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  • Jordanien – ein Königreich im Dauer-Lockdown
    Keine Woche vergeht in Jordanien ohne Lockdown, keine Nacht ohne Ausgangssperre – seit mehr als einem halben Jahr. Die Coronakrise ist nicht überwunden und die Wirtschaft steckt in der Krise. Eine Reise durch Jordanien offenbart die wirtschaftliche Not und ein Land, das festgefahren ist.
    Fast aus dem Nichts hat der mächtige jordanische König Abdullah II. am 17. März Militärrecht in Kraft gesetzt. Seither befindet sich das Land im Dauer-Lockdown. Die wirtschaftlichen Folgen sind gravierend: Sie übertreffen selbst die Auswirkungen, die Kriege in den Nachbarländern Irak und Syrien auf Jordaniens Wirtschaft hatten. Noch nie in der Geschichte des Landes war die Arbeitslosigkeit so hoch. Es hat ein regelrechtes Massensterben von kleinen Betrieben eingesetzt. Der Tourismus ist völlig eingebrochen. Die wirtschaftliche Hilfe der Regierung ist spärlich. Der Automechaniker in Salt bei Amman bangt deshalb genauso um seine Existenz wie der Beduine, der Besucher durch die antike Stadt Petra führt.
    Zu Beginn der Coronakrise waren die Menschen stolz auf die zwar drastischen, aber scheinbar wirksamen Massnahmen ihrer Regierung: COVID-19 schien in Jordanien keine Chance zu haben. Inzwischen zweifelt die Bevölkerung an den Massnahmen ihrer Regierung. Sie verhängt Ausgangssperren kurzfristig und scheinbar willkürlich, ohne sichtbaren Erfolg: Offiziell zählt Jordanien mit seinen zehn Millionen Einwohnern Tag für Tag Tausende von neuen Ansteckungen. Und mehr als 70 Prozent der Jordanierinnen und Jordanier blieben am 10. November der Parlamentswahl fern – aus Angst vor dem Virus oder weil sie das Parlament für machtlos halten. Hinter vorgehaltener Hand kritisieren sie, dass sie fast nur Kandidaten einflussreicher Stämme wählen konnten.
    Doch kaum jemand wagt direkte Kritik, offenes Hinterfragen der politischen Verhältnisse bleibt selten in Jordanien. Ein Wandel zeichnet sich nicht ab – und das Land befindest sich auch in einem politischen Lockdown. Derweil fürchten Weltbank und IWF um das Königreich: Der lange Lockdown wirke sich verheerend auf die ohnehin schwache jordanische Wirtschaft aus. Die Coronakrise könne die Stabilität des Landes gefährden
    29 min
  • Belgien und Kongo: Lange Schatten der Geschichte
    60 Jahre nach der Unabhängigkeit von Belgien versinkt Kongo-Kinshasa in Armut und Gewalt. Welche Verantwortung trägt Belgien dafür? Und wie geht das Land mit seiner Vergangenheit als Kolonialmacht um?
    «Black Lives Matter!» – Dieser Protestruf schallte diesen Sommer nicht nur in den USA durch die Strassen. Die Tötung des Afroamerikaners George Floyd löste auf der ganzen Welt Demonstrationen aus gegen Rassismus und Diskriminierung. Auch in Belgien: Zum ersten Mal in der Geschichte gebe es einen breiten, kritischen Diskurs über die eigene koloniale Vergangenheit, sagen Alexander Göbel und Michael Schneider, Autoren der Sendung und Korrespondenten der ARD in Brüssel.
    Die Aktivistinnen und Aktivisten fordern unter anderem, dass die Statue von König Leopold II, die vor dem belgischen Königspalast steht, aus dem öffentlichen Raum verschwinden müsse, weil dieser im Kongo für unbeschreibliche Gräueltaten verantwortlich gewesen sei. «Er hat über zehn Millionen Afrikanerinnen und Afrikaner umgebracht», sagt der 14-jährige Aktivist Noah. «Dafür darf er nicht auf einen Sockel gestellt und verehrt werden.» Deshalb hat Noah eine Petition lanciert, um die Statue zu entfernen. Mehr als 80'000 Personen haben sie unterschrieben. Und: Das belgische Parlament hat eine Wahrheits- und Versöhnungskommission einberufen.
