SWR Kultur lesenswert - Literatur

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SWR Kultur lesenswert - Literatur episodes

  • Thomas Macho - Warum wir Tiere essen
    Ein Leben ohne Fleisch ist möglich. Das findet zumindest der Wiener Kulturwissenschaftler Thomas Macho. In seinem aktuellen Buch setzt sich der prominente Philosoph mit der Kulturgeschichte des Fleischkonsums auseinander - und plädiert für einen grundlegenden Wandel unserer Ernährungsgewohnheiten.
    Rezension von Günter Kaindlstorfer.
    Molden Verlag, 128 Seiten, 22 Euro
    ISBN 978-3-222-15088-3
    5 min
  • Mensch, Natur und Abenteuer – Neue Bücher im heißen Sommer
    Hitzige Debatten um Winnetou: Das Buch zum neuen Film enthalte verharmlosende Klischees über die Behandlung der indigenen Bevölkerung. Der Ravensburger Verlag hat es zurückgezogen. Eine kurze Medienschau mit den Reaktionen.
    Am Sonntag bekommt der Schriftsteller Levin Westermann den Deutschen Preis für Nature Writing 2022. Wir sprechen mit ihm über das Verhältnis von Mensch, Tier und Natur - und darüber, welche Geschichten Nature Writing heute erzählen kann und muss.
    In einem megaheißen Sommer spielt der neue Roman von Joshua Groß "Prana Extrem", ein eigenwilliger Text aus der Lebenswelt der 30jährigen.
    Und Kultregisseur Werner Herzog hat kurz vor seinem 80. Geburtstag seine Autobiografie veröffentlicht, mitreißende Erinnerungen an die Abenteuer seines Lebens.
    Ferdinand von Schirachs gepflegt melancholisches Buch "Nachmittage" und
    Theresia Enzensbergers Roman "Auf See", der auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis steht.  
    Winnetou-Bücher vom Markt genommen: Reaktionen aus Feuilletons und Sozialen Medien
    Medienschau von Anja Höfer
    Werner Herzog - Jeder für sich und Gott gegen alle. Erinnerungen
    Hanser Verlag, 352 Seiten, 28 Euro
    ISBN 978-3-446-27399-3
    Besprechung von Ulrich Rüdenauer
    Deutscher Preis für Nature Writing an Levin Westermann
    Gespräch mit Levin Westermann und
    Lesung aus "Farbe Komma Dunkel"
    Matthes und Seitz Verlag, 112 Seiten, 18 Euro
    ISBN 978-3-7518-0048-8
    Ferdinand von Schirach - Nachmittage
    Luchterhand Verlag, 176 Seiten, 22 Euro
    ISBN 978-3-630-87723-5
    Kritik von Julia Schröder
    Joshua Groß - Prana Extrem
    Matthes & Seitz Verlag, 301 Seiten, 24 Euro
    ISBN 978-3-7518-0086-0
    Gespräch mit Frank Hertweck
    Theresia Enzensberger - Auf See
    Hanser Verlag, 264 Seiten, 24 Euro
    ISBN 978-3-446-27397-9
    Rezension von Christoph Schröder
    Musik:
    Ntjam Rosie - Home cooking (2022)
    Label: O-tone music
    54 min
  • Werner Herzog – Jeder für sich und Gott gegen alle. Erinnerungen
    Es ist eine der oft erzählten Anekdoten aus dem an Anekdoten reichen Leben von Werner Herzog: Als der Regisseur seinen legendären Film „Fitzcarraldo“ im unwegsamen Amazonas-Gebiet drehte, konnte er in den Augen der indigenen Männer vom Stamm der Asháninka Campas pure Angst entdecken. Er vermutete, dass die Tobsuchtsanfälle seines Hauptdarstellers Klaus Kinski diese Reaktion ausgelöst hätten; die Ureinwohner hatten sogar angeboten, Kinski für ihn zu töten.
    „Sie saßen dann still am Boden im Kreis und flüsterten miteinander. In ihrem sozialen Miteinander gibt es nie laute Auseinandersetzungen.“
    (Aus: Werner Herzog - Jeder für sich und Gott gegen alle)
