ZeitZeichen

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ZeitZeichen episodes

  • Der Geburtstag von Susan Sontag (16.1.1933)
    Lesen lernte sie mit drei Jahren. Und sie las dann auch alles, was ihr in die Finger kam – es gab wenig, was Susan Sontag nicht interessierte. Dann schrieb sie selbst, Bücher, Aufsätze, Essays: Amerikas klügste und streitbarste Intellektuelle wurde heute vor 90 Jahren geboren. "Wenn ich zwischen The Doors und Dostojewski wählen müsste – natürlich würde ich mich für Dostojewski entscheiden," hat Susan Sontag einmal bekannt. "Aber muss ich denn wählen?" Sontag hat alles aufgesogen, fand fast alles interessant. Schon als Jugendliche war sie beim im kalifornischen Exil lebenden Thomas Mann zum Tee eingeladen. Und es gab kaum etwas, worüber Amerikas klügste, streitbarste und einflussreichste linke Intellektuelle der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht geschrieben hätte. Ihre Themen waren Film und Fotografie, Pop und Politik, Pornografie und postmoderne Malerei, Schönheit und ihre Kehrseite – Krankheit und Tod. Sie erkrankte mehrfach an Krebs und verarbeitete ihre Ängste und Erfahrungen in ihrem wohl berühmtesten Buch; Krankheit als Metapher. Während des Krieges in Bosnien-Herzegowina reiste Sontag nach Sarajewo und inszenierte dort Beckets Warten auf Godot. Nach 9/11 erregte die bekennende Georg-Bush-Gegnerin den Zorn ihrer Landsleute, als sie erklärte, die USA trügen eine Mitschuld am Hass, der ihnen in weiten Teilen der Welt entgegenschlüge. 2003, ein Jahr vor ihrem Tod, erhielt sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Aus Protest blieb der US-Botschafter der Preisverleihung in der Frankfurter Paulskirche fern.
    15 min
  • Émile Zolas offener Brief erscheint (13.1.1898)
    "J'accuse...! – "Ich klage an...!" Fettgedruckt über sechs Spalten leitet diese Schlagzeile den wohl schlagkräftigsten Zeitungsartikel aller Zeiten ein: Der bekannte Schriftsteller Emile Zola wendet sich gegen den französischen Staatspräsidenten in einer heiklen Staatsaffäre... Hintergrund des offenen Briefs ist die so genannte Dreyfus-Affäre. Vier Jahre zuvor war der jüdische Artillerie-Hauptmann Alfred Dreyfus zu Unrecht wegen Geheimnisverrats verurteilt worden: Antisemitismus, Rechtsbeugung und Nationalismus waren eine gefährliche Mischung eingegangen. Zolas flammendes Plädoyer für Dreyfus' Unschuld spaltete 1898 mit einem Schlag die französische Nation in zwei unversöhnliche Lager. Zwei Tage zuvor hatte der Freispruch des wirklichen Landesverräters das Maß für die Verteidiger des jüdischen Offiziers vollgemacht. Zolas publizistischer Stich ins Wespennest der ideologischen Konstruktion eines Schuldigen aus Gründen der Staatsräson brachte dem Schriftsteller den beabsichtigten Verleumdungsprozess, eine Verurteilung und ein Jahr Exil ein, vor allem aber die juristische Revision des Urteils und schließlich eine Rehabilitierung von Alfred Dreyfus. Darüber hinaus hatte "die Affäre" weit über die Landesgrenzen hinausgehende Folgen für die Verfechter eines verbohrten gefühlsbetonten Nationalismus auf der einen, und die Anhänger einer strikt laizistischen demokratischen und toleranten Staatsform auf der anderen Seite. Eine Kontroverse, die leider aktueller nicht sein könnte. Emile Zola selbst kostete sein Einsatz 1902 vermutlich das Leben.
    15 min
  • Karl Drais erhält ein Patent für sein Laufrad (12.1.1818)
    Die Erfindung, die sich Karl Freiherr Drais von Sauerbronn 1818 patentieren ließ, wurde zunächst als "Spielerei" oder "mechanisches Hirngespinst" belächelt.Heute wird seine Laufmaschine als Vorläufer des Fahrrads gesehen. Neu daran war, dass man sein neues Zweirad lenken konnte. Der Fahrer nahm auf einem Sattel Platz, hatte hinter sich eine Art Gepäckträger und vor sich ein gepolstertes Brett, auf dem er die Unterarme zum Lenken platzieren konnte. In nur einer Stunde konnte er bei optimalen Bedingungen einen Weg zurücklegen, für den ein Fußgänger vier Stunden benötigt hätte. Bergab, so versprach Drais, würde das Rad sogar "so schnell wie ein galoppierendes Pferd". Als das Laufrad auch in Frankreich verkauft wurde, erhielt es dort den Namen "Draisine". Die wenigen Käufer nutzten es allerdings mehr als Spielzeug statt als Fortbewegungsmittel und so geriet die Erfindung bald wieder in Vergessenheit. Erst in den 1860er Jahren entdeckte man das Laufrad wieder und entwickelte es weiter.
