Gin And Talk

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By The 48forward StudiosSociety & CultureDocumentaryPhilosophy
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Gin And Talk episodes

  • Ansa Sauermann über Empörung, Demokratie und die Kunst des Widerspruchs
    Über Spaltung – und die Sehnsucht nach einem Wir

    „Geht’s noch“ ist ein Titel ohne Fragezeichen – und genau darin liegt seine Kraft. Für Ansa Sauermann ist er Ausruf und Diagnose zugleich: Ausdruck einer Erschöpfung in Zeiten der Dauerempörung. Sein neues Album ist nicht als politisches Projekt geplant gewesen, sondern „eine logische Konsequenz, eine Notwendigkeit“. Zu viel habe sich angestaut – in Freundschaften, die an politischen Differenzen zerbrechen, in Debatten, die nur noch aus Zuschreibungen bestehen. „Es gibt keine Debattenkultur mehr, keine gesunde mehr. Es gibt nur noch auf die Fresse“, sagt Sauermann. Zugleich warnt er vor Vereinfachungen: Nicht jeder, der anders denke, sei ein Extremist. Entscheidend sei, „im Gespräch zu bleiben“, ohne dabei Grenzen gegenüber menschenfeindlichen Positionen zu verwischen.

    Sauermann kritisiert eine Gesellschaft, in der viele glauben, Engagement bestehe im Repost oder im empörten Kommentar. „Es muss nicht jeder immer eine Meinung zu allem haben“, sagt er – und plädiert für Zuhören als politische Tugend. Politik beginne nicht erst bei Wahlen, sondern im Alltag, im konkreten Handeln, im Verlassen der eigenen Bubble. Dass Popmusik sich lange aus gesellschaftlichen Konflikten zurückgezogen habe, sieht er skeptisch. „Kunst war nie unpolitisch. Und Gott bewahre vor dem Tag, wo es das wird.“ Seine Songs wollen dabei nicht belehren, sondern den „Finger in die Wunde legen“ – ohne Zeigefinger, ohne moralische Überhöhung.

    Auch in der Produktion suchte Sauermann nach Unmittelbarkeit statt Perfektion. Viele Stücke entstanden zunächst zu Hause, frei von Studiouhr und Erwartungsdruck. „Am Ende gewinnt immer der beste Take gegen die Soundqualität“, sagt er – manchmal blieb genau die raue Demospur auf dem Album. So ist „Geht’s noch“ nicht nur ein Kommentar zur politischen Gegenwart, sondern auch ein ästhetisches Statement: gegen Überproduktion, gegen Überhitzung, gegen das ständige Besserwissen. Im Gespräch über das Album wird deutlich, dass Sauermann weniger Antworten liefern will als Räume öffnen – für Zweifel, für Widerspruch und für die Hoffnung, dass aus Lärm wieder ein Gespräch werden kann.

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    1 hr 6 min
  • Eva Asselmann über Überforderung, Reizflut und Selbststeuerung
    Warum wir in einer beschleunigten Welt Halt verlieren

    Das Gefühl, dass alles zu viel ist, gehört inzwischen zum Grundton unserer Zeit. Push-Nachrichten, E-Mails, Social Media, globale Krisen – der Alltag ist ein Dauerfeuer aus Reizen, das kaum Pausen kennt. Die Psychologin Prof. Dr. Eva Asselmann verweist darauf, dass das Stressempfinden in den vergangenen Jahren messbar gestiegen ist. Zwar habe die gewachsene Aufmerksamkeit für mentale Gesundheit dazu geführt, dass Menschen offener über Belastung sprechen. Doch selbst wenn man diesen Effekt berücksichtigt, bleibe das Niveau hoch. „Wir finden, dass sich in den letzten Jahren, Jahrzehnten das Stressempfinden von Menschen immer mehr zugespitzt hat“, sagt sie. Das Leben sei schneller, verdichteter, komplexer geworden – und damit anstrengender.

