Morgenimpuls
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Morgenimpuls episodes

  • Lassen wir uns nicht ablenken!
    Lassen wir uns nicht ablenken!
    Vorgestern war ich zum ersten Mal nach der fünf Jahre dauernden Renovierung und Generalsanierung wieder im Bonner Münster. Außen ist noch alles verhängt und eingerüstet, verschalt und gesperrt. Und an den Absperrungen hängen die gedruckten Hinweise für die Gottesdienste und Angebote in der Fastenzeit, für die Karwoche und die Osterliturgien. Nachdem ich mir das alles angesehen habe, bin ich echt gespannt und vorsichtig hineingegangen. Und es hat mich überrascht. Das Erste, was mir aufgefallen ist: Es ist so hell. Kircheninnenräume werden nach Jahrzehnten einfach durch den vielen Kerzenruß und die Heizungsluft dunkel. Nun war es wunderbar hell. Aber das Zweite, das ich genauso schnell gemerkt habe, war: Es ist so aufgeräumt.
    Viele Kirchen wirken oft wie Kramläden: da noch ein Tisch mit Infoblättern, da noch ein Kartenständer, noch eine Pinnwand mit den Kommunionkinderbildern, Zeitungen, Zeitschriften, kirchlichen Informationen und so weiter. Aber jetzt nicht mehr im Bonner Münster. Informationen und Postkarten, Führer und Flyer bekommt man in der Münster-Information. 
    Aber nicht mehr in der Kirche. Lediglich ein Regal mit den Gotteslobbüchern und den Blättern mit den Friedensgebeten steht auf dem Weg in die Kirche. Es ist die Einladung zum Schauen, zum Umhergehen, zum Ausruhen, zum Hinknien und zum Beten. Nichts lenkt ab von der Hinwendung zum Heiligen, zum Göttlichen, zur Stille, zur Anbetung. Hier ist der Kirchenraum als der Raum Gottes deutlich erfahrbar. 
    Mit dem Palmsonntag beginnt die Heilige Woche, die Karwoche auf Ostern hin. Da soll nichts mehr ablenken vom unglaublichen Geschehen, das vor 2000 stattgefunden hat: dass Jesus Christus, der Sohn Gottes, in die Welt gekommen ist, um sie wieder mit dem himmlischen Vater zu versöhnen und so quasi die Verbindungen zwischen Himmel und Erde neu zu knüpfen – mit seinem Kreuzesleiden, seinem Tod und seiner Auferstehung. 
    Lassen wir uns in dieser nächsten Woche nicht ablenken von den vielen Debatten in unserer Kirche und den vielen Themen, die unbedingt gelöst werden müssen. Jetzt, in der kommenden Woche ist etwas anderes wichtiger:
    Die Erinnerung an Leiden, Sterben und Auferstehen Gottes in unsere Welt und die Feier dieser Geheimnisse, damit wir mit neuer Kraft und Energie und Frische dieses einmalige Evangelium Gottes verkünden und all die Probleme angehen können, die nicht aufgeschoben sind, – sondern neu durchdrungen, neu aufgeräumt und entrümpelt, damit wir als Kirche wieder Gemeinschaft der Glaubenden sein können, die die unglaublichste Botschaft der Welt zu verkünden haben.
    4 min
  • Manchmal tut es gut, einfach nur zum Glauben zu ermutigen
    Manchmal tut es gut, einfach nur zum Glauben zu ermutigen
    „Zurücküberweisung wegen versehentlicher Doppelzahlung“ - hä, was nochmal? Unsere Behörden- oder Geschäftskundendeutsch ist schon manchmal so, dass man es langsam nochmal laut lesen muss, um dann zu verstehen, um was es geht. Ah ja, klar. Da hat jemand aus Versehen den Beitrag für eine Veranstaltung zweimal bezahlt und bittet mich jetzt, es zurück zu überweisen. Alles klar und wird erledigt.
    Manches klärt sich, wenn man die typischen deutschen Kettenwörter in die Einzel-Worte zerlegt, um den Sinn zu verstehen. Unsere ägyptische Flüchtlingsgastfamilie hat mit dieser Technik vor Jahren sehr schnell verstanden, wie das funktioniert und konnte bald mit Vergnügen selber solche Wortungetüme wie: Halskettenverschlussöffnungstechnik erfinden und belachen.