    Einer der Häuptlinge ließ ihn später allerdings wissen, dass sie nicht vor „dem brüllenden Wahnsinnigen“ Angst empfunden hätten. Sondern vor Herzog selbst – weil der immer so leise gewesen sei.
    Ein Stoiker mit Obsessionen
    Wer jemals Werner Herzogs Dokumentation über Klaus Kinski, „Mein liebster Feind“, gesehen hat, weiß ziemlich genau, was gemeint ist: Herzog erzählt darin in größter Ruhe von absurdesten und tollkühnsten Erlebnissen. Er wirkt neben Klaus Kinski wie ein masochistischer Stoiker. Und gleichzeitig scheint er etwas Obsessives an sich zu haben; ununterbrochen von Energie, Neugier und Erkundungslust getrieben zu sein.
    Auf Youtube findet man das Video eines Interviews, das Herzog der BBC vor ein paar Jahren in Los Angeles gab. Regisseur und Reporter stehen am Rand einer Straße, plötzlich hört man einen Knall. Herzog fasst sich an den Bauch, wirkt aber nicht sonderlich irritiert. Später öffnet er vor laufender Kamera die Hose, zieht das Hemd nach oben und offenbart eine Schusswunde. Der Interviewer ist entsetzt. Herzog selbst lächelt und sagt in seinem markant-kantigen, in den USA Kultcharakter genießendem Englisch: „Ah, it’s not significant.“ Ach, das sei doch nicht von Bedeutung.
    Keine abgeschlossene Autobiographie, sondern eine gelungene Auswahl an Episoden
    Von schönster Bedeutung aber sind die Erinnerungen, die Werner Herzog nun unter einem seiner Filmtitel veröffentlicht hat: „Jeder für sich und Gott gegen alle“. Herzog ist ein großartiger, verführerischer Erzähler. Er lässt sich von seinen Assoziationen treiben und keine Sekunde Langeweile aufkommen. Im Auswählen scheint er geschickt zu sein. Denn die 80 Lebensjahre passen auf gut 300 Seiten. Vermutlich hätte er ohne Probleme die dreifache Seitenzahl füllen können. Es ist eine Autobiographie nicht im strengen Sinn, sondern eine episodenhaft durch die Zeiten und diverse ereignisreiche Lebenssituationen führende Reise.
    „Vieles (…) erscheint mir wie auf einem Hochseil, ohne dass ich die meiste Zeit überhaupt bemerkte, dass links und rechts neben mir ein Abgrund gähnte.“
    (Aus: Werner Herzog - Jeder für sich und Gott gegen alle)
    Von Gefahren nicht zu wissen, ist besser, als sich von ihnen einschüchtern zu lassen: Schon als Kind und Jugendlicher, schreibt Werner Herzog, habe er kein Abenteuer gescheut. In München geboren, wächst er bis zum elften Lebensjahr im oberbayerischen Dorf Sachrang auf. Seine Geschwister und er streunen aufsichtslos durch die Gegend; es ist eine vaterlose Zeit der „Anarchie“. Herzogs Großvater, ein Altphilologe, wird hingegen zum prägenden Vorbild.
    „[Er] hatte eine Eigenschaft, die ich sehr schätze, er konnte Landschaften lesen.“
    (Aus: Werner Herzog - Jeder für sich und Gott gegen alle)
    Als Jugendlicher reist Werner Herzog alleine durch Griechenland, zu jenen Orten, die sein Großvater erforscht hat. Mit 14 konvertiert er zum Katholizismus, das Mystische und Mythische ziehen ihn an. Die erste Kamera seines Lebens entwendet er aus dem Institut für Film und Fernsehen – eine zwar unmoralische Tat, für die man ihm aber nachträglich die Absolution erteilen muss. Früh schon dreht er Filme, obwohl er als Kind nicht den geringsten Begriff von Kino hatte; alles Technische war sehr fern, das erste Telefongespräch führte er mit 17.
    Die Erfindung des Kinos aus der Unkenntnis über das Kino