    15 min
  • Die Besetzung des Ruhrgebiets durch Franzosen und Belgier (11.1.1923)
    Der Erste Weltkrieg hatte nicht Deutschland verwüstet, sondern vor allem in Belgien und Frankreich getobt. Deutschland musste Reparationen zahlen, die die Sieger auch nutzen, um das besiegte Land kleinzuhalten. Ein Verzug bei der Lieferung von Telegrafenmasten führte zur Eskalation… Es ging, wie so oft, um Geld und Macht. Dem Deutschen Reich waren von den Siegermächten des Ersten Weltkriegs enorme Reparationslasten aufgebürdet worden, schließlich verlangten die enormen Schäden in den vom Krieg besonders betroffene Länden Wiedergutmachung. Vor allem die französische Deutschlandpolitik war aber auch darauf ausgerichtet, den Nachbarn wirtschaftlich klein zu halten. Als das krisengeschüttelte Deutschland Anfang 1923 angeblich nicht genug Reparationen abgeliefert hatte – unter anderem Telegraphenmasten – besetzten bis zu 100.000 französische und belgische Soldaten das Ruhrgebiet. Damit bekam Frankreich den Zugriff auf den industriellen Kern Deutschlands. Dahinter steckte auch die Absicht des französischen Ministerpräsidenten Poincaré, das Ruhrgebiet dauerhaft zu neutralisieren und unter französische Oberhoheit zu bekommen. Die Weimarer Republik reagierte mit passivem Widerstand. Die folgenden wirtschaftlichen Schäden durch Produktionsausfälle waren enorm, die Inflation geriet außer Kontrolle. Am Ende musste der neue Reichskanzler Gustav Stresemann den Ruhrkampf abbrechen. Großbritannien und die USA sorgten im Gegenzug dafür, dass Frankreich keinen Zugriff auf das Ruhrgebiet behielt. Stresemann und der neue französische Außenminister Briand betrieben nun erstmals eine Annäherungspolitik, doch zu einer dauerhaften Aussöhnung der Erzfeinde Deutschland und Frankreich sollte es erst nach dem Zweiten Weltkrieg kommen.
    15 min
  • Der Geburtstag des deutschen Zeichners Heinrich Zille (10.01.1858)
    Berlin zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Das Leben der einfachen Leute ist geprägt von Arbeit und Armut, Krankheit, Suff und Prügelei. Und Heinrich Zille fängt dieses "Milljöh" in eindringlichen Zeichnungen ein - liebevoll, schonungslos, sozialkritisch. Die Sujets des "Pinselheinrich" genannte Zeichners Heinrich Zille: Kinder drängen sich in lichtlosen Gassen, kleine und muffige Wohnungen, in die nie ein Sonnenstrahl fällt, bröckelnde Wände, schmuddelige Rinnsteine. Niemand hat dieses "Milljöh" dem Bürgertum besser nahe gebracht als ein der bärtiger Mann aus Sachsen, der selbst seine Kindheit zum Großteil in den Armenvierteln Berlins verbrachte. Gegen den Willen der Eltern beginnt er eine Ausbildung als Lithograf und studiert als Abendschüler gleichzeitig an der "Königlichen Kunstschule". 30 Jahre lang, unterbrochen nur durch die Militärzeit, arbeitet er bei der Photographischen Gesellschaft in Berlin und stellt Druckvorlagen her. Bekannt wird er als humorvoller Chronist des Proletariats, voller Lokalpatriotismus aber nie ohne Sozialkritik zeichnet er Huren und ihre Freier, kleine Ganoven, spielende Kinder zwischen Mülleimern und Brandmauern. Seine so skizzenhaft wirkenden Zeichnungen sind das Ergebnis langer Studien, sie werden vom Publikum und Künstlern geschätzt. Als freischaffender Künstler hat er ein gutes Auskommen, stellt in der Berliner Secession aus, wird sogar in die Preußische Akademie der Künste aufgenommen. Gern vergessen wird dabei, Zille war mehr als der bieder strichelnde Chronist des Milljöh, er mochte es auch drall und drastisch, zeichnet idyllischen Badestudien und erotische Eindeutigkeiten und seine Bedeutung als Fotograf wird allerdings erst lange nach seinem Tod erkannt.