    Auch in unserem alltäglichen Kirchensprachgebrauch müssen wir uns da schon mal an die eigene Brust schlagen. Wir können unglaublich kompliziert über einfache Dinge reden, sodass man bei mancher Predigt scharf nachdenken muss, worum es hier jetzt eigentlich geht soll. Eine besonders hübsche Geschichte habe ich vor vielen Jahren gelesen.
    Ein Theologieprofessor, der auch Priester ist, macht in einem kleinen Bergdorf Urlaub und zugleich macht er die Urlaubsvertretung des Dorfpfarrers. Er predigt am Sonntag sehr eindrücklich und mit vielen biblischen Beweisen über die Präsenz des Allerheiligsten im Tabernakel. Die Leute kommen relativ ratlos aus der Kirche und unterhalten sich darüber, dass sie ja bisher geglaubt hätten, dass Jesus Christus hier gegenwärtig sei, aber wenn es der Herr Professor so kompliziert beweisen müsse, sei es vielleicht doch nicht so, oder?
    Bei seiner Rückkehr kommt das dem Dorfpfarrer zu Ohren und am Sonntag predigt er: „Ihr habt gefragt, ob der allmächtige Gott im gewandelten Brot im Tabernakel drin sei oder nicht. Ich sage Euch: Er ist drin. Amen.“ Immer wieder finde ich diese Geschichte schön. Nein, nein, keine Sorge, viele Dinge des Göttlichen kann man nicht in Basta-Manier erklären. Aber manchmal tut es gut, das Göttliche nicht weitschweifig zu erklären, sondern zum Glauben zu ermutigen.
    4 min
  • Umkehr fängt immer bei uns selbst an!
    Umkehr fängt immer bei uns selbst an!
    Wir sind mitten im Krieg. Wir und unsere betroffenen Brüder und Schwestern in der Ukraine, im Jemen, in Syrien, Kolumbien, Mali, Nigeria, Kamerun, Kongo, Burundi, Äthiopien. Viele dieser Kriege und kriegerischen Auseinandersetzungen gehen seit Jahren und oft ist einfach kein Ende abzusehen. Städte und Dörfer werden sinnlos zerstört, jegliche Infrastruktur wird über Jahre unbrauchbar gemacht, unsinnige, grausame Gewalt wird ausgeübt, Menschen bedroht, beleidigt, gefoltert, getötet. Warum das alles? Jeder weiß, dass Kriege keinen Frieden bringen und besiegte Völker niemals Ruhe geben werden, bis das Unrecht beseitigt wird.
    Meine Oma Katharina, die sich ja im Nachkriegsdeutschland auf der eingesperrten ostdeutschen Seite wiederfand, hat immer wieder ein sehr markantes Sprichwort gesagt: „Unrecht Gut gedeihet nicht und kommt nicht in die dritte Generation.“ Da man früher pro Generation 20 Jahre gerechnet hat, ist das mit der DDR genau so gekommen: Nach zwei Generationen war das Unrechtsregime am Ende und die Menschen haben sich darum gekümmert, dass aus zwei Teilen wieder ein Land wurde.
    Was in der großen Politik gilt, gilt aber auch im normalen Zusammenleben der Menschen. Es gibt ungerechte Strukturen, ungerechte Gesetzeslagen, ungerechte Verteilung der Güter, Vorurteile und Negativberichte.Die großen Kriege beginnen mit den vielen kleinen Streitereien und Ungerechtigkeiten, dem Streben nach Macht und Einfluss und dem Runtermachen und Kleinhalten der anderen. Die geforderte Umkehr dieser österlichen Bußzeit beginnt genau dort; bei uns selbst und unseren eigenen Möglichkeiten: Streit beenden, Frieden untereinander halten, die Schwachen unterstützen, die Kranken besuchen, sich um die Fremden kümmern, die Nachbarschaft pflegen, sich den eigenen Verwandten nicht entziehen, am Arbeitsplatz fair miteinander umgehen.
    Mit den vielen Kriegen in der Welt fühlen wir uns häufig klein und ratlos und hilflos. Mit dem Krieg in der Ukraine ist es ein bisschen anders, weil er so nahe ist und wir aber viel tun und helfen können. Krieg beginnt im Kleinen, aber auch Frieden beginnt im Kleinen, im täglichen Engagement und Einsatz füreinander in der einen Welt mit den nahen und den fernen Geschwistern.
