Matthias Zehnders Wochenkommentar

Matthias Zehnders Wochenkommentar

By Matthias ZehnderSociety & CulturePhilosophy
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Matthias Zehnders Wochenkommentar episodes

  • Die Schweiz kappt die geistige Landesverteidigung

    Die Schweiz hat, wie alle westlichen Länder, in den letzten Jahren die klassische Verteidigungsfähigkeit abgebaut. Jetzt versucht die Armee händeringend, die militärischen Löcher zu stopfen. Neu muss sie sich dabei nicht mehr nur um Land, See und Luft kümmern, sondern auch um den Weltraum. Der Nationalrat hat deshalb beschlossen, Beyond Gravity, die Weltraumfirma der Rüstungsfirma Ruag, aus Sicherheitsgründen zu behalten. Es könnte ein teures Engagement werden. Und dann gibt es da noch die fünfte Dimension der Auseinandersetzungen: Das ist der Informationsraum. Auf technischer Ebene hat die Schweiz in den letzten Jahren in die Cyberabwehr investiert. Ziel ist der Schutz kritischer Infrastrukturen und Systeme vor Cyberangriffen. Das ist die technische Ebene. Lange vorher beginnt das, was man als «Informationskrieg» bezeichnet: die Abwehr von manipulierten Informationen, Fake News und Desinformation. An Land, auf seinen Seen und in der Luft muss sich die Schweiz zwar besser rüsten, aber sie befindet sich im Frieden. Anders sieht das im Informationsraum aus: Russland und andere Akteure stecken längst mitten im Informationskrieg. Moskau will mit Desinformationskampagnen Zwietracht im Westen streuen. Anders als bei Artillerie und Flugabwehr ist die Schweiz im Informationsraum gut aufgestellt. Doch genau da will der Bundesrat jetzt den Rotstift ansetzen: Er hat «Swissinfo», den Auslanddienst der SRG, die Beiträge gestrichen und empfohlen, den Dienst einzustellen. Die Schweiz kappt mit anderen Worten die geistige Landesverteidigung. Ich frage mich: Warum?

    Matthias Zehnder ist Autor und Medienwissenschaftler in Basel. Er ist bekannt für inspirierende Texte, Vorträge und Seminare über Medien, die Digitalisierung und KI.
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    20 min
  • Truman Capote und das mitfühlende Schreiben

    Fast genau vor 100 Jahren ist im Süden der USA Truman Capote zur Welt gekommen. Wenn Sie ihn vor allem als Autor von «Frühstück bei Tiffany» kennen und Ihnen dabei Audrey Hepburn als Holly Golightly in den Sinn kommt, liegen Sie zwar richtig, Sie sind aber trotzdem auf der falschen Spur. Truman Capote konnte sich nie mit dem Film anfreunden. Capote hatte eine gesellschaftskritische Geschichte über ein Mädchen geschrieben, das sich in der Grossstadt verliert. Hollywood hatte daraus einen liebenswerten Film gemacht und der Story erst noch ein Happy End verpasst. Truman Capote hasste den Film. Er selbst stand für das Gegenteil einer seichten Hollywood-Geschichte. Er verband in seinem Schreiben akribische Recherche mit literarischem Erzählen. So entstand zum Beispiel «In Cold Blood», auf Deutsch «Kaltblütig», ein «nichtfiktionaler Roman». Später wurde dieser literarische Journalismus als «New Journalism» bezeichnet. Ich glaube, dass diese Art des Schreibens wieder wichtig werden wird. Gerade heute. Warum, das sage ich Ihnen diese Woche in meinem Wochenkommentar über Truman Capote und das mitfühlende Schreiben.

