SWR Kultur lesenswert - Literatur

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SWR Kultur lesenswert - Literatur episodes

  • Nadia Durrani, Brian Fagan - Was im Bett geschah. Eine horizontale Geschichte der Menschheit
    Bislang gab es keine Geschichte des Betts. Das Archäologen-Duo Nadia Durrani und Brian Fagan schließen mit ihrem Buch diese Lücke: Vom urgeschichtlichen Felsenbett über königliche Prunkbetten bis zum hochmodernen "Kapselbett" ist alles dabei. "Was im Bett geschah" bietet eine vergnügliche Lektüre durch die Kulturgeschichte des Betts.
    Rezension von Andreas Puff-Trojan
    Reclam Verlag, 270 Seiten, 24 Euro
    ISBN 978-3-15-011373-8
    5 min
  • Tanguy Viel - Das Mädchen, das man ruft
    MeToo in der französischen Provinz: Eine junge Frau gerät in ein kompliziertes Abhängigkeitsverhältnis, ein alter Boxer will es noch einmal wissen, ein gieriger Politiker nimmt, was er bekommen kann. Aus diesen Elementen strickt der französische Autor Tanguy Viel in "Das Mädchen, das man ruft" eine pointierte Erzählung über Machtmissbrauch und festgefahrene gesellschaftliche Strukturen.
    Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel
    Wagenbach Verlag, 154 Seiten, 20 Euro
    ISBN 978-3-8031-3345-8
    5 min
  • Nichts für zarte Seelen? Britische Universitäten entfernen antirassistische Klassiker aus ihren Studienplänen
    „Der Inhalt dieses Buches könnte Ihre Gefühle verletzen, dieser Film enthält Gewaltdarstellungen“: Mit solchen Triggerwarnungen sollen Menschen geschützt werden, die besonders sensibel auf bestimmte Themen reagieren.
    In England versehen manche Hochschulen inzwischen echte Klassiker mit solchen Warnungen - oder streichen sie gleich ganz aus den Studienplänen. Betroffen sind auch preisgekrönte Bücher der antirassistischen Literatur wie Colson Whiteheads "Underground Railroad", da sie explizite Gewaltdarstellungen enthalten.
    Ein Angriff auf die geistige Freiheit oder doch nur ein Randphänomen?
    Wir sprechen mit der ARD-Korrespondentin in London, Gabi Biesinger.
    8 min
  • Lisa Eckhart – Boum
    Lisa Eckhart sagt in einem selbstironischen Statement, sie habe ihren neuen Roman geschrieben, während sie ihre Flucht von Mann und Kindern nach Paris vorbereite.
    Er nennt sich Boum wie ein verliebter Herzschlag, Boum wie ein terroristischer Anschlag. Es wird trauriger, wie Les Misérables, lustiger als Louis de Funès und schärfer als Brigitte Bardot.