    4 min
  • Nicht reden, sondern anpacken!
    Nicht reden, sondern anpacken!
    Bei einem Spaziergang rund um den Dom in Magdeburg habe ich einige nette kleine Geschäfte entdeckt, die mich wirklich entzückt haben. Am meisten das "Fabularium" allein das Wort, dann die hübsche Fassade und klein aber fein wirkende Auslage haben mir Herz und Seele erfreut. "Fabularium– Fachgeschäft für wohlsortierte Buchstaben" welch ein so anderer Ausdruck für einen schnöden Buchladen. Fabulieren im Sinn von erzählen, dichten, ausmalen, plaudern ergibt eine schöne Beschreibung dessen, was in den ausliegenden und angebotenen Büchern geschrieben ist. Und wer Bücher liebt, wird meine Freude daran verstehen.
    Unsere anschließende Domführung hat dann außen herum begonnen und mit sachkundigen Hinweisen konnte man gut die verschiedenen Bauetappen und sogar Baustile und Veränderungen der Konzeption und Ausführung des Baues erkennen. Und beeindruckend für mich war der Spaziergang durch den Kreuzgang. In jeder Ecke, in der man den rechten und linken Gang sehen konnte, konnte man die Weiterführung und Entwicklung des Baustils vom romanischen zum gotischen hin deutlich erkennen. Von 1209 bis 1520 dauerte der Bau und alle neuen Einflüsse in Architektur, Kunst und kirchlichem Leben, Glauben und Denken flossen in diesen Bau ein.
    Eine, eigentlich so nebenbei fallengelassene Bemerkung des Priesters, der uns geführt hat, hat mich dann sehr beschäftigt. "Immer hat sich die Kirche verändert und immer hat sich ihr äußeres und inneres Bild von dem prägen lassen, was in der Zeit geschah und wie Menschen ihr Leben und ihren Glauben gesehen, gelebt und niedergeschrieben haben – nur wir heute denken immer, die Kirche wäre fertig und nichts müsse sich mehr ändern." Das war nicht fabuliert – nicht fantasiert, erzählt, erfunden, ausgemalt, erdichtet oder ausgeplaudert. Es war eine Feststellung, die ein tiefes Ringen und die große Sorge um die Kirche heute deutlich gemacht hat. Früher in der Baugeschichte dieses Domes, waren es Kaiser und Könige, Fürsten und Heerführer, die die Geschicke der Menschen und der Kirche bestimmt haben. Und sehr wenig ist in den großen Geschichtsschreibungen der Völker von den einzelnen Menschen, von den glaubenden Männern und Frauen der Kirchen die Rede.
    Und heute? Gerade in dieser Zeit des Ukrainekrieges, der großen Flüchtlingswelle aus diesem Land zu uns wird mir deutlich, dass alle, die, die sich um die Geflüchteten, die Frauen und Kinder, die Alten und Kranken ganz uneigennützig kümmern, die Gestalt unseres Landes und unserer Kirche mal wieder sehr offensiv verändern. Nicht fabulieren und reden, nicht ausdiskutieren und Papiere und Leitlinien erarbeiten, sondern anpacken, helfen, Not lindern, Menschen aufnehmen, ein Dach überm Kopf geben, Sprache beibringen und Sicherheit geben. Lieben eben und barmherzig sein.