    Hinzu kommt eine Gesellschaft, die Freiheit verspricht und zugleich permanent bewertet. Wer aus unzähligen Optionen wählen kann, muss auch ständig entscheiden – und zweifeln. Social Media verschärft diesen Druck. In einer „Selbstoptimierungsgesellschaft“ mit „immensem Leistungsdruck“ seien Menschen täglich mit idealisierten Bildern konfrontiert. „Wir wissen zwar, dass das unrealistisch ist“, sagt Asselmann, „aber trotzdem nehmen wir das emotional für bare Münze.“ Das Resultat ist oft das nagende Gefühl, nicht zu genügen. Gleichzeitig wächst in unsicheren Zeiten die Sehnsucht nach einfachen Antworten. Komplexität überfordert – klare Narrative beruhigen.

    Doch Überforderung ist kein Schicksal. Asselmann plädiert für kleine, realistische Schritte: das eigene Nutzungsverhalten beobachten, digitale Reize begrenzen, bewusste Pausen einlegen, soziale Beziehungen pflegen. „Es lohnt sich erstmal klein anzufangen, anstatt alles umkrempeln zu wollen.“ Wer lernt, sich im Hier und Jetzt zu verankern und den Fokus auf den nächsten konkreten Schritt zu richten, kann dem Zuviel etwas entgegensetzen. In ihrem Buch "Too much" entfaltet Asselmann diese Gedanken ausführlich – und zeigt, dass Selbstregulation zur Schlüsselkompetenz einer beschleunigten Welt geworden ist.

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    41 min
  • Jürgen Trittin über Macht, Europa und die neue Weltordnung
    Eine Weltordnung im Umbruch und Europas Rolle darin

    Die geopolitische Lage der Gegenwart beschreibt Jürgen Trittin als einen „Zeitenbruch“. Nach Jahrzehnten relativer Stabilität sei die Rückkehr imperialer Machtpolitik nicht mehr zu übersehen – in Russland ebenso wie in den USA. Putins Angriff auf die Ukraine deutet er als Versuch, ein historisches Imperium wiederherzustellen, während die Vereinigten Staaten unter Donald Trump zunehmend eine Rolle als klassische Großmacht akzeptieren, statt als globaler Hegemon aufzutreten. Für Europa bedeutet diese Entwicklung eine fundamentale Herausforderung: Die Vorstellung, wirtschaftliche Verflechtung allein könne Konflikte verhindern, habe sich als zu optimistisch erwiesen.

    Trittin warnt jedoch davor, Europa kleinzureden. Mit rund 450 Millionen Bürgerinnen und Bürgern, einem starken Binnenmarkt und hoher Rechtssicherheit verfüge der Kontinent über erhebliche Machtressourcen. Gerade deshalb müsse Europa selbstbewusster auftreten – wirtschaftlich, technologisch und politisch. Dazu gehöre auch, sich unabhängiger von amerikanischer Infrastruktur zu machen, etwa bei Cloud-Diensten, Software oder Satellitensystemen. „Resilienz kostet“, sagt Trittin – doch strategische Unabhängigkeit sei der Preis für politische Handlungsfähigkeit in einer zunehmend konfliktreichen Welt.

    Gleichzeitig sieht er auch im Inneren eine zentrale Aufgabe: Demokratie müsse liefern. Wenn politische Entscheidungen immer wieder verwässert würden oder Reformen aus Angst vor Konflikten zurückgenommen würden, verliere Politik ihre Glaubwürdigkeit. Gesellschaften könnten nur funktionieren, wenn sie Konflikte aushalten und Mehrheitsentscheidungen respektieren. Trotz vieler beunruhigender Entwicklungen bleibt Trittin deshalb bei einem vorsichtigen Optimismus. Mit einem Verweis auf den italienischen Philosophen Antonio Gramsci formuliert er seine Haltung so: Pessimismus des Geistes – aber Optimismus des Willens. Denn ob sich die Welt zum Besseren oder Schlechteren entwickelt, sei letztlich keine Frage des Schicksals, sondern menschlichen Handelns.

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    59 min
  • Elfie Donnelly über Geschichten, Sehnsucht und Unabhängigkeit
    Wie Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg das Licht der Welt erblickten

    Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg sind Figuren, die nie laut sein mussten, um Wirkung zu entfalten. Sie entstanden in einer Zeit, in der Kinderliteratur noch nicht durch Marktlogiken, sondern durch Haltung geprägt war. Elfie Donnelly erfand ihre Welten nicht mit pädagogischem Zeigefinger, sondern aus einem inneren Bedürfnis heraus: Geschichten zu erzählen, die Freiheit spürbar machen. Fantasie war bei ihr nie Eskapismus, sondern eine Form von Selbstermächtigung – für Kinder wie für Erwachsene.

