„Sie hatten verstanden, dass er in dem Gleichnis von ihnen gesprochen hatte.“
So das Ende dieses Bibeltextes. Ist das nicht wunderbar? Sie hatten es verstanden – endlich kapiert! Und ja: es ist doch großartig, wenn – wer auch immer – endlich kapiert, was Jesus sagt und um was es ihm geht! Denn jetzt muss doch Einsicht, folgen. Jetzt muss das doch dazu führen, dass die Angesprochenen ihr Leben ändern und fortan das tun, was Jesus sagt, was Gott will!
Also: die Pharisäer reagieren und antworten Jesus auf dieses Gleichnis: „Oh Mann, äh oh, Rabbi: Ja, wir haben all die vielen Jahre Gottes Reden missachtet. Immer und immer wieder haben wir all Seine Propheten nicht ernst genommen, sondern sind stattdessen unserem eigenen Instinkt und unseren Interessen gefolgt. Wir dachten, wir wissen es besser als Gott. Aber jetzt haben wir es endlich begriffen und wir geloben Besserung. Von nun an werden wir auf Dich, Jesus hören! Denn wir erkennen an, dass Du der Messias bist und uns zeigst, dass Gott einen guten Plan mit uns, seinem Volk hat!“
Doch so war es nicht. Nein: die Pharisäer wollten Jesus dafür töten, dass Er ihnen klaren Wein einschenkte. So kritisiert zu werden, das ging ja mal gar nicht! „Dieser Jesus muss beseitigt werden!“ Das war für sie mehr und mehr klar. Nur aus Angst vor dem Volk, das Jesus liebte, seinen Predigten gern zuhörte und durch die Wunder begriff, dass Jesus der Erlöser ist, nur aus Angst davor, dass ihnen das Volk „aufs Dach steigen“ würde, haben sie Jesus nicht sofort festgenommen.
Für Israel bedeutet dieses Gleichnis, dass Jesus der Eckstein für die weltweite Gemeinde Jesu ist. So schreibt es dann ja auch Jahre später Paulus im Brief an die Epheser, dass wir „nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen sind, erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, wo Jesus Christus der Eckstein ist!“ (Epheser 2, 19+20)
Und was bedeutet das für uns, also der weltweiten Gemeinde Jesu? Es bedeutet, dass wir Gott die Ehre dafür geben, nicht mehr „Fremdlinge“ zu sein. Wir gehören zum Plan Gottes. Wir sind ebenfalls auserwählt. Wir sind sozusagen die andere Seite der Medaille, die Erwählung heißt. Während Israel nach wie vor Gottes Volk ist und wir immer wieder, aktuell und ebenso in der Zukunft, sehen werden, dass Er es nie fallen lassen, sondern sich ihnen offenbaren wird, sind auch wir, um es mit dem Worten von Paulus im Epheserbrief zu sagen: „ineinander gefügt in diesem Bau, wachsend zu einem heiligen Tempel in dem Herrn, zu einer Wohnung Gottes im Geist.“ (Epheser 2, 21+22)
Das ist großartig. Wir können Gott nur dafür anbeten, loben und preisen. Diese „Kindschaft“ Gottes, wie unsere Zugehörigkeit zu Gott an anderer Stelle in der Bibel genannt wird, bringt uns immer wieder auf die Knie und wir schauen hoch und geben Gott die Ehre. Dafür, welches Geschenk es ist, diesen heiligen Gott immer mehr kennenzulernen und zu erfahren, wie er uns segnet, stärkt und uns in allen Lebenslagen, gerade auch in Sorgen und Nöten, beisteht.
Das wird mir, je älter ich werde, immer wichtiger: die Freude über meine eigene Erlösung und dass Gott mir nahe ist!
Und dann bedeutet dieses Gleichnis noch etwas Anderes für jeden einzelnen Christen: der Evangelist Johannes zitiert, wie Jesus uns als Reben bezeichnet. Er selbst, Jesus, ist der wahre Weinstock und wir hängen an ihm. Ohne ihn sind wir nichts, ohne ihn können wir nichts tun. Somit sind wir also auch, im Bild gesprochen, ein Weinberg. Uns fragt Gott: „Was ist der Ertrag? Wie zeigt sich, dass Jesus in uns lebt? Wie leben wir aus, dass wir ohne ihn nichts tun können?“
Bei mir stelle ich immer wieder fest, dass ich dann ähnlich stolz bin, wie die Pharisäer, nachdem Jesus ihnen das Gleichnis von den Pächtern erzählt hat. Die Pharisäer waren in ihrer Ehre gekränkt, aber wollten nicht wahrhaben, dass sie die Sache falsch angingen. Ja, sie verstanden, dass Jesus von ihnen sprach, aber ihre Fehler einzugestehen – dazu waren sie nicht bereit.
