Am 31. August 1990 wurde im Ost-Berliner Kronprinzenpalais deutsche Geschichte geschrieben. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble und DDR-Staatssekretär Günther Krause unterzeichneten den „Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik über die Herstellung der Einheit Deutschlands“. 35 Jahre Deutsche Einheit: Ein Grund zum Feiern, aber auch ein Grund an Jene zu erinnern, die in der DDR wegen ihrer politischen Haltung ins Visier der Staatssicherheit gerieten, inhaftiert wurden, Willkür, physische und psychische Gewalt erfuhren. 100 großformatige Schwarz-Weiß-Portrait-Photos ehemaliger politischer Gefangener waren bis Mai im Deutschen Bundestag zu sehen. Ein Plakat der Ausstellung hängt im Büro von Johannes Beleites. Seit April 2024 ist er Beauftragter des Landes Sachsen-Anhalt zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Eine gute Nachricht für Betroffene von SED-Unrecht ist für ihn im 35sten Jahr der Deutschen Einheit. die Reform der SED-Unrechtsbereinigungsgesetze. Im Januar 2025 beschlossen Bundestag und Bundesrat zahlreichen Verbesserungen für die Rehabilitierung und Entschädigung. Zu der am 01. Juli in Kraft getretenen Reform zählen u.a. eine Erhöhung und Dynamisierung der Opferrente, ein Härtefallfond für Notleidende, eine vereinfachte Anerkennung gesundheitlicher Folgeschäden nach einer Inhaftierung aus politischen Gründen, aber auch Entschädigungen für Zwangsumsiedlungen innerhalb der DDR vor und mit dem Bau der Mauer, die mit dem 13. August 1961 Deutschland über 28 Jahre teilte. Als Sohn eines evangelischen Pfarrers und einer Sprachheilpädagogin 1967 in Halle geboren, wuchs Johannes Beleites als jüngster von drei Söhnen zunächst in Siersleben, dann in Trebnitz im damaligen Kreis Hohenmölsen auf. Im Rahmen der kirchlichen Friedens- und Umweltbewegung befaßte er sich mit der photographischen Dokumentation zur Umweltsituation in der DDR und stand daher ab 1982, als 15jähriger Schüler bereits, unter Beobachtung durch das Ministerium der Staatssicherheit. Zwischen 1982 und 1985 wurde ihm mehrfach das Abitur verweigert. Von 1983 bis 1985 nahm er eine Lehre als Elektromonteur im Braunkohlekombinat Deuben auf. 1985 legte die MfS-Kreisdienststelle Hohenmölsen einen „Operativen Vorgang“ zu seiner Person an, verbunden mit Bespitzelung durch inoffizielle Mitarbeiter, Zersetzungsmaßnahmen, Telephon- und Postüberwachung. 1986 zog Johannes Beleites nach Leipzig, stand in engem Kontakt zu zahlreichen Oppositionsgruppen, arbeitete als Photograph im Museum des Kunsthandwerks im Grassi-Museum Leipzig und absolvierte 1989 das Abitur an der Volkshochschule. Durch aktives Einschreiten des MfS erhielt er keine Zulassung für ein Jura-Studium. Seit Mitte September 1989 hatte Johannes Beleites die Leipziger Montagsdemonstrationen photographiert. Die Bilder vom 02. Oktober gelangten in die Tagesschau, obwohl an diesem Tag Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes tätlich gegen ihn wurden. Im November 1989 reiste Johannes Beleites nach Rumänien um die Auswirkungen der Ceausescu-Diktatur zu photographieren. Die Securitate nahm ihn unter dem Vorwurf der Spionage für neun Tage in Haft. Ab Januar 1990 war er Mitarbeiter im Leipziger Bürgerkomitee zur Auflösung der Staatssicherheit, arbeitete im Sonderausschuß der letzten DDR-Volkskammer zur Kontrolle der Auflösung des MfS unter Leitung von Joachim Gauck, war an der Erarbeitung der ersten gesetzlichen Grundlage zum Umgang mit den Stasi-Unterlagen beteiligt, wurde Leiter der Außenstelle Leipzig des Sonderbeauftragten der Bundesregierung für die Stasi-Unterlagen und studierte schließlich ab 1990 Jura in Göttingen und Berlin. Wissenschaftliche Forschungsprojekte und Tätigkeiten für die Landeszentralen für politische Bildung folgten. Von 2009 bis 2014 war Johannes Beleites Studienleiter für politische Jugendbildung an der Evangelischen Akademie Thüringen in Neudietendorf, ab 2017 Vorsitzender des Beirats für die Aufarbeitung und Versöhnung und später des Anerkennungsausschußes „DDR-Unrecht“ bei der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland. Am 21.02.2024 wurde Johannes Beleites zum Beauftragten des Landes Sachsen-Anhalt zur Aufarbeitung der SED-Diktatur für fünf Jahre mit 90 % der Stimmen aus allen Fraktionen gewählt.
Moderation: Carsten Tesch
Redaktion: Angelika Zapf