    Geprägt von Brüchen, Verlusten und einer Kindheit zwischen Klassen und Kulturen, wurde Schreiben für Donnelly früh ein Zufluchtsort. Ihre Figuren tragen diese Erfahrung in sich: Sie widersprechen Autoritäten, ohne zynisch zu sein, und sie nehmen Kinder ernst, ohne sie zu überfordern. Dass diese leise Anarchie bis heute trägt, liegt gerade daran, dass sie nie erklärt, sondern erzählt wurde.

    Heute blickt Donnelly kritisch auf eine Kultur, die Kindgerechtigkeit oft mit Harmlosigkeit verwechselt und Kreativität zunehmend an Algorithmen delegiert. Für sie bleibt Schreiben ein zutiefst menschlicher Akt – einer, der Zeit braucht, Zweifel zulässt und sich nicht optimieren lässt. Genau deshalb wirken ihre Geschichten weiter: weil sie Raum lassen, statt ihn zu füllen.

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    59 min
  • Alice Merton über Intuition, Abschied und Selbstbestimmung
    Freiheit beginnt mit einer Entscheidung

    Alice Merton hat sich in den vergangenen Jahren als eine Künstlerin etabliert, die lieber nach innen hört als nach außen schreit. Ihr neues Album „Visions" ist kein kalkulierter Chartversuch, sondern eine musikalische Selbstvergewisserung. Es erzählt von Abschied und Selbstbestimmung, von der Kraft, Menschen hinter sich zu lassen, die einem nicht guttun – und davon, wie viel Mut es braucht, genau das zu erkennen. „Ich habe die Kraft, selbst zu entscheiden, wen ich noch in meinem Leben haben möchte“, sagt Merton. Es sind Sätze wie dieser, die zeigen, wie sehr sie sich von der Getriebenheit früherer Jahre gelöst hat. Nicht das nächste große Ziel zählt, sondern die Entscheidung, auf sich selbst zu hören – auch wenn das bedeutet, gegen Erwartungen zu leben.

    In der Stille Islands hat sie genau diesen Raum gefunden. Dort, wo Elfen in den Felsen wohnen und der Wind die Rhythmen vorgibt, entstand ein Teil des Albums – organisch, reduziert, ehrlich. Merton spricht über Einsamkeit als Möglichkeit zur Konzentration, über Klang als Resonanzkörper für Erinnerungen, über Instrumente aus Stein und Wasser. Das Album ist durchzogen von dieser Atmosphäre: weniger Synths, mehr echte Drums, Gitarren, Stimmen, die nicht gefallen, sondern erzählen wollen. Gleichzeitig stellt sie sich der Flüchtigkeit der Gegenwart – dem Druck, permanent Inhalte für Social Media zu produzieren. Doch Merton widersteht der Versuchung, sich selbst in Echtzeit zu verkaufen. „Ich will, dass man mich durch meine Musik kennenlernt. Nicht durch meine täglichen Storys.“

    Was bleibt, ist ein Album, das Tiefe sucht – und Nähe zulässt, ohne sich anzubiedern. Ein Werk, das sich dem Leben nicht in seiner Oberfläche nähert, sondern durch Verletzlichkeit und Intuition einen anderen Zugang eröffnet. In unserem Gespräch zeigte sich Alice Merton als nachdenkliche, wache Beobachterin ihrer selbst und der Welt. Sie spricht über Liebe, über den Tod, über das Gefühl, dass auch Heimat manchmal nur ein Mensch sein kann – oder ein Moment, der bleibt. Visions ist deshalb mehr als eine Sammlung neuer Songs. Es ist eine Einladung, sich selbst zu begegnen – jenseits von Lärm und Erwartung.