Oft neige ich sogar dazu, hochmütig das zu nennen, was ich alles geleistet habe, wie großartig und fast perfekt mein Christsein „läuft“. Auch ich verhalte mich pharisäerhaft, wenn ich nicht innehalte und selbstkritisch bin. Stattdessen suche ich häufig die Schuld beim Anderen.
Stolz ist Verdrängen von Scham. Die Pharisäer schämten sich. Aber ihren Fehler einsehen – das kam nicht infrage. Ihr Fehler war, dass sie Jesus nicht als Sohn Gottes anerkannten. Jesus war für sie höchstens ein Rabbi, also ein Lehrer so wie sie selber. Aber, dass er der Messias ist, also der, auf den sie und alle vor ihnen gewartet haben, das durfte nicht sein. Denn dann hätten sie akzeptieren müssen, dass es eine übergeordnete Instanz gibt, in Gestalt eben dieses Jesus von Nazareth. Oh, sie wussten, dass sie und das ganze Volk Israel der Weinberg sind, von dem Jesus im Gleichnis sprach. Und sie haben auch verstanden, dass sie die Pächter sind und die Knechte, die der Weinberg-Besitzer schickte, um den Ertrag zu prüfen, die Propheten darstellten, von denen das Alte Testament erzählt. Sie fühlten sich ertappt, wie kleine Kinder, als Jesus sagte, dass die Pächter dann sogar noch den Sohn des Weinberg-Besitzers umbringen würden, aber deswegen zur Strafe vom Besitzer getötet und der Weinberg anderen anvertraut werden würde.
Das war zu viel. Das ging zu weit. Ihren Stolz bissen sie runter, aber ihr Hass auf Jesus wurde stärker.
Wie gehe ich mit Stolz um? Ich verdränge auch oft unsere Scham. Noch heute schäme ich mich dafür, vor vielen Jahren, als ich noch ein Kind war, meiner Oma eine silberne Tabak-Dose gestohlen zu haben. Ich entdeckte sie oben auf dem Speicher meines Elternhauses, in dem auch meine Oma damals lebte. Sie entdeckte bei mir die Dose und stellte mich zur Rede. Ich stritt den Diebstahl ab und behauptete kühn, die Dose von einem Freund geschenkt bekommen zu haben. Sie beließ es dabei, aber hat wahrscheinlich gewusst, dass ich sie dreist anlog. Nie hatte ich den Mut, ihr ins Gesicht zu sagen, dass es mir leidtut, sie angelogen zu haben.
Deswegen bedeutet dieses Gleichnis nicht nur etwas für das Volk Israel und nicht nur für die weltweite Gemeinde Jesu, sondern es bedeutet auch etwas für mich und für Sie!
Möge Gott uns Freimut schenken, zu unseren Fehlern zu stehen. Damit wir frei werden, so wie Jesus gesagt hat (Joh. 8, 36): „Wen der Sohn frei macht, der ist frei!“ Wieviel Segen wird Gott schenken, wieviel „Ertrag vom Weinberg“, um es mit dem Bild aus dem Gleichnis zu sagen, wenn wir unser Verhalten selbstkritisch prüfen, unsere Fehler einsehen, Buße tun, also um Vergebung bitten und den richtigen Weg gehen.
Was ist der richtige Weg? Für die Pharisäer damals wäre der richtige Weg der gewesen, Jesus Christus als Sohn Gottes anzuerkennen und ihr Leben danach auszurichten. Und für uns ist es gut 2.000 Jahre später nichts anderes: Gott Gott sein lassen. Jesus als Herrn der Welt, ja des eigenen Lebens akzeptieren. Es geht darum, unseren Stolz zu überwinden. Den Stolz, dass wir immer wieder unsere eigenen Entscheidungen treffen. Den Stolz, nicht zu unseren Fehlern zu stehen. Gottes Wort lehrt uns: „Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade!“ (Jakobus 4, 6)
Diese Gnade will ich erleben. Nur aufgrund dieser Gnade kann ich überhaupt frei sein, frei von Schuld und Scham. Nach dieser Gnade strecke ich mich immer wieder aus, wenn ich um Vergebung bitte.
Autor: Pastor Thomas Brinkmann
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