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Julien Royer gehört zu einer Generation von Spitzenköchen, die nicht auf Effekt, sondern auf Tiefe setzen. In seiner Küche verbinden sich französische Handwerkskunst und asiatische Präzision zu einer Handschrift, die geprägt ist von Respekt vor dem Produkt, Klarheit im Geschmack und der Überzeugung, dass kulinarische Exzellenz beim Einkauf beginnt. „Fünfzig Prozent eines guten Kochs sind Kochen – die anderen fünfzig Prozent sind Einkauf und Sourcing“, sagt er. In seinem Restaurant Odette in Singapur überlässt er die Herkunft seiner Zutaten nicht dem Zufall, sondern pflegt enge Beziehungen zu Produzenten weltweit.
Geprägt wurde Royer in der französischen Auvergne – in einer bäuerlichen Umgebung, in der gutes Essen nie Luxus, sondern Normalität war. Diese frühen Erfahrungen definieren bis heute seinen Anspruch: nicht nur gutes Essen zu servieren, sondern Erinnerungen zu schaffen. Auch die drei Michelin-Sterne, mit denen das Odette ausgezeichnet ist, betrachtet er eher als Nebeneffekt denn als Ziel. „Wenn du es schaffst, aus einem Abend eine Erinnerung zu machen – dann hast du wirklich etwas erreicht.“
Im Austausch mit Kolleg:innen sucht Royer keinen Wettbewerb, sondern Inspiration. In einem Sommer voller kulinarischer Begegnungen mit Spitzenköchen aus ganz Europa wurde deutlich, wie sehr gemeinsames Kochen eine Haltung ausdrücken kann: neugierig bleiben, offen sein, voneinander lernen.
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Die Welt ist laut, schnell und voller Brüche. Wer heute mit offenen Augen auf sie blickt, spürt oft mehr als bloße Überforderung – es ist eine Mischung aus Ohnmacht und moralischem Druck, die besonders jene trifft, die reflektieren, statt zu reagieren. Der Autor Sascha Ehlert beschreibt diese Spannungen in seinem Roman "Palo Santo" eindrücklich: Menschen, die zwischen Rückzug und Widerstand schwanken, die sich in Spiritualität, Exzess oder innerer Emigration verlieren, weil sie nicht wissen, wo Handeln überhaupt anfangen kann. „Bei allem Intellekt sind Menschen doch emotionale Wesen“, sagt Ehlert – und zeigt, wie schwierig es ist, klare Haltung zu bewahren, wenn Orientierung fehlt.
In seinem Roman treffen historische Fluchtgeschichten auf gegenwärtige Krisenerfahrungen. Die Figur Billy Wilder wird zur Projektionsfläche: ein Mensch, der früh erkennt, wann es Zeit ist zu gehen – und in Los Angeles ein neues Leben beginnt. Für Ehlert ist dieser biografische Weg nicht nur eine historische Parallele, sondern auch eine Frage an die Gegenwart: Wann ist der Punkt erreicht, an dem Rückzug zur Verantwortung wird? „Wenn in Deutschland eine rechtsextreme Regierung gebildet wird, bin ich lieber früher als später weg“, sagt er. Es ist ein ehrlicher Satz – und einer, der zugleich entlarvt, wie schwer es fällt, die reale Gefahr klar zu benennen.
Denn obwohl wir es besser wissen sollten, neigen wir dazu, die Bedrohung zu relativieren – im Glauben, es werde schon gut gehen. Dabei braucht Demokratie heute nicht nur Verteidiger in der Politik, sondern auch Stimmen in der Kultur, die Haltung zeigen. Nicht platt und pathetisch, sondern leise, reflektiert, ehrlich. Genau das tut Sascha Ehlert – in seinem Schreiben, in seiner Haltung, in seinem Denken.