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    51 min
  • Fredy Gareis über Freiheit, Autorität und den neuen Eisernen Vorhang
    Der lange Schatten der Ordnung

    Autoritäre Systeme entstehen selten im offenen Bruch. Sie wachsen in kleinen Verschiebungen, die sich jeweils noch rechtfertigen lassen. „Man rationalisiert sich das ja immer ein Stück hin“, sagt Fredy Gareis. „Jetzt schauen wir erstmal, so schlimm wird es ja nicht werden.“ Gerade Gesellschaften mit historischer Erfahrung neigen paradoxerweise dazu, das Neue zu übersehen, weil sie es am Alten messen. Wer erwartet, dass Autoritarismus so aussieht wie im 20. Jahrhundert, erkennt ihn oft erst, wenn er längst wirksam ist – als schleichende Gewöhnung an Ordnung, Kontrolle und Vereinfachung.

    Für sein Buch "Als ich gegen Stalin im Armdrücken gewann" reist Gareis entlang des neuen Eisernen Vorhangs und beschreibt ein Europa, das im Westen häufig als homogene, graue Fläche wahrgenommen wird. Tatsächlich jedoch zeigen sich gerade in den Ländern des Nordens und Ostens unterschiedliche, historisch geprägte Antworten auf Macht und Bedrohung. In Finnland etwa wird Verteidigung nicht als Militarismus verstanden, sondern als Teil gesellschaftlicher Vorsorge; Bildung, Kultur und öffentliche Infrastruktur gelten dort als Sicherheitsfaktoren. „Selbstvertrauen kommt davon, dass du weißt, was du tust“, schreibt Gareis – Freiheit erscheint hier nicht als abstraktes Ideal, sondern als etwas, das organisiert, trainiert und geschützt werden muss.

    Gleichzeitig beschreibt Gareis eine wachsende Sehnsucht nach autoritärer Ordnung, gespeist aus Enttäuschung über eine Freiheit, die sich vielerorts auf Konsum reduziert hat. Stalin wird dabei weniger als historische Figur erinnert denn als Chiffre für die „eiserne Hand“, die Chaos beendet und Klarheit verspricht. Gareis nennt das eine „Politik der Ewigkeit“: ein Versprechen auf Stabilität, das stets in der Zukunft liegt und doch nie eingelöst wird. Sein Buch liest sich damit auch als Warnung – vor Selbstzufriedenheit, vor politischer Bequemlichkeit und vor der Illusion, Freiheit sei ein Zustand, der sich von selbst erhält.

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    56 min
  • Sophia Maier über Krieg, Angst und Menschlichkeit
    Die vermissten Geschichten des Krieges

    Kriegsreporterin Sophia Maier hat in den vergangenen Jahren erlebt, wie sehr sich Konflikte in unsere Gegenwart hineindrängen – und wie schnell dabei die Menschen hinter den Schlagworten verschwinden. Sie spricht von „existenziellem Angstgefühl“, das sie erstmals in der Ukraine erfasste, und davon, dass der natürliche Reflex in solchen Momenten nicht Flucht, sondern Arbeit sein kann: „Was gibt mir Halt? Reporterin sein.“ Ihre Erfahrung verweist auf ein größeres Problem unserer Zeit: Der Krieg ist in unseren Feeds allgegenwärtig, aber die individuellen Lebensgeschichten, die ihn ausmachen, verlieren an Platz. Stattdessen dominiert eine Sprache der Entmenschlichung, die Geflüchtete in Kategorien sortiert und politische Verantwortung oft ausblendet.

    Maier erlebt, wie komplexe Zusammenhänge im öffentlichen Diskurs verschwinden. Flucht werde behandelt, „als wäre sie eine Naturkatastrophe“, sagt sie, obwohl westliche Politik, Klimawandel und jahrzehntelange geopolitische Entscheidungen zentrale Ursachen sind. Gleichzeitig verlieren viele Menschen das Vertrauen in Medien – nicht aus ideologischen Gründen, sondern weil sie sich nicht mehr gesehen fühlen. Das ungefilterte Übermaß an Bildern aus Kriegsgebieten überfordert zusätzlich. Selbst sie, die beruflich daran gewöhnt ist, sagt: „Ich habe Bilder gesehen, die ich in meine Träume mitgenommen habe.“ In dieser Gemengelage gewinnen Personenmarken an Einfluss, während institutioneller Journalismus an Autorität verliert – eine gefährliche Verschiebung, die demokratische Öffentlichkeit unter Druck setzt.

