Gin And Talk

Gin And Talk

By The 48forward StudiosSociety & CultureDocumentaryPhilosophy
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Gin And Talk episodes

  • David Matei über Sicherheit, Freiheit und Verantwortung
    Wofür noch?

    Freiheit ist ein großes Wort – vielleicht gerade deshalb fällt es vielen schwer, seinen Wert wirklich zu begreifen. Wer nie ohne Freiheit gelebt hat, hält sie leicht für selbstverständlich. Für David Matei ist das anders. Sein Vater floh als junger Mann aus dem kommunistischen Rumänien über die Donau in den Westen und riskierte dafür sein Leben. „Ich habe nicht verstanden, was Freiheit ist“, sagt Matei. „Aber ich habe den Wert verstanden, den mein Papa dieser Freiheit zugemessen hat.“ Diese Geschichte bildet den Ausgangspunkt seines neuen Buches "Deutschland ist es wert". Es ist kein Buch über die Bundeswehr, obwohl Matei 15 Jahre als Offizier diente. Vielmehr ist es ein Plädoyer dafür, den Blick auf Deutschland nicht nur von seinen Defiziten bestimmen zu lassen. Deutschland, so seine Beobachtung, sei hervorragend darin, Fehler zu finden. Was häufig fehle, sei die Fähigkeit, das Gelungene wertzuschätzen – nicht aus Naivität, sondern als Voraussetzung dafür, Verantwortung für das eigene Gemeinwesen zu übernehmen.

    Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine hat sich das Verhältnis vieler Menschen zur Bundeswehr verändert. Aus dem jahrzehntelangen „freundlichen Desinteresse“ sei eine „interessierte Freundlichkeit“ geworden, sagt Matei. Gleichzeitig bleibe der Widerspruch bestehen, dass viele zwar eine verteidigungsfähige Bundeswehr befürworten, sich selbst aber kaum vorstellen können, einen Beitrag dazu zu leisten. Für Matei beginnt Verteidigungsbereitschaft deshalb nicht bei Waffen oder Wehrpflicht, sondern bei der Frage, ob Menschen überhaupt noch eine emotionale Beziehung zu ihrem Land haben. Gerade Deutschland tue sich damit schwer. Während Lokalpatriotismus selbstverständlich erscheine, lösten Begriffe wie Stolz oder Patriotismus häufig Unbehagen aus. Matei selbst spricht lieber von Dankbarkeit als von Stolz – und von der Verantwortung, Demokratie nicht als Selbstverständlichkeit oder bloßen „Lieferservice“ zu betrachten, sondern als etwas, das vom Engagement seiner Bürger lebt.

    Auch der Blick auf neue Technologien, künstliche Intelligenz und autonome Waffensysteme zeigt für Matei vor allem eines: Sicherheitspolitik wird komplexer, nicht einfacher. Die entscheidenden Fragen seien längst nicht mehr nur technischer Natur, sondern ethischer. Wie viel Verantwortung darf an Maschinen übertragen werden? Wie verteidigt sich eine Demokratie gegen autoritäre Staaten, ohne ihre eigenen Werte aufzugeben? Eindeutige Antworten gebe es darauf nicht. Klar sei für ihn nur, dass Frieden allein kein politisches Programm sei. „Sicherheit ist nicht alles, aber alles ist irgendwie nichts ohne Sicherheit“, sagt Matei.

