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Am 2. Januar 2025 rammte bei Jeffreys Bay in Südafrika ein überholender Wagen das stehende Auto der Primatologin Michi Schreiber und ihres Mannes Marc. Ihre rechte Gesichtshälfte war gebrochen, ihr Gehirn schwoll so stark an, dass sie eine globale Amnesie erlitt. Sechs Wochen lang lebte sie in Schleifen von wenigen Minuten, erst dann wusste sie morgens noch, was am Vortag geschehen war. Sie glaubte, es sei 2022 oder 2023. Im Schrank standen fremde Gläser, im Bad zwei Zahnbürsten, von denen sie nicht wusste, welche ihr gehörte, und im Fitnessstudio erfuhr sie vom Bildschirm über dem Laufband, dass Donald Trump wieder Präsident war. „Ich werde gerade in einer Realität wach, die nicht die Realität ist, die ich kenne“, beschreibt sie diese Zeit.
Mit dem Gedächtnis schien auch das Leben verloren, das sie sich erkämpft hatte. Schreiber hatte ein sicheres Lehramtsstudium gegen die Primatologie getauscht, die ihren Eltern aussichtslos erschien, und 2021 den Verein Affenstark gegründet. Bei Jeffreys Bay plant sie eine Auffangstation für Tiere aus dem illegalen Wildtierhandel, und zwar für die Arten, um die sich sonst niemand kümmert, Schildkröten, Stachelschweine, Erdmännchen, Paviane. „Elefanten will jeder retten“, sagt sie. In der Reha schnitt sie im Reaktionstest schlechter ab als zwei Mitpatientinnen von 79 und 85 Jahren, die Ärzte hielten Forschung und Promotion für unrealistisch. Die Wende kam auf dem Sofa, während Borussia Dortmund spielte und ihr Mann wie immer schimpfte. Es lief die 29. Minute, und Schreiber fragte sich, warum sie selbst so pessimistisch sei: „Es ist mein 29. von 90.“
Heute promoviert sie wieder, langsamer als früher und mit einem fest eingeplanten Mittagsschlaf. Getragen hat sie die Ehe mit Marc, der sich einmal pro Woche von ihr zu vergessenen Erlebnissen befragen ließ, bis aus seinen Antworten wieder Bilder wurden. Elf Monate nach dem Unfall flog sie zurück nach Südafrika, blieb drei Wochen allein und lernte ein zweites Mal surfen. Mit Daniel Fürg hat Michi Schreiber für den Podcast Gin And Talk über diese Zeit gesprochen. Gemeinsam mit ihrem Mann hat sie die Geschichte im Buch „Ich erinnere mich für dich“ aufgeschrieben.
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1988 saß Jan Weiler als Zivildienstleistender am linken Niederrhein stundenlang am Bett eines sterbenden Mannes, dessen Frau im selben Krankenhaus zur Dialyse musste. Dass er einem Menschen beim Sterben zusah, begriff er erst, als es vorbei war. »Wahrscheinlich hat er schon ausgeatmet, aber ich habe es nicht gehört oder gesehen.« Die Szene steht in seinem neuen Roman Das Vogelhaus, in dem Leonard, ein Mann mit verlorenem Theaterjob, an den Ort seines Zivildienstes zurückkehrt, weil das Haus von damals zum Verkauf steht. Für Weiler ist es ein ungewohnt leises Buch über Alter, Angst und Schuld, bis hin zu der Frage, ob Kriegstraumata der Großväter über die Epigenetik in den Enkeln weiterwirken. »Jedes Buch braucht einen bestimmten Ton«, sagt er. »Krachlustig hätte das nicht funktioniert.« Die Beobachtungen aus jener Zeit, die winzigen Küchen, in denen es nach Salbe riecht, die Wachstischdecken, die Tablettendöschen, haben ihn als Autor bis heute geprägt: »Man kann so ein ganzes Leben in so einer Wohnung ablesen.«
Aus dieser Erfahrung leitet Weiler eine konkrete Forderung ab: eine allgemeine Dienstpflicht von zwölf Monaten für alle, frei wählbar zwischen Pflege, Umweltschutz und Bundeswehr, aber nie am Heimatort und stets in Wohngemeinschaften mit Menschen aus ganz anderen Regionen und Milieus. Den Einwand seines Sohnes, der Staat tue für die Jungen nichts, hält er für berechtigt. Deshalb soll es eine Gegenleistung geben, etwa zinslose Darlehen für Gründungen, finanziert über eine Vermögensteuer. Härte schließt das für ihn nicht aus. »Ich bin Team, da müssen die durch.« Vorwürfe an die Jüngeren lässt er dennoch nicht gelten. Wer mit Smartphone aufgewachsen sei, habe es eben benutzt, das eigentliche Problem sei die Blase, in der man heute leben könne, ohne je einem alten oder armen Menschen zu begegnen.