    Quelle: Lisa Eckhart

    So viel gleich vorneweg, diesem Anspruch wird Lisa Eckharts neuer Roman keinesfalls gerecht. Ganz im Gegenteil verstrickt die krude Handlung sich allzu oft in abgeschmackte Klischees und pseudo-intellektuelle Abhandlungen über das Wesen von Mann und Frau.
    Die Hauptfigur ist eine klassische „Unschuld von dem Lande“
    Das fängt schon bei der Hauptfigur an. Eckhart stellt Aloisia als eine naive, weder schöne noch hässliche junge Frau aus Österreich vor. Aus Liebe fliegt sie nach Paris. Doch am Flughafen wartet nur die erste Enttäuschung. Ihr Liebster holt sie nicht ab. Doch ...
    Einem Mann soll man nichts nachtragen. Weder den Koffer noch einen Fauxpas. Nach einer halben Stunde Fahrt in der RER B ist sie ihm also schon gar nicht mehr böse.
    (Aus Lisa Eckhart: Boum, Seite 30)
    Dabei ist Romain kein Hauptgewinn. Seine zahlreichen Eroberungen greift er Männern ab, die Frauen in Bars mit K.O.-Tropfen betäuben, um sie dann zu vergewaltigen. Bevor es soweit kommt, spannt er die benommenen Mädchen, den Filous – wie die Ich-Erzählerin die Täter geschmacklos nennt – aus. Nachdem Romain ihnen heldenhaft einen „Muntermacher“ in seinem heruntergekommenen Appartement gibt, schläft er selbst mit ihnen. Bei Aloisa läuft es zunächst anders.
    Die hier brabbelt solchen Stuss, dass es ihm zu riskant erscheint, sie in dem Zustand zu vernaschen. Nicht bei Bewusstsein ist das eine. Nicht bei Sinnen etwas anderes.
    (Aus Lisa Eckhart: Boum)
    Eckhart erzählt hier einmal mehr die abgedroschene Liebesgeschichte von der Unschuld vom Lande und dem zwielichtigen Habenichts aus der Stadt. Auch der Autorin ist klar, dass diese dürftige Konstellation nicht trägt. Und so treibt auch ein Serienkiller in Paris sein Unwesen.
    Ein Serienmörder und ein heruntergekommenes Ermittler-Gespann sollen Spannung generieren
    Der notgeile Terrorexperte Monsieur Boum und der schlecht gealterte Kommissar „Tiger Brown“ nehmen sich dem Fall an. Doch dem König der Clochards ist nicht beizukommen.
    Die Ähnlichkeiten zu Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“ hat die Autorin sicherlich nicht zufällig gewählt. Jedoch bleibt es pures Namedropping, das Eckhart gerne als Stilmittel benutzt, zählt sie den Roman doch selbst zur Hochkultur.
    Aloisia avanciert in der Zwischenzeit zur beliebtesten Hure der Stadt. Und zwar durch Eckharts Reproduktion von frauenfeindlichen Klischees.
    Sie riecht noch nach Schulkantine. Und nach nassem Tafelschwamm. Nach den blauen Leichtturnmatten und nach vollen Bleistiftspitzern. In ihren Haaren hängt noch Chlor vom dienstäglichen Schwimmen.
    (Aus Lisa Eckhart: Boum, Seite 225)
    Platte Obszönitäten werden ausgebreitet
    Die meisten Männer stehen also laut Eckharts Roman auf junge, noch unbedarfte Mädchen. Diese These wird noch untermauert,  insofern Aloisia kaum Französisch versteht. Dagegen kennt sie sich umso besser mit Fellatio aus. In den zahlreichen obszönen Sexszenen zeigt Eckhart leider über-anschaulich, dass Frauen in ihrem Roman zu jeder Tat bereit sind, sofern am Ende der Lohn stimmt.
    Von Lust oder gar einem Erotikkrimi – wie der Klapptext des Romans verspricht – kann dagegen kaum die Rede sein. Verlässlich bedient die Autorin die Mär vom dauergeilen Mann und der erduldenden Frau. Eckhart ist Kabarettistin und übertreibt. Jedoch fehlt der Witz, denn ihr Schreiben enthüllt keine größere Wahrheit, sondern liefert nur eine sehr lahme Reproduktion misogyner Klischees.
    Frauen wissen nicht, was sie wollen, weil sie nicht spüren, was sie wollen. Schuld an ihrem Wankelmut ist also nicht ihr Geist, sondern ganz allein ihr Körper. Männer wissen ebenso wenig, was sie wollen und was nicht, aber zumindest spüren sie es, denn ihr Schweif verrät es ihnen.
    (Aus Lisa Eckhart: Boum)
    Jaja, der gute alte Penis-Witz: auch bei Eckharts Kabarett-Shows ein verlässlicher Brüller. Welcher ältere Herr freut sich nicht über seine pochende Manneskraft. Und natürlich sind in Paris im Roman alle Menschen islamischen Glaubens Terroristen, und als wäre das nicht schon schlimm genug, findet sich zwischen den gemeinen Zeilen auch das rassistische N*-Wort.
    Eine witzlose Ansammlung von Klischees
    Die Autorin weiß genau, dass sie damit provoziert. Und offenbar will sie auch diesmal nichts anderes, denn es bleibt bei der bloßen Provokation. Der Roman entlarvt keine Klischees und Vorurteile, er bildet sie nur ab. Gelungene Satire geht anders.
    5 min
  • Transkarpatien, Tod und Teufel
    Mit sogenannten Triggerwarnungen sollen Menschen geschützt werden, die besonders sensibel auf bestimmte Themen reagieren. In England versehen manche Hochschulen inzwischen echte  Klassiker mit solchen Warnungen – oder streichen sie gleich ganz aus den Studienplänen. Wir sprechen mit der ARD-Korrespondentin in London, Gabi Biesinger.
    Norbert Gstrein bleibt seinen ambivalenten Charakteren treu und liefert mit "Vier Tage, drei Nächte" ein starkes und provokantes Stück Gegenwartsliteratur.
    Vor 50 Jahren, am 5. September 1972 ermordeten palästinensische Terroristen 11 Israelis bei den Olympischen Spielen in München – Spiele, die eigentlich ein heiteres und weltoffenes Deutschland präsentieren sollten. Mehrere Neuerscheinungen blicken jetzt zurück und versuchen zu rekonstruieren, was damals wirklich geschah.
    Die Kabarettistin Lisa Eckhart legt mit "Boum" ihren zweiten Roman vor und provoziert in bewährter Manier. Als Satire überzeugen kann diese krude Mischung aus Erotik-Krimi und Horror-Thriller unsere Rezensentin allerdings nicht.
    Außerdem haben wir den jungen ukrainischen Autor Andrij Ljubka getroffen: Er lebt in Transkarpatien, im äußersten Westen der Ukraine, und hat uns erzählt, wie sich sein Leben seit dem 24. Februar verändert hat.
    Michail Bulgakows Klassiker "Der Meister und Margarita" stand Pate für Michael Kumpfmüllers neuen Roman "Mischa und der Meister": Der Teufel und Jesus persönlich tauchen plötzlich auf im pandemischen Gegenwarts-Berlin und sorgen für reichlich Verwirrung.
    Nichts für zarte Seelen?
    Britische Universitäten entfernen antirassistische Klassiker aus ihren Studienplänen