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    15 min
  • Die eine gute Sache, mit der sich Journalisten gemein machen müssen

    Er war einer der ganz grossen deutschen Journalisten, der Inbegriff eines News-Anchors: Hanns-Joachim Friedrichs prägte die «Tagesthemen», die Spätnachrichtensendung der ARD, über Jahre. Und er prägte einen Satz, den seither jede Journalistin und jeder Journalisten im Kopf hat. HaJo Friedrichs sagte: «Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten.» Es ist gar nicht mehr wichtig, ob Friedrichs den Satz wirklich so gesagt und wie er ihn gemeint hat. Tatsache ist, dass jede Journalistin und jeder Journalist diese Aufforderung zu unbedingter Distanz und Neutralität seither unter die Nase gerieben bekommt. Das Problem ist: Der Satz ist falsch. Bei aller Neutralität müssen sich Journalisten immer mit mindestens einer Sache «gemein» machen – mit der Wahrheit. Doch genau daran entzündet sich die grosse Kritik an den Medien. Selten herrschte so wenig Einigkeit darüber, was Wahrheit ist. Bestes Beispiel: der Wahlkampf in den USA zwischen Donald Trump und Kamala Harris. Immer häufiger wird Journalisten deshalb Parteinahme vorgeworfen, dass sie sich also mit einer Sache gemein machen. Auch wenn es nur um die Wahrheit geht. Mein Wochenkommentar über die eine gute Sache, mit der sich Journalisten gemein machen müssen.

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    15 min
  • Medienförderung als Teil der Corporate Social Responsibility

    Als Tamedia letzte Woche ihre Abbaupläne bekannt gab, ging ein Aufschrei durch die Schweiz. Der Medienkonzern bestätigte die schlimmsten Befürchtungen. Er verstärkte damit die Entwicklung der ganzen Branche: Die Medien ziehen sich immer mehr aus dem Lokalen zurück auf eine unverbindlich überregionale Ebene. Das Resultat der Zusammenlegungen ist das, was ich «Hors-sol-Journalismus» nenne: Es ist ein Journalismus, der keine Wurzeln mehr hat, weil die Inhalte in möglichst vielen Regionen funktionieren müssen. Die Schweiz ist deshalb wütend auf Tamedia und schaut zornig nach Zürich. Doch damit schlagen wir den Sack statt den den Esel. Tamedia reagiert mit ihrer Hors-sol-Strategie lediglich auf den Werbemarkt: Werbung wird auch in der Schweiz immer häufiger digital ausgespielt und dabei fast ausschliesslich von Algorithmen gesteuert. Das heisst: Die Werbeschaltungen richten sich nach Klickzahlen. Das aber ist kein Naturgesetz, sondern der Entscheid der Werbeauftraggeber, die das Schalten ihrer digitalen Anzeigen einem Computerprogramm überlassen. Das muss nicht sein. Würden diese Werbekunden auch nur einen Teil ihrer Budgets bewusst und qualitativ einsetzen, wäre für die journalistischen Medien viel gewonnen. Mein Wochenkommentar über die Verantwortung der Privatwirtschaft, Medienförderung als Teil der Corporate Social Responsibility zu begreifen.

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    17 min
  • Warum Medien keine simplen Konsumgüter sind

    Der Schweizer Zeitungsverlag Tamedia hat diese Woche eine mediale Bombe gezündet: Der Konzern schliesst zwei von drei Zeitungsdruckereien, konzentriert sich auf nur noch vier Zeitungsmarken und streicht fast 300 Vollzeitstellen. Das ist rund ein Viertel der gesamten Belegschaft. Die «Aargauer Zeitung» spricht deshalb von einem «Radikalabbau», das «Bündner Tagblatt» von einem «personellen Kahlschlag», die «Republik» bezeichnet es als «radikalen Raubbau an der vierten Gewalt» und «Inside Paradeplatz» als «Print-Crash» und «Digital-Pleite». Wenn Sie jetzt glauben, dass sei alles übertrieben: Sogar die nüchterne NZZ spricht im Titel von «Radikalumbau». Besonders heftig reagierte die Romandie auf den geplanten Abbau: Tamedia will sich künftig auf «24 Heures» konzentrieren. Die Genfer Zeitung «Tribune de Genève» wird zum Auslaufmodell. Die Genfer Regierungspräsidentin Nathalie Fontanet beklagte sich auf RTS, Tamedia behandle seine Medientitel «wie ein gewöhnliches Konsumgut». Bemerkenswert ist das deshalb, weil Madame Fontanet nicht etwa eine Linke ist, sondern Mitglied der Wirtschaftspartei FDP. Die Frage ist: Was sind Medientitel denn sonst? Und wenn sie keine x-beliebigen Konsumgüter sind – wie sollen wir als Gesellschaft damit umgehen? Ich habe mir deshalb den Radikal-Kurs von Tamedia genauer angesehen und versuche, den Entscheid aus drei Perspektiven zu beurteilen. Die erste Perspektive: Ist der Umbau aus Sicht von Tamedia klug? Ist das der richtige Kurs für ein Unternehmen, das mit Medien mehr Geld verdienen will? Die zweite Perspektive: Was bedeutet der grosse Abbau für den Medienmarkt in der Schweiz? Gibt es auch Profiteure? Und schliesslich die dritte, die gesellschaftliche Perspektive: Was bedeutet der Umbau für die Schweiz? Mein Wochenkommentar zum grossen Abbau bei Tamedia.