Beim Schreiben selbst will Weiler auf künstliche Intelligenz verzichten. Für die Recherche nutze er sie, Gliederung und Erzählen gehörten jedoch zum kreativen Kern seiner Arbeit. »Algorithmen haben keine Bedürfnisse, und die haben auch keine Wünsche, die haben Aufträge.« Wer einem anderen einen Witz erzähle, wolle ihn lachen sehen, eine Maschine tue es auf Anweisung. Versuche von Schulklassen, Texte »im Stil von Jan Weiler« generieren zu lassen, nennt er »unglaubliches Holz«. Sein nächstes Buch soll wieder komisch werden. Jan Weiler war zum vierten Mal zu Gast bei Gin And Talk und spricht in Episode 204 mit Daniel Fürg über »Das Vogelhaus«, seinen Zivildienst, die Dienstpflicht und die Grenzen der KI.
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Ein Album aufzunehmen lohnt sich wirtschaftlich kaum noch, und Hannes Ringlstetter macht sich darüber keine Illusionen. „Musik ist per se quasi kein Geschäftsmodell mehr”, sagt der Musiker, Kabarettist und frühere Late-Night-Gastgeber des Bayerischen Rundfunks. Das habe ihn erst gestresst, dann befreit: Wo nichts zu gewinnen ist, muss auch nichts auf Single und Radiolänge zugeschnitten werden. „Man kann auch wieder Lieder mit sieben Minuten aufnehmen.” Seine Plattenfirma lädt Fans und Presse deshalb zu Listening Sessions ein, bei denen das neue Album gemeinsam auf Vinyl gehört wird, von vorne bis hinten. Was die Platte von der Playlist unterscheidet, fasst Ringlstetter knapp: „Es ist halt hören. Es ist halt nicht nebenbei.” Dem Streaming verdankt er als selbsterklärtes „musikalisches Trüffelschwein” trotzdem viel, und viele Hörer fänden seine Lieder ohne Algorithmen gar nicht. Bedauerlich sei nur, dass niemandem ein vernünftiges System einfällt, die Musiker dafür zu bezahlen.
Die Sehnsucht nach dem Ungehetzten erklärt auch, warum er seine Show nach rund 250 Sendungen und 500 Gästen beendet hat. Zwölf Minuten Talk pro Gast, die Lautstärke, die Taktung, irgendwann drohe aus der Begegnung eine Abfrage zu werden. „Ich wollte auf keinen Fall erleben, dass ich irgendwann da sitze und mich das nicht mehr interessiert.” Heute führt er lange Gespräche im eigenen Podcast und hat die Nachrichten-Apps von seinem Telefon gelöscht, weil er ohne Ruhe nicht kreativ sein kann. Das Tempo der Gegenwart beschädige auch das Denken: „Wir haben halt irgendwann Informationen mit Meinung verwechselt.” Bei Politikern vermisst er vor allem einen Satz, nämlich „Ich weiß es nicht”. Erst der zugelassene Zweifel schaffe Raum für Argumente und Lösungen. Und ihn beschäftigt die bittere Beobachtung, dass derzeit ausgerechnet die Rechten als Einzige eine Zukunft beschreiben, während die Mitte das Bestehende verteidigt. Gebraucht würden Bilder, „die über ‚Wir lassen uns die Demokratie nicht kaputt machen’ hinausgehen”.
Einen Ort, an dem so etwas beginnen könnte, sieht Ringlstetter im Konzert. „Es muss Orte geben, die frei sind von all dem”, sagt er, Orte, an denen ein Idiot ein Idiot ist, wenn er einem das Bier übers Hemd kippt, egal was er sonst denkt. Nach der Pandemie und in der jetzigen Stimmung habe diese Idee für ihn neue Kraft gewonnen: „Wir gehen rein in diese Halle, und die gehört jetzt uns allen gleich.” Sein neues Album „Bellavista” erscheint in wenigen Tagen, im Januar und Februar geht er auf Tour, mit einem Halt in der Münchner Isarphilharmonie.