    Gespräch mit Gabi Biesinger, ARD-Korrespondentin in London

    Norbert Gstrein – Vier Tage, drei Nächte
    Hanser Verlag, 352 Seiten, 26 Euro
    ISBN 978-3-446-27398-6
    Rezension von Carsten Otte

    Olympiabücher München 1972:
    Roman Deininger, Uwe Ritzer – Die Spiele des Jahrhunderts
    dtv, 528 Seiten, 25 Euro
    ISBN 978-3-423-28303-8
    Markus Brauckmann, Gregor Schöllgen – München 72. Ein deutscher Sommer
    DVA, 368 Seiten, 25 Euro
    ISBN 978-3-421-04875-2
    Sven Felix Kellerhoff – Anschlag auf Olympia. Was 1972 in München wirklich geschah
    wbg, 240 Seiten, 25 Euro
    ISBN 978-3-8062-4420-5
    Rezension von Eberhard Reuß

    Lisa Eckart – Boum
    Zsolnay Verlag, 368 Seiten, 25 Euro
    ISBN 978-3-552-07307-4
    Rezension von Helen Roth

    Untergrund-Literatur aus Transkarpatien:
    Wie der ukrainische Schriftsteller Andrij Ljubka seinen Landsleuten im Osten hilft
    Reportage von Christiane Seiler

