Der Aufstieg des Rechtspopulismus in Deutschland und anderen Teilen der Welt ist kein isoliertes Phänomen, sondern das Ergebnis tiefgreifender Veränderungen, die bis in die 1980er Jahre zurückreichen. Ece Temelkuran, Autorin und scharfsinnige Kritikerin autokratischer Strukturen, sieht die Wurzeln dieser Entwicklung im Neoliberalismus, der die Würde der Menschen brach und Raum für populistische Manipulationen schuf. Wenn Menschen ihrer Würde beraubt werden, suchen sie Zuflucht im Stolz – eine Emotion, die von Rechtspopulisten gezielt mobilisiert wird, indem sie Sündenböcke schaffen und soziale Spannungen verschärfen.
Für Temelkuran liegt der Schlüssel zum Widerstand nicht in bloßen Fakten oder rationalem Diskurs, sondern in einer Politik, die Würde und Gleichheit in den Mittelpunkt stellt. Freiheit sei oft ein irreführender Begriff, betont sie, da viele Menschen weniger nach abstrakter Freiheit als nach Anerkennung und sozialer Gerechtigkeit streben. Nur durch einen Fokus auf diese Werte könne der zerstörerischen Emotionalität der Rechtspopulisten entgegengewirkt werden. Deutschland habe in der Vergangenheit gezeigt, dass es in der Lage sei, die Grundlagen der Demokratie zu stärken, doch es brauche eine stärkere Auseinandersetzung mit den Emotionen der Menschen.
Trotz der aktuellen Herausforderungen bleibt Temelkuran optimistisch. Sie sieht Deutschland in einer Schlüsselrolle, um global ein Zeichen gegen den Rechtspopulismus zu setzen. Dabei betont sie die Notwendigkeit, nicht nur an die Schrecken des Dritten Reichs zu erinnern, sondern auch die Lehren großer Denker wie Hannah Arendt und Walter Benjamin ins Bewusstsein zu rufen. Der Kampf gegen Faschismus, so Temelkuran, erfordert moralische Standhaftigkeit und die Entschlossenheit, politische Schönheit zu schaffen – nicht durch einfache Antworten, sondern durch eine gelebte Vision von Würde und Gerechtigkeit.
Das Gespräch wurde am 15. Januar 2025 im Rahmen der DLD Conference in München aufgezeichnet.
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Fotoquelle: Ulrike Froemel for DLD/Hubert Burda Media