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In der Bombennacht von Hamburg 1943 war Wolf Biermann sechseinhalb Jahre alt. Im Arbeiterviertel Hammerbrook flogen brennende Dächer „wie Zeitungspapier durch die Luft“, und doch hat sich ihm vor allem ein Detail eingeprägt: „Kein einziges Kind hat geweint.“ Seine Erklärung dafür ist nüchtern. Wer in einem übergroßen Unglück schreie, vergeude Kraft, denn man schreie nur, „wenn man die Chance hat, dass es gehört wird und einem Hilfe zukommt“. Aus dieser Erfahrung hat Biermann eine Haltung gemacht, die er einer nervösen Gegenwart entgegenhält. Dass Jüngere schnell in Panik geraten, überrascht ihn nicht: „Weil es Ihnen nicht schlecht genug geht. Deswegen können Sie sich diese Panik leisten.“
Geprägt hat ihn seine Mutter Emma. Sie hielt den Sohn eines in Auschwitz ermordeten jüdischen Kommunisten am Leben und brachte ihm den Vater jeden Morgen mit einer Süßigkeit im Leiterwagen nahe, angeblich ein Gruß aus dem Zuchthaus. Sie sang ihm Schubert, Arbeiterlieder und plattdeutsche Weisen vor, aus dem Volksempfänger kamen die Nazilieder dazu. „Das war meine Musikuniversität“, sagt Biermann. Die Mutter wollte keinen Dichter, sondern einen Sohn, der die Menschheit rettet. 1953 ging er aus Überzeugung in die DDR und wurde am Berliner Ensemble zum Brechtianer. Zweifel kamen früh, doch er hoffte lange auf einen besseren Sozialismus. Nach der Ausbürgerung 1976 verlor er zunächst die Orientierung. Er habe damals gelernt, „dass es auch schrecklich sein kann, wenn man seine treuen Feinde verliert. Dann ist man auch wie ein politisches Waisenkind.“ Endgültig mit dem Kommunismus brach er erst einige Jahre später, um 1983.
Mit dem Etikett der Legende kann er wenig anfangen: „Wer lebendig lebt wie ich, kann keine Legende sein.“ Kurz vor seinem neunzigsten Geburtstag sieht er den Zusammenhang zwischen Haltung und Laune klarer denn je. „Wenn ich faul und feige bin, werde ich immer missmutiger.“ Wer sich einmische, dem gehe es besser. Im Gespräch in München griff er einen Gedanken auf, der ihm neu war: dass viele Menschen den Konsum von Nachrichten schon für Engagement halten. Er nannte das „das Krebsgeschwür der Nachrichtenflut“ und kündigte an, darüber in Ruhe nachzudenken, sobald der Besuch gegangen sei.
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Wenn in China humanoide Roboter über eine Bühne tanzen, reagiert man hierzulande mit Spott: Deutsche Roboter arbeiten, chinesische tanzen Ballett. Prof. Dr. Gunter Dueck, Mathematiker und einst Chief Technology Officer von IBM Deutschland, hält das für einen Denkfehler. Die Industrieroboter von Kuka oder Fanuc sind Greifarme hinter Gittern, denen jeder Handgriff einprogrammiert werden muss. Der Humanoide dagegen bekommt ein Sprachmodell als Gehirn und lernt, indem er zusieht: „Man stellt ihn daneben und sagt: Guck dir den an, der macht da irgendwas. Und nächste Woche machst du das.“ Dass er dafür einen menschlichen Körper braucht, folgt daraus. Unterschätzt werde diese Entwicklung trotzdem, sagt Dueck, und zwar aus einem Reflex, den er seit Jahren an der Autoindustrie beobachtet. Jede neue Technik bekomme in Deutschland ein Abwehrwort, das den genauen Blick ersetzt. Beim Onlinehandel waren Bücher „haptisch“, bei der KI heißt es: „Das halluziniert nur.“ Chinesische Autos „überschwemmen“ den Markt, während Mercedes seine Software für das automatisierte Fahren inzwischen bei Momenta einkauft. „Bei den Robotern passiert jetzt dasselbe.“