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Fotoquelle: Zeynep Bozbay
Was bedeutet es eigentlich, anzukommen? Viele Menschen verbringen ein Leben lang auf der Suche nach einem Zuhause – nicht im geografischen, sondern im inneren Sinn. Lars Amend, Autor und Vater, hat diese Suche in seinem Buch "Coming Home" für sich neu verhandelt. Nach dem Tod seiner Mutter begann er zu hinterfragen, was ihm gefehlt hatte: nicht Geld, nicht Erfolg, sondern das Gefühl von Geborgenheit. „Coming Home kann nur in dir selbst sein“, sagt er. Es ist kein Ort, sondern ein Zustand – einer, der mitunter ein ganzes Leben braucht, um sich zu entfalten.
Amends Blick auf die eigene Kindheit ist differenziert. Er erkennt, dass nicht alle Wunden heilen müssen, aber viele verstanden werden können. Das Schweigen seiner Mutter, ihre Unfähigkeit zu Nähe, erklärt er nicht als Mangel an Liebe, sondern als Resultat eines harten, traumatisch geprägten Lebens. „Sie hat nicht gegen mich gelebt“, sagt er, „sie konnte es einfach nicht besser.“ Wer versucht, den Schmerz der Herkunft zu begreifen, eröffnet sich selbst den Raum zur Veränderung. Es geht nicht darum, die Vergangenheit zu verklären – sondern darum, ihr das Steuer aus der Hand zu nehmen.
Für Amend liegt der Schlüssel in der Selbstverantwortung. Fehler machen, scheitern, zuhören, reden – nicht mit Vorwurf, sondern mit dem Willen, zu verstehen. Wer nur funktioniert, verliert sich irgendwann selbst. Und wer seine Kinder nicht sieht, wird später vielleicht von ihnen nicht mehr gesehen. „Die Einzigen, die sich an deine Überstunden erinnern werden, sind deine Kinder“, sagt Amend. Eine schlichte Wahrheit, die man kaum früh genug begreifen kann.
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Was wir für medizinische Wahrheit halten, war oft lange nur ein Glaubenssatz im Gewand der Wissenschaft. Jahrhunderte dominierte die Viersäftelehre das Denken über Gesundheit und Krankheit – ein elegant geschlossenes Weltbild, das Blut, Schleim und Galle mit Himmelsrichtungen, Temperamenten und Elementen verknüpfte. Erst als Bakterien sichtbar, Narkosen wirksam und Hygienestandards verbindlich wurden, begannen sich neue, evidenzbasierte Erkenntnisse durchzusetzen. Doch selbst sie sind nicht frei von Ideologie – nur sind ihre Irrtümer moderner verpackt.
Heute sind es Körperdaten, Schlafphasen und Algorithmen, die vermeintliche Gewissheit versprechen. Aus der antiken Lehre der Mäßigung ist ein digital überwachter Tugendkatalog geworden. „Wenn ich heute einen Cheeseburger esse, gilt das fast als Akt der Selbstzerstörung“, sagt der Arzt, Historiker und Wissenschaftsjournalist Werner Bartens. In seinem neuen Buch "Leib und Seele" beschreibt er mit großer erzählerischer Kraft, wie sich medizinische Irrtümer halten, wie Fortschritt entsteht – und warum der Mensch zwischen Selbstoptimierung und Schuldzuweisung oft aus dem Blick gerät.
Bartens plädiert für eine Medizin, die sich ihrer Geschichte erinnert: der Irrtümer, aber auch der Sehnsucht, Menschen ganz zu sehen. Eine Medizin, die nicht nur den Körper repariert, sondern zuhört, versteht und aushält, was unheilbar ist. Denn viele Beschwerden lassen sich nicht im Labor nachweisen, wohl aber im Leben erklären.
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Seit Donald Trump erneut im Weißen Haus sitzt, hat sich das politische Tempo in den USA dramatisch beschleunigt. Entscheidungen werden im Alleingang getroffen, diplomatische Absprachen ignoriert, internationale Partner vor vollendete Tatsachen gestellt. Für Rieke Havertz, US-Korrespondentin der ZEIT und Co-Host des Podcasts "OK, America?", war das absehbar. „Dass Trump nur noch Ideologen um sich schart und Widerspruch ausschaltet, war im Wahlkampf deutlich zu erkennen.“ Die Geschwindigkeit, mit der er nun agiert, überrascht dennoch – selbst erfahrene Beobachter. Die Folgen dieser Politik reichen weit über die amerikanischen Grenzen hinaus: Europa steht unter Zugzwang, die eigene sicherheitspolitische Verantwortung neu zu definieren.