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    17 min
  • Warum Moral sich (trotz allem) lohnt

    Manchmal könnte man ja meinen, Moral sei etwas für Schwächlinge. Wer stark sei, brauche keine Moral. Donald Trump verkörpert dieses Prinzip: Er glaubt an die Macht und an das Recht des Stärkeren. Als Geschäftsmann und als Präsident hat er oft auf aggressive Rhetorik und Einschüchterung gesetzt. Sein Credo «America First» bedeutet, dass die Vereinigten Staaten ihre Interessen rücksichtslos durchsetzen sollten, auch wenn es auf Kosten von Verbündeten oder internationalen Partnern geschieht. «Moralische Leadership? Fehlanzeige», titelte die österreichische Tageszeitung «Der Standard» deshalb kürzlich und Stephanie Grisham, einst eine glühende Verehrerin und Beraterin von Trump, erklärte auf dem Parteitag der Demokraten, Trump habe «keine Empathie, keine Moral und keine Treue zur Wahrheit». Donald Trump, Elon Musk, Rupert Murdoch und viele andere haben damit Erfolg. Macht setzt sich durch, wer stark ist, braucht keine Regeln. Aber ist das wirklich so? Sind Moral und ethisches Verhalten nur unnütze Fesseln und intellektueller Ballast? Eine spannende Frage: Wenn dem so wäre – warum haben die Menschen dann überhaupt so etwas wie Moral entwickelt? Mein Wochenkommentar über den Nutzen von Moral. 

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    16 min
  • Erich Kästner und das Schreiben zwischen den Zeilen

    Klartext gilt als Qualität. Klartext ist unmissverständlich, direkt und manchmal auch schonungslos. Es geht um Ehrlichkeit und Transparenz. Positionen werden eindeutig bezogen, Missverständnisse vermieden. Klartext lässt keinen Interpretationsspielraum. Die künstliche Intelligenz bietet Klartext auf Knopfdruck. Explizit und vollständig. Das klingt erst mal gut, oder? Allerdings ist die Welt oft nicht so klar, dass sie klar und einfach in Text gegossen werden kann. Manchmal liegt die Wahrheit auch im Ungefähren, ist das Gefühl entscheidend, nicht die Gewissheit. Klartext nagelt die Phantasie mit sprachlichen Mitteln fest, hegt sie ein in Buchstaben und Paragraphen. Das Gegenteil von Klartext ist das Schreiben zwischen den Zeilen: Texte, die das Eigentliche ungesagt lassen. Die der Leserin, dem Leser Zeit und Raum geben, mitzudenken, mitzufühlen – und das Wesentliche zwischen den Zeilen zu lesen. Ein Meister in diesem Schreiben zwischen den Zeilen war Erich Kästner. Seine frühen Gedichte sind sprachliche Preziosen. Mit wenigen Worten erzeugt er grosse Gefühle und zeichnet starke Bilder. Natürlich kann eine KI seine Sprache nachahmen. Aber das, was uns Menschen ausmacht, steht zwischen den Zeilen. Mein Wochenkommentar über Erich Kästner und dieses Schreiben zwischen den Zeilen.

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    23 min
  • Wer sind wir – und wenn ja, warum?