Den Einwand, Maschinen nähmen dem Leben das Menschliche, lässt Dueck nicht gelten. „Das größere Problem ist eigentlich, dass wir den menschlichen Anteil wegoptimieren, um mehr Geld zu machen.“ In der Bankfiliale wird zuerst die IBAN abgefragt, der Arzt hat keine Zeit mehr für ein Gespräch und schreibt nach Feierabend Berichte für Polizei und Unfallversicherung. Dueck erzählt von seiner Mutter, die an Alzheimer erkrankt war, und von einer Frau im Nebenzimmer des Heims, die den ganzen Tag um Hilfe rief und vor Verzweiflung Kirchenlieder sang. Ein Roboter für ein paar Tausend Euro, der mit ihr singt und jede Stunde nach ihr sieht, wäre dort ein Gewinn. „Das zeigt, dass ich sogar den Menschen ersetzen kann, weil der Mensch eigentlich nicht mehr da ist.“
Die eigentliche Warnung seines Buches steckt im Begriff des Funktionsmenschen. Im Berufsleben zählt längst nur das Verhalten, das Leadership-Handbücher und Anreizsysteme vorgeben. „Ich muss nicht lieb sein zu dem Bankkunden, sondern er muss mich als lieb wahrnehmen.“ Was sich so vollständig von außen beschreiben lässt, lässt sich programmieren. Wir Menschen erreichen nach Duecks Schätzung zwei Drittel der verlangten Perfektion, der Humanoide wird sie ganz erreichen und damit zur neuen Krone der Schöpfung, über die wir gekränkt sein werden. Ob die KI uns dabei klüger macht, hängt für den ehemaligen Mathematikprofessor davon ab, ob wir uns Lösungen liefern lassen oder mit der Maschine streiten. Nur in einem Punkt räumt er einen Irrtum ein: „Ich habe nicht gedacht, dass das mit der KI so schnell geht.“ Mit Daniel Fürg hat Dueck darüber in der aktuellen Folge von Gin And Talk gesprochen. Sein Buch „Die neue Krone der Schöpfung“ ist gerade erschienen.
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Der Anzug gilt als das universellste Kleidungsstück: Er passt zu jedem Anlass, und wer ihn trägt, muss sich keine Gedanken über sein Outfit machen. Laut Clara Strehle galt das bisher allerdings nur für Männer. Frauen kennen eine andere Erfahrung, die sie in vier Wörtern zusammenfasst: „Blazer passt, Hose nicht." Die Münchner Unternehmerin, selbst leidenschaftliche Anzugträgerin, hat daraus ein Unternehmen gemacht. In ihrem Studio entstehen in Co-Kreation mit ihren Kundinnen Maßanzüge aus feinsten italienischen Materialien, jeder Knopf persönlich von ihr ausgewählt. Die Mode begleitet sie seit ihrer Kindheit im Familienbetrieb Strenesse, ihren eigenen Weg fand sie bei der Pariser Vogue, in der PR bei Tom Ford und als Merchandiserin bei JW Anderson und Bally.
Die Idee für die Maßanzüge entstand während der Pandemie, als Strehle mit Kundinnen deren Kleiderschränke nach Vintage-Schätzen durchforstete. Fast jede fragte irgendwann nach den Anzügen ihrer Mutter, weil ihre alten immer noch passten. Die Antwort fand Strehle im Schnitt. Konfektion wird heute in Masse produziert und folgt einem standardisierten Schnitt, der einer Frau sagt: „So hat dein Körper zu sein." Frauenkörper sind jedoch sehr viel vielfältiger als die der Männer und verändern sich im Laufe des Lebens immer wieder. Strehles Alternative: „Ein Kleidungsstück sollte sich dem Körper der Trägerin anpassen, nicht andersherum."
Wie sehr ein schlecht sitzendes Outfit ablenken kann, erfuhr sie von der Mitgründerin einer Filmproduktionsfirma: Vor wichtigen Terminen sei sie zu mindestens 25 Prozent mit ihrer Kleidung beschäftigt, während sich ihr männlicher Mitgründer ganz auf das Ziel konzentriere. Ein Anzug, der wie eine zweite Haut sitzt, schenkt dagegen das, was Strehle „mentale Freiheit" nennt: die Möglichkeit, mit voller Kraft und selbstbewusst in den Tag zu gehen. Deshalb beginnt jeder Anzug bei ihr mit der Frau, die ihn trägt, mit ihrem Alltag und ihren Unsicherheiten. Fast 90 Prozent ihrer Kundinnen kommen wieder, und viele von ihnen sagen am Ende des Termins, sie hätten sich zum ersten Mal seit zehn Jahren verstanden und gehört gefühlt.