    15 min
  • Der Geburtstag der französischen Schriftstellerin Simone de Beauvoir (9.1.1908)
    "Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es" – so lautet der wahrscheinlich berühmteste Satz aus Simone de Beauvoirs bahnbrechendem Buch "Das andere Geschlecht", einem klugen und kämpferischen Manifest des Feminismus. Heute vor 115 Jahren wurde Simone de Beauvoir geboren. Die Befreiung von der deutschen Besatzungsmacht im August 1944 war für Simone de Beauvoir "der beste Augenblick meines Lebens". Sie wurde zur Vorkämpferin des Existentialismus und der Frauenemanzipation und ihre Bücher zu internationalen Bestsellern. Als Tochter aus gutbürgerlichem katholischen Elternhaus war für Simone de Beauvoir eine intellektuelle Karriere gar nicht vorgesehen. Doch die Musterschülerin lernte an der Elitehochschule Ecole Normale Supérieure den Philosophen Jean-Paul Sartre kennen. Keine Ehe band sie aneinander, sondern ein Pakt. Zu ihm gehörte das Versprechen totaler Offenheit, gerade auch in sexuellen Dingen. Nach ihrem bahnbrechenden Buch "Das andere Geschlecht" gab Simone de Beauvoir in ihren vierbändigen Memoiren dem autobiografischen Schreiben eine neue Dimension. Sie wollte nicht nur ihr Leben erzählen, sondern auch die soziologischen und politischen Zusammenhänge erklären.
    15 min
  • Der Geburtstag von Adriano Celentano (6.1.1938)
    Adriano Celentano ist eine Naturgewalt – findet nicht nur seine Freundin Sophia Loren. Seine raue Stimme machte "Azzurro" zum Welthit. In seinem Heimatland Italien ist der Entertainer auch eine moralische Instanz: Er kritisiert die Politiker, prangert Korruption an und setzt sich für den Umweltschutz ein... Adriano Celentano nimmt sein Publikum meist schnell für sich ein. Federico Fellini engagiert ihn sofort für seinen Film "La dolce vita", nachdem er ein Konzert des jungen Sängers besucht hatte. Der vielseitige Künstler Adriano Celentano ist unangepasst, seine raue herbe Stimme macht "Azzurro" oder "Una festa sui prati" zu Hymnen der italienischen Popmusik. In Filmen wie "Der gezähmte Widerspenstige" oder "Gib dem Affen Zucker" mimt der Italiener schrullige Typen mit harter Schale und weichem Kern, der meist von seiner Lieblingskollegin Ornella Muti freigelegt wird. Doch Celentano kann nicht nur Klamauk, sondern sagt, was er denkt: er kritisiert öffentlich die krude Politik seines Landes, prangert die Korruption an, warf Silvio Berlusconi die Verletzung der Pressefreiheit vor. Mit seiner Frau Claudia Mori ist Adriano Celentano seit 1964 glücklich verheiratet. Heute feiert der in Mailand geborene Entertainer seinen 85. Geburtstag.