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    1 hr 8 min
  • Fury in the Slaughterhouse über Empathie, Zusammenhalt und Musik
    Die Rückkehr des Wir

    Es gibt kaum eine Zeit, in der sich Gesellschaften so intensiv mit dem Begriff Veränderung beschäftigen wie heute. Kriege, Klimakrise, soziale Medien, politische Polarisierung und ein wachsender Rückzug ins Private prägen den Alltag vieler Menschen. Vor diesem Hintergrund bekommt auch der Titel des neuen Albums von Fury in the Slaughterhouse eine größere Bedeutung: "Changes" beschreibt nicht nur persönliche oder musikalische Entwicklungen, sondern wirft die Frage auf, wie eine Gesellschaft zusammenbleibt, wenn das Gemeinsame zunehmend hinter individuellen Interessen verschwindet. Für Kai Wingenfelder liegt genau darin die eigentliche Herausforderung unserer Zeit. „Wir werden nichts an dieser Welt verändern, wenn wir nicht anfangen, diesen Ich-Modus in einen Wir-Modus umzuschalten“, sagt der Sänger. Sein Bandkollege Christof Stein-Schneider ergänzt, dass Glück nicht durch Konsum oder Status entstehe, sondern dann, wenn Menschen füreinander da seien. Gemeinschaft, Empathie und Solidarität seien keine romantischen Ideen, sondern grundlegende Voraussetzungen für ein funktionierendes Zusammenleben.

    Dass Fury in the Slaughterhouse diese Haltung glaubwürdig vertreten, hat auch mit ihrer eigenen Geschichte zu tun. Nach der Trennung der Band im Jahr 2008 fanden die Musiker erst Jahre später wieder zusammen – mit größerer Gelassenheit, mehr gegenseitigem Verständnis und der Erkenntnis, dass das Gemeinsame wertvoller ist als individuelle Eitelkeiten. Heute verstehen sie ihre Musik nicht als Flucht vor der Wirklichkeit, sondern als Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen. Deshalb greifen ihre Songs Themen auf, die Menschen beschäftigen und bewegen. Bildung, Demokratie, soziale Verantwortung und der Umgang miteinander ziehen sich ebenso durch das Gespräch wie die Sorge über Vereinsamung, die Folgen sozialer Medien und den schwindenden gesellschaftlichen Zusammenhalt. Gleichzeitig bleibt der Ton optimistisch: Veränderungen beginnen nicht bei großen politischen Programmen, sondern im Alltag – mit Aufmerksamkeit, Freundlichkeit und der Bereitschaft, Verantwortung füreinander zu übernehmen.

    Am Tag vor der Veröffentlichung von Changes sprachen Kai Wingenfelder und Christof Stein-Schneider im Podcast Gin And Talk über fast vier Jahrzehnte Bandgeschichte, über ihre Rückkehr als Band und über die Frage, warum Konzerte heute mehr sein können als musikalische Veranstaltungen. Sie seien Orte, an denen Menschen für ein paar Stunden erleben, wie sich Gemeinschaft anfühlt – unabhängig von Alter, Herkunft oder politischen Debatten. Vielleicht liegt genau darin die bleibende Kraft von Musik: Sie löst keine gesellschaftlichen Probleme, erinnert aber daran, dass aus vielen Einzelnen immer noch ein Wir werden kann.

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    49 min
  • Alex Recknagel über Gastronomie, Mut und das neue München
    Die Stadt, die sich das Ausgehen leisten können muss

    Wer verstehen will, was sich in Münchens Gastronomie verändert hat, sollte einen Abend an einem halbrunden Tresen verbringen. In der Ory Bar im Mandarin Oriental, vom Fachmagazin Mixology gerade zur besten Hotelbar im deutschsprachigen Raum gekürt, sitzen Hotelgäste neben Münchner Stammpublikum – in einem Lokal, das vor wenigen Jahren noch zu jenen Hotelbars gehörte, in die sich kaum ein Einheimischer verirrte. Dass es so gekommen ist, hat mit Alex Recknagel und seinen Partnern zu tun, deren Projekte – das Herzog, die Frau im Mond auf dem Deutschen Museum, die Bambi-Bar – eine Landkarte des neuen Münchner Ausgehens bilden. Sein Antrieb ist seit jeher derselbe: „Ich denke mir was aus, ich setze es ein und schaue dabei zu, wie es funktioniert oder auch eben nicht." Bei der Ory Bar hieß das: Hemmschwellen abbauen, den Gin Tonic demonstrativ bei zehn Euro ansetzen und Vertrauen aufbauen. Denn, so Recknagel: „Eine Bar ist einfach viel mehr als nur Drinks."