    Doch es gibt auch Widerstand. Vonseiten von Historikern etwa, die finden, Denkmäler abzureissen sei der falsche Weg, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Und vor allem das belgische Königshaus hat kein Interesse an einer grundsätzlichen Debatte; nicht zuletzt wegen der Besitztümer im Kongo, die ihm noch immer gehören.
    29 min
  • Der Mekong, die bedrohte Lebensader Südostasiens
    Vom tibetischen Hochplateau bis nach Vietnam fliesst der gewaltige Mekong. Er ist ein einzigartiges Ökosystem und die Lebensader von 60 Millionen Menschen. Doch Staudämme und der Klimawandel haben den Flusslauf und das Leben an und im Mekong verändert. Die Lebensader ist bedroht.
    Der kambodschanische Fischer Rous Sary ist enttäuscht. Er hebt die Fischreuse empor und sagt: «Das sind nur wenige Fische! Früher haben wir viel mehr gefangen.» 70 Kilogramm Fisch pro Tag brachte er früher nach Hause. Heute lohnt sich der Fischfang kaum mehr. Mehr und mehr Menschen leiden deshalb an Fehlernährung – denn Fisch ist die Nahrungsgrundlage eines Grossteils der kambodschanischen Bevölkerung.
    Kambodscha und Vietnam liegen am Unterlauf des 4350 Kilometer langen Mekong. Beide Länder spüren die Auswirkungen der zahlreichen Dämme und Flusskraftwerke, die China und Laos am Oberlauf des gewaltigen Stroms gebaut haben. Die Dämme haben den Wasserstand und den Fluss selbst bereits verändert. Mehr Dämme heisst: Es gibt weniger Fische, und der Fluss transportiert weniger Sedimente. Der Klimawandel verschärft das Problem. Das fragile Ökosystem des Mekong ist aus dem Gleichgewicht.
    Es gibt aber auch Hoffnung. Es waren wirtschaftliche Gründe, die zu einem Wildwuchs an Wasserkraftwerken und Dämmen am Mekong führten. Die teure Wasserkraft ist inzwischen immer weniger gefragt, andere erneuerbare Energien sind billiger. Und einige Länder entlang des Mekong erkennen die Dringlichkeit des Problems.
    29 min
  • Die Elbvertiefung oder: Herr Buckow fischt im Trüben
    Vom Hafen Hamburg bis zur Nordsee wird die Elbe ausgebaggert, um Platz zu schaffen für die Containerschiffe. Für die Reeder ist das zwingend, doch: Das Watt verschlickt, den Fischen fehlt Stauerstoff, die Deichsicherheit leidet. Eine Reise der Elbe entlang von Hamburg nach Cuxhaven.
    Der Hafen ist das Herz der Stadt Hamburg – er liegt mitten drin, und doch nicht am Meer. Die immer grösseren Containerschiffe fahren über 100 Kilometer auf der Elbe von der Nordsee nach Hamburg hinauf und zurück. Stets war der Hafen als Wirtschaftsmotor - verantwortlich für 150'000 direkte und indirekte Arbeitsplätze - unbestritten. Für Regierung und Wirtschaft steht ausser Zweifel, dass die sog. Fahrrinnenanpassung der Elbe den Hafen wettbewerbsfähig macht. Das heisst, dass Fluss und Hafen immer wieder ausgebaggert werden müssen, damit die 400 Meter langen und 60 Meter breiten Schiffe leichter in den Hafen kommen. Tonnen von Schlick werden so abtransportiert und vor der Elbmündung wieder ins Meer verklappt, von wo die Flut ihn erneut die Elbe hinauf spült. Auf diese Weise wird das Sandwatt im Nationalpark vor Cuxhaven mit belastetem Hafen-Schlick verdreckt.
    Krabbenfischer Torben Hinners musste sich einen grösseren Kutter kaufen, weil die Fanggebiete in Küstennähe aufgeschüttet werden und er weiter aufs Meer hinausfahren muss. Elbfischer Lothar Buckow fängt so gut wie keinen Stint mehr. Das Wasser ist durch das dauernde Baggern völlig eingetrübt, dem Fisch, der in der Elbe laicht, fehlt Sauerstoff.