    Ihre Arbeit führt Maier immer wieder zu jenen, deren Geschichten sonst unsichtbar bleiben – zu Familien in Syrien, Kindern in Aleppo, Zivilisten in der Ukraine, aber auch zu Akteuren wie der Hamas oder den Taliban. Objektivität sei unter solchen Bedingungen ein schwieriges Ideal, wichtiger sei Haltung dort, wo es um Unverhandelbares geht: Menschenrechte, Menschenwürde, Überleben. Für all das zahlt sie einen persönlichen Preis: Jahre voller Bedrohungen, Übergriffen und traumatischer Erfahrungen haben Spuren hinterlassen, und erst spät lernte sie, sich selbst Pausen zuzugestehen.

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    50 min
  • Eric Wrede über Rituale, Trauerarbeit und emotionale Selbstwirksamkeit
    Wenn der Tod die Tür öffnet

    Der Tod ist ein Tabu, das sich hartnäckig hält – obwohl er das Einzige ist, was uns alle mit Gewissheit verbindet. Wir planen unser Leben bis ins Detail, sichern uns ab, sorgen für die Rente vor – und doch trifft uns der Tod meist unvorbereitet. Eric Wrede, ehemaliger Musikmanager und heutiger Bestatter, plädiert für einen offeneren Umgang mit dem Sterben. Trauer, sagt er, sei kein Ausnahmezustand, sondern ein Teil des Lebens. Wer sich ihr stellt, wachse daran. Nicht selten werde ein gesunder Trauerprozess zum Katalysator für mehr Empathie, Selbstreflexion und Klarheit im Leben.

    Was wie ein persönlicher Weg klingt, hat tiefere gesellschaftliche Konsequenzen. Studien zeigen: Menschen, die Verluste nicht verarbeitet haben, sind anfälliger für einfache Antworten und rückwärtsgewandte politische Versprechen. Wer nicht gelernt hat, mit unwiderruflichen Veränderungen umzugehen, sehnt sich nach der Wiederherstellung eines Idealzustands – so entstehen politische Resonanzräume für Populismus. Der Tod ist also nicht nur individuell schmerzhaft, sondern auch politisch bedeutsam. Wrede sieht seine Aufgabe daher nicht allein im Organisieren von Bestattungen, sondern darin, Menschen zu befähigen, in einer extremen Situation handlungsfähig zu bleiben – emotional, organisatorisch, gesellschaftlich.

    Der Dokumentarfilm "Der Tod ist ein Arschloch", der Wrede über zwei Jahre begleitet hat, zeigt, wie dieser Anspruch in der Praxis aussieht – nah an den Menschen, nie pathetisch, aber stets mitfühlend. „Ich habe mich an tote Körper gewöhnt, aber nicht an tote Kinder“, sagt Wrede. Es ist dieser ehrliche, unprätentiöse Ton, der seine Arbeit so besonders macht. Wer den Film sieht, begreift: Der Tod ist nicht das Ende. Er ist ein Moment der Entscheidung, wie wir mit dem Leben umgehen wollen.

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    54 min
  • Peter Freudenthaler über Lemon Tree, Musik und Haltung
    Der Zitronenbaum und das, was blieb

    Es gibt Songs, die klingen wie ein Zeitstempel. Lemon Tree ist so einer. Fast jeder kennt ihn, fast jeder kann ihn mitsingen – und das seit fast 30 Jahren. Für Peter Freudenthaler, den Sänger von Fools Garden, war der Erfolg dieses Liedes nie planbar, nie kalkuliert. Der Song sei einfach da gewesen, sagt er. Nicht er habe ihn geschrieben, sondern er sei ihm passiert. Dass dieser eine Moment ihn bis heute begleitet, weltweit Türen geöffnet und sein Leben geprägt hat, beschreibt er nicht mit Eitelkeit, sondern mit Dankbarkeit. „Lieber auf einen Song angesprochen werden als auf keinen“, sagt er - und meint das ernst.