    So kreativ die Szene ist, so eng ist ihr Korsett. Verglichen mit Berlin, wo ständig mutige Projekte eröffnen, hat München ein strukturelles Problem: „Wir sind im Mietfall einfach zu teuer", sagt Recknagel. „Du hast hier Mieten, da wird dir schwindlig." Wie hart das Geschäft sein kann, erlebte er bei seinem ersten großen Projekt selbst: Ein Asbestfund verzögerte den Bau des Herzog um anderthalb Jahre, die Kosten verdreifachten sich – „ein Tal der Tränen". Der Mietendruck trifft auch das Personal, weshalb seine Betreibergruppe inzwischen selbst Wohnungen anmietet und an Mitarbeiter weitergibt: Arbeitsvertrag, Mietvertrag. Und doch tut sich etwas in der Stadt: Eine neue Generation von Gastronomen bespielt Räume abseits der Prime-Lagen – ehemalige Eckkneipen, alte Metzgereien, ausgediente Badehäuser – und beweist, dass gutes Ausgehen in München nicht zwingend Hochglanz braucht. Recknagel selbst träumt derweil von einem bewusst unglamourösen Projekt: „Ich will einen Kiosk machen."

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    46 min
  • Jan Becker über Hypnose, Gedanken und Aufmerksamkeit
    Die sanfte Gewalt der Aufmerksamkeit

    Man spüre einmal kurz in die eigenen Füße hinein – und schon ist da ein Gefühl, das eben noch unbemerkt am Rand des Bewusstseins lag. Genau hier sitzt das, was Jan Becker umtreibt. Hypnose, sagt der Hypnotiseur und Autor, sei nichts Geheimnisvolles, sondern „Aufmerksamkeit und Fokus" – verändere man diese, verändere sich die Wahrnehmung und mit ihr das Modell, das wir uns von der Realität machen. Das meiste davon sei ohnehin subjektiv, Tag für Tag neu zusammengesetzt. Die Frage, ob jemand hypnotisierbar sei, stelle sich daher gar nicht: „Es gibt nur die Frage, erkenne ich, dass ich gerade meine eigene Realität gestalte."

    Die Hirnforschung liefert dem alten Bühnenhandwerk eine nüchterne Begründung: Das Gehirn arbeitet im Vorhersagemodus und glaubt sich, entwaffnend naiv, jede eigene Prognose. Die Kunst besteht darin, ihm einen anderen Impuls unterzuschieben. Becker arbeitet mit Bildern – die Unlust auf Sport, schwer wie eine Bowlingkugel auf der Brust, wird zum leichten Tischtennisball. Der eigentliche Hebel aber liegt in der Identität: Wer vom „Genießer" zum „Sportler" wird, handelt ohne Nachdenken. Vor dem Optimierungskult aber warnt ausgerechnet er: Die ideale Version seiner selbst abzuarbeiten, sei „unfassbar anstrengend"; wer allen Rausch tilge, riskiere, dass am Ende „das Sein tatsächlich weg" sei.

    Diese Gelassenheit hat eine Geschichte – ein Burnout, der Tod eines Freundes mit Mitte fünfzig. Was bleibt, ist eine schmucklose Formel: „so lange wie möglich, so gut wie möglich". Wozu dann die Tricks, mit denen er auf seiner Tour „Hypnotize the World" durch Deutschland zieht? Wer staunt, sagt Becker, werde ganz in die Gegenwart gezogen, eine „Mini-Erleuchtung", nach der das Gehirn sein Bild der Welt neu justiere. Im Gespräch, das diesem Text zugrunde liegt, verschob er die Aufmerksamkeit am Ende ein letztes Mal: hin zum „Hier", zu dem großen runden Ball, der frei im Nichts schwebe. Sich dieses Wunders bewusst zu werden, könne mehr verändern als jeder Trick.