    Das Alte Land vor den Toren Hamburg gilt als Obstgarten von Deutschland. Die Obstbauern sind bei anhaltender Hitze auf Wasser aus der Elbe angewiesen. Doch durch die Vertiefung der Elbe kommt das salzige Meerwasser immer weiter flussaufwärts – dadurch auch noch die grosse Sorge vor einer erneuten Flut. Die Menschen, die an der Unterelbe leben, erzählen sich noch heute von der grossen Sturmflut von 1962. Damals brachen die Deiche, 315 Menschen starben, unzählige verloren ihr gesamtes Hab und Gut. Heute müssen die Deiche immer wieder erhöht werden, aber die Kräfte, die unten auf sie einwirken, nehmen zu.
    28 min
  • «Ich habe Hunger gesehen – mitten in Rom»
    Rom im Herbst 2020. Die «Ewige Stadt» leidet. Unter der Corona-Pandemie. Der Tourismus: eingebrochen. Die Bevölkerung: verunsichert. Die Furcht geht um, vor noch mehr Arbeitslosigkeit, vor Abstieg, Armut. Der Staat bleibt nicht untätig. Aber im Hintergrund lauert das organisierte Verbrechen.
    «Ricordi die Roma», steht über Alessia Astrologos Souvenirladen in Italiens Hauptstadt. «Erinnerungen an Rom». Das klingt wie eine Ironie auf eine Zeit, die es heute nicht mehr gibt. Die Gäste aus aller Welt kommen nicht mehr in Scharen wie einst, in diese Stadt, die vom Tourismus lebt - eigentlich. Läden, Restaurants, Hotels, Museen haben seit Ausbruch der Pandemie bis zu 80 Prozent ihres Umsatzes verloren. «Ich fürchte den Abstieg», sagt Alessia.
    Rund um die protestantische Kirche im Bahnhofsquartier verteilen Erica Correnti und ihre Mitstreiter*innen Sandwiches, Kaffee, Fruchtsaft. An Obdachlose und Bedürftige. Die Not hat zugenommen. «Die Lage hat sich verschlechtert», sagt Erica Correnti.
    In Tor Bella Monaca sind die Häuser grau. Die Perspektiven düster. Vor allem für die Jungen. Das Auftauchen des Corona-Virus hat die Lage nicht verbessert. Im Gegenteil. Das sind gute Bedingungen für die Mafia. «Die Camorra zahlt gut», sagt Davide Biscotti.
    Das ist Rom im Herbst 2020. Rom in Zeiten der Corona-Pandemie.
    29 min
  • Die USA vor der Wahl: «Black Votes Matter»
    Die Wut über Polizeigewalt gegen Schwarze und Diskriminierung entlud sich diesen Sommer unter der Parole «Black Lives Matter» in einer Welle von Protesten und Ausschreitungen. Soziale Gerechtigkeit wurde gefordert. Doch werden die Schwarzen auch wählen gehen?
    Die Hafenstadt Charleston in South Carolina hat Südstaaten-Charme. Der Sklavenmarkt aus dem 19. Jahrhundert ist heute Touristenattraktion und Museum. Ein Gefühl der Benachteiligung ist geblieben. In einem Hinterhof versammeln sich junge Aktivistinnen und Aktivisten vom Netzwerk «Hub». Es setzt sich für Bildung und eine bessere wirtschaftliche Situation von Schwarzen ein.
    Jack spricht von anhaltendem Rassismus in der Gesellschaft. Cody von Verwirrung und Wut, die man als Schwarzer empfinde.
    Der Tod des Afroamerikaners George Floyd im Würgegriff der Polizei wurde im Mai zum Fanal für landesweite Proteste. Bei der grossen Kundgebung in der Hauptstadt Washington war Kamala Harris per Video zugeschaltet. Sie ist die demokratische Kandidatin fürs Vizepräsidium, an der Seite von Präsidentschaftskandidat Joe Biden. Harris sprach vom Aufbruch: Eine neue Generation habe nun die Chance, Geschichte zu schreiben.