    Michael Kumpfmüller – Mischa und der Meister
    Kiepenheuer & Witsch Verlag, 368 Seiten, 24 Euro
    ISBN 978-3-462-05444-6
    Rezension von Wolfgang Schneider
    54 min
  • Norbert Gstrein - Vier Tage, drei Nächte
    Ein Roman von Norbert Gstrein gleicht einem Erzähllabyrinth - und am Ausgang wartet noch eine böse Überraschung
    Die letzten Romane Norbert Gstreins gleichen Häusern mit vielen Türen, und ganz gleich welchen interpretatorischen Eingang man wählt, um den Kern der Geschichte näher zu kommen, befindet man sich doch immer in einem unübersichtlichen Erzähllabyrinth mit oft gebrochenen und auch schauderhaften Charakteren, die durch enge Gänge mit vielen Spiegeln herumirren.
    Erst wenn alle Wege abgelaufen sind, erschließt sich allmählich die Konstruktion, wobei viele Fragen zu den ambivalenten Figuren bleiben und am Ausgang noch eine böse Überraschung wartet.
    Ein Weg in den neuen Roman könnte die Figur des patriarchal-rüpelhaften Vaters sein
    Im Falle des neuen und wiederum kunstvoll gebauten Werks „Vier Tage, drei Nächte“ könnte ein Weg in den Text die Figur des patriarchal-rüpelhaften Vaters sein, der ein gehobenes Hotel in den Tiroler Alpen führt - gewissermaßen ein Grundmotiv in der Prosa Gstreins. Wir befinden uns in Pandemie-Zeiten, was den Gastwirt nicht abhält, seinen Sohn Elias für ein überlanges Eröffnungswochenende der Wintersaison engagieren zu wollen.
    „Zuerst verstand ich gar nicht, worum es ging, aber dann stellte sich heraus, dass er trotz des Hotspots, den er im Frühjahr im Haus gehabt hatte, sein legendäres Vier Tage, drei Nächte stattfinden lassen wollte, die traditionelle Preseason-Sause, zu der er auch in anderen Jahren vor Beginn der eigentlichen Saison ausgewählte Gäste eingeladen hatte. Dafür fehlte es wieder einmal an Personal, und er benötigte mich als Kellner. Denn die festen Mitarbeiter waren ihm einer nach dem anderen abgesprungen, sowie sie gemerkt hatten, welches Risiko sie eingingen, mit den Sicherheitsbestimmungen in Konflikt zu geraten, wenn sie sich auf seine Schnapsidee einließen.“
    (Aus Norbert Gstrein: Vier Tage, drei Nächte)
    Der Vater bietet viel Geld, „einen Tausender am Tag“, lockt ihn mit „Schnee wie seit zwanzig Jahren nicht“, aber Elias möchte mit dem Mann, einem schlimmen Lügner, möglichst wenig zu tun haben.
    Als Elias erfährt, dass Ines seine Halbschwester ist, hat er sich schon längst in sie verliebt
    Erst als es nicht mehr zu verheimlichen war, hat Elias nämlich erfahren, dass ein Mädchen namens Ines, das regelmäßig mit der Mutter im Hotel zu Gast war, seine Halbschwester ist. Da war der pubertierende Hotelsohn aber schon längst verliebt, zumindest auf intensive Weise von Ines angezogen, und diese enge Bindung wird sich auch nicht mehr auflösen. Die beiden wohnen im Laufe der folgenden Jahre immer mal wieder zusammen, in Innsbruck und später in Berlin, und sie verbringen auch die Nächte regelmäßig im selben Bett.
    „Sie trat lautlos durch die offene Flügeltür, kaum dass ich mich hingelegt hatte, und schob mich ohne ein Wort zur Seite. Dann schmiegte sie sich von hinten an mich, drückte mir die Hände vorsichtig auf die Brust, genau über meinem Herzen, und wartete.“
    (Aus Norbert Gstrein: Vier Tage, drei Nächte)
    Abgesehen von der eigenen Schwester steht Elias nur auf Männer
    Die unmögliche Liebe der Geschwister ist ein klassisches Thema der Literatur, und Norbert Gstrein entwickelt aus dieser Grundkonstellation ein erschütterndes Beziehungsgeflecht: Ines schleppt immer wieder Liebhaber an, die Elias entweder vergrault oder verführt. Denn abgesehen von der eigenen Schwester steht der Bruder nur auf Männer, was jede neue Dreiecksgeschichte zu einem Drama macht.
    Matt gehört zu jenen Freunden der Schwester, die sich von Elias fernhalten, sein dunkles Spiel durchschauen. Was ihn beinahe das Leben gekostet hätte. In einer Therapiesitzung erinnert sich Elias an die verhängnisvolle Wanderung mit Ines und Matt, die in den Abgrund führte.    
    „In der Sprache war der Unterschied gar nicht so groß, ich fiel nach vorn, oder ich ließ nach vorn fallen, und in der Wirklichkeit war er noch kleiner, wenn man müde vom stundenlangen Gehen war und einen Augenblick nicht achtgab. Ich sagte zu der Therapeutin, ich hätte Matt nicht gestoßen, aber natürlich schlug ich gegen ihn, und er stürzte mit seinem monströs großen Rucksack Hals über Kopf über die Steine und kam zwanzig oder dreißig Meter tiefer zu liegen.“
    (Aus Norbert Gstrein: Vier Tage, drei Nächte)
    Zu Elias' Charakter gehört eine Mischung aus narzisstischem Ingrimm und krasser Empathielosigkeit