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    1 hr 4 min
  • Ben Bernschneider über Stil, Haltung und Begeisterung
    Der stille Mann und seine hundert Dinge

    Wer im Jahr 2026 ein Buch über die Wunschliste des modernen Gentleman vorlegt, riskiert mindestens drei Vorwürfe gleichzeitig: Rollenfolklore, Konsum, Eitelkeit. Drei Wörter, die in der deutschsprachigen Debatte zuverlässig funktionieren, weil sie das Gespräch beenden, bevor es beginnt. Ben Bernschneider, Hamburger Stilautor mit einer halben Million Followern, macht es seinen Kritikern leicht: "100 Staple Pieces" versammelt hundert Kapitel über Kleidungsstücke, Accessoires und kleine Begleiter eines Lebens, vom Trenchcoat bis zum Flachmann. Liest man hinein, fällt allerdings auf, wie wenig der Autor an seinen Gegenständen interessiert ist und wie sehr an dem, was Menschen mit ihnen tun. Der Trenchcoat, mit dem alles begann – damals, im Dispo, monatelang abgespart wie für ein erstes Auto –, ist nicht das Objekt einer Begierde. Er ist der Anfang einer Übung. Wer lange genug gewartet hat, bis er sich etwas leisten kann, behandelt es anders.

    Was den Verfasser dieser hundert Stücke vom üblichen Influencer-Inventar unterscheidet, ist eine fast altmodische Kategorie: Rücksicht. Schnelle Autos und teure Uhren findet Bernschneider, der einen Schnurrbart trägt, der wie ein Argument für sich selbst aussieht, "scheiße". Den Anzug als Pose verachtet er. Es seien, sagt er, "neunzig Prozent Einstellung", die einen Stil ergäben, neunzig Prozent "Rücksichtnahme, Respekt voreinander, einfach mal der stille Mann zu sein, anstatt mit einem riesigen Logo auf deinem T-Shirt in der Gegend rumzubrüllen". Auf die Frage, ob mehr Männer Anzüge tragen sollten, antwortet er knapp: "Um Himmels willen. Nein." Es gehe einzig darum, dass jemand sich "überhaupt mal die Chance gibt, sich wohlzufühlen". Notfalls in einem Hoodie. Stil, in dieser Lesart, ist kein Distinktionsmerkmal, sondern eine Form der Aufmerksamkeit – und die eigentliche heimliche Pointe des Buches ist, dass eine ganze Branche der Männerratgeber davon lebt, ihrem Publikum als Sensation zu verkaufen, was früher die Erziehung erledigte.

    Wer die hundert Stücke gelesen hat, hat nicht hundert Kaufempfehlungen aufgenommen, sondern eine kleine Pädagogik der Begeisterungsfähigkeit. "Alles, was aus Pflichtbewusstsein beginnt, stirbt", sagt der Autor. Eltern, die ihren Kindern jede Neugier vergällten, weil "alles Fremde erst einmal scheiße" sei, hält er für die größere Gefahr als jeden Fast-Fashion-Konzern. Wer wenige Dinge besitze, "die aber alle so schön sind, dass dein Herz höher schlägt", werde "nie wieder unglücklich sein mit dem, was er trägt". Eine gewagte Behauptung. Sie hat aber, in einer Saison, in der die Schränke voller sind als die Köpfe, etwas Tröstliches.