    5 min
  • Alles hat seine Zeit
    Alles hat seine Zeit
    Wir sind auf der Zielgeraden der Fastenzeit. Gestern war der fünfte Fastensonntag. Früher nannte man ihn Passionssonntag. Der hat das zentrale Geschehen vor Ostern schon im Namen: Jesus leidet und stirbt. Und den Palmsonntag, also den kommenden Sonntag, nennt man auch das "Tor in die Karwoche". Am Palmsonntag erinnert die Kirche daran, dass Jesus bei seinem Einzug in Jerusalem erst gefeiert und später umgebracht wurde. Aber warum feiern wir als Christen diese Ereignisse im Leben Jesu so intensiv? Für mich sind die Fasten-, Oster- oder auch die Adventszeit so etwas wie die religiösen Jahreszeiten. Wir glauben an einen Gott, der Mensch geworden ist und ganz konkret unter uns gelebt hat. Das ist ja schon ein ziemliches Wunder, dass der allmächtige Gott als kleines Kind zu uns kommt, dann erwachsen wird und ohne Gegenwehr die tödliche Gewalt der Menschen hinnimmt und stirbt. Und am Ende siegt Gott doch, indem er den Tod, also die eigentlich finale Grenze für uns Menschen in der Auferstehung von Jesus überwindet. Um dieses Wunder zumindest ein wenig nachzuvollziehen, dafür gibt es diese besonderen Zeiten. Alles hat seine Zeit, heißt es im Alten Testament im Buch Kohelet. Und so wie wir uns im Frühling über das Erwachen der Natur freuen, im Sommer die Sonne und das warme Wetter genießen, so helfen mir die besonderen Texte und Lieder, die wir im Stundengebet und bei den Gottesdiensten je nach kirchlicher Jahreszeit lesen, beten und singen, diesem unglaublichen Gott zumindest ein bisschen näher zu kommen. Das Lied beim letzten Abendmahl können wir am Gründonnerstag viel intensiver singen, als wenn wir das einfach mal so im Hochsommer tun würden. Die ganzen herrlichen Osterlieder würde man ja auch nie an Weihnachten singen und umgekehrt. Ich wünsche uns, Ihnen und mir, dass wir die kommenden Tage der Fastenzeit und dann der Karwoche bewusst erleben können. Im persönlichen Gebet, im Gottesdienst, mit anderen Menschen. Versuchen wir diesem unglaublichen Gott ein bisschen näher zu kommen.
    3 min
  • Gekreuzigte Liebe
    Gekreuzigte Liebe
    Wenn wir zusammen unseren Morgenimpuls beten, dann tut das vermutlich jeder und jede an einem ganz anderen Ort, in einer vermutlich ganz anderen Situation. Vielleicht haben Sie ja gerade ein Kreuz vor sich stehen oder an der Wand hängen. In der Fastenzeit ist gerade der Freitag der Tag, an dem in den liturgischen Texten das Kreuz etwas mehr in den Mittelpunkt gestellt wird als sonst. Und innerhalb der Fastenzeit sind wir jetzt an einem Punkt, wo die Passion Jesu, also sein Leiden ganz besonders im Vordergrund steht. Wenn wir Schwestern morgens und abends in unserer Hauskapelle zusammenkommen und gemeinsam beten, dann schauen wir auch gemeinsam auf ein Kreuz. Es ist ein Taukreuz, wie es bei franziskanisch geprägten Menschen häufig zu sehen ist, und darin ist ein Behältnis mit dem Allerheiligsten eingelassen.
    Jetzt am kommenden Sonntag, werden vielerorts die Kreuze bis Karfreitag verhüllt. Das ist ein alter Brauch, der sich nicht sofort jedem gleich erschließt. Denn gerade in der Zeit, in der wir intensiver das Leiden Jesu in den Blick nehmen sollen, verdecken wir das Symbol, welches gerade dieses Leiden zeigt. Und klar ist auch, dass eine Kreuzigung in der Antike kein „Kindergeburtstag“ war. Das war eine äußerst brutale und grausame Hinrichtungsmethode, bei der man lieber weggeschaut hat. Aber Gott antwortet auf eine solche Grausamkeit nicht mit Gegengewalt oder Vergeltung. Nein, er lässt von seiner Liebe zu uns Menschen nicht ab. Ich stelle mir manchmal die Grausamkeiten und all die Gewalt unserer Tage vor – im Kleinen wie im Großen –, wenn Menschen furchtbares erleiden und durchmachen müssen.
    Aber bei manch einem wird dabei vieles gebrochen, nur die Liebe nicht. Gewalt kann vieles vernichten, aber die Liebe weicht nicht. Denn jeder Gewaltakt fordert geradezu Werke der Liebe heraus. Wenn Opfer getröstet werden, wenn ihnen die Hilfe zuteilwird, die sie gerade brauchen. Diesem unfassbar grausamen Krieg in Osteuropa mit all seinen sinnlosen Opfern steht eine unglaubliche Hilfsbereitschaft von vielen Menschen auch hierzulande gegenüber. Ein Kind, das in der Schule gemobbt, gehänselt, ja sogar verprügelt wird, wird von seinem Lehrer oder seiner Mutter getröstet.
    Wir können uns viele solcher „gekreuzigter“ Menschen vorstellen. Vielleicht sind die verhüllten Kreuze in den nächsten zwei Wochen eine Möglichkeit, die nicht sichtbare Stelle in Gedanken mit denen auszufüllen, die unsere mitmenschliche Liebe neu oder wieder entfachen und uns zum Handeln bringen.