Gleichzeitig steht die US-Demokratie innenpolitisch unter Druck. Gerichte arbeiten – noch – unabhängig, doch Trump missachtet zunehmend ihre Entscheidungen. Der Supreme Court, konservativ besetzt, wird zur Rückversicherung für viele seiner Vorhaben. „Für Trumps Umfeld ist die Demokratie kein Ziel, sondern ein Hindernis“, warnt Havertz. Und während sich viele Amerikanerinnen und Amerikaner nach der Wahl zunächst ins Private zurückzogen, wächst inzwischen der Widerstand. Proteste wie die „No King“-Bewegung und linke Gegenkandidaten wie Zoran Mamdani zeigen: Die Zivilgesellschaft beginnt, sich neu zu organisieren. Die entscheidende Frage bleibt jedoch, ob auch die demokratische Partei daraus strategische Konsequenzen zieht – oder erneut den Moment verpasst.
Europa muss derweil lernen, mit einem unberechenbaren Partner umzugehen. Trumps Kurs ist volatil, sein Interesse an verlässlichen Bündnissen gering. Der NATO-Gipfel wurde zu einem Akt diplomatischer Schadensbegrenzung, doch der Schein trügt: „Diese Verlässlichkeit kann er jederzeit wieder aufkündigen.“ Auch China, so Havertz, werde bald wieder in den Fokus rücken – nicht als Nebenschauplatz, sondern als zentrales Spielfeld amerikanischer Machtpolitik. Im Gespräch mit Rieke Havertz entsteht das Bild einer Weltordnung in Bewegung – mit einem Europa, das entscheiden muss, ob es Zaungast bleibt oder selbst Gestaltungskraft entwickelt.
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Fotoquelle: Jacobia Dahm
Sex ist allgegenwärtig – und doch bleibt er oft unfassbar. In unserer medial übersexualisierten Welt ist echte Intimität selten geworden. Die Bilder, die uns umgeben, zeigen Begehren, aber kaum Verbindung. Gleichzeitig fällt es uns schwer, über das zu sprechen, was uns alle betrifft. Susann Rehlein beschreibt in ihrem Buch "Ab ins Bett – Sexuelle Späterziehung", wie tief gesellschaftliche Tabus und falsche Erwartungen in unser Denken eingraviert sind: „Sex ist unter der Bettdecke“, sagt sie. Gemeint ist damit nicht nur die Dunkelheit des Schlafzimmers, sondern auch die Sprachlosigkeit zwischen Menschen, die sich eigentlich nah sein wollen.
Was fehlt, ist nicht Wissen, sondern Bewusstsein. Rehlein plädiert für ein neues Verständnis von Sexualität – jenseits von Zielorientierung, Leistungsdruck und Rollenklischees. Sie setzt auf Neugier, auf das Zulassen von Unvollkommenheit und vor allem auf Humor. „Niemand muss kommen“, sagt sie, und formuliert damit eine befreiende Gegenposition zum funktionalen Blick auf den eigenen Körper. In der Lust gehe es nicht um Erregung auf Knopfdruck, sondern um die Fähigkeit, präsent zu sein – mit sich selbst und dem anderen. Wer sich auf diesen Gedanken einlässt, wird nicht nur ein besserer Liebhaber, sondern auch ein aufmerksamerer Mensch.
Im Gespräch mit Susann Rehlein wurde deutlich, wie dringend eine entkrampfte, offene Auseinandersetzung mit Sexualität ist – nicht nur in Paarbeziehungen, sondern auch in unserem kollektiven Selbstverständnis. Ihr Blick ist dabei nicht moralisierend, sondern zugewandt und lebensnah. Es geht ihr nicht um Rezepte, sondern um Möglichkeiten. Und darum, dass wir es uns endlich erlauben, über das zu sprechen, was uns bewegt – mit Klarheit, mit Wärme und mit einem Lächeln.