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    1 hr 4 min
  • Timothy Paul über Liebe, Trauer und Vergänglichkeit
    Die Möglichkeit eines Seins

    Es gibt Beziehungen, die enden, bevor sie richtig begonnen haben – nicht, weil die Gefühle fehlten, sondern weil die Zeit fehlte. Gerade sie hinterlassen mitunter die tiefsten Spuren, weil man nicht nur um das trauert, was war, sondern um alles, was hätte werden können. In „Eine Liebe ohne Sommer", dem Debütroman des langjährigen Lektors Timothy Paul, erlebt die Protagonistin Rosa, Mitte dreißig, genau das: eine kurze, intensive Liebe zu Nikolas, der stirbt, als beide gerade zueinander gefunden haben. Der Roman beginnt, wo andere enden – Rosa räumt mit der Mutter des Toten dessen Wohnung aus – und erzählt auf zwei Zeitebenen vom Kennenlernen und vom Danach. Vom Glück der Begegnung und von der Frage, ob man mit Mitte dreißig die große Liebe bereits gehabt haben kann.

    Paul verhandelt dabei weit mehr als eine Liebesgeschichte. Er schreibt über eine Gesellschaft, die er mit einem treffenden Wort als „julia-robertisiert" beschreibt: durchdrungen von der Erwartung, das eigene Leben möge einer romantischen Komödie gleichen, während die nächstbessere Option nur einen Wisch über den Bildschirm entfernt ist. Er schreibt über eine Anspruchshaltung, die er für eine der großen Geißeln unserer Zeit hält – „ehrlicherweise haben wir einen Anspruch auf nichts", sagt Paul –, und über das Aushalten als unterschätzte Tugend in Beziehungen: nicht als Erdulden, sondern als Bereitschaft, auch schwierige Phasen gemeinsam zu durchleben, statt beim ersten Fehltritt zum nächsten Profil zu wischen. In seinem Roman gibt es deshalb kein Online-Dating. Rosa und Nikolas begegnen sich analog, in einem Treppenhaus, sie klatschnass vom Regen. Weil Paul glaubt, dass dort die Magie beginnt: im Unerwarteten, im Unbequemen, im Echten.

    Am Ende ist „Eine Liebe ohne Sommer" ein Buch über das Kennenlernen – nicht nur zweier Menschen, sondern auch seiner selbst. Rosa hält sich für selbstbewusst, doch Pauls Erzählung legt ihre Unsicherheiten frei; sie denkt, ihre Familie sei die neurotischste der Welt, bis sie erkennt, dass gerade diese laute, chaotische Sippe im entscheidenden Moment zusammensteht. Paul, Jahrgang 1970, verbindet das mit einer Lebensweisheit, die so einfach klingt, dass man sie leicht überhört: Wer neugierig bleibe und nicht glaube, im Vollbesitz einer Weisheit zu sein, der bleibe jung. Er selbst wolle sein Lieblingsbuch eine Sekunde vor dem Sterben zu Ende gelesen haben – denn es wäre doch furchtbar, wenn man es schon mit dreißig gefunden hätte. Es sind nicht immer die großen Liebesgeschichten, die ein Leben prägen. Manchmal sind es kurze Momente, zufällige Begegnungen, ein Treppenhaus an einem Regentag. Und die Bereitschaft, sich darauf einzulassen – auch auf die Gefahr hin, dass es wehtut.

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    50 min
  • Bill Fehn über Bourbon, Bauchgefühl und Barkultur
    Wo die Stadt zur Ruhe kommt

    Es gibt diesen Moment, kurz nach dem Eintreten, in dem sich entscheidet, was für ein Abend es werden wird. Drinnen empfängt einen ein wärmeres Licht, und irgendwo am Rand des Wahrnehmungshorizontes steht jemand und sieht einen an – nicht flüchtig, nicht abschätzend, sondern auf jene altmodische Weise, die signalisiert: Ich habe Sie bemerkt. Bitte kommen Sie an. Es ist verblüffend, wie selten dieser Moment heute noch gelingt. Wer durch die Cocktailbars Münchens, Berlins oder Hamburgs zieht, erlebt häufiger das Gegenteil: ein Tresenpersonal, das die Bestellung wie eine Verwaltungsangelegenheit abwickelt, eine Karte, die mit Begriffen aus dem Labor flirtet, eine Choreografie aus Pinzetten und Räucherglocken, die mehr mit Theater als mit Trinken zu tun hat. Die Bar, einst der demokratischste Ort der Stadt, hat sich vielerorts in eine Bühne verwandelt. Die Gäste sind Publikum geworden.