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Es gehört zu den Eigenheiten des Frühjahrs 2020, dass man sich ausgerechnet dann nach einem Tresen sehnte, als alle Tresen des Landes verwaist waren. Daniel Fürg, Ende März von einer langen Reise durch die Vereinigten Staaten zurückgekehrt, besaß allerdings einen, den keine Verordnung erfasste: den im eigenen Studio. An ihm begann im Mai ein Gesprächsformat, das den Gin im Namen trägt – und dessen erster Gast das Thema umgehend abräumte. Der Münchner Barmann Stefan Gabányi hielt vom Hype um den Wacholderschnaps erkennbar wenig: „Man muss jetzt nicht jeden Quatsch mitmachen“, sagte er, und dass jemand für einen halben Liter „Neutralsprit mit Aroma“ vierzig Euro nehme, sei „saufrech“. Damit war die Pointe gesetzt. Knapp zweihundert Gespräche später lässt sich festhalten: Der Gin stand immer auf dem Tresen, gesprochen wurde über alles andere.
Dass Fürg nun, unmittelbar vor der zweihundertsten Folge, allein am Mikrofon sitzt und zurückhört, ist die Besichtigung einer Form, die aus der Zeit gefallen scheint und gerade deshalb gebraucht wird: eine Stunde, zwei Menschen, keine Eile. Die Journalistin Natalie Amiri beschreibt das Gegenmodell – eine Minute dreißig in der „Tagesschau“, in der für das Eigentliche kein Platz bleibe: „Aber dafür ist keine Zeit.“ Pfarrer Rainer Maria Schießler lässt Gott die zerstrittenen Religionen fragen: „Wieso habt ihr nicht miteinander gesprochen? Ihr hattet doch so viel Zeit.“ Wer sie sich nimmt, hört, wie es am Tresen still wird. Charlotte Knobloch erzählt von dem Tag, an dem sie in München den Grundstein für eine neue Synagoge legte: „Jetzt habe ich meine Koffer ausgepackt.“ Eva Umlauf, als Kleinkind nach Auschwitz deportiert, hat auf die Frage nach ihrem Überleben keine Antwort, aber eine Entscheidung: „Ich suche mir das Glück aus.“ Und Lars Amend sitzt wochenlang am Sterbebett seiner Mutter, bittet um ein Gespräch und erhält zwei Worte: „Alles gut.“ Erst eine Krankenschwester berichtet ihm, worauf die Mutter am Ende bestand – auf dem T-Shirt, das er ihr einmal mitgebracht hatte, bedruckt mit dem Wort „dankbar“. „Das war ihre Art zu sagen: Ich liebe dich.“
Heiterkeit auf Bestellung folgt daraus nicht. Wolfgang Thierse, dem die DDR den verordneten Optimismus gründlich ausgetrieben hat, hält sich an Václav Havel: Hoffnung heiße nicht, dass eine Sache gut ausgeht, sondern dass sie in sich vernünftig und richtig ist. Ein Mal allerdings spielt der Gin dann doch die Hauptrolle. Marcel Reif steht bei einem Sundowner in der südafrikanischen Savanne, vor sich Giraffen und Zebras, in der Hand ein Gin Tonic, und ihm kommen die Tränen: Wer um Himmels willen seien wir eigentlich, „die Menschlein, die da rumstehen mit ihrem Sundowner“? Es ist die Frage, um die diese Gespräche seit sechs Jahren kreisen, und vielleicht braucht es zu ihrer Verhandlung tatsächlich einen Tresen – einen Ort, an dem zwei Menschen nichts weiter vorhaben, als Zeit zu haben. Marianne Koch, beim Gespräch 93 Jahre alt, rät den Jüngeren schlicht: „mutig sein“. Der Gin war dabei nie das Thema. Er war der Vorwand.