    4 min
  • Morgenimpuls mit Schwester Katharina
    Wenn wir zusammen unseren Morgenimpuls beten, dann tut das vermutlich jeder und jede an einem ganz anderen Ort, in einer vermutlich ganz anderen Situation. Vielleicht haben Sie ja gerade ein Kreuz vor sich stehen oder an der Wand hängen. In der Fastenzeit ist gerade der Freitag der Tag, an dem in den liturgischen Texten das Kreuz etwas mehr in den Mittelpunkt gestellt wird als sonst. Und innerhalb der Fastenzeit sind wir jetzt an einem Punkt, wo die Passion Jesu, also sein Leiden ganz besonders im Vordergrund steht. Wenn wir Schwestern morgens und abends in unserer Hauskapelle zusammenkommen und gemeinsam beten, dann schauen wir auch gemeinsam auf ein Kreuz. Es ist ein Taukreuz, wie es bei franziskanisch geprägten Menschen häufig zu sehen ist, und darin ist ein Behältnis mit dem Allerheiligsten eingelassen.
    Jetzt am kommenden Sonntag, werden vielerorts die Kreuze bis Karfreitag verhüllt. Das ist ein alter Brauch, der sich nicht sofort jedem gleich erschließt. Denn gerade in der Zeit, in der wir intensiver das Leiden Jesu in den Blick nehmen sollen, verdecken wir das Symbol, welches gerade dieses Leiden zeigt. Und klar ist auch, dass eine Kreuzigung in der Antike kein „Kindergeburtstag“ war. Das war eine äußerst brutale und grausame Hinrichtungsmethode, bei der man lieber weggeschaut hat. Aber Gott antwortet auf eine solche Grausamkeit nicht mit Gegengewalt oder Vergeltung. Nein, er lässt von seiner Liebe zu uns Menschen nicht ab. Ich stelle mir manchmal die Grausamkeiten und all die Gewalt unserer Tage vor – im Kleinen wie im Großen –, wenn Menschen furchtbares erleiden und durchmachen müssen.
    Aber bei manch einem wird dabei vieles gebrochen, nur die Liebe nicht. Gewalt kann vieles vernichten, aber die Liebe weicht nicht. Denn jeder Gewaltakt fordert geradezu Werke der Liebe heraus. Wenn Opfer getröstet werden, wenn ihnen die Hilfe zuteilwird, die sie gerade brauchen. Diesem unfassbar grausamen Krieg in Osteuropa mit all seinen sinnlosen Opfern steht eine unglaubliche Hilfsbereitschaft von vielen Menschen auch hierzulande gegenüber. Ein Kind, das in der Schule gemobbt, gehänselt, ja sogar verprügelt wird, wird von seinem Lehrer oder seiner Mutter getröstet.
    Wir können uns viele solcher „gekreuzigter“ Menschen vorstellen. Vielleicht sind die verhüllten Kreuze in den nächsten zwei Wochen eine Möglichkeit, die nicht sichtbare Stelle in Gedanken mit denen auszufüllen, die unsere mitmenschliche Liebe neu oder wieder entfachen und uns zum Handeln bringen.
    4 min
  • Glaube und Hoffnung
    Glaube und Hoffnung
    Ein weiterer geistlicher Abend in einer Gemeinde im Sauerland war überschrieben mit dem Wort: „Hoffnung stärken in scheinbar hoffnungslosen Zeiten“. Zum Thema Hoffnung gibt es im deutschen Sprachgebrauch einige Formulierungen, die Sie wahrscheinlich auch kennen.
    Da gibt es das schöne Wort von „Guter Hoffnung sein“, diese alte, nicht mehr gebräuchliche, aber sehr schöne Bezeichnung für eine Frau, die schwanger ist.
    „Du bist ein hoffnungsloser Fall“ – ist eher Beschreibung für jemanden, wo schon vieles versucht worden ist, aber irgendwie nichts fruchtet.
    Und: „Hoffen und harren macht manchen zum Narren“ verspottet diejenigen, die sich gegen alles rationale Denken und Wissen, von ihrer Hoffnung, die in eine ganz andere Richtung geht, einfach nicht abbringen lassen.