    Nicht alle afroamerikanischen Wählerinnen und Wähler geben der demokratischen Partei ihre Stimme, aber die meisten. Das liege auch daran, dass die Demokraten in den Sechzigerjahren die Bürgerrechtsgesetze mit erkämpft hätten, sagt die Soziologieprofessorin Kris Marsh.
    Joe Bidens Leute versuchen dieses Potential nun für die Präsidentschaftswahl vom 3. November zu aktivieren, besonders in den entscheidenden «Swing States», die mal republikanisch, mal demokratisch wählen. Je mehr Schwarze dort ihre Stimme abgeben, desto grösser die Chancen insgesamt für den demokratischen Kandidaten, so das Kalkül.
    28 min
  • Russland: Die Datscha ist mehr als ein Ferienhaus
    Die Datscha ist der Ort, wo Millionen von Russinnen und Russen ihre schönsten Tage verbringen. Das Sommerhäuschen vor der Stadt ist ein Sehnsuchtsort. Hier wird gegärtnert, gefaulenzt und gefeiert. Hierher fliehen die Menschen vor der Enge ihrer Wohnungen, aber auch vor der russischen Realität.
    Die ersten Datschen waren Geschenke des Zaren an treue Untertanen. Aber erst viel später in der Sowjetunion der 50er Jahren wurden Datschen zum Massenphänomen. Millionen erhielten ein Stück Land geschenkt, zumeist 600 Quadratmeter gross. Heute haben rund 40 Prozent der russischen Familien draussen in den Wäldern und Wiesen vor ihrer Stadt ein Sommerhaus.
    Wer von der Politik Wladimir Putins nichts mehr hören will, weder von seiner Politik gegenüber Belarus noch über den Nowitschok-Angriff auf den Oppositionellen Nawalny, der findet in seiner Datscha einen Ort der Ruhe, eine kleine private Welt, in der ihm niemand dreinredet.
    Die Datschen sind zumeist von hohen Zäunen und Hecken umgeben. Dahinter verbirgt sich eine bürgerliche geordnete Lebenswelt. Wer in den letzten 20 Jahren zu Geld gekommen ist, konnte sein Sommerhaus ausbauen und verschönern.
    Noch in den 90er Jahren aber waren die Datschen für viele eine überlebenswichtige Einrichtung. Hier pflanzten die Leute die Lebensmittel, die in den Städten knapp und teuer geworden waren. Die Datschniki hätten Russland vor dem Zerfall gerettet, sagt Andrej Tumanow. Er ist Herausgeber der wichtigsten Datschen-Zeitung Russlands und er betont, dass die Datschenbesitzerinnen und -besitzer auch heute eine staatstragende Gesellschaftsgruppe seien.
    Wieso das so ist und wie das zusammenpasst mit der Flucht ins Private auf der Datscha, zeigt der Besuch bei Tumanow und in zwei anderen Datschensiedlungen.
    27 min
  • Angelas Welt
    Am 3. Oktober feiert Deutschland 30 Jahre Deutsche Einheit. Genauso lange ist auch Angela Merkel in der Politik, die Hälfte davon als Bundeskanzlerin. Doch auch wenn sie unsere ständige Begleiterin ist, wir sie täglich sehen, hören, über sie lesen, bleibt sie doch rätselhaft. Wer ist Angela Merkel?
    In diesem «International» kommen Menschen zu Wort, die Angela Merkel über all die Jahre begleitet und beobachtet haben. Tim Guldimann etwa, ehemaliger Schweizer Botschafter in Berlin, der erzählt, wie geschickt und zielsicher sich Merkel auf dem diplomatischen Parkett bewege.
    Antje Vollmer, Politikerin der Grünen, die fragt, wie es möglich sei, dass Merkel sich während ihrer Jugend in der DDR in keiner Weise politisch engagierte.
    Oder der frühere SPD-Chef Franz Müntefering, der sagt: «Wenn man in ein Flugzeug steigt, das Angela Merkel lenkt, muss man keine Angst haben – du stürzt garantiert nicht ab. Aber du weisst nicht, wo du landest.»
    30 min
  • Streit um Lithium – Portugals «weisses Gold»
    In Portugal will die Regierung im grossen Stil Lithium abbauen – das Leichtmetall, das in immer grösseren Mengen für die Batterien von Elektroautos und Smartphones benötigt wird. Doch in der Provinz Trás-os-Montes leisten die Menschen erbitterten Widerstand. Sie befürchten immense Umweltschäden.