    In den letzten Jahren ist eine leise Gegenbewegung zu beobachten, die daran erinnert, was eine Bar einmal war: ein Ort nicht der Inszenierung, sondern der Atmosphäre. Bill Fehn, der das Jaded Monkey in München betreibt, formuliert es mit der Gelassenheit eines Mannes, der weiß, dass das Komplizierteste oft das Einfachste ist: „Bar-Kultur ist eigentlich mehr die Atmosphäre, die man schafft." Atmosphäre, das ist das Licht über dem Tresen, die Geschwindigkeit, mit der eine Jacke abgenommen wird, der Stoff der Bank. Vor allem aber ist es das, was nicht passiert. „Zwischen Eleganz und Grunge", nennt Fehn den Stil, den er sucht – die Ästhetik einer Großstadt, die nicht zu prächtig sein will. Damit gehört eine fast unmodische Auffassung des Berufs einher: Der Drink ist nicht der Höhepunkt des Abends, sondern sein Hintergrund. „It's more a feeling than a science", sagt Fehn. Nicht die Apparatur entscheidet, sondern das Gespür.

    Hinter all dem liegt eine Veränderung, die größer ist als jede einzelne Bar. Die Münchner trinken weniger. Wo früher eine Vierergruppe ihre drei, vier Runden in zügiger Folge bestellte, kommen heute Gäste herein und ordern einen Drink, vielleicht einen zweiten. Das Geschäftsmodell der städtischen Bar, jahrzehntelang stabil, gerät an seine Ränder. Zugleich hat sich der Geschmack der Trinkenden geschärft: Spirituosen werden öfter pur genossen, der Whisky ist zurück, die Gäste kommen vorinformiert in den Laden. Es wird weniger, aber bewusster getrunken – eine Doppelbewegung, die das Cocktailhandwerk gleichzeitig weniger gebraucht und ernster genommen sein lässt. Bemerkenswert ist, dass in München in diesen Jahren auch etwas zusammengewachsen ist, das es früher kaum gab: eine Bar-Community. Lange galt das Berufsfeld als ein Geflecht aus Geheimnissen und Eifersüchteleien. Heute teilt man Tipps, empfiehlt Lieferanten, lädt einander zu Festivals ein. „Konkurrenz ist nicht Kampf", sagt Fehn, „es belebt die Qualität." Es ist ein Satz, der weit über die Barszene hinaus gilt.

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    40 min
  • Tania Söllner über falsches Glück, echte Wut und das Genug-Sein
    Warum die Suche nach dem Glück oft das Gegenteil bewirkt

    Es gibt eine Szene, die Tania Söllner gerne erzählt. Sie sitzt, hochschwanger, in einem Yogakurs, fühlt sich „wie ein Walross" und fragt sich: Warum mache ich das eigentlich? Söllner, die als „Die Clementa" hunderttausenden Menschen auf Instagram bekannt ist, hat mit „Scheiß auf Yoga" einen Spiegel-Bestseller geschrieben und geht nun mit dem gleichnamigen Programm auf Tour. Der Titel klingt nach Provokation, doch es geht nicht gegen Yoga. Es geht gegen eine Gesellschaft, die das Glück zur Pflichtübung erklärt hat – und dabei vergessen hat, worin es eigentlich besteht. Dankbarkeitstagebücher, Breathwork auf Bali, zuckerfreies Frühstück mit Chiasamen: All das, so Söllners Argument, sei oft nichts anderes als Kompensation. Eine Ablenkung davon, sich mit der eigentlichen Frage zu beschäftigen: Was will ich wirklich? „Es gibt tausend Vorgaben, die dir sagen, du bist nur glücklich, wenn du zweimal die Woche in den Wald gehst", sagt sie. „Wahres Glück kommt von innen nach außen und nicht von außen nach innen."