    Etwas, das mich in sehr jungen Jahren zu wirklichem Erkennen gebracht hat, war eine Debatte in meinem Fachschulstudium Krankenpflege an einer staatlichen Einrichtung zu tiefen sozialistischen Zeiten. Da man auch in der DDR-Medizin und Krankenpflege nicht umhinkonnte, auch über Sterben und Tod zu reden, kam es also. Und die Dozentin, eine ältere, sehr sympathische Frau, versuchte, uns das sozialistische „Prinzip Hoffnung“ nahezubringen, womit jeder Schwerkranke und Sterbende zu bedenken und anzuleiten sei. Ich habe dann mit ihr diskutiert, was das denn heißen soll: Prinzip Hoffnung? Wir haben debattiert und debattiert und geredet und geredet. Der Rest des Jahrgangs, mehr als 30 Studenten, hörte gespannt zu und hatte keine Idee, worum es mir eigentlich ging. Erst in dieser Debatte habe ich selbst begriffen, dass ohne den Glauben an ein Leben nach dem Tod eine Hoffnung vor dem Tod sinnlos ist. Worauf soll ich hoffen, außer vielleicht noch darauf, kurzfristige Ziele zu erreichen: Die Hochzeit der Tochter, einen runden Geburtstag, die Geburt eines Enkelkindes.
    Ohne diese Debatte über die ziemlich abstruse Idee des sozialistischen Prinzips Hoffnung, wäre ich erst später wahrscheinlich darauf gekommen, dass Glaube und Hoffnung untrennbar miteinander verwoben sind.
    Unsere Lesung heute aus dem ersten Buch der Könige ist ein wunderbares Beispiel für diesen Glauben und diese Hoffnung an den Gott, dem das Volk Israel gehört.
    „Wir sind ja dein Volk, Herr, und dein Eigentum. Halte deine Augen offen für das Flehen deines Knechtes und für das Flehen deines Volkes Israel! Erhöre uns, sooft wir zu dir rufen! Du hast uns unter allen Völkern der Erde als dein Eigentum ausgewählt.“ Viele Katastrophen, Kriege und andere schwere Wechselfälle des Lebens konnte das Volk nur aushalten, weil es um diesen Gott ihrer Väter wusste und auf ihn seine Hoffnung gesetzt hat.
    4 min
  • Tag der Versöhnung
    Tag der Versöhnung
    Gleich nachher mache ich mich auf den Weg nach Hersel in die Ursulinenschule. Dort ist der „Tag der Versöhnung“. Diese Idee eines Schulseelsorgers ist schon ziemlich in die Jahre gekommen und ist trotzdem frisch und neu. Die Idee ist: Die gesamte Schulgemeinde des Gymnasiums und der Realschule hat einen Plan und in den können sich ganze Jahrgangsstufen eintragen, wenn sie das Angebot zu Gesprächen und Beichtgelegenheiten nutzen möchten. Und dann sitzen in der Schulkirche Seelsorgerinnen und Seelsorger beider christlicher Kirchen und sind bereit für die Kinder und Jugendlichen. Manche kommen zu zweit und zu dritt, manche aber auch allein. Weil sie etwas auf dem Herzen haben, dass sie besprechen möchten, dass ihnen Druck und Probleme macht.
    Ganz oft sind das die typischen Mädchenprobleme: Zoff in der Klasse, unter den Freundinnen, Ausgrenzung untereinander und Trouble mit den Lehrern. Normal eben. Aber es gibt auch Dinge, die mich jedes Jahr aufs Neue erschrecken: Probleme zu Hause, Trennungen und häusliche Gewalt, Missbrauch im Familienkreis und Schweigegebote, sonst passiere etwas Schlimmes. Und sehr häufig sind die Mädchen in Tränen aufgelöst und versuchen sich mühsam zu beherrschen, um keinen falschen Eindruck zu erwecken. Und oft sind auch die Angebote der Schulen da ziemlich hilflos. Die Vertrauenslehrer sind eben auch Lehrer und Lehrerinnen und das Gefühl, dass ich die ja noch jahrelang im Unterricht habe, ist nicht so vertrauenserweckend.