    Weil er davon überzeugt gewesen sei, nicht älter als 25 zu werden, hätten ihn Konventionen wenig geschert, erzählt Herzog:
    „Das hatte zur Folge, dass ich Filme zu machen begann, bei denen ich davon ausgehen konnte, darüber hinaus werde es nichts mehr von mir geben. Warum nicht den Mut haben, Formen zu finden, die es so nie gegeben hatte, Letzte Worte von 1967 mit seinen endlosen Wiederholzwängen in der Erzählung, ein Kurzfilm in neugriechischer Sprache, Fata Morgana von 1969, wo ich Luftspiegelungen in der Sahara gefilmt hatte, Stoffe wie Auch Zwerge haben klein angefangen, ebenfalls von 1969, mein vermutlich radikalster Film, in dem alle Darsteller Liliputaner sind. Mir war auch bewusst, dass ich – aus fast völliger Unkenntnis des Kinos – auf meine Weise Kino selbst zu erfinden hatte.“
    (Aus: Werner Herzog - Jeder für sich und Gott gegen alle)
    Der Filmemacher, Weltreisende, Grenzgänger, Schauspieler, Schriftsteller, Philosoph Herzog ist ein Geschichtenbewahrer- und -erfinder: Er berichtet von Schul- und Studienfreunden – einem von ihnen, der für ihn eine Seminararbeit verfasst, verspricht er scherzhaft, ihn unsterblich zu machen. Sein Name: Hauke Stroszek. Herzog hält Wort. Einer seiner Filme mit Bruno S. erhält den Titel „Stroszek“.
    Herzog schildert Transzendenzerfahrungen oder berichtet von seiner Gabe als Hypnotiseur – die er an Schauspielern ausprobiert und die offensichtlich Einfluss auf die Art seines Sprechens hat. Er nimmt uns mit auf seine Reisen in die USA oder nach Mexiko, wo er als 23-Jähriger im Clownskostüm beim Rodeo auf Stieren reitet. Bei manchen Szenen weiß man nicht recht, ob er sich einen Scherz erlaubt oder uns ins Innerste seines Werks führt: Etwa schreibt er davon, wie er sich als junger Parkwächter einen Spaß daraus machte, das Lenkrad eines Autos so einzuklemmen, dass der Wagen auf dem Parkplatz fortwährend im Kreis fuhr – ein Hinweis auf das „Kreismotiv“, das in seinen Filmen immer wieder auftauche.
    Gerade die Passagen über die Kinder- und Jugendzeit sind nicht nur aufschlussreich, sie haben dazu eine enorme erzählerische Kraft. Sein Talent zur Freundschaft schimmert durch die Zeilen über seinen Bruder Lucki oder den Schriftsteller Bruce Chatwin. Großzügig und zugleich dezent spricht er über die Frauen seines Lebens.
    „Sie alle waren ausnahmslos selbständig, stark, schön und intelligent. Ich wäre nur ein Schatten meiner selbst ohne sie.“
    (Aus: Werner Herzog - Jeder für sich und Gott gegen alle)
    Herzog sagte einmal in einem Interview, dass er nicht glaube, seine Filme würden die Zeiten überdauern. Vielmehr werde seine Prosa ihn überleben. Nun, die Nachwelt wird darüber entscheiden. Sowohl das filmische wie das schriftstellerische Schaffen aber sind höchst eigensinnig; der hypnotische Ton und suggestive Bildkosmos fesseln immer wieder von Neuem. Wie Herzog dazu fand, wie er vom Dorfbuben zum Star des Neuen Deutschen Films und schließlich zum kultisch verehrten Dokumentarfilmer wurde – das lässt sich nun in seinen uneitlen und horizontweitenden Erinnerungen nachlesen.
    7 min
  • Katrine Marçal - Die Mutter der Erfindung. Wie in einer Welt für Männer gute Ideen ignoriert werden
    Wie sähe die Welt heute aus, wenn man bei Erfindungen und Innovation schon früher auf Frauen gehört hätte? Anders - und vermutlich auch besser, meint die schwedische JournalistinKatrine Marçal. Ihr Buch ist ein rasant geschriebenes, vergnüglich zu lesendes Manifest, das einen notwendigen neuen Blick auf die Geschichte der Erfindungen wirft.