    Matt überlebt den Angriff, und Elias wird sich in der Therapie nur oberflächlich mit seinem boshaften Verhalten beschäftigen, das offensichtlich einem Muster folgt. Ein „Gebräu aus Macht und Eifersucht“ treibt ihn an, und Elias weiß um seine Schuld.
    Schon in Kindertagen hat er seine Altersgenossen ins Verderben geführt. „Ekelhaft“ nennt der Ich-Erzähler seine „unkontrollierte Leidenschaft“, und schon im ersten Satz des Romans zeigt sich die paradoxe Haltung, eine Mischung aus narzisstischem Ingrimm und krasser Empathielosigkeit.
    „Keiner von diesen Idioten hat Ines geliebt, wie ich sie geliebt habe und nach wie vor liebe, aber dass sich wiederholt einer fand, der sich das einbildete, ist eine andere Geschichte.“
    (Aus Norbert Gstrein: Vier Tage, drei Nächte)
    Geht es hier wirklich nur um die Geschichte des aggressiv-unzuverlässigen Erzählers?
    Welche und wessen Geschichte aber wird hier überhaupt verhandelt, mag man sich vor allem beim zweiten Gang durchs Buch fragen. Nur die des aggressiv-unzuverlässigen Erzählers? Durchaus erstaunlich, dass Ines den übergriffigen Bruder nicht deutlicher in Schranken weist. Liegt es an ihrer ebenfalls stark ausgeprägten Halt- und Heimatlosigkeit?
    Ines rastet aus, als sie erfährt, dass der Vater auch noch eine sechzehnjährigen Küchenhilfe geschwängert hat. Emma heißt die geistig behinderte Schwester, die in einem Heim untergebracht ist, auch weil der Vater sich nicht um sie kümmern will.
    Dass sich Ines über „die romantische Liebe in der deutschsprachigen Literatur“ habilitieren will, ist eine perfide Pointe Norbert Gstreins
    Lieblosigkeit und zwanghafte Sehnsucht nach Liebe prägen dieses selbstzerstörerische Familienleben. Es ist schon mehr als eine perfide Pointe Norbert Gstreins, dass Ines plant, sich über „die romantische Liebe in der deutschsprachigen Literatur zu habilitieren“ – was Elias bissig und gewohnt eifersüchtig kommentiert.
    „(…) aber ob sie das auch im Leben klüger machte, wage ich nicht zu beantworten.“
    (Aus Norbert Gstrein: Vier Tage, drei Nächte)
    Elias ist nicht annähernd so erfolgreich wie seine Schwester. Das Studium hat er geschmissen, eine Ausbildung zum Helikopterpilot abgebrochen. Seinen Lebensunterhalt verdient er als Flugbegleiter, was der Vater für völlig widersinnig hält, weil er nicht begreift, dass Elias auch deshalb ständig verreisen möchte, um der Familiengeschichte zu entfliehen.
    Mit dem „Knochenjob eines Stewards“ kommt immerhin ein wenig Entspannung, ja: Glück in sein Leben. Er lernt Carl kennen, der für dieselbe Fluglinie arbeitet. Die beiden werden ein Paar, die Schwester sieht Elias in dieser Zeit etwas seltener. Doch dann reisen sie zu dritt nach Italien, ein kurzer Trip zum Jahreswechsel – vier Tage, drei Nächte – und nun dreht sich das Romangeschehen noch einmal um die eigene Achse.
    Ines verhält sich auch nicht viel besser als Elias
    Das Beisammensein im Süden führt nicht nur an die Grenzen Europas, sondern auch zur Frage, wie eine beschädigte Identität zur sprachlichen Waffe wird. Es ist ein furioses und gewiss verstörendes Finale, in dem eher nebenbei angedeutet wird, dass Carl ein Schwarzer ist. Ines wird ausgerechnet über dessen Hautfarbe einen nicht nur literarischen Angriff starten, der die Beziehung des Bruders zu Carl zertrümmert. Die Schwester verhält sich also auch nicht viel besser als der Bruder. War es vielleicht sogar Rache?
    Womit der Text, der so vieles so lange in der Schwebe gehalten hat, wieder an den Ausgangspunkt zurückkehrt. Norbert Gstrein schreibt nahezu ohne moralischen Impetus über ein Diskursraum, der sowohl in seiner labyrinthischen Struktur als auch in seiner normativen Überfrachtung für viele Menschen zunehmend bedrohlich erscheint: Wer darf was in welcher Situation sagen? Und was bedeuten die gesprochenen Worte tatsächlich für die Identität der Sprechenden?
    Keine Rezension wird alle dunklen Geheimnisse dieses überaus gelungenen Buchs gänzlich analysieren können
    „Drei Arten, ein Rassist zu sein“ heißt dann auch das provokante Schlusskapitel des Romans. Das Virtuose an Gstreins Literatur besteht nun darin, dass er einige Spiegelwände splittern und über die bewusst überkomplexe Erzählstruktur eine Sehnsucht nach rhetorischer Reduktion entstehen lässt, ohne an völlig naive Traditionslinien anzuknüpfen.
    Dieser Roman bietet eine intellektuelle Lektüre, ohne verkopft zu sein. Beeindruckend wie immer bei Gstrein sind die Satzschlangen, die sich um die bitteren Gedankengänge der Protagonisten winden. So entwickelt die Prosa gerade in heftigen Szenen eine seltsam schöne Sinnlichkeit.
    Und je länger ich über diesen Roman nachdenke, desto deutlicher wird mir bewusst, was ich alles vergessen habe zu erwähnen. Keine Rezension wird alle dunklen Geheimnisse dieses überaus gelungenen Buchs gänzlich analysieren können.