    Kein anderes Land in Europa hat so grosse Lithium-Vorkommen wie Portugal. Und in Lissabon weiss man um den Wunsch Brüssels, in Europa selbst leistungsfähige Batterien herzustellen und nicht auf Asien oder Südamerika angewiesen zu sein. Die Regierung will deshalb das «weisse Gold» gleich an elf Standorten abbauen, unter anderem in der nördlichen Provinz Trás-os-Montes, wo auch Europas grösstes Lithium-Projekt entstehen soll. Der Abbau bringe der armen und unterentwickelten Region wichtige Impulse und hunderte Arbeitsplätze, verspricht die Regierung.
    Doch die Menschen «hinter den Bergen» fürchten, der besonders umweltschädliche Tagebau werde die Landschaft zerstören. Und sie fürchten um ihre traditionelle Landwirtschaft, die einen Teil der Provinz zum UNO-Weltlandwirtschaftserbe macht. Erste Probebohrungen scheinen diese Befürchtungen zu bestätigen: Sie haben die idyllische Landschaft bereits schwer geschädigt.
    Die Bewohner von Trás-os-Montes gelten als misstrauisch, dickschädlig, fleissig, verschlossen – und doch gastfreundlich. Es ist nicht das erste Mal, dass Lissabon ihnen das Blaue vom Himmel verspricht. Mit aller Kraft wehren sich Umweltschützer, Lokalpolitiker und Bauern gegen den Lithiumabbau. Ein Kampf David gegen Goliath.
    26 min
  • Rechte Netzwerke «im Namen Gottes»
    Ultrakonservative religiöse Aktivisten vernetzen sich von Washington bis Moskau gegen Geburtenkontrolle und gleichgeschlechtliche Ehe, sie wähnen sich im Kulturkampf gegen eine «liberale Diktatur» im Westen. Ein Beispiel: der «Weltkongress der Familien».
    Mit dem Argument, die göttliche Ordnung zu verteidigen, gründeten amerikanische und russische Aktivisten in den Neunzigerjahren gemeinsam einen «Weltkongress der Familien». Während die UNO mit Programmen zur Geburtenkontrolle die Bevölkerungsexplosion zu bremsen versuchte, sahen die rechten Aktivisten die "natürliche" Familienstruktur bedroht, so wie sie für die Menschen vorbestimmt sei. An ihren Versammlungen ist jeweils vom «Kult der Sünde» und von «moralischer Dekadenz» die Rede, die überwunden werden müssten.
    Der Schulterschluss über die politischen Grenzen und Konfessionen hinweg hielt gar, als Russland 2014 nach der Annexion der Krim mit westlichen Sanktionen belegt wurde. Der «Weltkongress» in Moskau wurde kurzfristig in «Festival für das Leben» umbenannt, um die Kontakte etwas zu verwischen, der Austausch ging dennoch weiter.
    Liberale Kritiker sind alarmiert, warnen vor Angriffen auf die pluralistische Gesellschaftsordnung, der Leugnung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse.
    In Russland sind unter den Sponsoren der Bewegung ein enger Putin-Vertrauter und ein Oligarch, der sich das Zarenreich zurückwünscht. Die religiösen Rechten sehen im russischen Präsidenten, der selbst die "konservative Wende" propagiert, einen Hoffnungsträger. Ist die Bewegung gar Teil einer gezielten Strategie des Kremls, den Westen zu schwächen?
    Offizielle Unterstützung fand der "Weltkongress der Familien" aber auch ausserhalb Russlands, so in Polen, Ungarn. Ja selbst in Italien: als der "Weltkongress" 2019 in Verona stattfand, erschien der Rechtspopulist Matteo Salvini, damals italienischer Innenminister, persönlich und wetterte gegen Feministinnen. Gleichzeitig gab es lautstarken Protest: eine bunte Menge demonstrierte in Verona ausgelassen gegen das Netzwerk der religiösen Rechten mit dem Gegenargument: die Grundlage der Familie sei nicht die Bibel sondern die Liebe.
    29 min

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