    Rezension von Margrit Irgang.
    Aus dem Englischen von Gesine Schröder
    Rowohlt Verlag, 304 Seiten, 22 EUR
    ISBN 978-3-7371-0142-4
    5 min
  • György Dalos: Das System Orbán. Die autoritäre Verwandlung Ungarns
    Das "System Orbán", das sich selbst als "illiberal" bezeichnet, wurde in den vergangenen 12 Jahren von einer deutlichen Mehrheit getragen. Der in Berlin lebende Schriftsteller György Dalos beschreibt - nicht immer überzeugend - die "autoritäre Verwandlung Ungarns".
    Rezension von Conrad Lay.
    C.H.Beck Verlag, 224 Seiten, 18 Euro
    ISBN 978-3-406-78209-1
    5 min
  • Mirjam Wittig - An der Grasnarbe
    In ihrem Debütroman "An der Grasnarbe" erzählt Mirjam Wittig von Noa, einer jungen Frau mit Angststörung. Sie flieht aus der Stadt auf einen Bauernhof in Südfrankreich, wo sie versucht, ihre Ängste in den Griff zu bekommen.
    Suhrkamp Verlag, 189 Seiten, 19,99 Euro
    ISBN 978-3-518-43062-0
    5 min
  • Ferdinand von Schirach – Nachmittage. Buchkritik
    Ferdinand von Schirach und das autofiktionale Erzählen
    Ferdinand von Schirachs Erzählen hat von Anfang an mit dem Autofiktionalen gearbeitet, um nicht zu sagen, kokettiert. Ein Strafverteidiger als Autor hat in der Hinsicht viel zu bieten: Kriminalfälle, mit denen man so oder ähnlich in Berührung gekommen ist, als Inspiration anführen zu können, wirkt deutlich attraktiver als der Alltag in, sagen wir, einer Schule oder einer Behörde.
    Am Schreibtisch des freien Schriftstellers ist von Schirach vor drei Jahren angekommen, mit seiner Prosasammlung „Kaffee und Zigaretten“, in der er reichlich autobiografisches Material verarbeitet hat.
    Einige Kapitel umfassen kaum eine Seite
    Dies setzt sich in seinem neuen Buch fort. Es heißt „Nachmittage“. Erneut versammelt der Autor in kurzen bis kürzesten Texten Erlebnisse, Beobachtungen und Einfälle aus seinem mittlerweile 58-jährigen Leben.
    Einige der 26 durchnummerierten Kapitel des schmalen Buchs umfassen kaum eine Seite. Oft geht es um Kunsterlebnisse und Lesefrüchte, die Prägungen durch Giacometti oder Hemingway, Funde in Thomas Manns Tagebüchern oder die Todesarten von Isadora Duncan und Sergei Jessenin.
    Erlesene Melancholie ist die vorherrschende Stimmung
    In den längeren Texten erinnert sich der Erzähler an lang zurückliegende Reisen mit Freundinnen, Vorfälle während des Jurastudiums in Bonn, an Begegnungen und Wiederbegegnungen in Hamburg, Paris, New York, Pamplona, nicht selten in Bars internationaler Traditionshotels oder in den Gärten mediterraner Landsitze.
    Dazwischen blitzt wie ein rotes Fädchen immer wieder die Reminiszenz an eine große, offenkundig verlorene Liebe auf. Es ist kein Zufall, dass in der ersten Geschichte F. Scott Fitzgeralds „Great Gatsby“ zitiert wird, genauer gesagt, die Auseinandersetzung um die Liebe einer Frau zwischen Tom Buchanan und Jay Gatsby in einer Suite des legendären New Yorker „Plaza“.
    Denn im Foyer eben jenes „Plaza“ hat der Erzähler „sie“ das erste Mal gesehen. Es wird viel geraucht. Das Ambiente ist durchweg erlesen, und erlesene Melancholie ist die vorherrschende Stimmung.
    „Und jetzt, nach sehr langer Zeit, gibt es manchmal Nachmittage, an denen ich nicht mehr in eine andere Richtung sehe, wenn ich an einem Café vorbeikomme, in dem wir zusammen waren.“

