Über Jahrzehnte hinweg haben die Deutschen die Ukraine weitestgehend "durch die Brille Moskaus gesehen", so der Vorwurf des Historikers Martin Schulze Wessel von der Universität München. "Die übersehene Nation. Deutschland und die Ukraine seit dem 19. Jahrhundert", lautet der Titel seines jüngsten Buches, erschienen bei C.H. Beck. Darin kritisiert Martin Schulze Wessel, dass Deutschland einseitig auf das Verhältnis zu Russland und vor 1991 zur Sowjetunion fixiert gewesen sei und folglich die Ukraine als Nation mit eigener Sprache und Kultur kaum wahrgenommen habe. Und das, obwohl die Deutschen aus der historischen Verantwortung heraus allen Grund hätten, der Ukraine mit Empathie zu begegnen. Stattdessen habe sich die deutsche Politik in den vergangenen Jahrzehnten dem Land gegenüber schwere Versäumnisse und Fehler geleistet. Kein schmeichelhaftes Urteil. Darüber hat Geschichtsredakteur Stefan Nölke mit Martin Schulze Wessel gesprochen.
Das Gespräch ist bis zum 21. Februar 2027 verfügbar.