    8 min
  • Michael Kumpfmüller – Mischa und der Meister
    Hoher Besuch in Berlin! Jesus kehrt zurück, ausgerechnet in diese teuflische Stadt. Michael Kumpfmüllers neuer Roman „Mischa und der Meister“ variiert Motive von Bulgakow und Dostojewski – eine glühende Hommage auf das Russische in Zeiten antirussischer Cancel-Cultur.
    7 min
  • Sabine Rennefanz - Frauen und Kinder zuletzt. Wie Krisen gesellschaftliche Gerechtigkeit herausfordern
    Welche Personengruppen haben in der Corona Pandemie eigentlich die Aufmerksamkeit in den deutschen Medien erhalten? Wurden Frauen und Kinder bei politischen Entscheidungen berücksichtigt? Schulen und Kindergärten blieben auf einmal geschlossen, das Homeoffice wurde bevorzugt und die beschworene Solidarität verbannte die Menschen in die eigenen vier Wände. Die Gründe, warum eine "Mütterrevolte" ausblieb, beschreibt die Journalistin Sabine Rennefanz in ihrem neuen Buch anhand zahlreicher Beispiele.
    Rezension von Leonie Mainka.
    Ch. Links Verlag, 144 Seiten, 18 Euro
    ISBN: 978-3-86284-513-2
    5 min

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