Was für starke Worte des Trostes, die Paulus hier der Gemeinde in Korinth zuspricht.
Wir kennen Paulus ja sonst eher als Missionar und Gemeindebauer. Hier erleben wir ihn als Seelsorger. Und es ist erstaunlich, wie einfühlsam er hier seiner Gemeinde begegnet.
Wohlgemerkt, der Gemeinde in Korinth: Das ist die Gemeinde, die ihn einst so viel Kraft und Herausforderung gekostet hat. Eine Gemeinde, in der es drunter und drüber ging. Aber wohl auch die Gemeinde, die sich hat ermahnen und korrigieren lassen.
Gott ist ein Gott, der uns tröstet in aller unserer Bedrängnis - so bezeugt es Paulus hier. Wir spüren, da sind keine leeren Worte, das kommt aus einer tiefen Erfahrung heraus. Wenn Paulus von Trost und Getröstetwerden spricht, dann deshalb, weil er das selber so erfahren hat.
Ich habe mich gefragt: Was bedeutet eigentlich das Wort „Trost“ – was heißt es, „getröstet zu werden.“
Im Hebräischen bedeutet das Wort „getröstet werden“- „aufatmen lassen“ – da bekommt einer wieder Luft zum Atmen, dessen Kehle wie zugeschnürt war.Die Bedeutung des Wortes im Griechischen kann man mit „ermutigt werden“ übersetzen.Und auch im Deutschen hat das Wort Trost einen wertvollen Klang: Trost bedeutet eine innere Festigkeit bekommenDeshalb ist die Sehnsucht nach Trost auch ein Grundbedürfnis von uns Menschen. Wir sehnen uns danach „aufatmen zu können“, „ermutigt zu werden“ und „wieder zu inneren Stärke zu gelangen“, wenn uns Schweres widerfahren ist.
Aber wer vermag uns so zu trösten, dass das auch eintritt? Diese Frage stellte sich schon der Prophet Jesaja im Alten Testament, wenn er davon schreibt. „Siehe, um Trost war mir sehr bange“. (Jes 38,17) Da kommt diese Sehnsucht nach Trost zum Ausdruck, verbunden mit der bangen Frage, ob es einen Tröster gibt?
Schon damals macht Jesaja die wertvolle Erfahrung: Diese Sehnsucht läuft nicht ins Leere, sondern sie findet ihre Erfüllung bei dem Gott, der der Gott „allen Trostes ist“.
„Siehe um Trost war mir sehr bange - Du aber hast dich meiner Seele herzlich angenommen“– so kann es Jesaja bezeugen. Das bedeutet doch: Bei dir, Gott, fand ich den Trost, den ich so sehr gesucht habe.
Das hat auch Paulus so erfahren. Gerade auch in der Situation, in der er und seine Mitstreiter „über die Maßen beschwert waren und über ihre Kraft, sodass sie auch am Leben verzagten“; wie Paulus es hier schreibt. Auf welche Situation Paulus hier genau anspielt, erfahren wird nicht, aber wir wissen aus seiner Biographie, dass er sich mehrmals in Lebensgefahr befand.
Und wenn Paulus von den „Leiden Christi, die reichlich über ihn gekommen sind“, berichtet, dann sind da nicht irgendwelche Leiden gemeint: Krankheit, Trauer, Verlust – nein, dann hat Paulus ganz konkrete Leiden im Blick: Leiden, die er erlebt aufgrund seiner Nachfolge. Leiden, die ihm widerfahren, weil er zu Jesus Christus gehört. Die Leiden Christi bedeuten für Paulus: Anschuldigungen, Schläge, Gefängnis, Verfolgung und immer wieder die Erfahrung der Ablehnung.
Auf Dauer kann das müde machen. Aber bei Paulus gewinnen wir den Eindruck: die Leiden haben ihn vielmehr reifen lassen. Leiden bewirken Bewährung in seinem Leben. Die Leiden, die er und seine Mitstreiter erfahren haben, haben sie nicht schwächer gemacht, sondern haben sie wachsen lassen in ihrem Vertrauen zu Gott. Oder wie Paulus es beschreibt. Das geschah aber, damit wir unser Vertrauen nicht auf uns selbst setzten, sondern auf Gott, der die Toten auferweckt. Aber das alles kann Paulus nur ertragen und aushalten, weil er eben auch die Erfahrung macht, dass Gott ihn tröstet
Wie dieser Trost konkret aussah, können wir nur erahnen:
Sicher war es auch die Anteilnahme der Gemeinde, die treu und beständig für Paulus und seine Mitstreiter gebetet hatSicher hat es Paulus immer wieder ermutigt, dass er den Zuspruch Jesu und seine Gegenwart erfahren hat. So wie Yassir Eric es erlebte, ein Sudanese, der zum Glauben an Jesus findet und dann mehrere Wochen wegen seines neuen Glaubens im Gefängnis verbringen muss. In aller Verzweiflung und in allem Fragen, beschreibt er die Erfahrung, die er in seiner Zelle machte, so: „Für mich fühlte es sich wie ein Wunder an, dass ich in diesen Momenten die Gegenwart Gottes ganz intensiv spürte. Ja ich hatte sogar den Eindruck, dass Jesus selbst zu mir in dieses Kellerloch kam, um mich zu trösten und zu umarmen. Nur so konnte ich weiter durchhalten, weil ich wusste nicht die anderen oder die Situation definierten mich, sondern ich folgte dem nach, der von sich sagt, dass er das Licht der Welt ist.“ (Yassir Eric: Hass gelernt, Liebe erfahren – Seite 116)Und ganz bestimmt war es auch die Gewissheit bei Paulus, dass Jesus in all den Verfolgungen und Bedrängnissen den Sieg behält, die ihn getröstet hat.Aber wozu das Ganze? So fragen wir.
Paulus zieht als Konsequenz den Schluss: damit wir auch trösten können, die in allerlei Bedrängnis sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott.
Das ist allemal die beste Grundlage für Seelsorge – wenn einer aus Erfahrung sprechen kann. Sonst bleiben Worte oft trostlos und leer.
Menschen in Trauer fühlen sich verstanden von Menschen, die ebenfalls erfahren mussten, wie schwer es ist, einen geliebten Menschen zu verlieren.Menschen in Einsamkeit lassen sich trösten von denen, die selbst Stunden der Einsamkeit durchleben musstenMenschen, die verzweifelt sind, finden Zuspruch bei Menschen, die die Erfahrung kennen, was es bedeutet, den Boden unter den Füßen zu verlieren und keine Perspektive mehr zu haben.Gott tröstet uns, damit wir trösten können – damit wir uns einfühlen und mitfühlen können und damit wir bezeugen können, wie Gott uns geholfen und uns getröstet hat.
Wir spüren bei Paulus: da hat einer selbst tiefen Trost erfahren. Und das kann er jetzt weitergeben
Was wir selbst etwas erlebt haben, damit können wir auch anderen helfen. Meine verarbeitete Lebensgeschichte ist allemal die beste Voraussetzung für eine hilfreiche Seelsorge an meinen Mitmenschen.
Bleibt für Paulus am Ende nur die Anbetung: Das Lob auf den Gott, der der Vater der Barmherzigkeit und der Gott allen Trostes ist.
Autor: Prediger Gerhard Braun
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