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Den Performance Improvement Plan, mit dem amerikanische Firmen schwächelnde Mitarbeiter drei Monate lang zu wöchentlichen Defizitgesprächen bitten, nennt Patty McCord auf dem Nordic Business Forum in Helsinki „den grausamsten Prozess, den wir uns je ausgedacht haben". Das Ergebnis stehe meist vorher fest, und das ganze Büro schaue zu: „Es ist die beste Show im Haus." McCord, von 1998 bis 2012 Personalchefin von Netflix und Mitautorin des berühmten Kulturpapiers, zieht den offenen Satz vor: Wir brauchen dich nicht mehr. Das tue weh, aber weniger als das Warten aufs Scheitern. Radikale Ehrlichkeit sei, richtig gemacht, eine Form von Empathie, die viele bloß mit Nettigkeit verwechselten: „Ich bin nett, ich höre zu, ich nicke."
Bei Netflix war Widerspruch Pflicht. Als Todsünde galt, bei einer Sache mitzumachen, die man für falsch hält, und hinterher zu erklären, man habe es gewusst, es habe nur keiner gefragt. „Dafür hätte ich dich auf dem Parkplatz überfahren." Freiheit versteht McCord dabei nüchtern. Wie viel davon ein Unternehmen verträgt, hänge vom Produkt ab und vom Können des Managements; ein Hersteller von Medizintechnik habe sich an Regeln zu halten. Gemeint ist vor allem, Informationen zu teilen. Freitags bekam die Belegschaft auf dem Parkplatz die Zahlen der Geschäftsführung ausgehändigt und lernte, eine Gewinn-und-Verlust-Rechnung zu lesen, auch in den Jahren, in denen darin stand, dass die Firma kein Geld hatte.
Dass sich dieses Modell schlecht exportieren lässt, erfuhr sie als Beraterin. In einer australischen Bank zählte ein Vorstandsmitglied 27 Genehmigungsstufen, die eine neue App zu durchlaufen hätte, zehn davon im Finanzressort. Den eigentlichen Widerstand sieht McCord in der „fetten Mitte" der Konzerne, die jede Transformation beklatscht und ihren Teams rät, sie auszusitzen. Den Vorwurf, Netflix habe eine Kultur der Angst gepflegt, lässt sie nur halb gelten: Wer um seine Stelle fürchten muss, sobald er etwas Neues versucht, sei an einem furchtbaren Ort, ein wenig Furcht vor dem Neuen gehöre hingegen dazu. Wie man im Zeitalter der KI die richtigen Leute findet? „Ich weiß es nicht." Sie kenne nur die falschen, nämlich jene, die behaupten, sie hätten das im Griff.
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Auf der Pfaueninsel steht ein Gedenkstein, an dem die meisten Besucher achtlos vorbeigehen. Johannes Kunckel heißt der Mann, an den er erinnert: ein Alchemist, der dem Großen Kurfürsten Gold versprach und dafür 1685 eine ganze Insel geschenkt bekam. Gold hat er nie gemacht. Stattdessen entstieg seinen Öfen ein Glas, rot wie ein Rubin, das binnen kurzem zum begehrtesten Luxusgut Europas wurde. Dabei war Kunckel alles andere als der versponnene Magier, als der er sich inszenierte. "Ich glaube, er hat den Alchemisten ein wenig gespielt, um die Fürsten zu überzeugen", sagt Florian Illies, der ihm sein neues Buch "Träume aus Feuer" gewidmet hat. "Er selbst begriff sich ganz offensichtlich längst als Naturwissenschaftler." Zugleich war er Unternehmer durch und durch, baute auf der Insel aus dem Nichts eine Manufaktur auf und lieferte am Ende, auf verschlungenem Weg, sogar das versprochene Gold: Sein Rubinglas wurde an den Höfen Europas verkauft und in Afrika gegen Gold getauscht.
Man kann diese Geschichte als frühneuzeitliche Startup-Erzählung lesen, doch an einer entscheidenden Stelle bricht die Analogie zur Gegenwart. "Ich weiß nicht, ob die Venture-Capital-Fonds sich in einer Rolle als Gönner begreifen", sagt Illies. "Sie würden auch nicht, wie es der Kurfürst getan hat, einem kleinen Startup eine Insel schenken." Der Gönner alten Typs finanzierte keinen Business Case, er finanzierte einen Traum. Und wie es Träumen oft ergeht: Nach dem Tod des Kurfürsten wurde Kunckel zum Bauernopfer eines höfischen Machtwechsels, man ruinierte ihn und brannte nieder, was er aufgebaut hatte. Hundert Jahre später kannte ihn niemand mehr. Genau darin liegt für Illies der Reiz. Nicht Neugierde treibe ihn an, sondern "Altgierde": die Lust, Vergessenes aus der Vergangenheit zu holen. Der Wiederentdecker, sagt er, müsse eine irre Energie mitbringen, und diese Energie sei ansteckend. Dass die Digitalisierung das Vergessen womöglich abschafft, beunruhigt ihn dabei nicht, denn die Entscheidung, welche Geschichte aus der Datenfülle ein Buch wird, bleibe eine menschliche: "Aus diesem Erfahrungsreichtum, der im eigenen Körper sitzt, wird immer noch etwas anderes kommen als aus einem gekühlten Rechenzentrum."