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Wer das The Table in Hamburg betritt, betritt keinen klassischen Gastraum, sondern eine Inszenierung der Nähe. Kevin Fehling hat mit seinem Drei-Sterne-Restaurant nicht nur kulinarisch Maßstäbe gesetzt, sondern auch strukturell. Er verzichtet bewusst auf die Distanz zwischen Küche und Gast, auf steife Förmlichkeit und elitäres Gehabe. Stattdessen lebt er eine neue Definition von Hochküche: reduziert auf das Wesentliche, inspiriert von der Welt, aber mit eigener Handschrift. „Wenn du mit wenig viel sagst, dann beginnt Magie“, sagt er – und meint damit Gerichte, die nicht mit Komplexität glänzen, sondern mit Klarheit.
Doch seine eigentliche Revolution findet hinter den Kulissen statt. Fehling führt sein Team mit Empathie statt Härte, mit Struktur statt Druck. Seine Mitarbeitenden bleiben – teilweise seit vielen Jahren –, weil sie in einem Umfeld arbeiten, das Menschlichkeit nicht als nettes Extra versteht, sondern als Voraussetzung für Exzellenz. Die kreativen Prozesse sind auf Augenhöhe organisiert, doch die finale Entscheidung liegt immer bei ihm. Denn was im The Table auf den Teller kommt, trägt unmissverständlich seine Handschrift – auch wenn die Idee dafür mitunter beim Schreiben auf dem Sofa oder beim Reisen durch Asien entsteht.
Kevin Fehling ist nicht nur Koch, sondern Unternehmer, Gastgeber und Weltreisender – einer, der kulinarische Grenzen auflöst, ohne seine Linie zu verlieren. Sein Ziel: nicht mehr Ruhm, nicht mehr Expansion, sondern das, was in der Branche oft fehlt – Konstanz. Ein Gespräch über Kreativität, Verantwortung, Genuss – und den Wunsch, irgendwann in Portugal mit einem Fisch vom Markt einfach nur zu grillen.
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Was bleibt vom Menschen, wenn sich Bewusstsein speichern und Körper beliebig tauschen lassen? In Tom Hillenbrands Zukunftsroman "Thanatopia" ist das Jahr 2095 eine Zeit, in der digitale Gehirnkopien, künstliche Körper und scheinbare Unsterblichkeit zum Alltag gehören. Doch was nach technischem Fortschritt klingt, wirft fundamentale Fragen auf: nach Identität, nach Menschenwürde, nach Kontrolle. Wer entscheidet über das, was uns ausmacht, wenn wir längst Teil eines Systems sind, das unser Denken besser versteht als wir selbst?
Der Autor zeigt sich optimistisch, dass neue Technologien auch Teilhabe ermöglichen – etwa in Bildung oder Medizin. Zugleich warnt er vor einem ökonomischen System, das Innovation selten gemeinwohlorientiert einsetzt. Die zunehmende Reizüberflutung durch Plattformlogiken, KI-gesteuerte Inhalte und ein schrumpfendes Verständnis für echten Diskurs habe dazu geführt, dass sich viele Menschen entkoppeln – entweder ins Private oder in digitale Echokammern. Die Kontrolle über die eigene Wahrnehmung, so Hillenbrand, sei zur entscheidenden Währung geworden – und werde es noch mehr sein, wenn Maschinen über unsere Existenz mitentscheiden.
Im Gespräch über sein Buch und die reale Gegenwart entsteht ein Bild der Zukunft, das zwischen Utopie und Warnung changiert. Hillenbrand glaubt nicht an die Erlösung durch Tech-Milliardäre, sondern an kluge Politik, Forschung und die Fähigkeit Europas, Maß zu halten. Seine literarische Zukunft ist düster – und doch durchzogen von der Hoffnung, dass der Mensch, trotz aller Rechenleistung, mehr bleibt als die Summe seiner Daten.
