Coaching und so weiter, das haben wir ausprobiert. Das würden wir jetzt gerne noch mal optimieren in Zusammenarbeit mit einem Träger oder einer kommunalen Bildungsverwaltung.
Oliver Hormann: Vielen Dank.
(Transcribed by Voice AI. Wir haben das Interview für eine bessere Lesbarkeit geglättet.)
Dieser Podcast steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Christine Schumann für Deutscher Bildungsserver
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