Ob unsere Gegenwart, in der jede Idee dreimal geprüft wird, bevor jemand sie ausprobieren darf, noch Raum für Figuren wie Kunckel lässt? Illies antwortet darauf mit einer Gelassenheit, die er selbst urromantisch nennt: "Immer gibt es Zeit zum Träumen. Auch jetzt gibt es ganz viel Zeit zum Träumen." Wem heute etwas einfalle, das Kinder zum Träumen bringe oder Menschen Sicherheit verheiße, der werde auch heute Geld dafür finden. Man muss nur, wie damals auf der Pfaueninsel, bereit sein, das Scheitern gleich mitzudenken.
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Wolfgang Fiereks Amerika beginnt in Neubiberg bei München, wo sein Vater, ein Vertriebener aus Schlesien, in der Kantine der Air Force Base kochte. Sonntags gab es dort Hamburger und Orangensaft aus der Dose, dazu den Anblick einer Harley, die der Vater einem heimkehrenden G.I. abkaufen wollte, bis die Mutter ihr Veto einlegte. Was blieb, war der Geruch des zähflüssigen Motoröls, das „wie bei einer hübschen Frau ein Parfum" in der Luft hing. Der Rest ist eine Kette von Zufällen: ein falscher Kinosaal, in dem statt der geplanten Vorstellung „Easy Rider" lief; ein Führerschein, in einer Woche erworben für eine Fernsehrolle, die nie gedreht wurde; und 1979 im Death Valley ein Vietnam-Veteran auf einem Chopper, der dem gestrandeten Bayern im Mietwagen zurief: „Das nächste Mal, wenn du durch Amerika fährst, dann fährst du auf einer Harley – und nicht in so einer Scheißkiste." Fierek hat sich daran gehalten. Seit 1994 besitzt er ein Haus in Arizona, nun hat er seine amerikanischen Jahrzehnte unter dem Titel „Born to be Fierek" aufgeschrieben.
Wer das Buch als Motorrad-Memoiren liest, verpasst das Eigentliche. Fierek erzählt von einem Land, dessen vielbelächelter Optimismus für ihn ein Erbstück der Besiedlungsgeschichte ist: Wer verstehen wolle, „warum Amerika so tickt", müsse nur einmal von Florida nach Kalifornien fahren und sich vergegenwärtigen, dass dieselbe Strecke einst Monate im Planwagen dauerte. In Mississippi sah er eine verlassene Ranch, deren Besitzer erst nach dem dritten Tornado aufgegeben hatte. „Wenn du nie gefordert wirst, kannst du keine Stärke haben", sagt Fierek, der nach eigener Auskunft seit 1979 „nicht eine negative Begegnung" in den USA erlebt hat. Wie ernst er die amerikanische Lektion vom Weitermachen nimmt, zeigte sich 2003, als die Ärzte ihm nach einem schweren Motorradunfall das Bein amputieren wollten. Seine Frau Djamila verhinderte es mit einer Ansage, die selbst den Chirurgen beeindruckte, und gegen die Zukunftsangst halfen die Sonne Arizonas, ein Medizinmann aus Tombstone und ein texanischer Freund, der nicht fragte, ob er sich das Fahren wieder zutraue, sondern schlicht: „Morgen fahren wir nach Silver City, kommst du mit?"
Zum Autor wurde Fierek durch ein Zitat, das ihm zugetragen wurde und von einem indigenen Häuptling stammen soll: Jeder ältere Mensch sei eine wandelnde Bibliothek. Seine ist nun aufgeschlagen, mit Tourenvorschlägen im Anhang für alle, die es ihm nachmachen wollen.
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