    Freudenthaler erzählt nicht nur von Ruhm und Tourneen, sondern auch von der Verantwortung, die mit öffentlicher Aufmerksamkeit einhergeht. Als politischer Mensch setzt er leise, aber klare Zeichen. In seinen Konzerten spricht er über Dankbarkeit, über das Vergessen der Selbstverständlichkeiten - und über die Notwendigkeit, Haltung zu zeigen. Songs wie Those We Lost at Sea, die dem Sterben Geflüchteter im Mittelmeer gewidmet sind, zeigen, wie Musik zum Träger von Mitgefühl werden kann. Gleichzeitig ist da die Sorge um eine Gesellschaft, die sich in digitalen Möglichkeiten verliert und in der KI bald glaubwürdiger klingt als der Mensch selbst. Vielleicht, sagt Freudenthaler, wächst gerade deshalb das Bedürfnis nach Nähe, nach Echtheit, nach echter Verbindung.

    Sein Buch "Mein Leben als Zitronenbaum" ist kein Vermarktungstrick, sondern ein persönlicher Versuch, Erfahrungen festzuhalten - für seine Kinder, für sich selbst. Erinnerungen, die beim Schreiben zurückkamen, Fragen, die unbeantwortet blieben, Momente, die sich mit Musik verbinden. Über 150 Songs hat Fools Garden geschrieben, viele davon abseits der öffentlichen Wahrnehmung. Dass einer von ihnen die Welt erobert hat, versteht Freudenthaler nicht als Bürde, sondern als Geschenk. Ein Geschenk, das er weiterträgt - mit neuen Liedern, auf der Bühne, im Gespräch. Und in der Hoffnung, dass Musik noch immer der Ort ist, an dem wir uns begegnen können, jenseits von allem, was uns trennt.

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    50 min
  • Joshi (ZSK) über Punk, Antifaschismus und Zivilcourage
    Zwischen Wut und Widerstand

    Es ist eine seltsame Zeit: Während die politischen Extreme lauter werden, wächst bei vielen die Sehnsucht nach einfachen Antworten. Für Musiker wie Joshi von ZSK ist diese Entwicklung nicht theoretisch, sondern täglich spürbar. „Ich hätte wirklich nie gedacht, dass wir nochmal eine Situation bekommen, in der eine offen antisemitische, rechtsextreme Partei überall in den Parlamenten sitzt“, sagt er. Was früher undenkbar schien, ist zur neuen Normalität geworden – befeuert durch digitale Echokammern, gezielte Desinformation und eine Gesellschaft, die zwischen Überforderung und Abgestumpftheit schwankt. Wenn konservative Stimmen rechte Narrative übernehmen, verschiebt sich der Diskurs weiter; erreicht werden jene, die längst postfaktisch leben, damit jedoch kaum.

    Für Joshi ist Punkrock mehr als Musik – es ist ein politisches Werkzeug, ein Ventil gegen Resignation und eine Form der Selbstbehauptung. „Ich habe keine Angst vor Nazis. Aber Nazis haben Angst vor uns“, sagt er und meint damit eine widerständige Zivilgesellschaft, die sich nicht einschüchtern lässt. Sein Blick auf die Kulturlandschaft ist klar: Künstlerinnen und Künstler sollten sich stärker zeigen, nicht als moralische Instanz, sondern als solidarische Kraft. Er träumt von großen Acts, die bewusst in Regionen auftreten, „wo es brennt“, um denen den Rücken zu stärken, die dort häufig allein stehen. Parallel dazu sieht er eine zweite Verantwortung – die der Eltern. Kindern könne man weit mehr zutrauen, wenn es um Demokratie, Menschenrechte und Rassismus geht; politische Bildung beginne im Alltag, nicht erst im Lehrplan.

    Seine Kinderkonzerte zeigen, wie niedrigschwellig Haltung vermittelt werden kann: keine weichgespülte Kindermusik, sondern echte Punkkonzerte für junge Menschen. Dort erlebt man nicht nur, wie Musik verbindet, sondern auch, wie früh politische Grundhaltungen wachsen können. Und doch bleibt am Ende eine Sorge: Wie erreicht man Menschen, die keine Argumente mehr zulassen? „Wenn jemand bei allem sagt: ‚Glaube ich nicht‘, kommen wir nicht weiter“, sagt Joshi. Was er sich wünscht, ist schlicht – und zugleich radikal: eine Gesellschaft, die wieder zuhört.

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