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Dr. Marianne Koch ist vieles gewesen: Filmstar an der Seite von Clint Eastwood, spätere Ärztin mit eigener Praxis, Radiomoderatorin, Autorin, Zeitzeugin eines ganzen Jahrhunderts. Wer ihr begegnet, spürt schnell, dass ihr Leben nicht aus Bruchstücken besteht, sondern aus konsequenten Entscheidungen. Mit 17 machte sie Abitur, studierte Medizin, pausierte für eine beispiellose Schauspielkarriere – und kehrte später dorthin zurück, wo sie immer hingehörte: in die Medizin. „Ich wusste, dass ich zurückgehe“, sagt sie. Sie wurde Ärztin, praktizierte bis ins hohe Alter, schrieb Bücher, beantwortet bis heute medizinische Fragen im Rundfunk – klar, verständlich, zugewandt.
Für Koch ist Altern kein Verfall, sondern eine Form der Entwicklung. Lernen, Bewegung, Ernährung – das sind für sie keine Dogmen, sondern Grundlagen. Wer gesund bleiben will, soll sich nicht mit Vitamintabletten abspeisen lassen, sondern aufstehen, laufen, denken, zuhören. Ihre Haltung ist dabei nie bevormundend, sondern geprägt von Erfahrung. Und von einer Beobachtung, die viele teilen dürften: Dass es uns körperlich zwar immer besser, seelisch aber häufig immer schlechter geht. Psychische Belastungen, Ängste, Isolation – all das hat zugenommen, sagt sie. Freundlichkeit sei zur Irritation geworden, Therapieplätze Mangelware. Umso mehr brauche es Zuwendung – nicht nur in der Medizin, sondern im täglichen Miteinander.
Dass Dr. Marianne Koch mit über 90 noch publiziert, reflektiert und sich einmischt, ist nicht das Erstaunliche – es ist fast logisch. Weil sie nie aufgehört hat, sich zu interessieren. Ihr Ratschlag am Ende: mutig sein, auch wenn man nicht weiß, wie es ausgeht. Das sagt sie nicht aus Pose, sondern aus Überzeugung – und mit der Gelassenheit einer Frau, die das Leben nicht verträumt, sondern durchdrungen hat.
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Fotoquelle: Acorn, 2023
Clara Hunger gehört zu einer neuen Generation von Köchinnen, die Genuss nicht nur als sinnliche Erfahrung, sondern auch als gesellschaftliche Haltung begreifen. Ihre Küche ist salzig, säurebetont, kreativ – und bewusst ohne geografisches Etikett. Im nullkommaeins, einer Pop-up-Weinbar in Hamburg, die sie gemeinsam mit zwei Kollegen betreibt, bringt sie Aromen zusammen, die überraschen sollen, aber zugänglich bleiben. Ihre Inspiration: Erlebnisse aus Restaurants in Paris, Rom oder Barcelona – aber auch die Erinnerungen an ihre Großmutter, die ihr als Kind das Kochen nahebrachte.
Dass sie als Frau in der Gastronomie noch immer mehr leisten muss, um gesehen zu werden, spricht Hunger offen an. Von sexistischem Küchenton über fehlende Vereinbarkeit mit Familie bis hin zur geringen Sichtbarkeit auf großen Bühnen – strukturelle Ungleichheiten sind für sie keine Nebensache, sondern Teil eines Systems, das sich verändern muss. Sie fordert mehr Vorbilder, politische Aufmerksamkeit und ein Umdenken in einer Branche, die Vielfalt braucht – nicht nur auf dem Teller.
Auch kulinarisch plädiert Hunger für mehr Bewusstsein. Genuss sei in Deutschland zu selten Teil der Alltagskultur, die Wertschätzung für gute Produkte und gastronomisches Handwerk zu niedrig. „In Frankreich geht Macron ins Sternerestaurant – bei uns gehen Politiker zu McDonald’s“, sagt sie. Ein Gespräch über Geschmack als Haltung, Sichtbarkeit als Notwendigkeit – und über die Kraft eines Gerichts, das zugleich an Vergangenes erinnert und Zukünftiges möglich macht.
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