    Quelle: Ferdinand von Schirach – Nachmittage

    Lifestyle in Luxushotels und edlen Villen
    Gehobenen Reisefeuilletonismus, das zeigt das Aufscheinen kaum überwundener Schmerzen, strebt Ferdinand von Schirach nicht an – obwohl sich beträchtlicher Distinktionsgewinn einstellt, wenn einer in Tokyo das Zimmer buchen kann, in dem „Lost in Translation“ gedreht wurde.
    Oder Freunde hat, die ihm ihre edel heruntergekommene Hundert-Zimmer-Villa in Bassano del Grappa für einen Sommer als Schreibort überlassen, und zwischen Taipeh und Oslo von Interviewern und Lesepublikum belagert wird.
    Andererseits kann Weltruhm auch ganz schön entfremdend sein.
    „,Man ist angeblich der Ehrengast‘, sagte ich, ,aber in Wirklichkeit ist man der Hofnarr.‘“

    Quelle: Ferdinand von Schirach – Nachmittage

    Die Nonchalance wirkt etwas bemüht
    Seine ausgesuchten Settings wählt der Autor mit etwas bemühter Nonchalance möglichst „off the beaten track“. In Marrakesch etwa bloß nicht zum Platz der Gehenkten, sondern gleich ins La Mamounia, von dem die Leser erfahren, es sei …
    "… eines der angenehmsten Hotels auf dem afrikanischen Kontinent, 1922 von der staatlichen Eisenbahngesellschaft Marokkos gebaut, eine Mischung aus französischer und marokkanischer Architektur. Churchill malte es, du hielt es für den schönsten Ort der Welt, Roosevelt und de Gaulle übernachteten in diesem Hotel, Cameron Diáz, Tom Hanks und Gwyneth Paltrow sind regelmäßig Gäste.“

    Quelle: Ferdinand von Schirach – Nachmittage

    Wie Ferdinand von Schirach das Geschehen auflädt, indem er es in interessanten Kulissen verortet und mit ausgesuchten Requisiten garniert, dürfte nicht geringen Anteil am enormen Erfolg seiner Bücher haben. Ihre Anziehungskraft erschöpft sich darin natürlich nicht.
    Von Schirach geht es um die Begegnung mit anderen Menschen
    Schirach-Leser schätzen offenbar, dass sich bei ihm Unterhaltung mit Tiefsinn und Denkanstoß verbindet, kurz gesagt, das Parabelhafte. Das Motto dieses Buchs zitiert Thomas Manns „Zauberberg“, in dem es heißt, der Mensch solle „um der Liebe und Güte willen dem Tode keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken“.
    Die Leben spendende Begegnung mit dem anderen Menschen, das ist Schirachs Botschaft. Ihm geht es darum, die eigenen Geschichten mit denen anderer zu verweben, Geschichten, die Liebespaare einander zuflüstern, und Geschichten, die Fremde einander nachts an einer gepflegten Hotelbar erzählen:
    „Es sind leise Erzählungen von verregneten Nachmittagen und von schwarzen Nächten, und die Helden haben das Spiel endgültig verloren. Aber diese Geschichten beschützen uns vor der Einsamkeit, den Verletzungen und der Kälte. Und am Ende sind sie das Einzige, was uns wirklich gehört.“

    Quelle: Ferdinand von Schirach – Nachmittage

    Lebensthemen: Schuld, Verbrechen und Strafe, Sühne und Rache
    Jedoch landet Schirachs Erzählen von sich selbst in „Nachmittage“ vielfach erneut bei seinen Lebensthemen Schuld, Verbrechen und Strafe, Sühne und Rache. Auch dieses Buch kommt nicht ohne spektakuläre Verbrechen und bestürzende Wendungen aus.
    Zwar werden sie, wie beiläufig hingeplaudert, in bewundernswert verschachtelte Konstruktionen eingebaut. Aber leider geht dabei so manche Pointe wie ein moralischer Holzhammer auf die Leserschaft nieder – etwa, wenn sich die empörend junge Frau an der Seite eines alten Kunstmäzens als seine Enkelin entpuppt. Das hat dann schon viel von Kalendergeschichte.
    Starke Texte neben viel Überflüssigem
    Anderes wird ohne Not garniert mit vulgärphilosophischen Spruchweisheiten. Bei einem so intelligenten Autor und begabten Stilisten überrascht das denn doch.
    Dies und einige wenig überzeugende Fingerübungen wecken den Wunsch, dass irgendwann die besseren Texte aus diesem Band und seinem Vorgänger in einer Neuausgabe vereint erscheinen, unter Auslassung des Überflüssigen.
    6 min

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