    Hinter der Bühnenenergie liegt eine Biografie, die wenig mit Leichtigkeit zu tun hat. Aufgewachsen als Einzelkind in einem strengen italienischen Elternhaus, rebellierte Söllner früh und fand für ihre Wut lange kein Ventil. Im Beruf spielte sie die Rolle der erfolgreichen Frau, privat stand sie vor dem Zusammenbruch. Eine Familienaufstellung mit 23 wurde zum Wendepunkt – seither arbeitet sie an dieser Wut, nicht um sie loszuwerden, sondern um sie zu kanalisieren. Heute lebt sie mit ihren Eltern in einem Haus, friedlich und versöhnt. Ihr Vater habe sich nicht grundlegend verändert, sagt sie. Sie aber schon. „Freiheit ist, wenn du Sachen nicht nur sagst, sondern sie auch wirklich fühlst."

    Fragt man Söllner nach der einen Botschaft, die von ihrer Tour bleiben soll, kommt die Antwort ohne Zögern: „Du bist genug. Du bist schon. Du musst nicht erst werden." Es ist ein Satz, der an Gewicht gewinnt, weil er nicht aus der Theorie kommt, sondern aus der Erfahrung einer Frau, die selbst jahrelang versuchte, in Formen zu passen, die nicht die ihren waren. Söllner ist keine Gegnerin der Selbstfindung – sie ist eine Gegnerin der Selbstfindungsindustrie. Der Unterschied mag klein wirken, aber er ist, wie so vieles bei ihr, genau der Punkt. Ihre Tour startet am 27. April in Köln, im Juni gastiert sie im Münchner Schlachthof.

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    57 min
  • Sarah Lesch über Schubladen, Verletzlichkeit und echte Nähe
    Lastenräder, innere Mauern und die Sehnsucht nach dem Echten

    Es gibt einen Moment, den Sarah Lesch beschreibt, der sich anfühlt wie der heimliche Drehpunkt ihres neuen Albums „Poesie & Widerstand": den Moment, in dem man alles hat, was man immer wollte – und merkt, dass es das gar nicht war. Den Erfolg, die ausverkauften Konzerte, den optimierten Körper. „Das war der furchtbarste Moment in meinem Leben", sagt sie. Weil dahinter keine Erfüllung kam, nur die Erkenntnis, sich irgendwo unterwegs selbst stehen gelassen zu haben. Ihr Song „Anna-Lisa" erzählt davon in Miniatur: eine Frau zwischen performativem Vorzeige-Feministen und echtem Glück am Fußballstadion, zwischen Hafermilch-Gewissen und der Sehnsucht nach dem Einfachen. Es sei, sagt Lesch, ein Lied über die menschliche Fehlbarkeit ihrer Generation – die zwischen analoger Kindheit und digitaler Dauerüberforderung aufgewachsen ist und seitdem nicht aufgehört hat, sich zu optimieren, ohne je zu wissen, wofür eigentlich.

    Was Lesch auf dem Album verhandelt, ist eine Absage an das Entweder-oder: Poesie oder Widerstand, stark oder schwach, fühlen oder funktionieren. Sie kennt die Konsequenzen des Verdrängens – wer die Tiefe nicht mehr zulasse, dem verschwinde auch die Höhe, bis nur noch Stau in der Mitte bleibe, eine Gefühllosigkeit, die sich anfühle wie Depression. Ihr eigener Körper habe ihr das über Jahre hinweg signalisiert, mit Schmerzen, mit einer Hand, die nicht mehr Gitarre spielen konnte. Heute sieht sie darin einen Seismographen, kein Versagen. Und sie dreht den modischen Imperativ der Selbstreflexion um: Das Problem sei nicht, dass wir zu wenig über uns nachdenken, sondern dass wir nicht damit aufhören können. „Bloß nicht einfach mal man selber sein und überlegen, was sagt mir eigentlich mein Herz?" Statt noch besser zu reflektieren, gehe es darum, einfach mal zu machen – weniger denken, mehr sein.

