In aller Ruhe

„Zweifel werden übersehen“ – Steffen Mau bei Carolin Emcke über Affektpolitik und Spaltung


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In aller Ruhe

Es gibt wenige Sachbücher, die die Gesellschaft so pointiert analysieren, dass die Welt nach der Lektüre etwas klarer erscheint. „Triggerpunkte“ ist ein solches Buch. Das Forschertrio Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser von der Humboldt-Universität Berlin fächern darin einen Themenkomplex auf, der den öffentlichen Diskurs mitbestimmt: die Spaltung unserer Gesellschaft. Auf 540 Seiten legen die Soziologen die Ergebnisse ihrer empirischen Forschung zu Konfliktdynamiken der Gegenwart dar und kartieren die politischen Einstellungen in vier Arenen der Ungleichheit: Armut und Reichtum; Migration; Diversität und Gender; Klimaschutz. Die Überraschung: Anders als man meinen könnte, herrscht überwiegender Konsens in der Gesellschaft. Die Mehrheit ist sich in den großen Fragen unserer Zeit grundlegend einig, selbst in der Klimapolitik. Aber: Warum spaltet sich dann die Gesellschaft? Darüber spricht Steffen Mau im Gespräch mit Carolin Emcke bei „In aller Ruhe“.

Steffen Mau, geboren 1968 in Rostock, ist Professor für Makrosoziologie am Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin. Noch vor der Wende machte er im Schiffbau eine Lehre als Elektroniker beim VEB Schiffselektronik Rostock. Als Autor und Soziologe wurde er 2019 mit seinem Buch „Lütten Klein“ bekannt, titelgebend war die Neubausiedlung seiner Kindheit, an deren Beispiel er über das Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft schrieb. 2021 erhielt er den mit 2,5 Millionen Euro dotierten Leibniz-Preis, den wichtigsten deutschen Forschungsförderpreis. Sein neustes Buch „Triggerpunkte“ ist im Oktober 2023 im Suhrkamp-Verlag erschienen und wurde zum Bestseller.

„Wo sind meine Leute, wo muss ich mich zuordnen?“

Steffen Mau ist selbst über diesen Erfolg seiner Forschung überrascht. Für ein dermaßen ruhiges, analytisches und faktenreiches Buch hat es sich zahlreich verkauft, obwohl differenzierte Stimmen laut seiner eigenen These im Diskurs häufig ausgeblendet werden. Er erklärt den Widerspruch so: „Unser Buch ist weder eine Entwarnung noch eine Hysterisierung, sondern wirklich der Versuch zu ordnen, zu systematisieren und ein Angebot zu schaffen, das über die marktgängigen Polarisierungsthesen hinausgeht.“

Dem Soziologen zufolge gleicht die Erzählung der voranschreitenden Spaltung teilweise einer selbsterfüllenden Prophezeiung. Er warnt vor der Situation, „wo gefühlte Polarisierung zu realer Polarisierung werden kann“. In der aktuellen Streitkultur hätten Menschen das Gefühl, es gäbe nur zwei Positionen, auf die sie sich festlegen können. Sie fragen sich: „Wo sind meine Leute, wo muss ich mich zuordnen?“ Die Mehrheit sieht die Lage hingegen weitaus differenzierter, als es in Talkshows und sozialen Medien abgebildet wird, ihre „Zweifel werden übersehen“. Steffen Mau nennt diese Gruppe die „stille Mitte.“

Diese Gruppe schrumpft Mau zufolge jedoch. Es gebe eine relativ starke „Affektpolitik“, also eine Politik, die auf Emotionalisierung setzt und aktuell vorwiegend durch rechtspopulistische Akteure betrieben wird. Diese Affekte begrenzen sich nicht zwangsläufig auf den rechten Rand, „aber im Moment ist es einfach so, dass doch der Ressentimentvorteil in diesem Bewirtschaften von Gefühlen bei der rechten Seite ganz eindeutig die Oberhand gewonnen hat“. Deshalb blickt er auch mit wenig Hoffnung in die Zukunft: Andere Themen, etwa der Klimawandel oder soziale Ungleichheiten, würden wegen dieser Diskurslogik weniger Aufmerksamkeit bekommen.

Empfehlung von Steffen Mau

Steffen Mau empfiehlt „Simone“ von Anja Reich, erschienen im Aufbau-Verlag im August 2023, das aus seiner Sicht „viel zu wenig in den großen Feuilletons“ besprochen wurde. Die Autorin Anja Reich sucht darin nach Ursachen für den Suizid ihrer besten Freundin in den Neunzigerjahren. Steffen Mau sagt über das Buch, man tauche „auf sehr differenzierte und kluge Weise“ in die Geschichte der DDR ein, denn die Biografie von Simone handelt auch von den Schwierigkeiten, in der Bundesrepublik anzukommen. „Es ist sehr berührend und wunderbar erzählt, erinnert mich ein wenig an Joan Didions ‚Das Jahr magischen Denkens‘, ein weiteres Buch, das mich sehr beeindruckt hat.“

Moderation, Redaktion: Carolin Emcke

Redaktionelle Betreuung: Léonardo Kahn, Johannes Korsche

Produktion: Imanuel Pedersen

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In aller RuheBy Süddeutsche Zeitung & Carolin Emcke

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