Lastenräder, innere Mauern und die Sehnsucht nach dem Echten
Es gibt einen Moment, den Sarah Lesch beschreibt, der sich anfühlt wie der heimliche Drehpunkt ihres neuen Albums „Poesie & Widerstand": den Moment, in dem man alles hat, was man immer wollte – und merkt, dass es das gar nicht war. Den Erfolg, die ausverkauften Konzerte, den optimierten Körper. „Das war der furchtbarste Moment in meinem Leben", sagt sie. Weil dahinter keine Erfüllung kam, nur die Erkenntnis, sich irgendwo unterwegs selbst stehen gelassen zu haben. Ihr Song „Anna-Lisa" erzählt davon in Miniatur: eine Frau zwischen performativem Vorzeige-Feministen und echtem Glück am Fußballstadion, zwischen Hafermilch-Gewissen und der Sehnsucht nach dem Einfachen. Es sei, sagt Lesch, ein Lied über die menschliche Fehlbarkeit ihrer Generation – die zwischen analoger Kindheit und digitaler Dauerüberforderung aufgewachsen ist und seitdem nicht aufgehört hat, sich zu optimieren, ohne je zu wissen, wofür eigentlich.
Was Lesch auf dem Album verhandelt, ist eine Absage an das Entweder-oder: Poesie oder Widerstand, stark oder schwach, fühlen oder funktionieren. Sie kennt die Konsequenzen des Verdrängens – wer die Tiefe nicht mehr zulasse, dem verschwinde auch die Höhe, bis nur noch Stau in der Mitte bleibe, eine Gefühllosigkeit, die sich anfühle wie Depression. Ihr eigener Körper habe ihr das über Jahre hinweg signalisiert, mit Schmerzen, mit einer Hand, die nicht mehr Gitarre spielen konnte. Heute sieht sie darin einen Seismographen, kein Versagen. Und sie dreht den modischen Imperativ der Selbstreflexion um: Das Problem sei nicht, dass wir zu wenig über uns nachdenken, sondern dass wir nicht damit aufhören können. „Bloß nicht einfach mal man selber sein und überlegen, was sagt mir eigentlich mein Herz?" Statt noch besser zu reflektieren, gehe es darum, einfach mal zu machen – weniger denken, mehr sein.
Lesch hat für dieses Album erstmals vorab eine künstlerische Grundhaltung formuliert, die sie „Adlerpoesie" nannte: herauszoomen statt Grabenkampf, den Knoten finden, der alles zusammenhält. Das habe sich „sehr erwachsen" angefühlt. Gleichzeitig spricht sie offen über die Krise ihrer Branche – sterbende Clubs, Algorithmen, die politische und queere Inhalte drosseln, Plattformen, die Texte zu lang finden. Ihre Antwort ist keine programmatische, sondern eine persönliche: zurück zum Kleinen, zum Direkten, zu Wohnzimmerkonzerten, bei denen man hinterher noch auf der Terrasse sitzt und redet. Sie erzählt das bei einem Treffen in Berlin, kurz vor Release, und entwirft dabei ein Bild, das den Geist des Albums gut einfängt: Sie stelle sich vor, als alte Frau auf einer Veranda die gehetzten Sprachnachrichten von heute abzuhören – und froh zu sein, irgendwann damit aufgehört zu haben. Es gehe auf diesem Album nicht ums Glück, sagt sie, sondern ums Glücklichsein.
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