    15 min
  • Die Uraufführung von Samuel Becketts Theaterstück "Warten auf Godot" (5.1.1953)
    Schon kurz nach der Uraufführung von "Warten auf Godot" wurde das Rätsel um den abwesenden Godot zum Stadtgespräch, das Stück wurde weltweit aufgeführt, der Titel zum geflügelten Wort. Und Autor Samuel Beckett wurde gegen seinen Willen zum Erfinder des "Absurden Theaters" ernannt... Am 5. Januar 1953, heute vor 70 Jahren, war Premiere in Paris: Das Stück eines bis dahin unbekannten irischen Autors, der Titel: "Warten auf Godot". Der Autor, Samuel Beckett, hatte das Stück zur Entspannung von Hirn und Hand aufgeschrieben, nachdem er in kurzer Zeit zwei Roman-Manuskripte vollendet hatte. Die Erfahrung des qualvollen Warten-Müssens lag erst ein paar Jahre hinter ihm: Beckett war während des Zweiten Weltkriegs vor den deutschen Besatzern in den Süden Frankreichs geflüchtet. Er hatte dort in der Landwirtschaft gearbeitet und das Ende des Krieges herbeigesehnt. Zurück in Paris schrieb er wie besessen. Ein kleines Theater interessiere sich für "Warten auf Godot" vor allem deshalb, weil es mit wenig Aufwand zu realisieren war: Zwei Hauptfiguren, drei Nebenfiguren, ein Baum. Das Publikum reagierte irritiert und fasziniert zugleich. Dieses Stück war mit nichts zu vergleichen, was man kannte. Das Rätsel um Godot wurde zum Stadtgespräch, der Titel zum geflügelten Wort. Im Herbst 1953 war bereits die deutsche Erstaufführung in Berlin. Das Stück trat seine Reise um die Welt an. Unzählige Deutungen versuchen zu ergründen, wer denn wohl mit Godot - der im Stück nicht auftritt - gemeint ist. "Wenn ich wüsste, wer Godot ist, hätte ich es in mein Stück hinein geschrieben" sagt Beckett. Mit dem Warten auf einen, der nie kommt, nicht aufhören zu können, ist grotesk, tragisch, komisch. Es ist absurd. Gegen seinen Willen wurde Beckett zum Erfinder des absurden Theaters ernannt.
    14 min
  • Die Felszeichnung "Weiße Dame" wird in einer Schlucht des Brandbergmassivs entdeckt (4.1.1918)
    Heute vor 105 Jahren hält ein Forscher in Namibia einen folgenreichen Mittagsschlaf: Er sucht sich ein schattiges Plätzchen und entdeckt beim Aufwachen tausende Jahre alte Felszeichnungen, heute einer der wichtigsten kulturellen Schätze der Menschheit. Es ist der deutsche Forscher Reinhard Maack, der sich in einer Schlucht des Brandbergmassivs von "Deutsch Südwest-Afrika" (heute Namibia) nach einem Nickerchen auf das schönste Bild blickt, das er je gesehen hat: Eine Felszeichnung mit Menschen und Tieren - in der Mitte eine große, schlanke Figur; der Oberkörper dunkel, der Unterkörper weiß. In der einen Hand trägt die Figur einen Bogen, in der anderen einen Gegenstand, der an eine Blume erinnert. Später wird sie den Namen "Weiße Dame" bekommen. Heute gehen die meisten Forscher davon aus, dass es sich um einen männlichen Jäger handelt. Von Anfang an aber ist klar: Dieses Bild ist etwas Besonderes. Heute ist es das berühmteste Felsbild Afrikas. Gemalt haben es vor mehreren tausend Jahren die Vorfahren der San - ein Nomadenvolk, das die deutschen Kolonialherren damals abfällig "Buschmänner" nennen. Genanalysen zufolge ist es das älteste Volk der menschlichen Geschichte – und ihre mehr als 50.000 Felsbilder im Brandberg gehören zu den wichtigsten kulturellen Schätzen der Menschheit – eine Art Kathedrale der Steinzeit.
    15 min
  • Der Todestag des tschechischen Schriftstellers Jaroslav Hašek (3.1.1923)
    Er war einer der wichtigsten Schriftsteller Tschechiens, den vor allem sein "Braver Soldat Schwejk" berühmt machte. Aber Jaroslav Hašek war auch ein Mann, der nichts wirklich ernst nehmen konnte. So gründete er schon vor über 100 Jahren eine Spaßpartei... "In der Geschichte der ganzen Menschheit gibt es nur ein allseitig vollkommenes Wesen, und das bin ich", so schreibt Jaroslav Hašek in aller Bescheidenheit über sich selbst in seinem Text "Der größte tschechische Schriftsteller Jaroslav Hašek". Hašek war ein Schlitzohr, Bohemien, Dadaist, Anarchist und berüchtigter Trunkenbold. Weltberühmt wurde er mit dem "braven Soldaten Schwejk", von dessen Erlebnissen im Ersten Weltkrieg er in einem unvollendeten Mammutwerk erzählte. Er schrieb aber auch über 1.500 Humoresken und Satiren. 1911 gründete er eine Spaß-Partei, die sich für die Verstaatlichung der Hausmeister einsetzte und jedem Wähler ein Taschenaquarium versprach. Als Redakteur einer Tier-Zeitschrift verfasste er mit Begeisterung Artikel über erfundene Tiere wie den Grausigen Vielfraß. Im Ersten Weltkrieg wechselte Hašek als Soldat gleich mehrfach die Fronten und wurde in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Gestorben ist er allerdings am Alkohol – im Alter von erst 39 Jahren.
    15 min

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