    Ende Juli war Donald Trump zu Gast bei der National Association of Black Journalists NABJ, der Vereinigung schwarzer Journalisten in Amerika. Der Termin in seiner Agenda stammte wohl noch aus der Zeit, als sein Gegenkandidat Joe Biden hiess und sich Trump Hoffnungen machte, dem Demokraten schwarze Wählerinnen und Wähler abspenstig machen zu können. Wenn das die Absicht war, ist sie gründlich misslungen: Trump liess sich zu einem rassistischen Ausfall gegen Kamala Harris hinreissen. «Ich wusste nicht, dass sie eine Schwarze ist, bis sie vor ein paar Jahren zufällig schwarz wurde, und jetzt will sie als Schwarze bekannt sein. Ich weiss also nicht, ist sie indisch oder ist sie schwarz», sagte Trump auf dem Podium. Kamala Harris ist die Tochter einer indischen Mutter und eines jamaikanischen Vaters. Trump beschwerte sich darüber, dass nicht klar sei, in welche Schublade er Harris stecken soll: indisch oder schwarz? Das Rassistische daran ist, dass es eine so klar definierte Schublade sein muss – und dass es die Weissen sind, die über diese Schubladen entscheiden. Vor allem aber ist es eine klare Bestimmung der Identität: Trump reduziert Harris auf ihre Hautfarbe und ihre Herkunft. Das hat mir zu denken gegeben. Denn das macht nicht nur Trump: Mir scheint, dass die Gesellschaft die Menschen wieder häufiger in Schubladen mit eindeutigen Etiketten stopft. Schwarz oder weiss, Schweizer oder Migrant, homo oder hetero. Dabei sind Biologie und Herkunft nur ein kleiner Teil dessen, was unsere Identität ausmacht. Mein Wochenkommentar zur Frage: Wer sind wir – und wenn ja, warum?

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    13 min
  • Die fatale Verwechslung von Nationalstolz und Heimatliebe

    Am 1. August, dem Schweizer Nationalfeiertag, komme ich immer etwas ins Grübeln. Was feiern wir da eigentlich? Und warum? Warum sollte ich stolz darauf sein, Schweizer zu sein? Verstehen Sie mich richtig: Ich lebe gerne da, wo ich bin. Ich liebe die Kultur, ich schätze die Menschen und als schreibender Mensch bin ich tief verwurzelt in der Sprache. Ich halte die Bundesverfassung für einen klugen Text. Die direkte Demokratie hat viele Vorteile. Ich bin gerne Schweizer. Aber ich kann nichts dafür und ich habe auch nichts dazu beigetragen. Die Berge, die Sprache, die direkte Demokratie, all das ist ohne mich entstanden. So wie die Franzosen oder die Deutschen nichts an ihrem Land ändern können, kann ich nichts an meinem Land ändern. Ich habe es gern, wie Deutsche und Franzosen ihr Land auch. Aber ist es wirklich das Land, das ich gern habe? Sind es nicht vielmehr die Sprache, die Berge und die Menschen? Warum also sollen wir einmal im Jahr die Nation feiern, uns auf die Brust klopfen und stolz sein? Mein Wochenkommentar über die fatale Verwechslung von Nationalstolz und Heimatliebe.

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    11 min
  • Wann ist man zu alt – und wie merkt man das?

    «Der beste Weg nach vorne besteht darin, die Fackel an eine neue Generation weiterzugeben.» Das sagte US-Präsident Joe Biden diese Woche, als er sich aus dem Oval Office an die Nation wandte, um seinen Verzicht auf eine zweite Amtszeit zu begründen. Er sprach mit leiser Stimme, aber entschieden: Ein alter Mann, der eingesehen hat, dass er zu alt ist für das anspruchsvollste Amt der Welt. Joe Biden wird das Oval Office verlassen, ungebeugt, mit geradem Rücken. Nicht ganz freiwillig, aber aus freien Stücken. Das verdient Respekt. Und wirft doch Fragen auf. Er selbst hatte sich eine zweite Amtszeit zugetraut und war drauf und dran, zur tragischen Figur zu werden. Offensichtlich ist es schwierig, das eigene Alter und die eigenen Fähigkeiten richtig einzuschätzen. Das Alter kann man nicht spüren, höchstens die Folgen davon. Aber wie sollen wir dann merken, wann wir für eine Aufgabe zu alt sind? Wie können wir sinnvoll mit dem eigenen Alter umgehen? Mein Wochenkommentar zur Frage: Wann ist man zu alt und wie merkt man das?

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    14 min

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