    Lesch hat für dieses Album erstmals vorab eine künstlerische Grundhaltung formuliert, die sie „Adlerpoesie" nannte: herauszoomen statt Grabenkampf, den Knoten finden, der alles zusammenhält. Das habe sich „sehr erwachsen" angefühlt. Gleichzeitig spricht sie offen über die Krise ihrer Branche – sterbende Clubs, Algorithmen, die politische und queere Inhalte drosseln, Plattformen, die Texte zu lang finden. Ihre Antwort ist keine programmatische, sondern eine persönliche: zurück zum Kleinen, zum Direkten, zu Wohnzimmerkonzerten, bei denen man hinterher noch auf der Terrasse sitzt und redet. Sie erzählt das bei einem Treffen in Berlin, kurz vor Release, und entwirft dabei ein Bild, das den Geist des Albums gut einfängt: Sie stelle sich vor, als alte Frau auf einer Veranda die gehetzten Sprachnachrichten von heute abzuhören – und froh zu sein, irgendwann damit aufgehört zu haben. Es gehe auf diesem Album nicht ums Glück, sagt sie, sondern ums Glücklichsein.

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    1 hr 23 min
  • Eva Umlauf über Entmenschlichung, Erinnerung und Hoffnung
    Leise sterbende Demokratien, alter Schmerz und neue Warnungen

    Sie ist eine der jüngsten Überlebenden von Auschwitz, und sie schweigt nicht. Dr. Eva Umlauf, 1942 im slowakischen Nováky geboren, als Kleinkind deportiert, später Psychotherapeutin und Kinderärztin in München, hat mit 83 Jahren ein neues Buch geschrieben. „Genau so fängt es an" ist kein historischer Rückblick, sondern eine Warnung an die Gegenwart. Umlauf erkennt Muster wieder: eine politische Sprache, die nur noch Drohung und Bestrafung kennt, eine schleichende Resignation in der Mitte der Gesellschaft, ein Europa, in dem Demokratien von innen erodieren. „Man weiß nicht, womit man rechnen kann", sagt sie über die Unberechenbarkeit autoritärer Führungsfiguren. Was sie besonders beunruhigt, ist nicht die Lautstärke der Extremen, sondern die Stille derer, die es besser wissen müssten. Demokratien sterben nicht mit einem Knall – sie sterben Schritt für Schritt, in wachsender Gleichgültigkeit.

    Als Psychotherapeutin kennt Umlauf die Verwundungen, die politische Gewalt über Generationen hinterlässt. In den Täterfamilien wurde vor allem geschwiegen – „und dieses Schweigen war wie ein Geschwür, das sich mit Eiter gefüllt hat". Therapie, sagt sie, sei kein Versprechen auf Heilung, sondern ein Prozess: „Man kann Auschwitz nicht ungeschehen machen, aber ich kann das annehmen als Teil meines Lebens." Sie selbst trägt die Spuren körperlich in sich, auch ohne bewusste Erinnerung an das Lager. Dass sie überlebte, war Zufall – der Transport verspätete sich, die Gaskammern waren bereits gesprengt. Was sie umtreibt, ist die Frage, ob die Gesellschaft aus diesen Traumata lernt oder ob sie unbearbeitet weiterwirken, in Angst, Neid und dem Drang zur Entmenschlichung des Anderen.

    Trotz allem macht Umlauf weiter. Sie geht in Schulen, spricht mit Jugendlichen, fordert Konsequenz – etwa ein Verbotsverfahren gegen die AfD. „Schritt für Schritt, man schleppt sich wie eine Schnecke nach vorne." Dass ihr Buch gerade jetzt so viel Aufmerksamkeit bekommt, freut sie; die Zeit sei reif gewesen.

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