    Manche Probleme lösen sich, wie wir alle wissen ja schon damit, dass da wirklich jemand zuhört. Und wenn Dinge ausgesprochen werden können, drücken sie schon etwas weniger. Und vorsichtiges Nachfragen und klarmachen, dass ich sie verstehe und das Problem sehe, hilft oft sehr. Aber an diesen Tagen der Versöhnung wird mir immer wieder deutlich, wie sehr wir als Kirche und Gesellschaft verlernt haben, auf Wegen der Versöhnung zu gehen: mit mir selber, mit meinem Umfeld, mit Gott. Zu oft suchen wir Sündenböcke und Schuldige, denen wir die Last auflegen können. Wie vor Tausenden von Jahren.Aber eine Frage, eine Sorge miteinander besprechen, zusammen nach Lösungen zu suchen, eine Schulter zum ausweinen zu bieten und das Angebot zu machen, lass uns zusammen in deinem Anliegen beten, das geschieht einfach zu selten.
    Immer bevor die Nächsten zu mir kommen, bitte ich Gott um seinen heiligen Geist und um offenes Herz und Ohr und um das richtige Wort, wenn es notwendig ist. Und vielen Mädels ist es ein unglaublich tolles Angebot, nach dem Gespräch ein Teelicht zu bekommen, es an zu zünden und vor den Altar zu stellen: in die Gegenwart Gottes mitten unter uns. So ein Tag der Versöhnung ist sicher auch für manche von uns eine gute Idee, um mal wieder klar Schiff zu machen im Umgang mit mir selbst, mit meinen Mitmenschen und mit Gott.
    4 min
  • Komm, Trost der Welt!
    Komm, Trost der Welt!
    Endlich wieder ein Konzert. Am Sonntagnachmittag in unserer Martinus-Kirche. Im Advent im Dezember waren vier Konzerte geplant, alle mussten wegen akuter Corona-Erkrankungen der Künstler abgesagt werden. Jetzt aber konnte eines davon stattfinden. Ein Vokalensemble, bestehend aus zehn jungen Männern, hat a cappella Gesänge aus vier Jahrhunderten dargebracht und das Zusammenklingen der Stimmen, von denen nicht eine auch nur einmal herausgeragt hat, hat Leib und Seele beschwingt und bezaubert. „Komm, Trost der Welt“ stand als Titel über dem Konzert und die Gesänge waren alle die, die auch für das Adventskonzert vorgesehen gewesen waren. Das veni, veni Emanuel – o komm o komm Emmanuel klang am Sonntag aber genauso wenig deplatziert wie die Zusage: „Also hat Gott die Welt geliebt“ und die dringende Bitte am Ende: „Komm, Trost der Welt“.
    Und während des Lauschens und Genießens wurde mir deutlich, dass wir also in einem immerwährenden Advent leben, in der Erwartung des kommenden Erlösers und dessen, der auf uns zukommt in unsere schwierige Welt und unser kompliziertes Dasein.
    Und die Zusage: „Also hat Gott die Welt geliebt“, können wir echt nicht oft genug hören, wenn wir manchmal das Gefühl haben, dass Gott so weit weg ist und die Tyrannen, Demagogen und Kriegstreiber die Oberhand behalten.
    Nur bei dem Ruf: „Komm, Trost der Welt“ musste ich länger nachdenken.
    Bei Trost und trösten fällt mir häufig eher der freundlich liebevolle Trost der Mama ein, wenn sich das Kind wehgetan hat und von ihr in den Arm genommen, liebkost und getröstet wird. Aber ist es nicht genau das? Gott sendet seinen Sohn in die Gottvergessenheit der Menschen und teilt ihr Los. Er bleibt bei Ihnen in Schmerz, Angst, Krankheit, Leid, Krieg, Anfeindung und Tod. Er leidet mit uns mit und bleibt bei uns. Und er sagt dem, der neben ihm am Pfahl hängt, das Beste zu, was er geben kann: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.
    Gott gibt Trost, wie eine Mutter ihr Kind tröstet. Er vertröstet nicht auf bessere Zeiten oder das bestimmt bessere Danach und Später. Sein Trost ist seine Zusage: „Seht, ich bin bei Euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“
    Und wer diese Zusage und diesen Trost hat, der kann auch die trösten, die mit uns leben und Trost so sehr nötig haben: In Krankheit, in Leid, Krieg, Flucht und Tod.
    Vielleicht ist es heute an Ihnen, Trost zu geben: einem Kind, das sich wehgetan hat, einer Flüchtenden die Heimat sucht, einem Einsamen der Nähe braucht.
    4 min

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